ziwid1Beispiel Dänemark 1940

In einem Beitrag im Overton-Magazin beschreibt David Höner Alternativen zur Kriegs- und Rüstungs-Politik. “Die öffentliche Meinung, die europaweit in allen Medien manipuliert wird, präsentiert Aufrüstung als alternativlose Variante. Um nichts weniger als die Freiheit soll gekämpft werden. Die Mittel dazu werden aus dem Volksvermögen der einzelnen Nationen gestohlen.“ Gegen Bedrohung von außen oder gar Besetzung könne durch aktive Nicht-Kollaboration, Sabotage und zivilen Ungehorsam gekämpft werden.

Dänemark wurde im 2.WK von den Nazis überfallen, ließ sich jedoch auf keinen krieg ein, sondern setzte auf aktiven zivilen Widerstand, unter anderem zur Rettung von Juden.

Overton: Schuldenberge in nie gekannten Höhen werden aufgetürmt. In Brüssel sitzt der Rat der skrupellosen Beutelschneider. Gewinner sind die üblichen Verdächtigen. Doch es gibt Vorbilder für eine funktionierende Friedenspolitik. Auch in bedrohlichen Zeiten. Es könnte nach dem Jiu-Jitsu-Prinzip nicht Kraft gegen Kraft aufgewendet werden. “Siegen durch Nachgeben“ bedeutet, die Kraft des Angreifers gegen ihn selbst verwenden. Einfacher gesagt: “Der Klügere gibt nach.“

Am Beispiel Dänemark

Vor 85 Jahren, 1940, führte das Deutsche Reich das “Unternehmen Weserübung zur Sicherung deutscher Interessen“ durch. Handstreichartig überfielen am 9. April um vier Uhr morgens Truppen der Wehrmacht das dänische Königreich. Flughäfen und Schienenwege wurden besetzt, eine Bombardierung Kopenhagens angedroht. Zwar gab es einen Nicht-Angriffspakt aus dem Jahr 1939, doch dieser war nicht das Papier wert, auf dem er geschrieben war. Eine Kriegserklärung gab es nicht. Zwar protestierte die dänische Regierung, doch im Parlament kam man zum Schluss, dass ein militärischer Widerstand gegen die Deutschen nicht sinnvoll sei. Nur die Kommunisten und vereinzelte königstreue Abgeordnete stimmten dagegen. Es gab kaum Widerstand seitens der dänischen Streitkräfte, nur vereinzelt fielen ein paar Schüsse. Am Abend des 9. April war bereits ein “Reichsbevollmächtigter“ für das Protektorat Dänemark eingesetzt.

Damit war die außenpolitische Souveränität Dänemarks vorerst Geschichte. Zwar wurde innenpolitisch eine Fassade aufrechterhalten. Heer, Marine und Polizei sollten weiterhin unter dänischer Administration funktionieren, doch über sie wurden vom Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, hohe SS-Funktionäre eingesetzt, die das letzte Wort haben sollten. Zwar galt Dänemark bis zum Kriegsende als neutraler Staat: Es wurde von staatlicher Integrität gefaselt, aber in Tat und Wahrheit war Dänemark ab April 1940 bis Ende des Zweiten Weltkrieges ein besetztes, von den Nationalsozialisten dirigiertes Land.

Nur war die Bevölkerung Dänemarks gegenüber den Besetzern nicht positiv eingestellt. Es war kein “Anschluss“ wie der zwei Jahre früher erfolgte Einmarsch der Wehrmacht in Österreich. Die Dänen standen nicht jubelnd mit Blumen und Smörrebröd am Straßenrand und folgten den Nazis in den kommenden Jahren begeistert in den Untergang. Zwar gab es eine dänische NSDAP, doch sie blieb politisch unbedeutend, wurde auch in der Besatzungszeit nicht stärker. Und ja, es gab Kollaborateure, die mit den Besatzern Geschäfte machten. Eine dänische SS-Formation, das “Frikorps Danmark“, wurde bereits 1943 wieder aufgelöst. Die Mitglieder waren in der Bevölkerung nicht angesehen. Das Frikorps war kaum eine Fußnote in der Kriegsgeschichte des weltweiten Flächenbrandes.

Ziviler Widerstand und Selbstachtung

ziwid2Was passierte also in diesen Jahren in Dänemark, in denen der deutsche Wahn Land um Land vereinnahmte und den Bewohnern ihre ideologischen Leitlinien verordnete, inklusive Herrenmenschentum und Kommunistenhatz? Es ist keine Übertreibung, wenn man diese dänische Variante des Umgangs mit einer grausamen Unterdrückung der Gesellschaft durch eine mit und durch Gewalt geführte Niederschlagung von Bürgerrechten, Meinungsfreiheit und einem friedlichen Zusammenleben der Zivilgesellschaft als Beispiel für Selbstbehauptung deutet.

