Der letzte Kick
Massen-Tourismus ist nicht nur, wenn ein Kreuzfahrtschiff 3.000 Passagiere ausspuckt, die eine Stadt überschwemmen, die Straßen verstopfen und jegliches normale Leben unmöglich machen. Massen-Tourismus ist nicht nur, wenn 100 Reisebusse jede Nische zuparken zwischen Guggenheim-Museum und Altstadt, und die “Aussteiger“ die “Zone“ zum Zoo oder Freilichtmuseum machen. Massen-Tourismus ist auch, wenn zwei ausländische Fußballclubs mit 80.000 Fans ein Finale auf Europa-Ebene in deiner Stadt ausspielen: Bilbao.
Hätten Athletic und La Real das Finale um die Europa-League erreicht, wären die Fans aus Null bis 90 km Entfernung ohne Übernachtung nach Bilbao gekommen, die Hoteliers hätten vor Schmerzen gejault. Weil es aber zwei englische Clubs sind, fallen 80.000 über die Stadt her, mit ungekannten Folgen.
Das Finale der Europa League in Bilbao wird 80.000 englische Besucher anlocken, die Stadt in ein Verkehrschaos verwandeln, den öffentlichen Verkehr zum Stillstand bringen, die Zimmerpreise in die Höhe treiben und der Gastronomie einen historischen Superprofit in die Kassen spülen. Keiner der bisherigen Makro-Events, die sich die Stadt für teures Geld an Land gezogen hat, hatte im Ausland bisher eine derartige Anziehungskraft wie dieses Fußball-Finale. Die Preise für die Anmietung von Wohnungen und Zimmern sind teilweise bis auf 9.900 Euro gestiegen. Dafür wurde der UEFA-Fußball-Verband für den Event von jeglicher Steuerzahlung befreit, Netto-Profit, das ist bei solchen Anlässen mittlerweile üblich, sonst hätte Bilbao nicht den Zuschlag gekriegt. (*)
Weder das Rugby-Champions-Finale noch die MTV-Preisverleihung, beide im Jahr 2018, noch die ersten drei Etappen der Tour de France im Jahr 2023, noch das Rugby-Final-Four haben so viele ausländische Besucher in die Hauptstadt Bizkaias gelockt. Das Finale der Europa League, des dritt-wichtigsten Kicker-Turniers Europas, das am Mittwoch 21. Mai 2025 stattfindet, wird alle bisherigen Rekorde brechen. Das Spiel um den Pokal, aus dem Athletic zwei Wochen zuvor ausgeschieden ist und von dem die rot-weißen Fans in dieser Saison so sehr geträumt hatten, wird 80.000 englische Fans von Manchester United und Tottenham London in die ehemalige Bergbaustadt locken.
Geschätzt wird, dass die Hälfte der englischen Fans einen Tag früher anreisen, ohne Eintrittskarte für das Spiel. Auf gut Glück. "Viele werden mit der Hoffnung anreisen, sich hier ein Ticket zu besorgen. Sie werden wahrscheinlich mit Sponsoren, Verbänden und spezialisierten Reisebüros verhandeln und alle Möglichkeiten ausloten, um ins Stadion zu gelangen", sagt der Präsident eines Reiseveranstalters. Der Geschäftsführer der Vereinigung der Hoteliers von Bizkaia, deren Mitglieder sich auf einen frenetischen Tag vorbereiten, versichert, dass "kein anderes Ereignis" in der Geschichte Bilbaos jemals so viel Interesse geweckt hat. "Die Medienwirkung von MTV mag größer gewesen sein, aber die Menge an Menschen, die dieses Spiel bewegen wird, ist einzigartig. So etwas haben wir in der Stadt noch nie erlebt". Das lässt Schlimmes befürchten. Oder noch Schlimmeres. Rette sich wer kann.
"Die saufen und zahlen mehr"
Die Tourismus-Geschäftemacher spekulieren mit dem Charakter der englischen Fans. "Sie haben eine hohe Kaufkraft, geben mehr Geld aus und trinken mehr als die anderen", träumt der Eigentümer von vier Lokalen der gehobenen Klasse. Das Ausmaß des Ereignisses hat in der lokalen Hotelbranche einen Tsunami ausgelöst. Die Zimmer für den 20. und 21. des Monats sind so gut wie ausverkauft, schon seit mehreren Monaten. "Es gibt kaum noch verfügbare Zimmer. Hotels wie das Ercilla haben nur noch wenige freie Zimmer, und diese wenigen müssen mit Gold bezahlt werden”, zwischen 1.417 und 1.612 Euro, ein Vielfaches der Normalpreise. Die verrückten und wohlhabenden Fans sind bereit, alles zu zahlen, um sich in eine Spirale des Wahnsinns zu stürzen. Das Gleiche gilt für die Luxusunterkünfte (Carlton, Artist und Meliá), die bis auf den letzten Platz ausgebucht sind. Und natürlich auch die einfacheren Unterkünfte, die zuerst weg waren.
