satur1Saturraran 1940

“Ich wurde im Frauen-Gefängnis von Franco in Saturraran geboren“ – Merche Gallardo Carrillo erzählt zum ersten Mal von ihrem langen Kampf um im Leben vorwärts zu kommen. Nach der franquistischen Besetzung des Baskenlandes im Juni 1937 wurden Dutzende von Gefängnissen eingerichtet, um die Unterstützerinnen der Republik einzusperren. Einige Gefängnisse waren für Frauen, darunter jene Anstalt mit Namen Saturraran an der Küste zwischen Ondarrua und Mutriku. Viele dort geborene Kinder wurden entführt.

Das Gefängnis von Saturraran (1938-1944) war eines der größten und grausamsten Gefängnisse des Franco-Regimes. In den Gebäuden des Kurortes Saturraran wurden mehr als 4.000 Frauen im Alter zwischen 16 und 80 Jahren inhaftiert: "extrem rebellische und gefährliche Frauen", so die Franquisten.

Sie spricht zum ersten Mal mit den Medien. Sie teilt ihr unveröffentlichtes Zeugnis, das eines Babys, das im schrecklichen Frauengefängnis von Saturraran in Gipuzkoa geboren wurde. Sie kam am 3. März 1940 auf der Krankenstation zur Welt, umgeben von gewissenlosen franquistischen Nonnen. Alles, was das Leben dieses Mädchens bis heute umgibt, zeugt von wirklichem Mut, davon, dass sie nicht das Handtuch geworfen hat, dass sie fast wie eine Nomadin in verschiedene Dörfer weitergezogen ist. “Ich weiß nicht einmal, woher ich komme“, stellt Merche Gallardo Carrillo unter ihrer Brille gerührt fest und fährt fort: “Ich weiß, dass ich im Gefängnis geboren wurde und dass mein Vater, mich dort suchte, als ich weniger als ein Jahr alt war, um mich nach Andalusien zu bringen, woher die Familie stammte – weil er wusste, dass diese Nonnen den gefangenen Frauen ihre Babys wegnahmen, um sie franquistischen Familien zu geben“, erzählt sie in ihrem Haus.

satur2Ihre Mutter, Eusebia Carrillo Marín aus Puente de Génave in Jaén (Andalusien), musste das Unaussprechliche erleiden. Ohne lesen und schreiben zu können, wurde sie von den Franquisten 704 Kilometer weit weg in das “Frauenlager“ von Mutriku verschleppt, nachdem die Truppen Francos zwei ihrer Brüder getötet hatten. Eusebia wurde im Alter von 23 Jahren interniert, als sie schwanger war. Sie sprach wenig über den Krieg und ihre Zeit im Gefängnis. Merche war diejenige, die ihr die meisten Fragen stellte, einige ihrer Schwestern wussten nicht, dass Merche im Gefängnis geboren worden war. Das folgende Zeugnis dieser aktiven 84-jährigen Frau, der “niemand etwas geschenkt hat“, ist herzzerreißend.

“Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber ich habe immer geglaubt, dass meine Mutter mich von meinen übrigen Geschwistern unterschieden hat, wir waren zehn und zwei sind gestorben. Ich vermute, das lag daran, dass ich Erinnerungen an das Gefängnis weckte und dass sie mich nicht großgezogen hatte“. Damals gestand ihre Mutter, dass es einen kritischen Moment gab, als sie ihr eine Bluttransfusion geben musste. “Welches Blut konnte meine Mutter haben, bei dem, was sie zu essen bekam? Manchmal waren es Linsen mit Maden. Maden waren das einzige Fleisch, das sie dort aßen. Obwohl sie sahen, dass die Bäuerinnen bis zu einem halben Kalb brachten, bekamen sie nie Fleisch zu essen, weil die Nonnen ihnen alles Essen wegnahmen, das Bäuerinnen oder die Angehörigen der Gefangenen brachten. Die Nonnen verkauften auch die Milch, die die Freundinnen für die Säuglinge brachten. Und wenn die gefangenen Frauen Kartoffeln schnitten und versuchten, eine Schale zu essen, setzten die Nonnen sie stundenlang in einen Raum voller Meerwasser, wenn die Flut kam.

