
Hilfsverbote für NGOs
Die Menschenrechts-Aktivistin Lara Salceda Villaum-brales aus Gasteiz ist Mitglied der NGO „No Name Kitchen“. Sie schildert die „ernste und inakzeptable“ Lage der in Ceuta angekommenen Migranten, die durch „die Repression durch Polizei und Militär“ noch verschärft werde. Sie prangert von Ceuta aus die Schikanierung derjenigen an, die den Migranten zu helfen versuchen. Hilfe ist politisch nicht gewollt. „Minderjährige sind in Ceuta Opfer von Gewalt durch Polizei, Militär und paramilitärische Kräfte“.
Lara Salceda von der NGO „No Name Kitchen“ (NNK) ist seit Juni 2026 in Ceuta und hat somit die Situation vor dem massiven Zustrom afrkanischer Migrant*innen und die aktuellen Ereignisse vor Ort miterlebt.
88 Tage und es werden immer mehr. So lange befindet sich Lara Salceda Villaumbrales bereits ununterbrochen auf dem Gebiet der spanischen Enklave Ceuta, umschlossen von marokkanischen Grenzen und dem Mittelmeer. Ihre NGO unterstützt Migranten in der schlimmsten Grenzkrise in der Geschichte Spaniens. Die junge Frau aus Vitoria-Gasteiz ist Aktivistin von No Name Kitchen (NNK), einer Nichtregierungs-Organisation, die auf dem Balkan und in der afrikanischen Enklave humanitäre Hilfe in Form von Lebensmitteln, Rechtsberatung und medizinischer Versorgung leistet.
Der erste Monat seit dem massiven Zustrom (etwa 72.000 Menschen laut Innen-Minister Fernando Grande-Marlaska, nach Angaben der rechten Opposition weitaus mehr) von Migranten aus marokkanischem Gebiet ist vergangen. Wie viele es auch immer waren, bei den Migrant*innen handelt es sich um eine Vielzahl von Nationalitäten, Altersgruppen, Geschlechtern und Lebenssituationen. In einem Telefongespräch aus dem Stadtteil Puente del Quemadero schildert Lara Salceda nicht nur die humanitäre Lage, in der sich die Migranten befinden, sondern auch die Schikanen, denen sie und ihre Kolleginnen von NNK durch die spanische Polizei ausgesetzt sind. Das hat bereits „zu drei Festnahmen und Nächten in Arrestzellen“ geführt.
Repression und prekäre Lebensbedingungen
„Die Lage der Menschen auf der Flucht und der Migranten hier ist schrecklich, sehr ernst und inakzeptabel. Die meisten leben seit einem Monat auf der Straße. In den ersten Tagen hatten sie weder Zugang zu Essen noch zu Wasser. Was den Zugang zum internationalen Schutzsystem angeht, so ist dieser praktisch unmöglich, nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Minderjährige. Tatsächlich drängen sich im Industriegebiet Nueva Esperanza in El Tarajal Hunderte von Minderjährigen und Familien. Ich habe das gerade gesehen, als ich dort vorbeikam“, berichtet sie.
Zu dem auf der Halbinsel so heiß diskutierten System der Betreuung von Minderjährigen merkt sie an, dass es „versagt hat“. „Das Einzige, was zum Schutz der Minderjährigen tatsächlich funktioniert hat, war die bürgernahe Organisation in den Stadtvierteln“. Als Beispiel nennt sie den Nachbarschaftsverein „El Príncipe“, der einen Bereich zum Schutz der Mädchen eingerichtet hat, die seit ihrer Ankunft dort leben. „Die Institutionen haben versagt, die Minderjährigen sind weiterhin auf der Straße. Wir denken, es sind mehr, als die Regierung angibt (1.500). Wir haben keine genauen Daten, aber wir sehen, dass es sehr viele sind. Es sind unbegleitete Kinder in einer sehr prekären Lage. Sie können nicht duschen und haben keinen Zugang zu Essen. Sie erhalten Essen von der NGO ‘Luna Blanca‘ und von der Moschee, aber auch das ist nicht gesichert“, fügt sie hinzu.
