hunger1Israels Kriegsverbrechen

Wer die Bilder von Nazi-Konzentrationslagern in Erinnerung hat, die ausgemergelten Körper der KZ-Gefangenen, wird heute mit ähnlichen Bildern aus Gaza konfrontiert. Dieselben eingefallenen Wangen, derselbe Blick ins Nichts. Der Kolonialstaat Israel provoziert mit seinem Vernichtungskrieg gegen die palästinensische Bevölkerung ein Panorama von Hunger, Hungertod und Völkermord. Derartige Bilder von ausgemergelten Kindern legen für immer mehr Menschen zwangsläufig den Vergleich mit dem Nazismus nahe.

Auch im Krieg: Die Bevölkerung der kriegsführenden Parteien haben Rechte auf Grundversorgung. Israels Krieg führt in der palästinensischen Bevölkerung zu einer Hungerkatastrophe, als gezielter Teil der Vernichtungs-Strategie: Kriegsverbrechen.

Die Tragödie eines Kindes war es, die dem Hunger als Kriegswaffe in Gaza ein Gesicht gab. Yazan Kafarneh war 12 Jahre alt. Er litt an einer infantilen Gehirnlähmung und starb aufgrund von Unterernährung. Weitere dreißig Kinder verloren aus demselben Grund ihr Leben. Israel wird deshalb mit dem Vorwurf konfrontiert, in Hinblick auf Menschenrechte jede denkbare rote Linie überschritten zu haben.

hunger2Das Bild des Hungers in Gaza wird repräsentiert vom Foto eines zum Skeletti abgemagerten 12-jährigen Jungen, der am 4. März starb, nachdem er seine Mutter umarmt hatte und seine Augen ins Leere gerichtet waren. Yazan Kafarneh. Das Foto ging um die Welt. Es wurde in einem Krankenhaus im Gazastreifen aufgenommen. Vielleicht dachte man damals, das Bild könnte ein Wunder bewirken, dass Israel seine Todesfaust für die humanitäre Hilfe öffnet. Doch seither sind 26 weitere Kinder an Unterernährung gestorben, wie die UN in einem Bericht über die verheerende Hungersnot für 2,3 Millionen palästinensischer Zivilisten feststellte.

Die Grenze ist geschlossen, die Lebensmittel sind auf der anderen Seite. Nach Ansicht der Vereinten Nationen und der Europäischen Union erklärt die Regierung von Benjamin Netanjahu die Hungersnot offiziell zu einer Kriegswaffe. Die Vereinigten Staaten sind nicht so weit gegangen, aber ihr Außenminister, Antony Blinken, warnt, dass "hundert Prozent" der Bevölkerung des Gazastreifens von Hunger "bedroht" sind und in einem ernsten Zustand der Ernährungs-Unsicherheit leben. Was für ein Begriff: Ernährungs-Unsicherheit.

Yazan Kafarneh wusste von all dem vor fünf Monaten noch nichts. Er war mit einem eigenen Kampf beschäftigt, gegen eine Krankheit, die infantile Gehirnlähmung genannt wird. Seinen Eltern zufolge ging es ihm allmählich besser. Er wurde medizinisch versorgt in einem der Krankenhäuser im Norden des Gaza-Streifens, das heute nur noch ein Trümmerhaufen ist. Eine Fliegerbombe fiel auf Yazans Hospital. Ein Physiotherapeut behandelte ihn zu Hause, bezahlt von humanitären NGOs, die im Gazastreifen tätig sind. Yazan konnte nicht laufen. Doch hatte er schwimmen gelernt.

Doch dann trocknete das Wasser aus. Die ersten israelischen Bomber nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober zwangen die Familie, ihr Haus in Beit Hanoun zu verlassen. Die Badeanzüge waren weg. Die Medizin. Das Essen. Sein Vater, ein 31-jähriger Taxifahrer, trug ihn in einem verzweifelten und immer wieder stockenden Marsch nach Süden. Die Familie zog von Dorf zu Dorf, von Unterschlupf zu Unterschlupf, auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort, der jeweils nur wenige Stunden Bestand hatte. Denn die israelische Armee war ihnen dicht auf den Fersen. Je weiter sie zogen, desto größer wurden die Risiken für den Jungen. Jeder Unterschlupf war ungesünder als der letzte, gefährlicher für sein schwaches Immunsystem. Wenn Yazan seinem Vater über die Schulter schaute, sah er im Hintergrund Feuer und Explosionen. So ging es immer weiter in Richtung Rafah.

Rafah ist eine Art Endstation für die Lebenden und die Sterbenden. Der Grabstein, der "einen Friedhof unter freiem Himmel" bedeckt, wie der Chef der europäischen Diplomatie, Josep Borrell, den Gazastreifen nennt, angesichts der von der UNO vorgelegten Zahlen, den schlimmsten seit Jahren. Demnach ist eine Million Palästinenser direkt von schwerer Unterernährung betroffen, 530.000 sind von einer brutalen Hungersnot bedroht, und viele Kinder sind dazu verurteilt, an Hunger zu sterben in diesem Gebiet, das dem Untergang geweiht ist.

