Kapitalistische Freizeit-Industrie
Als 2006 der Wahnsinns-Plan scheiterte, in der Innenstadt Bilbaos ein Formel-1-Rennen zu installieren, setzte die Stadtverwaltung auf Kultur: die Geburtsstunde des BBK-Live-Festivals, zum dem jährlich 120.00 Personen erwartet werden. Mit dem Millionengeschäft, das jedes Jahr einen wichtigen Baustein des bilbainischen Massentourismus darstellt, ist ein Unternehmen mit Namen Last Tour beauftragt, das eng mit der PNV-Partei verbandelt ist, zu eng, um einfach als irgendein Unternehmen betrachtet zu werden.
Das 2002 gegründete Unternehmen Last Tour mit Sitz in Bilbao ist mit einem Umsatz von mehr als 100 Millionen pro Jahr führend in der spanischen Musikszene. Dabei werden jährlich 10.000 meist schlecht bezahlte Arbeitsplätze geschaffen.
Es wird als kulturelle Belebung verkauft, aber das BBK-Live-Musikfestival ist mehr als nur Musik: es bedeutet öffentliche Subventionen für ein privates Unternehmen, systematische prekäre Arbeitsverhältnisse, institutionelle Geldwäsche und die kulturelle Hegemonie des Kapitals. Im Rampenlicht des Festivals (nach Benicassim das zweitgrößte auf der Halbinsel) verbirgt sich das lukrative Geschäft der baskischen Bourgeoisie.
Das Mega-Festival Bilbao BBK Live ist eines der größten Musikereignisse des iberischen Sommers. Die neue Ausgabe 2025, die Tausende von Menschen nach Bilbao locken wird, wirbt mit großen Namen wie Kylie Minogue, Pulp, Raye oder Bad Gyal. Die Institutionen reiben sich die Hände, die Medien heizen die Stimmung an und bei Last Tour – das organisierende Unternehmen – läuft die Umsatz-Maschine auf Hochtouren. In der bürgerlichen presse ist zu lesen, dass es gut für Bilbao ist, dass es das Gastronomie-Gewerbe belebt, dass es ”uns auf die Landkarte bringt” – gemeint ist die Stadt. Aber hinter der Neon-Werbung der Institutionen und Medien verbirgt sich eine Veranstaltung, die den kapitalistischen Profit auf Kosten der Verschlechterung der Lebensbedingungen der prekär beschäftigten Arbeiterklasse fördert.
Was als kulturelles Ereignis präsentiert wird, ist in Wirklichkeit eines der großen privaten Geschäfte des Baskenlandes, das mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Das BBK Live ist keine Ausnahme: Es ist der sichtbarste Ausdruck des Wirtschaftsmodells, für das sich die neoliberalen baskischen Institutionen entschieden haben. Und das Unternehmen, das davon profitiert, ist Last Tour, ein Veranstalter, der nicht nur dieses Festival organisiert, sondern auch andere Großveranstaltungen wie Kolorama, BIME oder Azkena Rock. Es steht auch hinter internationalen Konzerten wie denen von Taylor Swift, Coldplay oder den Rolling Stones.
Last Tour ist nicht nur ein Veranstalter: Es ist ein organischer Teil des baskischen Blocks aus Wirtschaft und Institutionen
Darüber hinaus kontrolliert es ein umfangreiches Netzwerk von Unternehmen m Staat aus den Bereichen Freizeit und Kultur: WiZink Center, Goxo Club, das Restaurant Lasai, den Club Crystal, die Bar La Ribera, den Verlag Liburuak, das Label Oso Polita und andere. Der Unternehmnens-Umsatz liegt über 100 Millionen Euro pro Jahr. Seit 2024 ist Last Tour Mitglied des Spanischen Arbeitgeber-Verbands CEOE. Kurz gesagt, Last Tour ist nicht nur ein Musikveranstalter, sondern ein Groß-Unternehmen, das in das Netzwerk der wirtschaftlichen und institutionellen Macht eingebunden ist.
Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der institutionellen Unterstützung: Aufträge, finanzielle Hilfen. Trotz seiner millionenschweren Zahlen erhält Last Tour weiterhin öffentliche Subventionen. Allein für das BBK Live stellen die Stadt Bilbao und die Provinz-Regierung von Bizkaia mehr als 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Nicht enthalten sind die gesamten öffentlichen Mittel, dievon der öffentlichen Hand für die Durchführung der Aktivitäten aufgewendet werden: Transport, Reinigung, Notfälle, Sicherheit und mehr. Unterdessen sehen sich die über Subunternehmen beschäftigten städtischen Arbeitnehmer –von Bilbobus, Bilbao Kirolak (Sport) oder BilbaoBizi (Fahrräder) – seit Jahren mit immer prekäreren Arbeitsbedingungen konfrontiert.