Gemäß offiziellem Protokoll sollten die Minderjährigen von Polizeibeamten registriert und unverzüglich in ein Jugendzentrum gebracht werden, um anschließend ein individuelles Gespräch zu führen und zu prüfen, ob eine Familien-Zusammenführung hinter der Grenze möglich ist – eine Forderung der PP und von Vox. Die Ministerin für Kinder, Sira Rego, hat kürzlich jedoch darauf hingewiesen, dass sie in der Regel „nirgendwohin zurückkehren können“.
Willkürliche Gewalt
„Einmal haben wir einen Minderjährigen zur Erfassung zur Polizei gebracht, aber man sagte uns, dass dies nicht möglich sei, weil man ihn nirgendwo hinbringen könne. Die Polizisten verweisen uns an die Jugendbehörde der Stadt, und die Mitarbeiter der Jugendbehörde schieben die Verantwortung wieder an die Polizei weiter – und so geht es immer weiter“, erklärt Salceda.

Zu dieser prekären Lage kommt die Repression hinzu. „Die Minderjährigen leiden unter Gewalt durch Polizei, Militär, paramilitärische und faschistische Kräfte. Nachts herrscht absolute Straffreiheit. Die Polizei duldet diese Gewalt, und das sage ich aufgrund der Zeugenaussagen, die wir sammeln, und weil wir es mit eigenen Augen gesehen haben, wenn wir bei der Essensausgabe medizinische Versorgung leisten. Neulich waren wir im Wald, da kamen zwei Soldaten herunter, die um sich schlugen und versuchten, Migranten zu jagen. Als sie uns sahen, hielten sie an und grüßten uns, als wäre nichts gewesen“, erzählt sie.
Lara versichert, dass NNK „Diebstähle von Handys und Ausweispapieren von Migranten“ dokumentiert habe, sie sieht darin eine „Strategie, um sie nicht nur einzuschüchtern, sondern auch zu zermürben, damit sie zurückkehren“. „Wir haben Prügel gesehen, die immer ungerechtfertigt waren – es ist eine regelrechte Jagd. Es wurden bereits drei Personen aus unserer Organisation festgenommen. Das geschah, als wir Zeugenaussagen dazu aufnahmen. Sie zerstören unsere Handys, wenn wir filmen; sie wollen nicht, dass die kriminelle Gewalt ans Licht kommt“. Die drei festgenommenen Aktivistinnen haben die Nacht in der Arrestzelle verbracht, mit dem Richter gesprochen und wurden anschließend freigelassen. „Sie nutzen das Knebelgesetz, wenden aber nicht den verwaltungs-rechtlichen Teil an, sondern gehen den strafrechtlichen Weg. „Ich wurde bereits viermal kontrolliert, man durchsucht uns, hat unser Auto inspiziert und behauptet, wir würden Waffen verteilen“, fügt sie hinzu.
Dazu kommt, was Lara Salceda als „paramilitärisch“ bezeichnet, nämlich die zunehmende Aktivität von rechtsextremen, migrationsfeindlichen Gruppen: „Unsere Personalausweise wurden von diesen Gruppen veröffentlicht. Man schreit uns auf der Straße an, es geht ziemlich brutal zu. Ich bin Rechtsanwältin und wurde im Gerichtssaal beleidigt. Ein diensthabender Beamter der Guardia Civil hat mich vor laufender Kamera im Gerichtssaal als Hure beschimpft und gesagt, alles, was passiere, sei meine Schuld. Es herrscht große Straflosigkeit“, fasst sie zusammen.
