abuch1Buchvorstellung in Santander

Seit Sommer ist die Übersetzung von Bernd Langers Buch “Antifaschistische Aktion. Geschichte einer links-radikalen Bewegung“ in die spanische Sprache auf dem Markt. Ausreichend Grund, das vom antifaschistischen Netzwerk Sare Antifaxista koordinierte und vom Kulturverein Baskale übersetzte und herausgegebene Werk überall dort vorzustellen, wo Interesse besteht. Dabei wurden auch die Grenzen des Baskenlandes überschritten, auf dem Programm stehen zudem Madrid, Bayonne, Santander, Segovia, Saragosa.

Das historische Werk “Antifaschistische Aktion“ zur Geschichte des Antifaschismus hat einen historischen und einen aktuellen Teil: Faschismus in Italien, Nationalsozialismus, Nachkrieg bis Covid-Pandemie. Bei einer Vorstellung im kantabrischen Santander organisierte das linke Portal Briega ein Interview mit Klaus Armbruster vom baskisch-deutschen Kulturverein Baskale.

BRIEGA: Zunächst einmal schönen Dank, dass du dir Zeit nimmst für ein Interview. Vorweg interessiert uns, weshalb es für dich notwendig war, dieses Buch über die deutsche antifaschistische Bewegung in die spanische Sprache zu übersetzen. Was kann das Werk zum Kontext des spanischen Staates in der heutigen Zeit beitragen?

KA: Das Buch zu übersetzen war eine kollektive Entscheidung von Sare Antifaxista und der baskisch-deutschen Kulturverein Baskale. Wir sind besorgt über die Tatsache, dass der Faschismus in der kapitalistischen Welt seit Jahren im Aufschwung ist, in Europa wie in Amerika. Dem können wir nur mit einem antifaschistischen und antirassistischen Bewusstsein und einer entsprechenden Basis-Organisierung begegnen. Das setzt voraus, dass wir faschistische Denkweisen und Organisationen identifizieren können und dazu wiederum müssen wir die Geschichte kennen. (1) (2) (3)

abuch2Damit sind wir bei dem Buch, das wir übersetzt haben. Es ist ein Mosaikstein für eine antifaschistische Organisierung, daneben gibt es sicher viele andere Elemente oder Quellen, die über Deutschland hinaus gehen. Der Blick auf Italien und Deutschland ist insofern wichtig, weil sich dort die ersten faschistischen Regime formiert haben, die für die ultrarechte Bewegung weltweit bis heute ein Beispiel und einen Orientierungspunkt darstellen. Das macht jeder Faschist in Madrid oder Sevilla deutlich, der den Hitler-Gruß zeigt.

Kurz vor der Machtergreifung durch die Nazis entstand 1932 aus den Reihen der Kommunistischen Partei Deutschland die “Antifaschistische Aktion“. Es war ein Versuch, den Nazismus zu bremsen. Die Geschichte des spanischen und deutschen Faschismus hat sich überschnitten, dennoch waren die Wege unterschiedlich, ein wesentlicher Unterschied ist der Holocaust. Was bringt das Buch für die Situation im spanischen Staat? Schwer zu sagen, das Buch hat viele Botschaften, jede Leserin muss sich eine Essenz herausziehen.

BRIEGA: Kannst du uns einen kurzen historischen Überblick über die Ursprünge des deutschen Antifaschismus geben, von dem das Buch handelt, um zu verstehen, wie es zu der außerparlamentarischen autonomen Bewegung und zum Antifaschismus auf den Straßen kam, der heute besser als Antifa-Bewegung bekannt ist.

KA: Der deutsche Antifaschismus hatte verschiedene Etappen: in der Nazi-Zeit, nach dem Krieg und heute. Antifaschismus war immer eine Antwort auf den Faschismus und seine konkrete Erscheinungsformen. In den 1930er Jahren war es ein Abwehrkampf gegen den Faschismus, nach dem Krieg ging der Kampf gegen den Faschismus von den Kriegssiegern und den Behörden aus, Stichwort Nürnberger Prozesse und Entnazifizierung. Parallel dazu gab es im sozialistischen Deutschland bis zum Fall der Mauer einen staatlichen Antifaschismus.