Trotz etwas mehr als 5.000 Zimmern und einer Kapazität von fast 15.000 Betten ist das in den vergangenen Jahren stark gewachsene Hotelangebot in Bilbao zu klein geworden, so dass viele Fans gezwungen sind, sich eine Unterkunft in Vitoria-Gasteiz, Donostia (San Sebastian), Santander oder Miarritze (Biarritz) zu suchen. Zwei Beispiele: Die kantabrische Hauptstadt ist ausverkauft, in der Hauptstadt von Araba lag die Belegungsrate schon vor einer Woche bei 97%. Andere Besucher suchen nach Angeboten in Kleinstädten wie Gordexola oder an der Küste, in Gorliz, Plentzia und Bakio.
Engländer abzocken
1.088 Euro war vergangene Woche der Preis für ein Flug-Ticket zwischen London und Bilbao mit Easyjet für einen Flug am 20. Mai. Für den 21. Mai, den Spieltag, gibt es keine Tickets mehr. 5.100 Euro: Zu diesem Preis wurden gestern auf einem Buchungsportal zwei Nächte für zwei Personen in einem 3-Sterne-Hotel im Zentrum von Bilbao angeboten. 6.400 Euro pro Nacht kostet eine der auf Airbnb angebotenen Wohnungen mit dem Hinweis "ideal für das EL-Finale". Zu welchem Preis? Zu einem Preis, der noch nie zuvor gezahlt wurde. Der Reiseveranstalter räumt ein, dass die Preise aufgrund der überwältigenden Nachfrage gestiegen sind, weist aber zurück, dass die Erhöhungen zwischen 80 und 100 % schwanken. Der Schelm hat recht, teilweise sind sie fünf oder zehn Mal so hoch wie üblich, also 500 oder 1.000%.
Ein Blick auf die bekannteste Suchmaschine der Welt (Fucking) zeigt dann auch, dass die Preise auf das Siebenfache der üblichen Preise gestiegen sind (plus 700%). In Bilbao und darüber hinaus. Im bekanntesten Hotel in Portugalete (12 km von Bilbao entfernt) kostet eine Nacht für zwei Erwachsene und ein Kind 7.600 Euro, so viel haben viele Bewohner*innen Bilbaos im ganzen Jahr nicht zum Leben. Das von der Blinden-Lotterie ONCE geführte Hotel hat seine Preise von 6.000 auf 4.800 gesenkt und das Hesperia von 4.656 auf 4.190 (die müssen verrückt sein). Im kürzlich eröffneten Hotel in der Calle Bidebarrieta, das als Herberge betrieben wird, haben die Kunden für das Super-Deluxe-Zimmer "mit Balkon, aber ohne Frühstück" 4.040 Euro bezahlt, 400 weniger als ursprünglich erwartet. Die Übernachtung im Sirimiri, einem diskreten Hotel in Atxuri, neben dem Herzen der Altstadt, kostet 1.150 Euro pro Nacht.
Die Hotel- und Pensions-Unternehmen machen das Geschäft ihres Lebens. Bisher unvorstellbare Preiserhöhungen, nicht nur bei den Sterne-Hotels, auch in den unteren Preisklassen. So manche Pension kostet mehr als sonst die Edelhotels. Hostels und Jugendherbergen mit üblichen Preisen von 20 Euro verlangen dieser Tage dreistellige Beträge, bis zu 850 Euro! "Hallo, ich suche eine Unterkunft für die Nacht des Europa League Finales, zwei Betten für ein Paar". - "Wir haben zwei freie Etagenbetten in einem Mehrbett-Zimmer für sechs Personen mit eigenem Bad für je 586,5 Euro." - "Und in einem kleineren Zimmer?" - "Ein gemischtes Vierbett-Zimmer kostet 776,05 Euro pro Person." Das sind die Aussichten für Besucher aus Manchester und London, die das Endspiel in Bilbao sehen wollen.