Eusebia – verheiratet mit Lucas Gallardo – war vier Jahre lang Francos Gefangene in dem heute nicht mehr existierenden Gebäude am Strand von Saturraran, zwischen den Fischerdörfern Ondarru (Bizkaia) und Mutriku (Gipuzkoa). “Das Einzige, was davon übrig geblieben ist, sind mein Geburtshaus und drei Tamarinden-Bäume“, berichtete Merche. Es ist bis heute nicht bekannt, warum ihre Mutter verhaftet wurde. “Wir wissen, dass zwei Brüder der Familie jeweils auf unterschiedlichen Seiten gekämpft haben. Das ist schrecklich! Wie meine Mutter, die gezwungen wurde, im Winter am Strand in eiskaltem Wasser zu baden“.

Das so genannte Zentralgefängnis von Saturraran war ein grausames franquistisches Gefängnis für republikanische Frauen, das von 1938 bis 1944 in einer ehemaligen Kuranstalt untergebracht war. Es wird geschätzt, dass dort insgesamt zwischen 3.000 und 4.000 weibliche Gefangene inhaftiert waren, 1.600 auf zu gleicher Zeit. “Meine Mutter erlitt eine sehr schlimme Zeit, sehr schlimm. Sie erzählte, dass sie nichts zu essen bekam, die Mutter Oberin sei teuflisch gewesen“. Unter den Wächterinnen stach Schwester María Aranzazu Vélez de Mendizábal, eine finstere Gestalt, durch ihre Grausamkeit hervor, unter den Gefangenen wurde sie “Schwester Weißer Panther“ genannt. Aber es gab auch gute Nonnen. Erzählt wurde, dass es auch lesbische Nonnen gab. Dass die eine oder andere Nonne Republikanerin war. Dass Eusebia, die eine freundliche und friedliche Person war, nie bestraft wurde. Aber sie verließ Ort und hasste fortan alle Kirchenleute“.

satur3Jene Eusebia starb im Alter von 89 Jahren, ihr Mann mit 68: “Meine Mutter ging nie wieder dorthin zurück, aber ich schon. Einmal habe ich einen Priester gebeten, ob er uns dorthin bringen kann. Damals war das Gebäude noch da. Und vor kurzem war ich wieder dort, mit einer Schwester und Freundinnen. Ich werde gefragt, warum ich das erzähle, und ich antworte, warum soll ich es nicht tun. Ich habe nichts Falsches getan, im Gegensatz zu dem, was sie meiner Mutter und mir angetan haben“, argumentiert mit weiser Logik eine Frau, die seit ihrer Kindheit ums Überleben kämpfen muss.

Merche weiß nicht mehr, wann sie ihre Mutter wiedersah, nachdem ihr Vater sie nach Andalusien gebracht hatte, und wie das Wiedersehen war. “Ich erinnere mich daran, dass ich als Kind mit ihr gebückt umherging, um Oliven zu sammeln“. Dann kam die Rückkehr ins Baskenland, wo sie geboren worden war, und tausend verschiedene Arbeiten, die sie verrichtete, um voranzukommen. Ihr erstes Ziel war der Bergpass von Barazar (zwischen Zeanuri und Otxanio). Dort baute ihr Vater, ein Maurer, ein Haus und arbeitete an den Wasserquellen, die gebaut wurden, um Wasser nach Bilbao zu bringen. “Als Kind war ich für das Schneiden von Farn zuständig“, erinnert sie sich und fährt fort: “Ich überquerte den Fluss, um Feuerholz zu schneiden, und trug es auf dem Kopf, weil es mich bis zum Hals bedeckte.“

Ihr nächster Wohnsitz war in Mañaria, in einem Haus ohne Strom in der Nähe der Steinbrüche. “Bald begann ich, in Häusern im nahe gelegenen Durango als Dienstmagd, während meine Familie nach Batxikabo, in die Gemeinde Valdegobía, im südlichen Araba ging“. In der Bizkaia-Stadt lebte sie bei verschiedenen wohlhabenden Familien, und bei einer von ihnen litt sie erneut so sehr, “dass ich weglaufen musste, denn mich und eine meiner Gefährtinnen hatten sie eingesperrt. Obwohl sie mehr als genug Geld hatten, gaben sie uns fast nichts zu essen. Ich verließ das Haus in einem unbewachten Moment, barfuß, und meine Freundin warf meine Schuhe aus dem Fenster. Ich habe sie nie wieder gesehen, was sehr schade war, sie ging nach Albacete“.