Erst die 1968er Bewegung hat den Antifaschismus wieder auf die Straße gebracht, indem sie deutlich machte, dass der Nationalsozialismus nicht überwunden wurde. Die Autonome Bewegung in den 1980er Jahren hat dann versucht, ein offensives Konzept von Antifaschismus zu entwickeln, vor dem Hintergrund einer bürgerlichen Demokratie, die wenig gegen Faschismus unternimmt. Dieses offensive Konzept der Autonomen ist Vergangenheit, die heutige Antifa-Bewegung ist pluralistischer angelegt, aber weniger gut organisiert und innerlich gespalten. Die Bewegung agiert sehr stark punktuell und ist häufig abhängig von dominanten Einzelpersonen oder dem politischen Willen von Parteien oder Gewerkschaften. Das sind historische Etappen mit großen Unterschieden.

BRIEGA: Die deutsche autonome Bewegung war stark und eines ihrer Merkmale, das sich von der in Italien oder Spanien abhob, war die Achtung der Vielfalt der Taktiken. Teilst du diese Sichtweise? Hat die organisierte Antifa-Bewegung diese Vielfalt an Aktionen geerbt und worin besteht sie?

KA: Wenn wir über die Autonome Antifa-Bewegung sprechen, dann geht es um die Zeit zwischen den 1970er und den 1990er Jahren. Heute gibt es davon nur noch Reste. Die Autonome Antifa ist entweder gescheitert oder sie wurde durch Repression zurückgedrängt. Der These vom Respekt vor verschiedenen Antifa-Taktiken muss ich leider widersprechen. Die Autonome Antifa (wie auch andere Autonome Bewegungen mit anderen Themen) hat aus der Gewalt-Frage zwar kein Dogma gemacht, aber sie hat Gewalt immer als ein mögliches Mittel betrachtet und eingesetzt. Zum Beispiel gab es in den 1980er Jahren eine geheime Organisation, die regelmäßig Attacken gegen Nazi-Objekte durchführte, gegen Fahrzeuge, Häuser, bei denen nie jemand verletzt wurde. Diese Organisation endete irgendwann, wurde aber nie entdeckt.

Im Verhältnis zu Gewalt bestand der große Unterschied zu reformistischen Antifa-Gruppen, Gewerkschaften und linken Parteien. Da war häufig keine Kooperation möglich. Wenn Faschisten mobilisierten, gab es manchmal zwei, drei oder vier Gegenmobilisierungen. Denn die Reformisten lehnten Gewalt kategorisch ab. Erst als die Autonome Antifa durch staatliche Repression gebremst wurde, veränderten sich die Bündnisse. In den vergangenen 30 Jahren hat sich da viel geändert.

BRIEGA: Inmitten des Aufstiegs rechtsextremer, faschistischer und neonazistischer Gruppen in ganz Europa, kannst du uns etwas über den Prozess der Faschisierung der deutschen Gesellschaft und die aktuelle Situation der antifaschistischen Bewegung im Land oder in bestimmten Regionen sagen?