Ganz auf der Linie der Wahnsinns-Preise folgt die Pensión Vista Alegre, deren Zimmer üblicherweise bei 65 Euro liegt, am 21. Mai jedoch auf den astronomischen Preis von 3.600 Euro steigt für jene, die sich nach dem Alkohol-Koma noch ein paar Stunden aufs Ohr legen oder unters Bett kotzen wollen. Alles ist außer Kontrolle geraten. Auch die Unterkünfte über die Plattform Airbnb: eine Zweizimmer-Wohnung beim Alhóndiga-Kulturzentrum für 9.900 Euro, eine weitere in der Calle Pérez Galdós für 8.050 Euro. Die Erpresser-Preise gelten für fast alle Teile Bizkaias, auch Barakaldo bleibt nicht verschont, Wohnungen werden für 9.513 Euro pro Nacht angeboten. Und die Miete für ein Einzelzimmer in einem Haus in der Nähe von San Mamés liegt bei über tausend Euro. Das ist die Europa League, mit Preisen der Champions League.
"850 Euro für eine Koje." Die Unterkunft ist kein Hotel mit vielen Sternen, auch wenn es vom Preis her so aussieht, sondern eine Herberge mit Mehrbett-Zimmern und Etagenbetten. Neu und zentrale Lage, nur wenige Meter von der Gran Vía entfernt, eine Viertelstunde zu Fuß vom Stadion. In der Nacht nach dem Spiel am kommenden Mittwoch kostet das Etagenbett, das jetzt für 850 Euro feil geboten wird, nur noch 93,5 Euro. Eine Woche nach dem Endspiel kostet dasselbe Bett 29,92 Euro, der übliche Preis für diese Art von Unterkunft. Das Beispiel illustriert anschaulich die unverschämten Preise. Das Thema spaltet die Meinungen in zwei Lager. Die einen verteidigen die Preiserhöhung mit dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, wie es sich für gestandene Kapitalisten gehört. Die anderen sind der Meinung, dass diese Tarife einen Missbrauch darstellen und dem Image der Stadt schaden. Sogar Hoteliers sind unterschiedlicher Meinung. Abgesehen von der Debatte, ob es moralisch vertretbar ist, in zwei Tagen ein Vermögen zu verdienen – mit einem Budget von “nur” 500 Euro kommt hier niemand auf die Matratze. Nicht einmal in Herbergen: Ein Etagenbett in Zabalburu für 500 Euro pro Kopf: Zwei Betten in einem 8P-Zimmer über eine Plattform 1.059. Der billigste Volltreffer in der Zumalakarregi-Straße: 498 Euro für zwei Etagenbetten in einem Zimmer für zehn Personen, 25 QM, also 2,5 QM für jeden "Mieter".
Durchhalte-Programm
Um so viele Fans bei Laune zu halten, nachdem sie dermaßen abgezockt wurden, braucht es Ablenkung, an dieser Stelle tritt die UEFA auf den Plan und hat für die beiden kritischen Tage das für solche Anlässe übliche kommerzielle Aufgebot vorbereitet. Bilbao wird sich in einen Supermarkt unter freiem Himmel für Besäufnisse und billige Spiele verwandeln. “Fan-Zone“ ist das Zauberwort, die Begleitungs-Schwadronen von Tottenham Hotspur und Manchester United werden fein säuberlich getrennt, um die hübsche Guggenheim-Stadt nicht zum Kriegsschauplatz werden zu lassen. Fan-Zonen mit Essens- und Getränkeständen, improvisierten Outdoor-Spielen für Kinder, um die durchkommerzialisierte Fußball-Atmosphäre zu genießen, dazu Konzerte und natürlich ein offizieller Shop, in dem die Fans T-Shirts, Sweatshirts, Schals und andere Erinnerungsstücke gekauft werden können, als ob diese people nicht schon genug geschröpft worden wären. Doch bekanntlich ist jeder seines eigenen Glückes Schmid, wer sollte auch auf die hirnrissige Idee kommen, ausgerechnet am 21. Mai Bilbao zu besuchen.
Einen dritten “UEFA-Aufenthaltsort“ wird es geben, zwischen Theater und Rathaus. Es überrascht, dass dort nicht auch noch Eintritt kassiert wird. Die UEFA lädt alle Fans, ob Engländer oder Basken, ein, diese alkohol-geschwängerte Atmosphäre zu genießen. Diese Fan-Zone wird als "neutrale Zone" klassifiziert – denn die Schwadronen der beiden Teams werden ihre eigenen Konzentrationslager im Amezola- und im Etxebarria-Park haben. Attraktion ist ein Freundschaftsspiel zwischen baskischen Fußball-Legenden und pensionierten Stars aus verschiedenen europäischen Vereinen.
