fittko1Lisa Fittko im Widerstand 1940/41

In ihrem autobiografischen Werk “Mein Weg über die Pyrenäen“ beschreibt die jüdische Widerstands-Kämpferin Lisa Fittko eine Lebensetappe im Kampf gegen die Nazis, die im Mai 1940 einen Teil Frankreichs besetzt hatten. Von Paris ins baskische KZ Gurs gesteckt folgt eine Odyssee durch die Pyrenäen bis Banyols und Marseille. Lisa und Ehemann Hans unterbrechen ihre eigene Rettung, um Nazi-Verfolgte über die spanische Grenze in Sicherheit zu bringen. Über Portugal gelangen sie nach Kuba und in die USA.

Lisa Fittko (1909 Österreich-Ungarn / 2005 Chicago, USA) war eine Widerstands-Kämpferin gegen die nationalsozialistische Diktatur und im Zweiten Weltkrieg, zusammen mit ihrem Mann Hans Fluchthelferin über die Pyrenäen.

Bekannt wurde die als Elisabeth Ekstein geborene Lisa Fittko durch ihre autobiografischen Veröffentlichungen über die Zeit der Weimarer Republik und das politische Exil in der Tschechoslowakei, der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich. “Mein Weg über die Pyrenäen, Erinnerungen 1940/41“ (Hanser, München 1985) wurde in viele Sprachen übersetzt. In der Netflix-Serie Transatlantic spielt sie eine tragende Rolle, darin geht es um ihre Rolle als Fluchthelferin des Philosophen Walter Benjamin, den sie aus ihrem Pariser Exil flüchtig kannte. (1) (2)

Lisa Fittkos Buch beschreibt – wie der Titel sagt – die Jahre 1940 und 1941, das Exil, die Repressalien, Lager-Aufenthalte, Fluchten zwischen Paris und Marseille. Fernab der faschistischen Wirklichkeit in Deutschland und der Kriegsschauplätze. Die Flüchtlinge sind mit nichts als sich selbst und ihren wenigen Möglichkeiten beschäftigt, ihre Kenntnis der Vorgänge in der Welt sind beschränkt. Dieses Inseldasein irritiert beim Lesen von Lisa Fittkos Buch. Wir erfahren nichts über die Geschichte von Lisa und Hans Fittko, ihre politische Vergangenheit, nur eben: verfolgt. So schlittert die Geschichte vor sich hin, von einem Ort zum nächsten, von einer Enttäuschung zur nächsten, vieles bleibt ohne historischen Zusammenhang. Aus der Sicht der beschriebenen Akteur*innen ist dies real, doch zum Gesamt-Verständnis des Buches und seiner Autorin stellt es ein Manko dar. Die Rezension beginnt aus diesem Grund mit biografischer Information.

Lisas Leben

fittko2Lisa Fittko verbrachte ihre Kindheit in Budapest und Wien (1909–1920). Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges in Budapest, wo ihr Vater Direktor einer Möbelfabrik war. Aus wirtschaftlichen Gründen wandte er sich in Wien dem Journalismus zu und wurde Herausgeber der fortschrittlichen Zeitung “Die Wage“, die mehrfach verboten wurde und nach seinem Eintritt in die KPÖ “Revolutionäre Zeitschrift“ hieß. Die unterernährte Lisa wurde in die Niederlande in Pflege geschickt.

Von 1920 bis 1933 lebte die Familie Ekstein in Berlin, wo der Vater eine Stellung bei der Sowjetischen Handelsvertretung erhielt. Nach vielen Schul- und Ortswechseln fiel es Lisa schwer, sich einzuleben. Sie begann früh, sich zu politisieren, zunächst im Sozialistischen Schülerbund, dann 1924 im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und 1928 in der KPD. Nach dem Besuch einer Handelsschule und einem Sprachkurs in Paris arbeitete sie bei der Roten Hilfe.

Wegen der Teilnahme an illegalen Demonstrationen von Abschiebung bedroht, heiratete sie 1932 zum Schein einen Kommunisten und erhielt so die deutsche Staatsbürgerschaft. Um der Verfolgung zu entgehen, musste sie in den Untergrund und versteckte sich bis September 1933, als die KPD ihren Einsatz in Prag anordnete, da der Aufenthalt in Berlin zu gefährlich wurde. Auch ihre Eltern verließen Deutschland wegen der immer stärker werdenden anti-jüdischen Repressalien im März 1933.