abuch3KA: Die Geschichte des Nationalsozialismus ist weitgehend bekannt, also konzentriere ich mich auf die Zeit nach dem Krieg. Die Versuche, Deutschland nazifrei zu machen, waren erstens nicht ernst gemeint, und zweitens sind sie gescheitert. Nazis waren zum Beispiel wesentlich am Wiederaufbau der Bundeswehr beteiligt, das Land hatte zwei Nazi-Kanzler und zwei oder drei Präsidenten. Nach 1945 gab es immer kleinere und größere Nazi-Parteien, die teilweise verboten wurden, teilweise sich selbst auflösten. Die wichtigste war die NPD, zeitweise vertreten in verschiedenen Regional-Parlamenten. Die Entwicklung in den neuen Bundesländern und die Pandemie haben zum Aufschwung der Allianz für Deutschland (AfD) geführt. Die AfD bekennt sich offiziell zur demokratischen Grundordnung und zur Verfassung, um nicht verboten zu werden. Doch tatsächlich stellt sie die Verbindung dar zu radikalen Nazis, einzelne AfD-Politiker zeigen sich offen rassistisch und spielen den Nationalsozialismus herunter – Bernd Langer beschreibt das anhand von konkreten Beispielen und Zitaten. Zurück zur Frage: Das ultrarechte Denken war immer vorhanden, nur die Organisierung war manchmal effektiv, manchmal weniger. Hintergrund dieser Konjunkturen bei den Faschisten waren auch äußere Einflüsse wie Wirtschaft, Migration, die Wiedervereinigung …

Die antifaschistische Bewegung ist vielfältig und hat keine überregionale Koordination. In der Regel gründen sich Allianzen, wenn die Faschisten Parteitage, Rockkonzerte oder Gedenkmärsche durchführen. Bei Parteitagen von NPD oder AfD wird teilweise überregional mobilisiert. Beständige antifaschistische Arbeit gibt es dort, wo die Nazis Zentren haben und permanent stark vertreten sind. Wer gehört zu dieser antifaschistischen Bewegung? Autonome, die Interventionistische Linke, Teile der Partei Die Linke, manchmal Gewerkschaften und Sozialdemokraten der SPD. Antifa-Mobilisierungen sind häufig davon geprägt, dass die radikale Antifa sich den Nazis entgegenstellt, um die Aktivitäten zu verhindern. Die reformistischen Kräfte gehen solchen direkten Begegnungen aus dem Weg und machen ihre Demonstrationen an weit entfernten Orten. In Einzelfällen haben sogar Christdemokraten an Antifa-Mobilisierungen teilgenommen.

BRIEGA: Welche historische und aktuelle Rolle spielt die deutsche Sozialdemokratie für den Aufstieg und die Entwicklung der deutschen Rechtsextremisten und der heutigen nationalsozialistischen und faschistischen Gruppen?

KA: Nach dem 1. Weltkrieg stellte die Sozialdemokratie in der Weimarer Republik mehrfach Regierungen, dabei ging sie brutal gegen Revolutionäre, Linke, Kommunisten vor und isolierte sich von der Arbeiterbewegung. Zusammen mit den ultrarechten Freikorps erstickte die SPD die Revolution von 1918 in Blut. Die KPD reagierte darauf mit der Sozialfaschismus-These. Die historische Verantwortung der Sozialdemokratie würde ich darin sehen, dass sie sich schon lange von linken Konzepten und vom Marxismus verabschiedet und einen neoliberalen Kurs eingeschlagen hat. Nicht nur in Deutschland. Dazu gehört das Konzept der “Festung Europa gegen illegale Migranten“. In allen bürgerlichen Parteien, darunter die Grünen und zuletzt auch in Teilen der Linken herrscht heute ein migrations-feindlicher Diskurs. Nicht offen rassistisch, aber alle reden von Begrenzung oder Abgrenzung. Dieser Diskurs unterstützt den radikalen Diskurs der Faschisten und Rassisten. Teil davon ist ein stark ausgeprägter anti-islamischer Diskurs. Ganz ähnlich wie bei den Faschisten. Die bürgerlichen Parteien bereiten schon länger das ideologische Terrain für die Faschisten vor.

BRIEGA: Wir wissen, dass die autonome Bewegung in Deutschland mit Kämpfen zur Verteidigung des Landes wie dem Anti-Atom-Kampf verbunden war. Heutzutage gibt es in Deutschland auch starke autonome Kämpfe gegen den Tagebau, Tesla, etc. Ist die antifaschistische Bewegung in der Lage, sich mit anderen Kämpfen zu verbinden oder ist sie auf die Straße und das städtische Umfeld beschränkt?

