jarana1Geschichte von La Jarana

Der Hafen von Donostia (San Sebastian, Gipuzkoa) hat sich in den vergangenen 175 Jahren derart verändert, dass er nicht mehr wiederzuerkennen ist. Im 19. Jahrhundert war das Jarana-Viertel Lebens- und Arbeits-Mittelpunkt von Fischer-Familien, es war der wirtschaftliche Nabel der Stadt. Der technologische Fortschritt mit den Dampfschiffen vertrieb die einfachen Fischer und Handarbeiter, die Netz-Flickerinnen und Fisch-Verkäuferinnen und machte Platz für die heutigen Freizeit-Schiffe und Yachten.

Ein Rückblick auf La Jarana, das Hafen-Stadtviertel von Donostia / San Sebastián, das sein 175-jähriges Bestehen feiert.

Das Fischerei-Viertel La Jarana von Donostia entstand vor 175 Jahren, zeitgleich mit der Umgestaltung und Erweiterung des Hafens von San Sebastián zu Beginn der 1850er Jahre. Es wurde fortan von Fischerfamilien bewohnt, die ihre täglichen Aufgaben unter den Arkaden ihrer Häuser verrichteten, La Jarana bildete das eigenartigste Viertel der Stadt. Der Aufschwung der Fischerei und des Handels in der Stadt machte den Bau von Häusern für die Familien der Fischer notwendig, was das Leben und das Ambiente dieses Stadtviertels veränderte.

jarana2Die Erweiterung des Hafens

Bis 1850 war das einzige permanente Gebäude am Hafen das Casa Torre del Consulado (Handelskammer), das im 18. Jahrhundert als Wohnhaus für den “Hafen-Kommandanten” auf dem Grundstück errichtet wurde, auf dem sich heute das Schifffahrts-Museum (Itsas Museoa) befindet. Es gab einige Holzschuppen, in denen Werkstätten und Lagerräume für die Arbeiten im Hafen untergebracht waren. Bis dahin lebten die einfachen Fischerfamilien innerhalb der Stadtmauern, zusammengepfercht in den obersten Stockwerken der Häuser, und die Fischer waren von den Öffnungs- und Schließzeiten der Stadttore abhängig, insbesondere vom Stadttor “Puerta de Mar,“ dem heutigen Portaletas-Tor.

Im Jahr 1847 prüfte die Zentralregierung die Verbesserung des Hafens von San Sebastián, der seit der Zeit Karls V. im 16. Jahrhundert kaum wesentliche Veränderungen erfahren hatte. Im folgenden Jahr legte der Ingenieur Manuel Peironcely einen ersten Plan für Umbau und Erweiterung vor und begründete dessen Notwendigkeit mit dem starken Anstieg des Handels in der Stadt nach der Verlegung des Zolls vom Binnenland an die Küste im Jahr 1841. Peironcely schlug vor, einige der alten Kais zu verkürzen oder zu beseitigen, und einen neuen Wellenbrecher zu bauen, der die Kapazität des Hafens verdoppeln sollte. Daneben sollte ein weiteres Tor in der Stadtmauer eröffnet werden, um den neuen Hafen mit der Ijentea Straße zu verbinden.

jarana2Chronologie

(*) 1850: Die ersten Wohnungen am Kai, im Volksmund als Stadtteil La Jarana bekannt, werden von Fischerfamilien bezogen.

(*) 1851-1858: Der Hafen wird umgebaut und erweitert und mit einem neuen Hafenbecken mit Schleusen ausgestattet. Der Ingenieur dieser Arbeiten war Manuel Peironcely, durchgeführt wurden die Bauarbeiten vom Unternehmer Fermín Lasala Urbieta.

(*) 1896: Die Kirche San Pedro de los Mareantes wird eingeweiht.

(*) 1946: Renovierung des Fischerhafens, Erweiterung des Kais und Bau eines Anlegers auf Pfählen (“Flugzeugträger“) für Fischereiboote.

(*) 1985 Beginn des raschen Niedergangs der Fischereiflotte aufgrund der Überfischung der Fischgründe und der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der industriellen Fischerei.

(*) 2025: Der Hafen ist hauptsächlich ein Sporthafen, es gibt nur noch zwei kleine Fischereiboote.