Lisa Fittkos Odyssee führte von Berlin nach Prag und weiter nach Basel und Amsterdam (1933–1937). In Prag wurde sie mit Frauen- und Jugendarbeit unter kommunistischen Emigranten beauftragt, dabei lernte sie John Heartfield kennen, sowie ihren späteren Ehemann Hans Fittko. Der kam ebenfalls aus Berlin, war KPD-Journalist und schmuggelte fortan Flugblätter, Zeitungen, Flüchtlinge, Kassiber und Instrukteure über die Grenze. Nach seiner kurzzeitigen Verhaftung wurde er nach Basel beordert, Lisa folgte ihm.

Mit Beginn des Spanienkriegs im Juli 1936 hätte Lisa sich gern den Internationalen Brigaden angeschlossen. Doch die Partei versetzte Hans Fittko nach Amsterdam, wo er nicht lange blieb, denn er wurde im August 1937 offiziell aus der KPD ausgeschlossen “wegen Verbindung mit Parteifeinden.“ Fittko bestritt zwar die Vorwürfe, verzichtete aber auf Revision, aus Angst, von Stalinisten gestellt zu werden. Lisa hingegen wurde von der “Kader-Überprüfungs-Kommission“ scharfen Verhören unterzogen. Danach war auch für sie die Zeit in der Partei zu Ende.

Seit 1938 lebten die Fittkos in Paris, wo sie auch Lisas Eltern und ihren Bruder Hans wiedertrafen, der im gleichen Haus wie Walter Benjamin wohnte. Da sie fließend Französisch sprach konnte Lisa sich mit Gelegenheits-Arbeiten durchschlagen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs führte sie den Haushalt des amerikanisch-jüdischen Ehepaars Trone, das versuchte, Juden als Bauern in der Dominikanischen Republik anzusiedeln. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 begann auch in Frankreich eine Ära der Verfolgung und Repression. An dieser Stelle beginnt Lisa Fittkos “Mein Weg über die Pyrenäen“, der am Ende weit über dieses südeuropäische Gebirge hinausgeht und in den USA endet.

Konzentrationslager Gurs

Im September 1939 wurden in Frankreich zuerst alle 17- bis 50-jährigen “Männer des Deutschen Reiches“ in Sammellagern registriert und von dort in weitere Lager gebracht: Les Milles, Rivesaltes oder Le Vernet. Acht Monate später, vier Tage nach der Nazi-Besetzung Frankreichs, folgte die Internierung der Frauen. Lisa und ihre Freundin Paula Spriewald-Oettinghaus, Tochter des kommunistischen Reichstags-Abgeordneten Walter Oettinghaus, kamen ins Camp de Gurs, an der Grenze zwischen dem französischen Baskenland (Iparralde) und der Region Bearne. Dort trafen sie alte Bekannte wieder, unter anderem Hannah Arendt. Nach einigen Wochen gelang es, das Lager mit falschen Papieren zu verlassen und sich über Pontacq, Lourdes und Montauban durch das noch unbesetzte Frankreich bis nach Marseille durchzuschlagen, in der Hoffnung, einen Fluchtweg zu finden.

fittko3Unterwegs trafen sie Hans Fittko wieder, der ebenfalls einem Lager entkommen war. In Marseille trafen sie auf Varian Fry, dem “Engel der Flüchtlinge“ und Beauftragten des “Emergency Rescue Committee“ (Emerescue). Der war von der US-Präsidenten-Ehefrau Eleanor Roosevelt beauftragt worden, möglichst viele Flüchtlinge aus Frankreich herauszubringen, vor allem prominente Künstler, Politiker und Intellektuelle. Anfang September 1940 unterbrachen die Fittkos ihre Flucht in Banyuls-sur-Mer, einem kleinen nord-katalanischen Ort an den Pyrenäen-Ausläufern, um Flüchtlinge über die Berge bis zur spanischen Grenze zu bringen.