KA: In den 1970er, 1980er und 1990er Jahren existierte eine vielfältige Autonome Bewegung mit unterschiedlichen Aktionsfeldern: Anti-AKW, Antifa, Feminismus, Internationalismus, Hausbesetzung, Antikrieg, oder lokale Themen wie die Erweiterung des Flughafens in Frankfurt-Main. Daneben gab es zwei Gruppen, die einen bewaffneten Kampf führten, es gab die Revolutionären Zellen und die feministische Rote Zora. Dabei gab es Berührungspunkte mit Autonomen Gruppen. Manche Gruppen arbeiteten themen-übergreifend. Die in der Frage erwähnten Kämpfe heutzutage würde ich nicht als Teil einer Autonomen Bewegung sehen. Es handelt sich um neue radikale Umwelt-Bewegungen, wie die Museums-Angreifer*innen oder wie Femen, die es in den 1990er Jahren nicht gab. In der radikalen Linken existieren Gruppen, die zu verschiedenen Themen arbeiten, wie die Interventionistische Linke, andere nur zu Antifa oder Einzelthemen.

BRIEGA: Wie geht die deutsche Antifa-Bewegung heute mit der Eskalation faschistischer Gruppen um, die in einigen Teilen Deutschlands ziemlich besorgniserregend und sichtbar ist? Kannst du uns von einigen aktuellen Erfahrungen und Widerständen berichten?

KA: Der Buch-Autor Bernd Langer beschreibt eine Vielzahl von Antifa-Mobilisierungen quer durch die Bundesrepublik: Gegen Faschisten-Zentren, gegen ultrarechte Rockkonzerte, gegen Parteitage … eine Zeit lang mobilisierten die Faschisten am 1. Mai gegen die sozialdemokratischen Gewerkschaften, in den 1990er Jahren gab es viele Aufmärsche für den eingesperrten Kriegsverbrecher Rudolf Hess … all das war Anlass für antifaschistische Arbeit. Generell können wir feststellen: Wo es dauerhafte Faschisten-Präsenz gibt, organisiert sich die antifaschistische Bewegung ebenfalls konstant, einschließlich Gewerkschaften, Parteien und Nachbarschaften. Im Übrigen reagieren Gruppen auf Faschisten-Aktivitäten mit Allianzen, Mobilisierungen und Demonstrationen. Durch die dauerhafte Präsenz der Faschisten in Parlamenten und den Massenmedien ist es deutlich schwieriger geworden, den Faschisten einen antifaschistischen Diskurs entgegenzusetzen.

In den neuen Bundesländern haben sich viele lokale Antifa-Gruppen aus purer Notwendigkeit gebildet, quasi aus Notwehr gegen die aufkommenden Faschisten. Das war teilweise lebensbedrohlich. Insgesamt wurden von Nazis schätzungsweise 400 Personen getötet, hauptsächlich Migrant*innen, darunter der migrations-freundliche CDU-Politiker Lübcke 2019 bei Kassel. Bernd Langer beschreibt dies in seinem Kapitel Rechts-Terrorismus ausführlich. Auch unter Antifaschistinnen gab es Tote, Conny in Göttingen, sie wurde von der Polizei vor einen Bus getrieben, der Antifaschist Frank in Magdeburg.