Das Angebot lässt sich schnell zusammenfassen: die Trophäe der Europa League wird in einem Glasfenster ausgestellt, Fans können sich dort fotografieren lassen und dafür blechen, ein kunstvolles Wandgemälde mit den Trikots der Finalisten, ein riesiger Pokal, Geschicklichkeits-Spiele mit dem Ball für die Jüngsten und die Ältesten, Konzerte mit DJs, Bands und Live-Unterhaltung, auch etwas Folklore: Ausstellungen zu baskischer Kultur und baskischem Sport. Und natürlich fressen, saufen ... Es wird nicht nur Hamburger oder Hot Dogs geben, sondern auch typische Produkte wie Talo oder die in der Stadt (unter Touristen) so beliebten Pintxos. Ein echtes kulturelles Highlight für so viel dumpfes Volk – wie so oft: Perlen vor die Säue.
Der Coup
... ist nicht nur der Titel eines unterhaltsamen Films mit Redford und Newman, sondern auch die Kapitalisten-Masche, in möglichst kürzester Zeit möglichst viel Geld zu machen. "Die Hoteliers von Bilbao machen sich über uns lustig", empören sich englische Fans Tage vor dem Ernstfall. "Das sind Preise für die Reichen!” Vielleicht der einzige Punkt, an dem sich die Fans von Tottenham und Manchester United einig sind. Sollten sich etwa auch arme Engländer auf den Weg gemacht haben? “Sie missbrauchen die Loyalität und die Leidenschaft der Fans, die ihren Mannschaften folgen" – Klagen in der Sensationspresse angesichts der unverschämten Preise allerorten, UEFA eingeschlossen. “Das müsste für illegal erklärt werden”, meinen ein paar englische Fans in einem Anflug von Moralität im Fußball. Aber nicht doch, muss die Antwort lauten: der Kapitalismus ist die Grundlage und kann nie und nimmer für illegal erklärt werden. (Marx lesen, auch wenns schwer fällt).
Die bürgerliche Presse im Baskenland rechnet genüsslich die astronomischen Preis-Steigerungen für Unterkünfte vor. Bis zu Tausendfach. Offen bleibt, ob die Darstellung einen Dolchstoß gegenüber den Kriegsgewinnlern darstellt, oder ob es gegen die Engländer geht, die in ihrer fanatischen Dummheit diese Preise auch noch zahlen. Die baskische Regierung vertritt jedenfalls hartnäckig das Recht auf Preis-Definition in jeglicher Form und Höhe, es lebe der Kapitalismus.
Einige unzufriedene Fans haben sich in feinstem englischen Humor bereits erkundigt, ob es sonderlich gefährlich wäre, auf der Straße zu übernachten. Antwort von neutraler Seite: Kommt drauf an, wie betrunken ihr euch auf die Parkbank legt. Worauf die englischen Besucher*innen noch nicht gekommen sind, ist die uralte baskische Tradition des Gaupasa, die jedes Wochenende von Zehntausenden Jugendlichen praktiziert wird: die Nacht durchsaufen und durchmachen – mit dieser Strategie könnten in diesem sportlichen Extremfall Tausende von Euros gespart werden. Die baskische Jugend ist sich ihres kulturellen Reichtums gar nicht ausreichend bewusst!
Ein Engländer in Bilbao
Ein traditionelles Lied in der Bizkaia-Hauptstadt trägt den Titel “Ein Engländer kam nach Bilbao” (Un inglés vino a Bilbao) – mit einem Mal bekoommt der Song einen ganz neuen Sinn. Englische Arbeiter und Ingenieure waren es, die die Industrialisierung in Bilbao mit ihrer Erfahrung auf die Beine gebracht haben. Dass “die Basken” so undankbar sein können, verwirrt sogar die BBC, die sich deshalb an einen vertrauten Baskenland-Spezialisten gewandt haben, einen “Reiseexperten”, der behauptet, bei seinen Reisen über Jahrzehnte hinweg nie mehr als 150 bis 200 Pfund bezahlt zu haben, London-Bilbao, hin und zurück. Des Experten praktische Tipps: 1. Über Basel nach Biarritz fliegen, das sei ebenfalls schon Baskenland, danach drei Züge zur Endstation Sehnsucht. 2. Der Eurostar-Zug, der den Ärmelkanal unterquert, für 110 Pfund, aber nur bis Paris, dann für weitere 75 Pfund nach nach Hendaia, und drei weitere Züge bis Bilbao (von Sankt Petersburg mit der Trans-Sib nach Wladiwostok zu kommen ist einfacher). 3. Die altbewährte Fähre, die sonntags in Portsmouth ablegt, 200 Pfund kostet und dienstags in Santurtzi ankommt, allerdings ohne Schlafkabinen, also doch Gaupasa. Fazit: Der Experte verdient seinen Titel nicht. Die Fans wollen Fußball sehen und keine Weltreise machen. Bleiben also doch nur die teuren Flüge und eine Eintrittskarte im Wiederverkauf, die billigsten Tickets bei rund 1.000, die teuersten bei über 4.500 Euro. Dabei sein ist alles, dabei sein ist teuer.
