ftur1Franquisten-Propaganda 1938

Am 18. Juni 1937 floh die baskische Regierung aus Bilbao, am Tag darauf zogen die Faschisten in die Stadt. Damit war im Baskenland der Krieg zu Ende. Andernorts zogen sich die Schlachten noch bis April 1939. Bereits vor Kriegsende, am 1. Juli 1938, wurden von den Faschisten die “Kriegsrouten“ ins Leben gerufen, planmäßige Fahrten in “prächtigen Reisebussen“, die es den Besuchern ermöglichen sollten, “die noch brennenden Spuren“ des Konflikts im Baskenland, in Kantabrien und in Asturien zu sehen.

Ein Jahr nach der Eroberung des Baskenlandes und Asturiens im Spanienkrieg begannen die Franquisten 1938 in den eben besetzten Regionen aus Propaganda-Gründen mit einem zynischen Kriegs-Tourismus, für spanische und ausländische Interessierte.

Die Vorstellung, dass ein Jahr nach dem verheerenden Bombenangriff Gernika von kriegslüsternen Tourist*innen und Reporter*innen besucht wurde, angezogen von den Zerstörungen, die der noch andauernde Krieg im Stadtzentrum hinterlassen hatte, erscheint schockierend und zynisch. Doch die Tatsache, dass diese Touristen von den franquistischen Behörden selbst in Bussen angekarrt wurden, obwohl es ihre deutschen und italienischen Verbündeten waren, die die Stadt dem Erdboden gleichgemacht hatten, steigert diesen Zynismus auf ein fast unvorstellbares Maß.

ftur2Dennoch war es eine Tatsache. Am 1. Juli 1938, als die Kämpfe an anderen Fronten noch andauerten, wurde die so genannte “nördliche Kriegsroute“ in Betrieb genommen, eine Route, die über Reisebüros verkauft wurde und es Besuchern ermöglichte, fast die gesamte kantabrische Küste von Irun bis Oviedo zu bereisen. Es handelte sich um ein bahnbrechendes Beispiel für “makabren Tourismus“, auf das die Putschisten selbst enorm stolz waren: “Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass ein Land mitten im Krieg zwei große Touristen-Routen eröffnet“, prahlte Innenminister Ramón Serrano Suñer, gleichzeitig Francos Schwager, in Bezug auf diese Initiative und eine weitere, die später in Andalusien stattfand.

Der Mann, der diese makabre Idee in die Tat umsetzte, war Luis Antonio Bolín, der Mann, der 1936 das Flugzeug “Dragon Rapide“ gemietet hatte, um den künftigen Diktator von den Kanarischen Inseln nach Tetuan in Marokko zu bringen und den Staatsstreich einzuleiten. Bolín leitete später den ausländischen Pressedienst der “nationalen“ Seite und spielte eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung ihrer offiziellen Darstellung, die den Krieg als Kreuzzug und als neue Rückeroberung darstellte.

Später, als Leiter des Nationalen Tourismus-Dienstes mit Sitz in San Sebastián, förderte er die Kriegsrouten, die mehrere Ziele verfolgten: zum einen die Beschaffung der begehrten Devisen, zum anderen die Vermittlung des Bildes eines stabilen und legitimen Regimes, und schließlich die Nutzung der Routen für die Verbreitung seiner Propaganda. Dabei wurden der legitimen republikanischen Regierung und den Kräften, die sie verteidigten, alle denkbaren Übel angelastet. Der Publizist Serrano Suñer versprach, dass sich die Teilnehmer der Expeditionen “persönlich von der Ruhe und Ordnung“ überzeugen und “die noch schwelenden Spuren eines der größten Epen der Geschichte“ sehen könnten. Auf den Titelseiten der Presse fiel der Beginn der “Tourneen“ mit den neuesten Nachrichten von der Front in Castellón zusammen.

Auch die Republikaner luden bekannte Persönlichkeiten ein, um ihre Sichtweise des Konflikts darzulegen. Aber im Gegensatz zu diesen eher punktuellen Einladungen waren die Routen der Faschisten ein erklärtes touristisches und kommerzielles Projekt, mit Abfahrten alle zwei Tage. Die Tickets wurden über Reisebüros verkauft, und obwohl die Routen in erster Linie für andere Länder konzipiert worden war, standen sie auch Spaniern offen. Die Presse veröffentlichte die Anzeigen der Agentur Cafranga (mit einem Büro an der Gran Vía in Bilbao), die das Produkt “für 400 Peseten“ anbot, während Ausländer neun Pfund Sterling oder den Gegenwert in ihrer Landeswährung bezahlten.