BRIEGA: Eine der Grenzen, die wir in der europäischen antifaschistischen Bewegung sehen, ist die Unfähigkeit im Umgang mit den migrantischen und von Rassismus betroffenen Jugendlichen, die Teil der ausgebeuteten Klasse sind und die die strukturelle Gewalt dieses kapitalistischen Systems mit größerer Brutalität an ihrem Körper erleiden. Auch wenn das an einigen Orten, z.B. in Frankreich, ein wenig relativiert werden kann und einige Grautöne und Nuancen zu finden sind, so ist das im Falle des spanischen Staates eindeutig. Wie sieht in diesem Sinne die deutsche Antifa-Bewegung aus?

abuch4KA: Richtig, mit einigen Ausnahmen entspricht dies die Realität. Das ist nicht nur ein Problem der Antifa-Bewegung, sondern auch bei anderen Bewegungen. Bernd Langer beschreibt eine Situation von Ende der 1980er Jahre, als die Antifa-Bewegung versuchte, Jugendbanden von Migranten für den antifaschistischen Kampf zu gewinnen, mit unterschiedlichem Erfolg. Der so genannte Kaindl-Mord führte zu einer heftigen Polizei-Repression und bereitete diesen Versuchen ein Ende.

Die große Ausnahme in Deutschland sind die Kurdinnen, aus der kurdischen Befreiungs-Bewegung. Da gibt es viele junge Aktivist*innen, die sich nicht nur in die deutsche Gesellschaft integrieren, sondern auch selbstbewusst Forderungen stellen an die deutsche Linke. Viele junge Kurdinnen und Kurden sind auch in Antifa-Bewegungen integriert, gegen deutsche und türkische Faschisten. In den letzten 10 Jahren habe ich in Bilbao ebenfalls eine Annäherung erlebt mit Migrant*innen aus unterschiedlichen Ländern. Am stärksten im Bereich Feminismus, aber auch bei Antirassismus und Wohnungs-Kämpfen. Antifaschismus ist generell ein Stiefkind der politischen Bewegungen im Baskenland, weil viele nach wie vor der Meinung sind, dass Faschismus in Euskal Herria keine Gefahr darstellt. Zur Situation im spanischen Staat traue ich mir keine Einschätzung zu.

BRIEGA: Die Haltung der deutschen Gesellschaft zur Kolonisierung Palästinas und zum zionistischen Völkermord ist umstritten. Welche Positionen vertritt die deutsche Antifa-Bewegung zu diesem Thema? Gibt es Spannungen, Konsens, interne Diskussionen?

KA: Ein trauriges und sehr strittiges Thema. Die Nazis haben den Holocaust verschuldet, die Bundesrepublik hat die Unterstützung für Israel zur Staatsdoktrin gemacht. Zwischen Juden und Zionisten wird kein Unterschied gemacht. Die radikale Linke und die Antifa-Bewegung sind in diesem Punkt gespalten. Es existiert eine sogenannte “Antideutsche Bewegung“, die sich zwar als links definiert und auch in der autonomen Szene präsent ist. Diese Bewegung verteidigt den israelischen Kolonialismus, den Zionismus, und stützt sich auf die USA und die NATO. Für Linke eine völlig absurde Position – aber das ist typisch deutsch. Diese Position ist auch in der Partei Die Linke vorhanden, da gibt es somit Zionisten-Anhänger und Zionisten-Feinde.

Aber selbst die Pro-Palästina-Leute argumentieren sehr vorsichtig, weil sie nicht als Antisemiten beschimpft werden wollen. Sogar israel-kritische Juden werden Antisemiten genannt. Es gibt Berufsverbote gegen Israel-Kritiker. In Deutschland ist es völlig undenkbar, bei einer Demonstration ein Transparent mit der Aufschrift “vom Fluss bis zum Meer“ zu tragen, das gilt als Aufforderung zur Vernichtung Israels. Diese Spaltung betrifft auch die Antifa-Bewegung. Die Polarisierung ist stark ausgeprägt. Es gibt Internationalisten, die Solidaritätsarbeit mit Kurdistan machen und in Israel das rassistische Regime unterstützen – eine ziemlich perverse Gedankenwelt.

BRIEGA: Welche Lehren können deiner Meinung nach aus der deutschen Antifa-Bewegung gezogen werden? Welche Themen haben sich von ihren Anfängen bis heute verändert, die deiner Meinung nach hervorgehoben werden sollten, um daraus zu lernen?