1850 bot der Unternehmer Fermín Lasala Urbieta, der Vater des zukünftigen Herzogs von Mandas, dem Staat an, den neuen Hafen zu bauen und das notwendige Kapital bereitzustellen. Die Bauarbeiten begannen ein Jahr später und wurden 1858 abgeschlossen. Es entstanden der Kaiberri-Kai und das Handelshafen-Becken, das mit Schleusen verschlossen wurde, um bei Ebbe den Wasserstand der Flut aufrechtzuerhalten und zu verhindern, dass die Schiffe trocken lagen.

Das Viertel La Jarana

In der Zwischenzeit wurde 1849 durch einen königlichen Erlass von Isabel II. der Bau von Wohnungen am Kai “für die bedürftige Fischerklasse” genehmigt. Im folgenden Jahr waren bereits die ersten Häuser mit großen Arkaden fertiggestellt, in denen die Reparatur der Netze und das Salzen des Fisches unter Dach durchgeführt werden konnten. Von Anfang an wurde die neue Gebäudereihe “Barrio de La Jarana” genannt, ein Name, der nie offiziell war, aber in der Bevölkerung benutzt wurde, da er die oft ausgelassene Stimmung, die dort herrschte, perfekt beschrieb.

Das Leben am Kai

Für die heutigen Spaziergänger und Passantinnen ist es schwer vorstellbar, wie dieses Viertel seit seinen Anfängen bis zum Niedergang der handwerklichen Fischerei vor 40 Jahren aussah. Heute (2025) ist es ein Yachthafen, der die alten Kais und den Charme der Fischerhäuser bewahrt hat und weiterhin Touristen und Einheimische anzieht, obwohl sich nur noch wenige an die große Fischereiflotte oder die Aktivitäten der Seeleute erinnern würden, wenn es nicht die Zeugnisse alter Chronisten gäbe.

jarana3Frauen auf dem Boot

Fréderic Le Play beschrieb 1856 die Arbeit der Fischer-Frauen von Donostia: “Die Hausarbeit ist ihre Hauptbeschäftigung, dennoch mussten die Frauen noch die nötige Zeit aufbringen, um Aufgaben auf den Booten zu übernehmen, in der Fischer-Vereinigung, der ihre Männer angehörten. In dieser Funktion waren die Frauen verpflichtet, bei der Reparatur und Wartung der Fischerei-Ausrüstung mitzuarbeiten und bei der Einfahrt der Schiffe in den Hafen anwesend zu sein, um den Fisch zu den Geschäften zu transportieren, wo er zum Verkauf angeboten wurde. Der Lohn, den sie für diese Arbeit erhielten – nur die Hälfte des Lohns eines Mannes – trug zur Erhöhung des Familien-Einkommens bei. Die Frauen beteiligten sich gelegentlich auch am Entladen des Sandes aus den Laderäumen der Schiffe, die mit Ballast im Hafen ankamen. Die Anwesenheit dieser Frauen – manchmal umgeben von ihren Kindern und mit ihren Kleinsten auf den Armen, ihre ständigen Diskussionen und das damit einhergehende Geschrei verliehen den Häfen von Bilbao und San Sebastián an bestimmten Tagen eine ganz besondere Atmosphäre.

Geschrei und Hund im Wasser

Was den Besuchern des Hafens neben dem starken Geruch nach altem Fisch und Teer am meisten auffiel, war das Geschrei der Fischerfrauen, die sich um den Verkauf des Fisches stritten, und der Kinder aus der Nachbarschaft, die darum bettelten, ihnen eine Münze ins Wasser zu werfen, um sie mit großer Geschicklichkeit wieder herauszuholen.

Im Jahr 1942 schrieb der Journalist Ángel Azcona: „Dort gibt es ein bisschen von allem: Kalfaterer (Abdichten der Schiffsplanken), Schmiede, kleine Arsenale, Fischauktionen, alte Boote. Interessante Kartenspiele voller Ernsthaftigkeit. Starker Geruch nach gesalzenem Fisch, der zum Verschiffen bereit war. Polizisten, Stadtpolizisten, Schreie, viele Schreie, Kinder, die sich mit ihren Streichen und ihrer Kühnheit auf ihre zukünftige Tätigkeit als Tagelöhner des Meeres vorbereiteten. Ein öffentlicher Waschplatz, an dem die Mädchen mit ihren Gesängen den Lärm der Schreie übertönen und an dem von Zeit zu Zeit Streitigkeiten ausbrachen, die sogar die Frisuren der Streitenden durcheinanderbrachten.“ Eine stark romantisch gefärbte Darstellung, die wenig mit der Not und dem Elend der Fischerfamilien gemein hat.

