gentribi1aGentrifizierung unaufhaltsam

Von London bis Bilbo schreitet die Gentrifizierung in ihrem Verfremdungs-Prozess unaufhaltsam voran. Die Ursprünge der Gentrifizierung liegen in London, in den 1960er Jahren, obwohl dort heute praktisch kein Viertel mehr ohne Gentrifizierung existiert. Dies ist eine der Schlussfolgerungen der Podiums-Diskussion "Auswir-kungen und Herausforderungen der Gentrifizierung", die kürzlich im Rahmen der Sommerkurse der öffentlichen baskischen Universität stattfand. Mit dem Stadt-Anthropologen Jose Mansilla.

Der englische Begriff ”gentrification“ wurde in den 1960er-Jahren geprägt. Er beschreibt die qualitative Aufwertung bestimmter Wohnviertel durch private und öffentliche Initiative, verbunden mit Preis-Steigerungen für Wohnraum und der Verdrängung ärmerer Bewohner dieser Viertel.

Touristen-Last

"Während in der Altstadt von Bilbao 7.256 Menschen amtlich registriert sind, gibt es hier etwa 3.350 Betten für den Tourismus, in den 29 Hotels und Pensionen, und den fast 300 legalen und illegalen Touristen-Unterkünften", stellte Eritz Mendizabal fest, als Vertreter der Nachbarschafts-Initiative Bihotzean (baskisch: Im Herzen). (*)

gentribi2Steigende Wohnungspreise, die Zerstörung des lokalen Kleinhandels und ihr Ersatz durch das Monopol der großen Laden-Ketten, das Verschwinden des öffentlich nutzbaren Raums, der eigentlich für die Anwohnerschaft bestimmt sein sollte, und die völlige Verfremdung der Geschichte der Stadtviertel – dies sind einige der Folgen der Gentrifizierung, eines Prozesses, der untrennbar mit dem wirtschaftlichen Wachstum des Kapitalismus verbunden ist und in seinen negativen Konsequenzen vor allem die unteren gesellschaftlichen Schichten trifft, jene, die weniger Geld haben, um in der Preisspirale mitzuhalten.

Dies war das Thema des Kolloquiums "Auswirkungen und Herausforderungen der Gentrifizierung", das Mitte Juni 2025 im Raum Bizkaia Aretoa stattfand, im Rahmen des 16. Internationalen Treffens über Kultur, Kommunikation und Entwicklung der Sommerkurse der Euskal Herriko Unibertsitatea (EHU). Zunächst erläuterte der Stadt-Anthropologe und Professor an der Universitat Autònoma de Barcelona Jose Mansilla die Details des Konzepts der "Gentrifizierung", angefangen bei seinem Ursprung. Er erläuterte, dass die deutsche Soziologin Ruth Glass vor 60 Jahren als erste diesen Begriff verwendete, um den Prozess der Verdrängung der Bevölkerung des Londoner Stadtbezirks Islington durch die "Gentry" zu benennen, das englische Landbürgertum, das damals begann, in die Städte zu ziehen.

In diesem Sinne wollte der Anthropologe den Prozess der Gentrifizierung aus einer "Klassenperspektive" betrachten. Während man vor einigen Jahren noch an Städte wie London oder New York dachte, wenn von dem Phänomen Gentrifizierung die Rede war, "haben wir es jetzt schon hier". In diesem Sinne stellte er klar, dass die Gentrifizierung "nicht nur eine Frage des Wohnraums ist", sondern generell die Nutzung des öffentlichen Raums betrifft sowie die Homogenisierung der Geschäftsstruktur: Auflösung der Vielfalt, Vernichtung des Kleinhandels, alle verkaufen dasselbe, Souvenirs, italienisches Eis und spanischen Schweine-Schinken, die Innenstädte sehen überall gleich aus. In diesem Zusammenhang "werden die sozialen Beziehungen zur Ware", stellte er fest und fügte hinzu, dass es "kein einzelnes gentrifiziertes Viertel gibt; alle Viertel befinden sich im Prozess der Gentrifizierung".

