Eine Migranten-Geschichte
Vor wenigen Tagen stellte eine baskische Tageszeitung fest, dass 1% der Welt-Bevölkerung ganze 95% des Reichtums dieses Planeten kontrolliert. Nicht ganz so extrem, aber ganz ähnlich sehen die Eigentums-Verhältnisse in urbanen Zentren aus. Am unteren Ende der Einkommens-Liste stehen Immigrantinnen und Immigranten, vor allem solche ohne Papiere und Arbeits-genehmigung. Sie sind gezwungen, auf der Straße ihr Auskommen zu suchen. Zu Geld machen, was andere wegwerfen: Metallmüll aller Art zum Beispiel.
Mehr als 300 Personen sammeln in den Straßen von Bilbo Schrott, um zu überleben. Vor allem Immigranten, immer in denselben Stadtvierteln unterwegs. In den im Baskenland üblichen Müll-Containern suchen sie nach Metallresten. Manchmal springen nur wenige Cent dabei heraus.
Hierros José ist der Name der einzigen Schrotthandlung in Bilbo. Daneben gibt es viele andere, die in Gewerbegebieten der Gegend verteilt sind. Die Schrott-Sammelstelle Hierros José liegt in der Straße Cortes im Arbeiter- und Migrations-Stadtteil San Francisco. In unmittelbarer Nähe warten die etwa hundert Personen, die große Mehrheit Männer, die Tag für Tag hierher kommen und hoffen, für den gesammelten Müll ein wenig Geld zu bekommen. Schon in den frühen Morgenstunden ist der Bürgersteig mit allerlei nutzlosen Gegenständen überschwemmt: Kabel, kaputte Regenschirme, Batterien, Waschmaschinen-Motoren ... (1)
Die Leute warten, ohne ihre “Einkaufswagen“ aus den Augen zu verlieren, mit denen sie durch die Straßen von Bilbao ziehen, wobei sie die meiste Zeit die auf das ganze Stadtgebiet verteilten Mülltonnen durchwühlen. Unter “Einkaufswägen“ sind alte Kinderwägen zu verstehen, fahrbare Einkaufs-Roller oder richtige Einkaufswägen, die irgendwann irgendwer im Supermarkt abgestaubt hat. Mit einem Auto versteht sich.
Migrant*innen-Schicksal
"Sie bringen auch Schutt und nutzlose Dinge, die sie an Baustellen auflesen. Jeder verdient seinen Lebensunterhalt, so gut er kann. Dabei geht es ums nackte Überleben. Es sind Obdachlose mit vielen Problemen, die Hilfe brauchen", sagt Félix Bañuelos, den alle nur José nennen. "Ich benutze den Namen meines Bruders. Alle fingen an, mich José zu nennen, und ich habe ihn nicht geändert", sagt er.
Bañuelos handelt seit mehr als zwei Jahrzehnten mit altem Schrott und allen Arten von Metall: Blei, Zink, Aluminium, Eisen und reines Kupfer, das begehrteste von allen. Der Geschäftsmann kennt die Preise. Er gleicht einem wandelnden Taschenrechner, der alle Preise aus dem Stegreif aufsagen kann. "Denn dieses Geschäft", sagt er, "ist wie die Börse. Ein Kilo Kupfer wird heute für 6 Euro gehandelt, Messing für 3,40 Euro. Zink liegt bei 80 Cent pro Kilo und Blei bei einem", erklärt er. "Die Kurse schwanken von einem Tag auf den anderen. Sie steigen und sinken ständig. Und die Sammler kommen hier her, sobald sie etwas finden. Alle haben ihre eigene Route, die sie jeden Tag ablaufen, so dass sie in der Regel in denselben Gegenden anzutreffen sind".
Bañuelos glaubt, dass sich immer mehr Menschen "in die Container werfen", um über die Runden zu kommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Eisen-, Aluminium- oder Stahl-Abfälle handelt. "Sie legen alles, was sie finden, in ihren Wagen. Aber das meiste, das bei mir ankommt, ist Eisen", sagt er. Manche kommen in diese seit 1967 existierende Werkstatt in der Cortes-Straße und haben nur einen Messinghahn dabei. Viele gehen jedoch drei oder sogar vier Mal am Tag zur Sammelstelle.