ftur3Beiden Gruppen stand eine neun-tägige Reise an Bord von “prächtigen Bussen“ bevor, bei denen es sich um zwanzig von Chrysler gekaufte amerikanische Schulbusse handelte. Die Hotels auf der Strecke durch die Provinz Bizkaia waren das Carlton (das bis zum Fall von Bilbao als Sitz der baskischen Regierung gedient hatte) und das Torróntegui. Beworben wurden die Touren mit einer reißerischen Broschüre in einer Auflage von mehr als 100.000 Exemplaren in sechs Sprachen Darin wurden Landschaften, typische Bilder und Fotos aus dem Krieg dokumentiert, darunter ein schreckliches Bild von zerstörten Gebäuden in Zornotza (span: Amorebieta), sowie Porträts von Franco und anderen Putschisten wie Mola und Juan Vigón. “Das nationale Spanien lädt Sie ein, die nördliche Kriegsroute zu besuchen“, verkündete die Schlagzeile, die dem Sammelsurium vorangestellt war.

Sandie Holguín, Hispanistin an der Universität von Oklahoma, ist Autorin einer umfassenden Studie dieser Routen. Die speziellen, polyglotten Routen-Führer sollten zusammen mit Fakten und Fiktion “die internationale Gemeinschaft davon überzeugen, dass die ‘Nationalen‘ den Krieg aus guten Gründen begonnen hatten“.

Die ausländischen Touristen erledigten die Grenz-Formalitäten in einem Hotel in Hondarribia, die “Tour“ begann dann in der Nachbar- und ebenfalls Grenzstadt Irun. In Donostia (San Sebastián) wurde übernachtet in den Hotels María Cristina, Continental und Londres. Die Route führte über Eibar und Durango nach Bizkaia, wobei die Durchfahrt durch Gernika für den Rückweg reserviert war. Auf einem Bild sind Wanderer zu sehen, die Eibar besuchten, eine der baskischen Städte, die am stärksten von den faschistischen Bombenangriffen betroffen waren – wie auch im Fall von Gernika wurde die Zerstörung im Reiseführer den “Roten“ zugeschrieben.

Gernika war zu jener Zeit auch im Ausland ein bekannter Name. Die Reisebusse sollten auf dem Rückweg nach Irun dort Halt machen. Natürlich wurde den Passagieren die franquistische Version der Ereignisse erklärt, die die Zerstörung von Gernika auf die Brände zurückführte, die von den “roten separatistischen Barbaren“ gelegt worden waren, so der übliche Jargon der Franquisten, wobei sie den realen Ausnahmefall der Ereignisse in Irun nutzten. Den Reise-Organisatoren kam es sehr gelegen, in Irun zu beginnen, wo baskische Milizen im September 1936 auf ihrem Rückzug die Politik der verbrannten Erde betrieben und Dutzende von Gebäuden in Brand gesetzt hatten. Von da an wurden alle Exzesse den “Roten“ zugeschrieben, darunter auch die Zerstörung von Eibar, Gernika, Zornotza und Durango, die als Konsequenz von Bränden dargestellt wurden und nicht von faschistischen Bombenangriffen.

In Bilbao kamen sie wieder zur Wahrheit zurück, indem sie von den Massakern auf den Gefängnis-Schiffen und den Angriff auf das Provinz-Gefängnis berichteten. Bolín selbst beschrieb in einem Interview die Meilensteine der baskischen Etappe: Irun als “erster Meilenstein der Barbarei der Separatisten“, die “roten Flecken“ von Eibar und Durango (wo “das Feuer seine Spuren hinterließ“), der Eiserne Gürtel von Bilbao als “ein Ort von höchstem Interesse“ und auf der Rückreise das emblematische Gernika. Das alles zu einem “unglaublichen Preis“, wie betont wurde.

ftur4Die Ausflügler durften keine Kameras mit sich führen, aber der Nationale Tourismus-Dienst dokumentierte die Fahrten mit Fotos, die in der National-Bibliothek aufbewahrt werden und die heute grausam und grotesk wirken. Auf einem Foto ist einer der Routen-Busse am Plaza Moyua zu sehen, nur wenige Meter vom Carlton entfernt, einem der beiden Hotels, in denen die Touristen untergebracht wurden. Hier nutzten sie die Gelegenheit, von den Massakern in Larrinaga und auf den Schiffen zu berichten, bei denen 1937 im Januar nach einem der vielen faschistischen Luftangriffe 224 Gefangene von einer wütenden Menschen-Menge gelyncht wurden. Bei den Opfern handelte es sich um eingesperrte Putsch-Sympathisanten.

Der Besuch des so genannten “Eisernen Gürtels“ (Cinturón de Hierro, einem Schutzwall zur Verteidigung von Bilbao) wurde von den Organisatoren als “sehr interessant“ bezeichnet. Das Gebiet Gaztelumendi bei Larrabetzu, wo es Francos Truppen am 12. Juni 1937 gelang, die Verteidigungs-Linie zu durchbrechen, wurde bei den Schilderungen besonders hervorgehoben. Dort stand bis 2017 ein franquistisches Monument. Es ist der Ort, an dem sich eine Gruppe von Touristinnen und Touristen beim faschistischen Gruß fotografieren ließ, was die These untermauert, dass viele der Teilnehmer ebenfalls Faschisten waren.