Ein anderer junger Mann, der im Rathaus von Durango arbeitete, verschaffte ihr ein Haus im Stadtteil San Fausto. In der Nachbarschaft gab es Beschwerden, und da sie eine so große Familie waren, bekamen sie schließlich ein Haus. Bei der Arbeit bei der Firma Gebrüder Oñate lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen: Francisco Martínez, aus Zamora. Er und seine Familie wohnten ebenfalls in einem Bauernhaus im Viertel Montorra von Amorebieta-Etxano. Von dort aus kauften sie ein Haus in Iurreta (bei Durango), in dem sie bis heute leben.

“Ich weiß nicht, woher ich bin. Ich wurde im Gefängnis in Mutriku, Gipuzkoa, geboren. Mein Vater taufte mich in Linares auf den Namen María Francisca. Aber meine Patentante war eine Katalanin im Gefängnis, und sie trug mich ein unter dem Namen Mercedes, wie die Jungfrau Mercé ... Es ist nicht ganz klar. Vielleicht wurde ich zweimal getauft“, sagt die Frau, die Kleidung für arme Länder herstellt und in der Firma Tubos Bergman in Matiena arbeitete und 18 Jahre lang als familiäre Pflegekraft für die baskische Regierung, als Köchin in der Landako Schule von Durango, in Galdakao, Lemoa oder Zeanuri. “Ich habe auch - so schließt sie - in der Mine am Berg Mugarra gearbeitet. Nach dort oben gehen, bei Schnee und allem. Mein Leben war nicht einfach, ich habe unvorstellbar hart gearbeitet, um voranzukommen“.

Geschichte von Kurort und Gefängnis

Ende des 19. Jahrhunderts wurde am Strand von Saturrarán ein luxuriöses Hotel mit Wellness-Bereich errichtet. Im Jahr 1921 wurden die Gebäude an die Diözese Vitoria (Gasteiz) abgetreten, die den Komplex in ein Sommerseminar umwandelte. Während des Spanienkriegs nutzten die republikanischen Truppen das Gelände als Kaserne, und später wurde es von den faschistischen Requeté-Truppen aus Navarra als Stützpunkt genutzt, bis zum Frühjahr 1937.

Mit dem Fall der Nordfront (dem Sieg der Faschisten) stieg die Zahl der männlichen und weiblichen Gefangenen so stark an, dass aus Sicher der franquistischen Sieger die Einrichtung neuer Gefängnisse notwendig wurde. So wurde am 29. Dezember 1937 per Erlass die Einrichtung eines Frauen-Gefängnisses im alten Kurort angeordnet. Es wurde am 3. Januar 1938 eröffnet. Mobiliar gab es keines, die Decken waren kaputt und die Fenster zerbrochen. Die ersten Insassinnen kamen noch am Tag der Eröffnung, wie Brígida Saldías Carrera bezeugt, die einen Monat in der Quarantänezelle verbrachte. Danach war eine Quarantäne für die Neuankömmlinge aus Platzmangel nicht mehr möglich. Während die Kriegsgerichte tagten, kamen republikanische Frauen in das Gefängnis, um wegen militärischer Rebellion angeklagt zu werden: Beihilfe, Aufwiegelung und Mitgliedschaft, unter anderem, dies waren die häufigsten Beschuldigungen. Es bestand ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Strafjahre und der Art des Verbrechens: 30 und 20 Jahre für das Verbrechen der Beteiligung an der militärischen Rebellion; 12 Jahre für die Unterstützung der Rebellion; 10 und 9 Jahre für die Aufstachelung zur Rebellion; und 6 Jahre für die Aufstachelung zur militärischen Rebellion. Alle Gefangenen wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und zu Strafen zwischen 3 und 30 Jahren verurteilt.