Unfreiwillige Recycler
Obwohl es keine offiziellen Angaben über die Anzahl der Schrottsammler auf der Straße gibt, könnten es in Bilbao "leicht" mehr als 300 sein. "Es könnten sogar bis zu fünfhundert sein", sagt Bañuelos. Diese Zahl ist natürlich viel niedriger als jene, die in der katalanischen Hauptstadt ermittelt wurde. Aus einer Studie der Universität Barcelona geht hervor, dass etwa 3.200 "Schrottsklaven" oder "informelle Recycler", wie sie in Katalonien genannt werden, in Barcelona "unter marginalen Bedingungen" arbeiten und durchschnittlich 20 Euro pro Tag verdienen.
Jeder von ihnen sammelt pro Tag etwa 118 Kilo Metall und andere Gegenstände, insgesamt also 36 Tonnen pro Jahr. Dank ihrer Arbeit werden jedes Jahr etwa 115.000 Tonnen Müll zurückgewonnen, die laut der gleichen Studie einen Wert von etwa 15 Millionen Euro pro Jahr haben.
Wie viel können sie in Bilbao verdienen? Bañuelos versichert, dass dies von den Arbeitsstunden abhängt, die sie auf der Straße verbringen. Seiner Meinung nach verdienen manche Leute 5 Euro, andere 20, und es gibt welche, die bis zu 50 bekommen. Ein paar Stunden zu arbeiten ist nicht dasselbe wie den ganzen Tag zu arbeiten. Andere wiederum bleiben weit hinter diesen Beträgen zurück. Am Tag des Interviews mit Hierros José erhielt ein junger Marokkaner nach Angaben von Gloria, die Schrott-Angestellte, die für das Wiegen zuständig ist, 3,60 Euro für ein Kilo Eisen und ein Kilo Messing, das er abgeliefert hatte. Es habe Tage gegeben, an denen manche den kaum 200 Quadratmeter großen Schrottplatz mit nur 20 Cent in der Tasche verlassen hätten, fügt Antonio, ein weiterer Mitarbeiter, hinzu. "Das ist der Preis, den wir ihnen für ein Kilo Eisen gegeben haben. Sie kennen die Preise bereits", erklärt er.
95% Ausländer
Was ziemlich klar ist: die Nationalität der Personen, die als Schrottsammler arbeiten. Nur wenige haben die spanische Staatsangehörigkeit, 95% von ihnen sind Ausländer. Fünfundsiebzig Prozent kommen aus Afrika, vor allem aus Marokko und Algerien, aber auch die Präsenz rumänischer Staatsangehöriger ist sehr hoch. Nach der Pandemie hat auch die Zahl der aus Kolumbien, Peru und China stammenden Personen erheblich zugenommen. Die meisten von ihnen, so Bañuelos, sind "Eingewanderte, die in dieser Arbeit die einzige Möglichkeit sehen, sich etwas zu essen zu kaufen. Das Leben ist so traurig", beklagt er.
In Zahlen
Jeden Tag kommen 100 Schrottsammler auf den Schrottplatz in der Cortes-Straße. Manche von ihnen kommen bis zu vier Mal. Sechs Euro zehn Cent für ein Kilo Kupfer. Es ist das begehrteste Metall. "Obwohl hier am meisten Eisen reinkommt", erklärt Bañuelos, der Besitzer der Sammelstelle. 20 Euro bekommen die Schrotthändler auf der Straße im Tages-Durchschnitt, obwohl manche von ihnen nur auf 20 Cent kommen. Viele von ihnen verkaufen auch die Kleidung, die sie aus den Mülltonnen holen.