jarana4Leben und Untergang der Jarana

Das Jarana-Viertel entstand, als der Fischfang noch mit Ruderbooten betrieben wurde, die stets den Launen des Wetters und den Stürmen ausgesetzt waren, die die Familien des Viertels oft in Trauer versetzten. Es war eine Welt für sich, eine eigene Kultur mit ihren Helden, Geschichten und Legenden, ihren Berufen und Beschäftigungen, ihren besonderen Arbeitszeiten und Freizeit-Aktivitäten, die vom Wetter und der Fischereisaison abhingen, eine Welt der baskischen Sprache voller Seemanns-Jargon und spanischer Flüche. Seit 1896 hatte das Barrio sogar eine eigene Kirche, die San Pedro de los Mareantes, die von der Familie Loidi-Zulaica erbaut wurde.

Barkassen und Schoner legten im Handelshafen an und wurden am La-Lasta-Kai von zwei großen Kränen bedient sowie von Viehtreibern, die die Waren transportierten. Nach und nach setzte sich die Modernität der Dampfschiffe gegenüber den Ruderern und den Segeln durch. Ab 1879 tauchten die “Mamelenas” auf, Dampfschiffe des Reeders Ignacio Mercader. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Boote mit Dampfkesseln und später mit Benzinmotoren ausgestattet. In den 1930er Jahren wurde Donostia zum wichtigsten Fischerei-Hafen von Gipuzkoa. Die Schiffe wurden immer größer und das Fangvolumen stieg.

Der “Flugzeugträger“

1946 wurden neue Arbeiten am Kai durchgeführt, wobei die oberen Kai-Hänge umgestaltet wurden. Die Hafenbecken wurden ausgebaggert und der Fischereikai auf Pfählen wurde um 30 Meter verlängert, um eine neue Fisch-Auktionshalle zu bauen für den Verkauf von Fisch, die Zubereitung von Pökelfisch und das Trocknen und Reparieren der Netze auf dem Deck. Diese als “Flugzeugträger” bekannte Struktur ist noch immer erhalten, wenn auch stark verändert.

jarana5Der Yachthafen

Die Fischerei war immer eine harte und gefährliche Arbeit mit sehr “anspruchsvollen“ Arbeitszeiten, aber auch ein lukrativer Beruf. Solange es Fischfang gab, verlor La Jarana seinen Charakter nicht, aber Mitte der 1980er Jahre kam es zu einer radikalen Veränderung. Die traditionelle handwerkliche Fischerei wurde von der industriellen Fischerei verdrängt und war nicht mehr wettbewerbsfähig. Unterdessen stieg die Nachfrage nach Liegeplätzen für Freizeitboote stark an. 1975 wurde der Handel eingestellt und das Hafenbecken wurde von Txalupas, Motorbooten, belegt. Im Jahr 2015 wurden in dem damals ungenutzten Fischereihafen Anlegestellen für Durchgangsboote geplant. Heute sind die Verkäuferinnen von Karrakelas und Kiskillas, die prächtigen Fischerboote mit Holzrumpf und das Spektakel des Fisch-Ausladens fast vergessen.

Die wichtigste Aktivität am alten Fischereihafen kommt heutzutage dem Aquarium zu, den Restaurants, “La Pantxika” war das erste, das um 1945 eröffnet wurde. Dazu kommen die drei Ausflugsboote “Aita Julián” der Familie Isturiz, sowie der Katamaran “Ciudad San Sebastián”. Als Erinnerung an die alten Zeiten sind noch zwei Fischereiboote mit einer Länge von knapp 12 Metern erhalten, die “Satan Bi” und die “Isturiz”. Das Viertel La Jarana ist nicht mehr das, was es einmal war, nur mit Mühe überlebt die Erinnerung an die dort schuftenden Menschen und ihre Schicksale.

ANMERKUNGEN:

(*) “Así era la Jarana, el barrio donostiarra que cumple 175 años“ (So war das Donostia-Stadtviertel La Jarana vor 175 Jahren), Diario Vasco, 2025-08-01 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Jarana, Hafen Donostia (diariovasco)

PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-08-01)

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