Paramilitärs, die Migranten schlagen
Sie berichtet, dass sowohl sie als auch ihre Kolleginnen vor zwei Wochen Personen gesehen haben, die wie Paramilitärs gekleidet waren – in Militäruniformen und mit Kapuzen. Es handelte sich aber um keine Angehörigen der Streitkräfte, da sie keine Kennzeichnung auf der Brust trugen. Sie „schlugen Migranten“. Lara versichert, dass es ihnen gelungen ist, dies zu dokumentieren und anzuzeigen
Lara Salceda bedauert, dass in der Gesellschaft von Ceuta rassistische Stimmungen und fehlgeleitete Verbitterung stark zunehmen. „Es gibt viele Falschmeldungen über unsere Arbeit. Alle humanitären Helfer werden unter Druck gesetzt. Viele rechtsgerichtete Menschen in Ceuta wenden sich nun gegen diejenigen, die Hilfe leisten. Mittlerweile setzt sich die Logik durch, dass wir, die wir humanitäre Hilfe leisten, an der Lage schuld sind.“ NNK hat ein einminütiges Video mit Bild- und Tonmaterial sowie einem Kommentar veröffentlicht, das die Geschehnisse anprangert, das jedoch in den traditionellen Medien kaum Beachtung fand. Auf die Frage, ob sie Angst habe, antwortet sie mit „nicht besonders“, einfach weil sie sich bewusst ist, dass sie „nichts Falsches“ tut: „Alles, was wir tun, ist absolut legal, es ist eine politische Aktion zur Anprangerung an der Südgrenze Europas. Unsere einzigen Waffen sind Couscous, Reis und Gerichtsakten. Die Faschisten werden nicht durchkommen.“
Vor August
Salceda erinnert sich, als sie Anfang Juni in Ceuta ankam, funktionierte das internationale Schutzsystem: Die Menschen passierten die erste Sicherheitskontrolle und kamen nach der Triage durch das Rote Kreuz ins CETI“ (Centros de Estancia Temporal de Inmigrantes en España / Zentren für die vorübergehende Unterbringung von Migranten in Spanien). Zwar kommen im Sommer in der Regel mehr Menschen schwimmend an, doch waren die Ankünfte „spärlich“. Sie erklärt, dass sich die Lage bereits vor dem Urteil des Obersten Gerichtshofs gegen die „Sofortabschiebungen“ von Schwimmern geändert habe, was nach Ansicht der Minister einer der Auslöser für die Ereignisse Ende Juli war. Salceda nennt den 12. Juni als entscheidendes Datum, an dem die Rechtsänderung durch den sogenannten Migrationspakt der Europäischen Kommission in Kraft trat. „Meiner Meinung nach war das beschleunigte Verfahren noch nicht vorbereitet, da kam es zu einer gewissen Verwirrung, die sich jedoch im Rahmen des Normalen bewegte. Zumindest waren ein Schlafplatz, die Möglichkeit zur Körperpflege und drei Mahlzeiten am Tag gewährleistet.“
„Wir haben beobachtet, als das Urteil des Obersten Gerichtshofs veröffentlicht wurde, kamen viel mehr Menschen an. Etwa eine Woche vor dem 30. Juli drängten sich bereits viele Menschen vor dem CETI, die Kapazität war erschöpft und die Menschen warteten am Hang, da das Zentrum auf einer Anhöhe liegt. Es gab viele Verletzte, weil manche vier Stunden und andere sogar acht Stunden schwimmen, um hierher zu gelangen, und uns erzählen, dass sie viele Vogelstiche haben“, erklärt sie.
Der 30. Juli: „unbeschreiblich“
Was er am 30. Juli gesehen hat, bezeichnet er als „unglaublichen Wahnsinn“: „Mir fehlen die Worte, es war unbeschreiblich. Unzählige Menschen überquerten die Meerenge. Wir füllten das Auto mit Wasser und Akkus zum Aufladen von Handys, begannen, allen zu helfen, die aus dem Wasser kamen – alle wollten zum CETI gelangen, die Kleinen suchten das Jugendzentrum. Wir standen am Kreisverkehr und versuchten, unsere Handys zu verleihen und ihnen Wasser zu geben, denn sie wollten ihren Familien mitteilen, dass sie lebend angekommen waren. Es war chaotisch.“
Auch wenn viele politische Führungskräfte und Analysten von einer vorsätzlichen und organisierten Aktion sprechen, ist Salceda der Ansicht, dass „es viel spontaner war, als man denkt. Zwar gibt es an den Grenzen immer kriminelle Banden, doch wir sahen viele Menschen, die darin eine Chance sahen, da man am Deich das Herunterklettern erlaubte – und tatsächlich blieben auf der marokkanischen Seite viele verlassene Autos zurück. Es waren Menschen, die kamen, um ein neues Leben zu versuchen, ohne großen Plan.“
ANMERKUNGEN:
(*) „Minderjährige sind in Ceuta Opfer von Gewalt durch Polizei, Militär und paramilitärische Kräfte“ (Original: „Los menores están sufriendo violencia policial, militar y parapolicial en Ceuta“, Tageszeitung Gara, 2026-09-02 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Flucht nach Ceuta (elmundo)
(2) Lara Salcedo, NGO NNK (naiz)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-09-02)