“Wer uns etwas bringt, wird identifiziert, und kriegt eine Rechnung“
Bei Hierros José sind fünf Personen beschäftigt. Neben dem Chef ist da Gloria, die die ankommenden Fundstücke wiegt. Daneben Gustavo, Gabriel und Antonio, der viele Stunden damit verbringen, “mit den Paletten zu wackeln“. Die meisten Lieferungen erfolgen nachmittags, und die meisten Sammler kommen zu Fuß mit ihren “Einkaufswagen“ in die Cortes Straße, obwohl gelegentlich auch ein Lieferwagen am Eingang des Schrottplatzes geparkt ist. (2)
Sie müssen alle durch die Waage, die Gloria im Auge behält. Die Lieferungen werden von entsprechenden Rechnungen begleitet. Jeder Kunde wird mit seinem Namen und seinem Ausweis registriert, und nachdem sich über den Preis der Ware geeinigt wurde, erhält er ein Ticket, mit dem er den vereinbarten Betrag “in Scheinen oder Münzen“ abholen kann.
“Wir müssen alle gleich bedienen, aber wir müssen auch viel aushalten. Das ist kein leichter Job“, gesteht Gloria. “Es sind sehr nette Leute, aber manchmal kommen sie etwas aufgebracht und verstimmt. Man muss sich alles gefallen lassen. Manchmal fangen sie an, in ihrer eigenen Sprache zu schreien, und wir verstehen sie nicht. Man muss sie warnen, auf der Straße zu schreien. Das ist nicht so schön, aber wenn sie nicht den Müll durchsuchen würden, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, würden sie vielleicht noch schlimmere Dinge tun“, sagt Antonio.
“Gelegentlich sind auch schon gestohlene Gegenstände reingekommen. Es passiert nichts, die Polizei kommt, sie geben es ab und das wars“. In dem von der Universität Barcelona erstellten Bericht wird auch die wichtige Umweltarbeit dieser Arbeiter hervorgehoben, die “einen wichtigen Beitrag zum Recycling von Metallen und zur Abfallentsorgung in der Stadt leisten, obwohl sie in ausbeuterischen Verhältnissen gefangen sind“, wie in dem Bericht beklagt wird.
Félix Bañuelos verteidigt die Legalität seines Geschäfts und schließt den “Kauf und Verkauf von Produkten verdächtiger Herkunft“ aus. Manchmal kommt gestohlene Ware herein, ohne dass man es merkt, vor allem, wenn sie sehr alt ist. Ich hatte diese Probleme schon einmal. Die Polizei ist gekommen, um diese Waren zu überprüfen. Wenn sie gestohlen wurden, werden sie abgegeben und das wars. Es ist unmöglich, alles richtig zu machen“, räumt er ein.
Wie immer gibt es auch ein paar Haare in der Suppe. Denn weggeworfen oder neben die Mülltonne gestellt werden auch Dinge, die besser bei der Sammelstelle für Sondermüll landen sollten: Fernsehgeräte oder Kühlschränke zum Beispiel. “Aber die Leute sind bequem und die Nacht ist dunkel“, erzählt eine Nachbarin. “Kannst du dir vorstellen, was es für einen Lärm macht, wenn aus einem Fernseher die Metallteile herausgehauen werden? Nachts um zwei Uhr! Neulich hatten wir einen Kühlschrank auf der Straße, zwei Sammler haben 40 Minuten lang versucht, die äußere Metallverkleidung abzukriegen. Das war zum Glück nachmittags um fünf. Der Krach ist manchmal unerträglich. Aber die Schuld haben die Wegwerfer, nicht die Sammler, die haben ja keine andere Chance.“
ANMERKUNGEN:
(1) “Más de 300 personas recogen chatarra en las calles de Bilbao para sobrevivir“ (Mehr als 300 Menschen sammeln in den Straßen von Bilbao Altmetall, um zu überleben), Tageszeitung El Correo, 2024-09-22 (LINK)
(2) “A todos los que nos traen cosas se les identifica y se entregan facturas“ (Wer uns etwas bringt, wird identifiziert, und kriegt eine Rechnung), El Correo, 2024-09-22 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Schrottsammler (elcorreo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-10-07)