KA: In den 92 Jahren seit der Gründung der Antifaschistischen Aktion gab es nicht nur eine, sondern mehrere, sehr verschiedene Antifa-Bewegungen. Eine umfassende Schlussfolgerung zu ziehen ist deshalb nicht möglich. Nach der Arbeit am Buch und vor allem bei der Betrachtung der aktuellen Entwicklungen in den verschiedenen faschistischen Lagern würde ich zwei Forderungen formulieren: Erstens: Wie Feminismus und Antirassismus müsste auch die antifaschistische Betrachtung im Alltag zur Basis jeder emanzipatorischen politischen Arbeit gehören. Faschismus muss “mitgedacht“ werden. Zweitens: Die Gewerkschaften müssen sich deutlich stärker für das Thema Antifaschismus sensibilisieren. Denn die Angriffe der Faschisten, wo sie an die Regierung kommen – Milei in Argentinien, Meloni in Italien – richten sich auch sehr stark gegen die Errungenschaften der Arbeiter-Bewegung. Die Gewerkschaften müssen aus ihrer reformistischen Ecke kommen und sich neu positionieren, gegen Machismus, Rassismus und Faschismus. Wer zu spät reagiert, hat schon verloren.

BRIEGA: Was ist deiner Meinung nach heute am dringendsten und notwendigsten von den autonomen, außerparlamentarischen Bewegungen und von der Vielfalt des Basis- und Straßen-Antifaschismus zu tun, um den faschistischen Kräften entgegenzuwirken?

KA: Was uns fehlt ist politische Bildung und Organisierung. Wir müssen uns bewusst werden, was auf dem Spiel steht, wenn Faschisten wie VOX, Meloni, Le Pen, Trump oder die AfD an die Regierung oder an die Macht kommen. Wir müssen uns organisieren. Nicht unbedingt in Antifa-Gruppen, aber wir müssen den Antifaschismus in jedem Fall mitdenken.

BRIEGA: Seit Sommer hast du schon einige Buchvorstellungen gemacht – was ist deine Erfahrung bisher?

KA: Was die Zahl der Interessierten anbelangt, gab es positive wie negative Erfahrungen. Fast immer endeten die Veranstaltungen mit einer Diskussion über die aktuelle Situation in Deutschland, vor allem die Spaltung in der Partei Die Linke war von Interesse. Insgesamt war ich positiv überrascht über den hohen Wissensstand über die Aktualität in Deutschland. Ich selbst muss mich da schon anstrengen, denn 25 Jahre außerhalb des Landes zu leben hinterlässt natürlich auch Lücken im direkten Erleben von Ereignissen und deren Einschätzung.

Weitere Publikationen zum Buch

Zum Besuch des Buchautoren bernd Langer im Baskenland im Jahr 2020 publizierte Baskultur.info am 20.02.2020 den Artikel “Antifaschismus im Baskenland – Besuch Bernd Langer aus Berlin“ (LINK). Ein erstes Interview aus Anlass der Buchveröffentlichung erschien zuerst im Blog von Sare Antifaxista und wurde anschließend für Baskultur.info übersetzt unter dem Titel “Geschichte des Antifaschismus – Buchübersetzung in Bilbao“, publiziert am 24.07-2024 (LINK)

ANMERKUNGEN

(1) Der Interview erscheint / erschien Anfang Dezember 2024 auf der Webseite “Briega.org, Gegeninformation aus Kantabrien“ (LINK)

(2) Sare Antifaxista ist zu finden im Blog (LINK)

(3) Der baskisch-deutsche Kulturverein Baskale informiert über seine vielfältigen Aktivitäten in einem Blog (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Antifaschismus

(2) Antifa (wikipedia)

(3) Antifa (publico)

(4) Antifa (descubierto)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-11-25)

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