Internationale Verurteilung

hunger3Der Hohe Vertreter der EU und der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, haben den ganzen Ernst der Situation unterstrichen. Sie bezeichnen die Situation in Gaza nicht nur als humanitäre Katastrophe, sondern sprechen auch von der politischen Nutzung des Hungers in einem bewaffneten Konflikt. Hunger ist wie ein Maschinengewehr. Beide Organismen sind sich bewusst, dass Israel nicht nur Kontrollen durchführt und taktische Maßnahmen ergreift, um zu verhindern, dass die Lebensmittel-Vorräte in die Hände von Hamas fallen. Die israelischen Verantwortlichen wissen, dass die Zivilbevölkerung schon Blätter von den Bäumen reißt, um sich etwas in den Mund stecken zu können. Sie wissen auch, dass die Palästinenser an Unterernährung sterben. Und die Vereinten Nationen haben Israel daran erinnert, dass der Einsatz von Hunger als Waffe ein "Kriegsverbrechen" ist.

In einem an den Premierminister gerichteten Dokument weisen die Vereinten Nationen die Regierung darauf hin, dass sie "als Besatzungsmacht" verpflichtet ist, "die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Medikamenten sicherzustellen". Das Ausmaß der israelischen Beschränkungen für Hilfslieferungen in den Gazastreifen und die Art und Weise, wie Israel den Krieg fortsetzt, läuft jedoch auf den Einsatz von Hunger als Methode der Kriegsführung hinaus", so Türk abschließend.

Es ist das erste Mal, dass die UNO die Regierung Netanjahu warnt, dass sie Verbrechen begeht, die schlimmer sind als andere Verstöße gegen die Internationale Gesetzgebung, die in Kriegen vorkommen und schon schlimm genug sind. Laut Außenminister Antony Blinken ist dies das erste Mal, dass "eine Bevölkerung als Ganzes" von schwerer Ernährungs-Unsicherheit bedroht wird, und das nach einem so kurzen Zeitraum. Die USA sind der Ansicht, dass ohne eine Lösung für die Nahrungsmittel-Knappheit und den Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Felder und Brunnen die unmittelbare Zukunft des Gazastreifens schlimmer sein wird als die von Somalia, wo allein im Jahr 2022 insgesamt 44.000 Menschen durch die Hungersnot ums Leben kamen.

Hinter der Grenze, so klagt die UNO, stehen Hunderte von Lastwagen, die mit Lebensmitteln beladen sind. Nur wenige Kilometer trennen sie von der Kinder-Abteilung des Krankenhauses, in dem Yazan in den Abgrund starrte und starb. Wie er den Tod verstand, wie er verstand, dass ihm niemand etwas zu essen geben würde, während er vor aller Augen verkümmerte, ist etwas, das diejenigen quält, die ihn austrocknen und sterben sahen. Diaa Al-Shaer, eine Krankenschwester in der Klinik, sagt, dass in den letzten Wochen so viele Kinder wie noch nie eingeliefert wurden, die nunr noch aus Haut und Knochen bestanden. "Sie kommen alle auf der Suche nach Nahrung. Und dann sterben sie langsam aus wie Yazan. Hunger schießt nicht. Hunger tötet langsam.“

Wenn jemand wissen will, wann Yazan gestorben ist, dann waren es die Wochen, bevor er starb. Ihm fehlten die kleinen Dinge, die ihn am Leben hielten. Die Eier und Bananen, die er vor dem Krieg als Teil einer nahrhaften Diät aß, die sein Vater jeden Morgen zubereitete. Oder das Milchpräparat, nach dem Halima, seine Betreuerin, in seinen letzten Tagen vergeblich suchte. All das gehörte zu der Pflege, die ihm die Ärzte verordnet hatten, um seine Gesundheit zu erhalten, die durch den Krieg und die Verknappung der Güter zunichte gemacht wurde. Am Ende war das Meiste auf Mehl, Kräutertees und Wasser reduziert. Und ein Bakterium. Eine Lungenentzündung. Dr. Jabr al-Shaer behandelte ihn in seinem Todeskampf. Er sagte, die Unterernährung habe Yazans Immunsystem geschwächt. Er starb, als er seine Mutter mit Fingern berührte, die kein Fleisch mehr hatten, um etwas zu spüren.