Anschließend ging EHU-Dozentin Iraide Fernández der Frage nach, wie und welche Gruppen hauptsächlich von der Gentrifizierung betroffen sind. "Der Prozess wirkt sich je nach sozio-demografischen Variablen aus, das heißt: Geschlecht, Alter, Herkunft, soziale Klasse ... Und genau aus diesem Grund ist es notwendig, diese Prozesse mit einer intersektionellen Perspektive zu analysieren", betonte sie. Sie unterteilte die durch das Phänomen Gentrifizierung verursachte Bevölkerungs-Verschiebung (manche sprechen von Vertreibung und Verdrängung) in drei Formen: die symbolische Verschiebung, "die so weit geht, dass alles, was nicht zum idealen Postkartenbild passt, verdrängt wird"; die direkte Verschiebung, vor allem durch Spannungen in den Wohngebieten, einschließlich der Vertreibung über Preissteigerungen; und die indirekte Verschiebung, durch die Veränderung des kommerziellen Gefüges des Viertels.

Iker Eizagirre, aktives Mitglied von Hiritik At Koop (Urbanismus, Lokale Entwicklung), nahm seine persönlichen Erfahrungen in dieser Genossenschaft zum Ausgangspunkt, um über partizipative Prozesse zu sprechen, "eine Methode, die dazu beiträgt, die Räume des gemeinsamen Lebens stärker zu demokratisieren". In größeren Städten wie Bilbao finden solche Prozesse praktisch nicht statt, oder wenn, dann in einem konditionierten Rahmen, bei dem das Ergebnis der Bevölkerungs-Teilnahme von vornherein feststeht, mit Alibi-Funktion.

Zur räumlichen Organisation des Lebensraums in den Städten sagte er, dass "die Ideologie der Menschen auch mit dem Raum zusammenhängt, in dem sie leben", wobei ihre Prioritäten berücksichtigt werden. Aus diesem Grund argumentierte er, dass durch kollektive Partizipationsprozesse "mehr als bessere Räume, bedeutende Orte" im Leben der Bewohner geschaffen werden.

gentribi3Die "Touristifizierung" von Bilbo

In Vorahnung der Entwicklung, die Bilbo in der nahe Zukunft nehmen würde, wurde vor acht Jahren SOS Alde Zaharra gegründet (SOS Altstadt), um "gegen die Touristifizierung zu kämpfen". Eritz Mendizabal, Soziologe und Mitglied des Kollektivs, schildert die Probleme, mit denen die Bewohner des Stadtviertels konfrontiert sind, wenn sie in ihrem alten Barrio bleiben wollen. "Im Moment liegt der Anteil der Touristen in der Altstadt bei 46,8%, das ist zahlenmäßig fast die Hälfte. Das bedeutet, dass bei 7.256 gemeldeten Einwohnern etwa 3.350 Betten für den Tourismus bestimmt sind, und zwar in den 29 Hotels, Pensionen, Hostels und in den etwa 300 legalen und illegalen Touristenunterkünften", so der Aktivist aus dem Viertel. Mit anderen Worten, bei Vollbelegung stellt der Tourismus ein Drittel der im Barrio Anwesenden.

Auf die Frage, was man gegen diese Situation tun könne, sagte er, man müsse sich "kollektiv organisieren". Er begrüßte die Tatsache, dass seine Botschaft langsam ankommt: "Wir haben es auf die Tagesordnung gebracht, dass der Tourismus ein Problem für Bilbo ist". Schließlich warnte er, dass dieses Problem nicht auf Alde Zaharra beschränkt sei und sich langsam "auf die ganze Stadt" ausdehnen werde, nach der Logik "wachsen, wachsen und wachsen". "Sie haben Angst vor einem Minus-Wachstum", sagte er in Anspielung auf die Verwaltungen.

ANMERKUNGEN:

(*) “De Londres a Bilbo, la gentrificación avanza imparable en su proceso desnaturalizador” (Von London bis Bilbo schreitet die Gentrifizierung in ihrem Verfremdungs-Prozess unaufhaltsam voran), Tageszeitung Gara, 2025-06-17 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Tourismusphobie (elsalto)

(2) Diskussion (gara)

(3) Häuserkampf (elsalto)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-06-19)

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