In “Mein Weg über die Pyrenäen“ schildert Lisa Fittko die Schicksale vieler Flüchtlinge und ihre teils arroganten Eigenheiten. Die Flüchtlings-Gemeinde berät ständig über die verrücktesten Fluchtwege und -ziele: Mexiko, Panama, USA, Kuba, Argentinien. Eine tagefüllende Dauerbeschäftigung mit dem Beschaffen, Erschleichen oder Fälschen von Papieren, zur Ein- oder Ausreise, zum Aufenthalt. Dabei zeigen sich viele einfache Französinnen und Franzosen überaus hilfsbereit, darunter sogar Beamte.

Im Verlauf der beschriebenen Ereignisse kommt es zu bizarren Situationen. Zum Beispiel, wenn jüdische Personen von Behörden einen Ersatz-Ausweis erhalten, Protestanten hingegen nicht. Oder: “Wo ist Kuba eigentlich?“ fragt Lisa irgendwann. “Ich weiß nicht genau.“ - “Weil es sich für mich nicht wie ein wirkliches Land anhört.“

Der Massenmord an Juden wird erst am Ende des Buches zum Thema, die Flüchtlinge haben keine Ahnung, was sich in Deutschland abspielt. Die ersten Nachrichten von Vernichtungslagern werden fast ungläubig aufgenommen. In Paris praktizieren die Nazis “Koexistenz mit Juden“: “Die deutschen Soldaten verhielten sich einigermaßen höflich zur Bevölkerung, als wollten sie zeigen: wir sind nicht Wilde, wir sind zivilisiert“. Es hatte seine Wirkung: “Die sind korrekt, die sind höflich“, war zu Beginn der Besatzung oft zu hören – der Versuch, sich an das Inakzeptable zu gewöhnen. Dann beorderte das Reich alle arischen Deutschen zurück. Kostenloser Transport. Wer freiwillig zurückgehe, brauche keine Repressalien zu fürchten, selbst politische Flüchtlinge … für die desinformierten Flüchtlinge in den Pyrenäen kurzweiliger Stoff für hitzige Diskussionen. Glauben oder nicht glauben. Erst später erfahren sie vom wirklichen Charakter dieser Todesfalle.

Die Fittkos blieben bis April 1941 in Banyuls-sur-Mer und führten mit Unterstützung von anderen viele Flüchtlinge bis zur Grenze. Nicht alle wurden von Varian Fry zu ihnen geschickt, dessen Emerescue-Organisation etwas im Dunkeln bleibt und erst im Buch-Anhang nachvollziehbar erklärt wird. “Varian Fry hatte es nach seiner Rückkehr in die USA schwer, wieder eine Arbeit als Journalist zu finden. In den 1950er Jahren wurde er ein Opfer der McCarthy-Ära, weil er durch seine Arbeit mit dem Emergency Rescue Committee mit vielen Sozialisten und Kommunisten zusammengekommen war und ihnen bei der Flucht in die USA geholfen hatte“. Diese Ergänzung hätte dem „Ober-Fluchthelfer“ während der Pyrenäen-Ereignisse sicher mehr Charakter verliehen.

Die Angaben über Namen und Anzahl der Flüchtlinge weichen stark voneinander ab. Fry spricht von “mehr als hundert Leuten“ innerhalb von sechs Monaten, nach anderen Schätzungen waren es „mehr als 250“. Listen gab es nicht, sie hätten in die Hände der Gestapo fallen können. Im März 1941 kamen Gruppen von britischen Soldaten, die nach England zurückgebracht werden sollten. Auch sie wurden von den Fittkos sicher bis an die Grenze geführt, obwohl Lisa sich um diese Zeit noch nicht von einer Gelbsucht erholt hatte. Nicht alle überlebten: der hilfsbereite Bürgermeister von Banyols verschwindet spurlos, Walter Benjamin schafft es zwar über die Berge, wird aber nicht über die Grenze gelassen und bringt sich um aus Angst vor einer erneuten Auslieferung durch die Spanier.

Von der Bevölkerung sehr geschätzt, verließen die Fittkos Banyuls-sur-Mer im April 1941. Sie warteten bis Oktober in Cassis (Marseille) auf Frys Hilfe in Form eines Kuba-Visums und der Ausreisepapiere. Vorher gelang es Lisa, ihre Eltern aus dem besetzten Paris nach Cassis zu holen, wo sie von Einheimischen bis zum Kriegsende versteckt und so vor dem Holocaust gerettet wurden.