Allerdings ist nur wenig über diese “Touristen“ bekannt. “Es waren Leute, die dem Franquismus nahestanden. Es waren Ultrarechte, sehr katholisch, auf dem Kreuzzug gegen Kommunismus und Anarchismus, oder Faschisten-Freunde. Für ausländische Touristen waren die Reisen relativ billig, dabei spielte die Ideologie der Klient*innen eine wichtige Rolle. Abgesehen vom touristischen Aspekt hatten diese Reisen zweifellos auch einen propagandistischen Aspekt für rechte Aktivisten. Historischer Hintergrund war ein Kontext des Zusammenbruchs verschiedener demokratischer Gesellschaften in den 1930er Jahren“, erklärt Carlos Larrinaga, Professor an der Universität von Granada. Er erinnert daran, dass in achtzehn Monaten etwa achttausend Fahrgäste an den planmäßigen Fahrten teilnahmen – an der Nordroute, an einer für Portugiesen bestimmten galicischen Nebenstrecke und später der andalusischen Strecke. Im ersten Bus, der Irun verließ, saßen, wie sich Bolín in seinen Erinnerungen dokumentiert, “vier französische Nonnen und ein linker englischer Journalist“.

Überliefert sind Berichte von Journalist*innen, die die Routen nutzten, um sich aus erster Hand ein Bild von der Situation zu machen – ein unterschiedliches Panorama von Personen. Die britische Journalistin Marie Hodgson beispielsweise hob im “Daily Express“ die Kompetenz der Übersetzer und die niedrigen Preise hervor: “Auf den Gesichtern der Bewohner der Gebiete, in denen der Krieg stattfand, lag ein Lächeln“, stellte sie fest. Der Franzose L. F. Auphan unterstützte in der rechtsextremen Tageszeitung “L'Action Française“ nachdrücklich die These Francos: “Die Anweisungen der sowjetischen Führer wurden genauestens befolgt, die roten Truppen haben dieses Dorf in Brand gesetzt“, sagte er nach seinem Besuch in Gernika.

ftur5Die Professorin Holguín erinnert auch an die Erfahrung eines anderen Engländers, Arthur John Cummings vom News Chronicle. Er wies auf den eklatanten Widerspruch hin zwischen dem, was ihm gesagt wurde, und dem, was er bei seinem Besuch in der Stadt sah. “Immer wieder musste ich mit freundlichem Nachdruck auf die offensichtlichen Zeichen der Bombardierung hinweisen“. Er erlaubte sich sogar eine Ironie über das vermeintlich idyllische neue Spanien: “Ich konnte nicht verstehen, warum 30.000 Basken noch immer ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis saßen und weitere 200.000 aus dem Paradies der Franco-Besatzung hatten fliehen müssen“.

Quellen und Quellenangaben

(*) Sandie Holguín: “Das nationale Spanien lädt Sie ein: Schlachtfeld-Tourismus während des Spanischen Bürgerkriegs“, veröffentlicht bei “American Historical Review“. (*) Carlos Larrínaga Rodríguez: “ Die Kriegsrouten. Propaganda und Tourismus in Francos Spanien während des Bürgerkriegs“ (Las Rutas de Guerra. Propaganda y turismo en la España franquista durante la Guerra Civil), Universität Granada. (*) Eva Concejal López: “Die Kriegsrouten des Nationalen Tourismus-Dienstes 1938-1939“ (Las Rutas de Guerra del Servicio Nacional de Turismo 1938-1939), Spanisches Tourismus-Institut. (*) L. F. Auphan: “ Spanien aus der Sicht eines französischen Reporters. Zehn Tage in dem von Franco eroberten Norden Spaniens“ (España vista por un reporter francés. Diez días en el norte de España conquistado por Franco), Internationale Buchhandlung. (*) Fotos: Marques de Santa María del Villar / Servicio Nacional de Turismo / Biblioteca Nacional de España. (*) “Broschüre: Southworth Sammlung Spanischer Bürgerkrieg“ (Folleto: Southworth Spanish Civil War Collection“, University of California.

ANMERKUNGEN:

(1) “Los turistas que los franquistas traían a Gernika en plena Guerra Civil“ (Die Touristen, die Francos Unterstützer mitten im Bürgerkrieg nach Guernica brachten, Tageszeitung El Correo, Autor: Carlos Benito, 2024-12-01 (LINK)

ABBILDUNGEN

(*) Faschisten-Tourismus (elcorreo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-12-07)

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