Rette sich, wer kann
"Wieder einmal wird der öffentliche Nahverkehr unterbrochen, Straßen werden gesperrt, der Verkehr wird umgeleitet, für einen Akt, der viel Geld in die Hände der üblichen Verdächtigen spült: große Hotelketten und das Tourismus- und Gaststätten-Gewerbe. Bleibt die Feststellung, dass es sich dabei um hochgradig prekäre Sektoren handelt, deren Profite nicht an die Belegschaft weitergegeben werden. Eine neue Schweinerei in der immer länger werdenden Liste … Basketball-WM, Tour de France, MTV, World Series Autorennen, Kobeta-Rock-Festival ..." schreibt die Föderation der Nachbarschafts-Vereinigungen in Bilbao. Begeisterung klingt anders. Eine Erlaubnis für das geplante Chaos zu bekommen ist die einfachste Sache der Welt - wenn es hingegen darum geht, ein Festzelt für eine Stadtteil-Fiesta aufzustellen, erfinden die Behörden jede erdenkliche Schikane. Das ist Bilbao: Alles für die zahlungskräftigen Auswärtigen, nichts für die eigenen Leute.
Das Zentrum der Stadt Bilbao wird in diesen Tagen unzumutbar sein. Es mag überraschen, aber in dieser Stadt gehen viele Menschen immer noch einer geregelten Arbeit nach, die nichts mit Fußball zu tun hat. Sie wollen zum Einkaufen gehen, müssen zur Meldebehörde oder wollen ihre Kinder zur Schule bringen, oder sind als Klein-Unternehmer mit einem smarten Bulli unterwegs zu Kunden. All das kann getrost abgehakt werden, sagt die für Tourismus zuständige Stadträtin. Denn: Bis zu 700 Busse mit englischen Fans werden am Tag des Endspiels in Bilbao eintreffen. Der Flughafen Loiu wird in drei Tagen 514 Flüge erleben, Dutzende davon werden nach Santander und Vitoria-Gasteiz umgeleitet (mit den entsprechenden Transfers). 100 davon sind reguläre Flüge, Charter oder Privatjets, die direkt zwischen Manchester / London und Bilbao verkehren. Mit Tickets zu stratosphärischen Preisen, 3.194 Euro kassiert British Airways für einen Hin- und Rückflug in der Business Class. Es wird eine der gewaltigsten Luftbrücken der Fußball-Geschichte. In der Not werden alle unmöglichen Wege gesucht: weil Bilbao direkt unmöglich geworden ist, kommt jeder Umweg in Frage, Hauptsache es klingt spanisch. Um sich eine Vorstellung vom Wahnsinn der indirekten Landung zu machen: für diese drei Tage sind die wichtigsten Verbindungen auf der Halbinsel (Madrid, Barcelona, Alicante, Malaga, Mallorca und Ibiza) ausverkauft. Einmalig. Bilbao ist endlich der Nabel der Welt. Wie es sich die Guggenheim-Macher schon immer gewünscht haben. Für die bedauernswerten Normal-Bewohner*innen der Stadt bleibt nur: im Keller einsperren oder nichts wie weg hier!
Am 22. Mai wird der Spuk vorbei sein, im Wesentlichen jedenfalls. Nicht alle Profiteure werden auf ihre alten Preise zurückkehren. Für investitionsbereite Beobachter und Geierfonds wird Bilbao zum immer interessanteren Standort (hier eine Immobilie, dort ein Hotelchen), für die Zurückgebliebenen wird das Leben von Event zu Event teurer, auch ohne Hotelaufenthalt. Vorbei bis zum nächsten Makro-Event, der bereits in den Schubladen des Bürgermeisters liegt. Die Fußball-WM 2030 soll auf jeden Fall in Bilbao Station machen. Und für die paar Jahre dazwischen wird den Verantwortungslosen sicher auch noch etwas einfallen.
ANMERKUNGEN:
(*) Die Daten und Zahlen stammen aus der Lokalpresse der vergangenen Woche.
ABBILDUNGEN:
(*) EL-Finale Bilbao (FAT)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-05-20)