König Christian X. war in diesen Jahren weit mehr als das Aushängeschild einer parlamentarischen Monarchie. Weder biederte er sich den Nazis an, noch verließ er das Land, um an einem anderen Ort in einem luxuriösen Asyl in Ruhe seinen königlichen Lebensstil zu pflegen und sich nicht um seine Untertanen zu kümmern. Öffentlich kritisierte er die deutschen Machthaber, verweigerte den Nationalsozialisten seine Gefolgschaft. Seine Ausritte durch Kopenhagen, ohne Leibwache und königlichen Pomp, stärkten sein Ansehen und die Verbundenheit mit seinem Volk. Ganz ohne martialisches Gehabe, ein in sich ruhender und charakterstarker Mann, der sich, seiner Rolle bewusst, zum Symbol des Widerstands machte.

Die Anekdote, dass er, nachdem die Besatzungsmacht den dänischen Juden das Tragen eines gelben Davidsterns verordnet hatte, am nächsten Tag höchstselbst mit einem Judenstern auf der königlichen Reitjacke ausgeritten sei, stimmt nicht. Doch er war Teil und Mitorganisator der Rettung der dänischen Juden, welche mithilfe breiter Teile der Bevölkerung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Schweden geschmuggelt wurden. Die Judenverfolgung in Dänemark fand keine Unterstützung, im Gegenteil, die Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern schützte diese vor den Suchtrupps der SS. Der Widerstand gegen die Besatzungsarmee war bis 1943 mehrheitlich unbewaffnet. Hintergrund dafür war, dass es immer noch eine stark eingeschränkte, demokratisch gewählte eigene Regierung gab. Nur die Kommunisten fingen bereits 1941 an, eine Untergrundstruktur aufzubauen.

Nach Hitlers Angriffskrieg auf die Sowjetunion waren die Fronten klar. Vermehrt wurden jetzt Sabotageaktionen auf Firmen verübt, die für die Deutschen arbeiteten. Vereinzelt kam es auch zu Anschlägen auf Kollaborateure und deutsche Militärs. Die Widerstands-Gruppen waren jedoch ideologisch bunt, lose verbunden und ohne einheitliche Führung. Das änderte sich nach 1943, als die Nationalsozialisten nach einer Revolte gegen die Besetzung das dänische Heer entwaffnete. Daraufhin versenkte die Admiralität ihre eigenen Schiffe, damit sie nicht in die Hände der Deutschen fielen.

1943 entstand im Untergrund der “Dänische Freiheitsrat“ als politisches Gremium zur Befreiung Dänemarks. Die Gründer kamen aus den Reihen kommunistischer und sozialistischer Politiker und parteilosen Intellektuellen. Als es auch gelang, die Widerstandsgruppe aus den Reihen der aufgelösten Armee einzubeziehen, die sich bis dahin geweigert hatte, mit den Kommunisten zusammenzuarbeiten, gelang eine strategisch geeinte Bewegung gegen die Nazis. Man einigte sich auf eine sabotage-orientierte Kampfweise. So gelang es, die deutsche Logistik empfindlich zu stören.

Bilanz einer menschlichen Staatsführung

3.200 Menschen verloren ihr Leben. Kein hoher Blutzoll, verglichen mit den Millionen ziviler und militärischer Opfer der umliegenden Länder. Keine zerstörten Städte und Dörfer, eine Infrastruktur, die weiterhin funktionierte. An den Gräueln der Nazis beteiligten sich keine Dänen. Im Gegenteil. Der toleranten Politik des Landes, welche keine Brandmauern aufbaute, sondern es schaffte, die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure im Widerstand zu vereinen, verdankten die Dänen ihren unblutigen Sieg.

Als der Freiheitsrat sich im Juni 1945 auflöste und die diversen Bestandteile des dänischen Widerstands entwaffnet wurden, zeigte es sich, dass geschätzte 50.000 Dänen bei den Aktionen gegen die Deutschen mitgewirkt hatten. Unmittelbar nach dem verloren gegangenen Endsieg des Dritten Reiches wurde in Kopenhagen damit begonnen, den Nachlass der Besetzung aufzuarbeiten. Führenden Deutschen und Kollaborateuren wurde der Prozess gemacht.

Wer nun sagt, dass sich die Dänen darauf verlassen hätten, dass andere, die Russen, die Amerikaner und der Rest der Alliierten für sie gekämpft und gestorben seien, liegt falsch. Nicht nur Dänemark schaffte es, den Zweiten Weltkrieg einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Den Ländern Irland, Schweden, der Schweiz, Spanien und Portugal gelang es, ihre Neutralität zu halten (Anm: Spanien und Portugal waren keine Nazi-Gegner, sondern faschistische Diktaturen). Dänemark, das tatsächlich besetzt worden war und dessen Neutralität nur noch auf dem Papier bestand, meisterte eine ungleich schwierigere Lage. Trotzdem gelang es, die eigene Bevölkerung zu schützen, die Juden der Verfolgung zu entziehen und einen eigenen, erfolgreichen Widerstand zu leisten.