In Bezug auf Prekarität sind sie nicht die Einzigen. Bei jeder Ausgabe des BBK Live sind die Arbeitsbedingungen für diejenigen extrem, die beim Festival selbst arbeiten – egal ob direkt angestellt oder über Subunternehmen: Arbeitstage von bis zu 15 Stunden, ohne Vertrag, ohne Ausbildung, ohne Schutz und ohne Pausen. Löhne unterhalb des Tarifvertrags. Verpflegung und Unterkunft unter inakzeptablen Bedingungen. Drohung mit Entlassung bei Protesten. Und im Falle einer Arbeitsinspektion die ausdrückliche Verpflichtung zu lügen. All dies wurde wiederholt angeprangert, die Behörden wissen Bescheid und schließen die Augen, die Ohne-Bedingungen sind Teil des ganz normalen Betriebs: nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Die gleiche Logik findet sich auch bei anderen Großveranstaltungen wie The Champions Burger (Zaragoza, Gasteiz, Alicante, Donostia ...), das zu Weihnachten wegen seiner miserablen Arbeitsbedingungen und wegen Gesundheits- und Sicherheits-Problemen in die Kritik geraten ist. Die Liste ist endlos. Es handelt sich nicht um Fehler, sondern um eine klare Strategie, die Arbeitnehmer auszubeuten, um die kapitalistischen Gewinne zu maximieren. Dieselbe Logik durchzieht ganze Branchen, die mit diesen Veranstaltungen in Verbindung stehen: Gaststätten-Gewerbe, Tourismus und der gesamte Dienstleistungs-Sektor, in denen Tausende von Arbeitnehmern in Zeitarbeit, ständige Fluktuation und strukturelle Arbeitslosigkeit getrieben werden. Was diese Festivals bieten, sind keine Arbeitsplätze, sondern ein Arbeitsmodell, in dem Prekarität und Instabilität zur Normalität werden und sich ausbreiten.
15-Stunden-Tage ohne Vertrag und ohne Pausen: Ausbeutung am Arbeitsplatz ist die Norm beim BBK Live
Last Tour ist nicht nur ein “erfolgreiches” Unternehmen. Es ist einer der wichtigsten Vertreter eines viel umfassenderen Prozesses: der vollständigen Kommerzialisierung der Musikindustrie und damit der Zerstörung jeglicher alternativer Musikmodelle. Das ist die Funktion der Mega-Festivals: unabhängige Projekte zu vernichten, in der gesamten Musikszene eine unternehmerische Logik durchzusetzen und die Musik – mitsamt den Musiker*innen – in den Dienst des Geldes zu stellen. Unterdessen bejubeln die Institutionen diese Projekte, als wären sie soziale Impulsgeber, obwohl sie in Wirklichkeit Instrumente der Wirtschaftsmacht sind, die die kulturelle Vorherrschaft des Kapitals stärken.
All dies wäre ohne die politische Unterstützung der neoliberalen Regierungspartei PNV nicht möglich. Die Rede ist hier nicht von indirekter Unterstützung, sondern von einem Geflecht, in dem die Grenzen zwischen Partei, Verwaltung und Unternehmenswelt verschwimmen. Der Direktor von Last Tour, Alfonso Santiago, rief während des Kommunal-Wahlkampfs offen zur Wahl des PNV-Kandidaten Juan Mari Aburto auf (der gewählte Bürgermeister). Aber es geht hier nicht um persönliche Sympathien: Das Unternehmen ist Teil des wirtschaftlich-politischen Ökosystems, das die rechte Partei verwaltet, als wäre es ihr Eigentum. Die Europa-Abgeordnete der Partei wirbt auf Instagram für die von ihr bevorzugten Lokale; die Institutionen finanzieren ihre Festivals; die Medien berichten weiter über die Vorteile, die diese Veranstaltungen für Bilbao mit sich bringen.