satur4Die Nonnen, die während der Zweiten Republik auf Anordnung der Generaldirektorin der Strafvollzugsanstalten, Victoria Kent, von ihren Aufgaben in den Strafvollzugs-Anstalten entbunden worden waren, kehrten aufgrund eines Erlasses vom 30. August 1938 dorthin zurück. Im Jahr 1940 gab es in Spanien 342 Nonnen, die sich auf 40 Gefängnisse verteilten. Fünfundzwanzig von ihnen, die dem Orden der Mercedarierinnen angehörten, waren für die Gefängnisse zuständig.

Die Insassinnen wurden je nach ihrer Situation untergebracht. Mütter mit ihren Söhnen und Töchtern wurden im Haus Astigarraga untergebracht, die Kranken im Gebäude der Villa Capricho, die älteren Frauen in einem Pavillon und die übrigen in den Räumlichkeiten des alten Grand Hotel von Saturraran. Dadurch war die Kommunikation zwischen den Insassinnen sehr schwierig.

Nach dem Zensus des Rathauses von Mutriku im Jahr 1940 lebten dort 1666 Personen: 25 Nonnen, 53 Militärangehörige, ein Kaplan, der Direktor, seine Familie, die diensthabenden Offiziere und 1583 Gefangene. Die stammten aus ganz Spanien und aus anderen Ländern und übten verschiedene Berufe aus. Im Jahr 1940 kam es zu einer Typhus-Epidemie, weil das Wasser des Reservoirs, mit dem das Gefängnis versorgt wurde, verseucht war. Vom 26. Juni 1940 bis zum 8. September 1940 starben 36 Kinder und 4 Frauen. Die Säuglingssterblichkeit war generell sehr hoch. Die Kinder durften nach ihrem dritten Geburtstag nicht mehr bei ihren Müttern bleiben, so dass einige Kinder von Familien in Mutriku aufgenommen wurden. Bereits in jungem Alter wurden viele Kinder ihren Müttern entrissen und franquistischen Offizieren und Familien übergeben.

Die Bedingungen waren sehr hart, mit zahlreichen Bestrafungen, bei denen die Einzelhaft in den Strafzellen im Keller eines Pavillons vorherrschte, der von den Gezeiten überflutet wurde. Hunger war ebenfalls eine Konstante. Eine weitere Form der Bestrafung waren häufige Verlegungen in andere Gefängnisse, um die Entwurzelung zu fördern und zu verhindern, dass sich die Häftlinge zusammenschließen.

Im Frühjahr 1944 wurden die gefangenen Frauen mit Hilfe des Roten Kreuzes in andere Gefängnisse verlegt, die Anstalt wurde geschlossen. Danach kehrten die Seminaristen zurück, bis der Komplex 1968 endgültig geschlossen und die Gebäude verlassen wurden. Insgesamt starben 117 Frauen und 57 Kinder in dem Gefängnis. (2) 1987 kaufte die gemeinde Mutriku das Gelände vom Bistum Gipuzkoa und ließ die Gebäude mit einer Ausnahme abreißen. Erst im Jahr 2007 ließ die baskische Regierung am Strand ein kleines Monument aufstellen mit den Namen aller Insassinnen des größten franquistischen Frauen-Gefängnisses.

ANMERKUNGEN:

(1) “Yo nací en la cárcel de mujeres franquista de Saturraran” (Ich wurde im franquistischen Gefängnis von Saturraran geboren), Tageszeitung Deia, Auto: Iban Gorriti, 2024-09-09 (LINK)

(2) “Prisión Central de Saturrarán“ (Zentralgefängnis von saturraran), Wikipedia (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Saturraran (deia)

(2) Saturraran (merindades)

(3) Saturraran (deia)

(4) Saturraran (noticias gipuzkoa)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-09-20)

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