Die Frage muss erlaubt sein: Wie wäre es der Ukraine ergangen, wenn sie dem dänischen Modell gefolgt wäre? Wenn sie sich nicht von geopolitischen Interessen in einen Konflikt hätten drängen lassen, der mittlerweile Tausenden, vielleicht auch Hunderttausenden das Leben gekostet hat? (1)

Außerdem

ziwid3Die dänische Reaktion auf die Nazi-Besetzung wird bei Wikipedia um  einige Gesichtspunkte erweitert (2): “Die schnelle dänische Kapitulation war auch eine Folge grundlegender politischer Positionen. Sowohl die Sozialdemokraten, die seit 1924 die beherrschende politische Kraft waren, als auch Teile der Liberalen sahen eine Verteidigung des Territoriums als wenig sinnvoll an. Darin wirkte die Erfahrung des Deutsch-Dänischen Krieges von 1864 nach, in dem das Land nicht annähernd in der Lage gewesen war, militärischen Widerstand zu leisten. Zudem waren die Regierungen der Sozialdemokraten und der Radikalen Venstre seit den 1920er Jahren vornehmlich mit dem Aufbau eines Wohlfahrtsstaats befasst, der wenig finanzielle Ressourcen für die Verteidigung übrig ließ. Angesichts der zunehmenden Aufrüstung des Deutschen Reiches von 1933 an setzten die dänischen Regierungen darauf, durch Wohlverhalten gegenüber dem Nachbarn möglichst unbehelligt von eventuellen Konflikten zu bleiben. Aus diesem Grund wurde auch kein Bündnis mit Großbritannien als einer traditionell Dänemark nahestehenden Macht gesucht und ein schwedisches Bündnisangebot im Jahr 1937 abgelehnt. Am 31. Mai 1939 hatte Deutschland mit Dänemark den deutsch-dänischen Nichtangriffspakt geschlossen. Trotz des Bruchs dieses Pakts durch Deutschland und die deutsche Besetzung am 9. April 1940 setzten König und Regierung diese Politik fort, da der Druck der militärischen Übermacht des Deutschen Reiches, aber auch das kurzfristig aufgebaute Besatzerregime keine andere Wahl ließen.“ (2)

“In den letzten Kriegsmonaten 1945 zwingt das Naziregime das besetzte Dänemark, rund 250.000 deutsche Flüchtlinge aufzunehmen. Die Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und Alte, sind vor der einrückenden Roten Armee vor allem aus Preußen geflüchtet und werden nun in einer "Evakuierungs-Operation" zum Teil gewaltsam ins Nachbarland verfrachtet, ein großer Teil per Schiff über die Ostsee. (…) Das kleine Dänemark mit gerade einmal 4 Millionen Einwohnern steht vor der größten humanitären Herausforderung seiner Geschichte: die Flüchtlinge müssen in kurzer Zeit in Schulturnhallen, Kirchengemeinden und Kasernen untergebracht, medizinisch versorgt und ernährt werden, während die dänische Bevölkerung selbst kaum genug zu essen hat und unter dem Terror der Besatzungsmacht leidet. Entsprechend schwanken die Dänen zwischen Deutschenhass und Mitleid: Die Geflüchteten kommen zwar aus Nazideutschland, sie sind "Feinde", aber sie haben alles verloren und brauchen Schutz und Hilfe.“ (3)

“Nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 hofft Dänemark, die Flüchtlinge schnell abschieben zu können. Doch die Alliierten verweigern dies wegen der chaotischen Lage in den deutschen Besatzungs-Zonen. Dänemark interniert die Flüchtlinge in Lagern und verhängt Kontaktverbot. Man möchte verhindern, dass sie sich in Dänemark niederlassen und sie baldmöglichst gesammelt zurückschicken. (…) Die deutschen Flüchtlinge machen 1945 fünf Prozent der Bevölkerung in Dänemark aus. Nach und nach etabliert sich in den Lagern ein organisiertes ziviles Leben mit gewählten "Bürgermeistern", Schulen und Freizeiteinrichtungen. Aber auch mit Umerziehung durch neue Schulbücher und Aufklärungsfilme. Oksbøl in Westjütland ist zwischen 1945 und 1949 das größte Flüchtlingslager, mit mehr als 35.000 Bewohnern ist es vorübergehend die fünftgrößte Stadt des Landes. Auf dem ehemaligen Lagergelände befindet sich neben dem Lagerfriedhof seit 2022 das FLUGT Refugee Museum of Denmark, das einerseits die Geschichte der deutschen Flüchtlinge in Dänemark aufarbeitet und andererseits Flucht als allgemeines Menschheitsthema behandelt. (3)

ANMERKUNGEN:

(1) “Friedenspolitik ist möglich“, Dokumentation aus: Overton-Magazin, Autor: David Höner, 2024-04-04 (LINK)

(2) “Dänemark unter deutscher Besatzung”, Wikipedia (LINK)

(3) “Hass und Mitleid für deutsche Flüchtlinge in Dänemark 1945“, NDR, 27.11.2024 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Ziviler Widerstand (alamy)

(2) Dänemark (ndr)

(3) Deutsche im dänischen Exil (ndr)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-04-09)

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