Es gibt keine ”Zusammenarbeit” zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor: Es gibt eine Kontinuität der Klasse. Die PNV vertritt nicht die gesamte Gesellschaft, sondern den bürgerlichen Teil, der sich an der Öffentlichkeit bereichert, seine Vorherrschaft über den Freizeit-Sektor durchsetzt und seine Macht durch Zuschläge, Aufträge, Subventionen und institutionelle Kontrolle festigt. Durch Vetternwirtschaft, Freundschaftdiensten und Drehtüren. Last Tour agiert nicht am Rande der politischen Macht, das Unternehmen ist ein organischer Teil des neoliberalen Wirtschaftsblocks. Wenn dieser Block sich “sauber darstellen” muss, wird nicht gezögert, jedes beliebige Thema zu instrumentalisieren.
Das haben wir in der Festival-Ausgabe 2025 deutlich gesehen. Während die PNV Geschäftsbeziehungen zu israelischen Unternehmen unterhält, die an der Besetzung und dem Völkermord am palästinensischen Volk beteiligt sind (zum Beispiel der Vertrag mit einem israelischen Sicherheits-Unternehmen für die Metro von Bilbao) – versucht das BBK Live, sich mit linken Blumen zu schmücken, indem die Gruppe Kneecap (kürzlich in England wegen Palästna-Solidarität kriminalisiert) ins Programm aufgenommen wird. Das ist keine Solidarität, sondern Marketing. Es ist ein Versuch, das Image des Festivals aufzupolieren, während der institutionelle Apparat in Bizkaia und Euskadi weiterhin Komplize der Auslöschung des palästinensischen Volkes ist. Die palästinensische Sache zu instrumentalisieren, während gleichzeitig der mörderische Zionismus finanziert wird, ist der Gipfel der unternehmerischen und politischen Heuchelei.
Alles passt zusammen: Das BBK Live ist nicht einfach nur eine kulturelle Veranstaltung. Es ist ein politisches und wirtschaftliches Instrument der baskischen Bourgeoisie. Es dient dazu, Unternehmer zu bereichern, die institutionelle Macht der PNV zu stärken, ein marktfähiges Kulturmodell durchzusetzen, die Arbeiterklasse aus den Stadtvierteln zu vertreiben (Gentrifizierung) und miserable Arbeitsbedingungen zu normalisieren. Und einen Teil der Jugend mit billigem Kultur-Konsum zu beschäftigen. Es dient auch dazu, die Polizeipräsenz, die Unterdrückung und die Angriffe auf die politischen Rechte zu verstärken. Es heißt, solche Aktivitäten seien gut für Bilbao, aber in Wahrheit ist es nur gut für die auftraggeber: die Berufspolitiker und Unternehmer.
Die PNV unterstützt diese Veranstaltungen nicht, sondern verwaltet sie als Teil ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Macht
Diese Großveranstaltungen oder Makroevents bringen der Arbeiterklasse nichts Gutes. Der einzige Nutzen liegt bei den Unternehmern, und das einzige Interesse, dem sie dienen, ist ihr eigenes und das der Institutionen, die sie unterstützen. Dem ärmeren Teil der Bevölkerung wird ein prekäres Lebensmodell aufgezwungen, eingebettet in eine Stadt, die nach den Bedürfnissen des Kapitals gestaltet wird. Deshalb ist es unsere Aufgabe, die wahre Rolle dieser Großveranstaltungen zu entlarven und uns den Angriffen auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu widersetzen.
Wichtig ist, sich unabhängig zu organisieren, außerhalb der Klauen der Bourgeoisie und ihrer Kollaborateure: der Institutionen und der Berufspolitiker. Notwendig ist, sich jedem Angriff auf die Löhne zu widersetzen, jedem Unternehmer, der sich ungestraft auf Kosten des Lebens anderer bereichert. Gegen Last Tour und gegen die Großveranstaltungen, die das prekäre Lebensmodell normalisieren: Armut und Unfreiheit.
ANMERKUNGEN:
(1) “Macrofestival BBK Live en Bilbao: beneficio para Last Tour y miseria para los trabajadores“ (Macrofestival BBK Live in Bilbao: Profit für Last Tour und Elend für die Arbeiter), Internet-Zeitung El Salto Diario, Autor: Jorge Alonso, Mitglied des Netzwerks Arbeiter-Selbstverteidigung Bilbao, 2025-07-08 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) BBK-Live (elsalto)
(2) BBK-Live (deia)
(3) Protest gegen LT (ecuador extea)
(4) Kneecap (hordago)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-07-09)