Im Dezember ernährten sich 90 Prozent der Kinder im Gazastreifen mit nicht mehr als zwei Arten von Nahrungsmitteln. Unicef prangerte dies an als Warnung vor der Ankunft des Teufels. Jetzt essen sie, was sie bekommen, Elend in Elend gehüllt. Die häufigste und grundlegendste Nahrung ist Getreide, sei es Brot (weniger) oder Tierfutter, und Milch, wenn das Glück an diesem Tag auf ihrer Seite ist. Shaima, 8 Jahre alt, weiß wie es ist, allein mit einem Topf zur Essensschlange zu gehen. Sie kennt auch das Gefühl, in einer Menge von Kindern eingequetscht zu werden, die wie sie ihre Teller hochhalten.

hunger4Manchmal kommt sie mit leeren Händen zurück. An diesem Tag essen weder sie noch ihre Mutter oder ihre jüngere Schwester. Shaima könnte wie eine im größer werdende Zahl von Kindern enden, die ihr Zuhause verlassen und sich auf der Suche nach Nahrung allein in den Süden begeben. Volker Türk, der UN-Beauftragte, sagt, dass die Straßen zunehmend von umherirrenden kleinen Geistern bevölkert werden. Kürzlich kam ein Kind in ein Krankenhaus in Rafah, das "drei Tage lang nichts gegessen hatte", erinnert sich der Arzt, der es behandelte.

Der sechsjährige Fadi kann sich nicht einmal mehr an den Geschmack von Essen erinnern. Vor Beginn des Krieges wog er dreißig Kilo, jetzt wiegt er nicht mehr als zwölf. Er liegt in einem Krankenhaus im Norden des Gazastreifens, der schlimmste Albtraum aller Eltern. Dort sind die meisten Kinder an Unterernährung gestorben, die von der UNO gezählten wurden.

Fadis Fall ist ähnlich wie der von Yazan: Er leidet an Mukoviszidose. Er leidet an Mukoviszidose, eine vererbte SToffwechselerkrankung. Es gibt keine Medikamente mehr, um ihn zu behandeln. Vor dem Krieg ernährte er sich protein- und nährstoffreich, er liebte Huhn und Obst. Seine Familie lebte in Gaza-Stadt. Als die israelische Armee kam, flohen sie. Sie zogen von Ort zu Ort. Viermal. Schließlich landeten sie in Beit Lahai. Und in den letzten zwei Monaten haben sie sich nicht mehr aus dem Krankenhaus entfernt, in dem Fadi im Sterben liegt. "Früher hat er gut gegessen. Sein Gesicht war füllig. Er sah nicht aus wie ein krankes Kind", sagte seine Mutter gegenüber Reuters.

Fadi verkörpert das, was der US-Außenminister als "Dringlichkeit und Gebot" bezeichnet: die Bereitstellung humanitärer Hilfe, ohne eine Sekunde zu verschwenden. Fadi hat bereits die Haut des Hungers. Er wächst nicht mehr. Er verharrt in einem Zustand der Lethargie, ohne Kraft, ohne Energie. Sein Körper wird sich abschalten, wenn ihm die Energie ausgeht, sein Körper wird sich schließlich selbst aufbrauchen.

"Wir brauchen mehr Hilfe, wir müssen sie aufrechterhalten und wir müssen ihr Priorität einräumen, wenn wir den Bedürfnissen der Menschen wirksam begegnen wollen", sagte Antony Blinken, der in dieser Woche mit Ägypten und Saudi-Arabien darüber berät, wie man Israel und die Hamas zur Unterzeichnung eines Waffenstillstands bewegen kann. In Washington hat der Vorsitzende der demokratischen Mehrheit im Senat, Chuck Schumer, zugegeben, dass er den Rücktritt von Benjamin Netanjahu in Erwägung gezogen hat, weil er der Meinung ist, dass "er vom Weg abgekommen ist" und dass seine größte Befürchtung darin besteht, dass Israel mit seinen Verbündeten und den wichtigsten internationalen Organisationen, die sich von ihm distanziert haben, als "Pariastaat" enden wird.

Die humanitär wirkenden Versuche US-amerikanischer Politiker sind heuchlerisch. Ohne das US-Plazet hätte der zionistische Staat Gaza nicht angegriffen. Jetzt macht es den Eindruck, als wären den Amerikanern die Zügel entglitten. Doch wenn die UNO diskutiert, werden kritische Beschlüsse mit US-Veto gestoppt. Israel geht so weit, sogar die UNO als Feinde zu bezeichnen. Die deutsche Politik schaut zu, wie in Israel ein Völkermord verübt wird, die nötigen Waffen werden gerne geliefert. Die spanische Regierung distanziert sich vom Krieg gegen Gaza und liefert weiter Waffen an Israel. Was Blinken verschweigt, ist, dass die USA alle Möglichkeiten hätten, den Krieg zu stoppen oder Lebensmittel-Lieferungen durchzusetzen. Wenn dies nicht getan wird, liegt es am fehelenden Willen, nicht an einem “brutal-verrückten“ Netanjahu.

ANMERKUNGEN:

(1) Information und Zitate aus: "El drama del niño que puso rostro al hambre como arma de guerra en Gaza" (Das Schicksal des Jungen, der dem Hunger als Kriegswaffe in Gaza ein Gesicht gab), Tageszeitung El Correo, 2024-03-24 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Gaza (elcorreo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-03-24)

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