Selbst die Fahrt durch Spanien mit gültigen Papieren wurde neben der Flucht noch zu einer politischen Mission. Hans war wenig begeistert von der Idee, Listen mit spanischen Republikanern nach Portugal zu bringen, im Auftrag der Alliierten. “Spionage-Verbindungen kommen nicht in Frage. Man schlittert da in etwas hinein und rutscht aus. Wenn man einmal damit in Berührung gekommen ist, haben sie einen in der Hand.“ Schließlich gibt er nach, die Listen werden in Zahnpasta- und Cremetuben nach Lissabon gebracht.

Exil auf Kuba (1941–1948)

fittko4Am 11. November 1941 bestiegen die Fittkos das Schiff SS Colonial, das sie von Lissabon nach Havanna brachte. An Bord fast 400 Flüchtlinge, darunter viele osteuropäische Juden. Hans Fittko arbeitete in Havanna als Diamantenschleifer, Lisa als Übersetzerin und Sekretärin. Sie trafen dort viele bekannte Flüchtlinge. Lisa blühte auf, Hans Fittko wurde krank und depressiv.

Nach Kriegsende erfuhren sie erst, wer von ihren Verwandten überlebt hatte und wer im Holocaust umgekommen war. Aus dieser Zeit stammt die Anekdote, mit der Lisa Fittko ihr Buch beschließt. Die politischen Emigranten diskutierten auf Kuba über Reisemöglichkeiten nach Europa. Atombombe, Hiroshima, Deutschland geteilt, dort wurde “entnazifiziert“, aber über den Faschismus saß niemand zu Gericht. “Waren die Nürnberger Prozesse denn nicht eine Lehre für die Deutschen?“ fragt Freundin Marlene. “Was sollten die Deutschen daraus lernen. Sie lernten, dass der Sieger den Besiegten hängen kann. Wie man das Land von einem faschistischen Geist befreit, wie man Frieden und Freiheit und Demokratie schafft, das konnten sie daraus nicht lernen“.

Damit endet das Buch überaus aktuell. Die Entnazifizierung der 1940er Jahre ist definitiv gescheitert, nicht zuletzt deshalb, weil sie nie ernst gemeint war. Die Welt steht 2025 mit einer historischen Rechtsentwicklung vor einem neuen Faschismus einer anderen Art und mit der Hochrüstung in Europa vor einem weiteren großen Krieg.

1948 übersiedelten die Fittkos in die USA, nach Chicago, wo schon ihr Bruder und dessen Familie lebten. 1955 erhielt sie die US-Staatsbürgerschaft und schwor dabei, nie einer kommunistischen Partei angehört zu haben. Eine Einbürgerung wäre sonst nicht möglich gewesen mitten in der McCarthy-Ära, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Hans starb 1960 an einem Gehirnleiden.

Lisa arbeitete an der University of Chicago. Sie hatte einen großen Freundeskreis, zu dem auch Barack Obama gehörte, damals noch Abgeordneter. Er lebte mit Familie in Lisas Nachbarschaft. Sie hatten denselben Arzt, Dr. Quentin Young, bei dem sie sich manchmal trafen, ein entschiedener Gegner des Vietnamkrieges.

Lisa Fittko starb am 12. März 2005 in Chicago. Ihre Asche wurde auf ihren Wunsch hin bei Cassis ins Mittelmeer verstreut. Wo der von den Fittkos zur Fluchthilfe verwendete Fluchtweg in Banyuls-sur-Mer auf der französischen Grenzseite beginnt, wurde für Hans und Lisa Fittko im Januar 2001 ein Denkmal errichtet. Dort beginnt ein Wanderweg, auf dem in etwa sechs Stunden der alte Fluchtweg gegangen werden kann, die ehemals nach den Fittkos benannte “F-Route“ von Banyuls über Cerbère in das spanische Portbou. Seit dem 24. Juni 2007 ist dieser Weg offiziell “Chemin Walter Benjamin“ benannt.

ANMERKUNGEN:

(1) Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1940/41, DTV, Reihe Hanser, München 2004. Erstpublikation 1985 Carl Hanser Verlag München.

(2) Lisa Fittko, Wikipedia: für den Artikel wurden an verschiedener Stelle Informationen aus dem Wikipedia-Beitrag entnommen (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Lisa Fittko (Buch)

(2) Lisa, Hans Fittko (ifcj)

(3) Fittko-Buch

(4) Lisa Fittko (el viejo topo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-04-08)

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