capa11Familienfoto Bilbao 1937

Die Familie Iturri-Zabaleta. Ein Historiker aus Bizkaia enthüllt die Identität und das Leben der Protagonisten eines Fotos des berühmten Reporters Robert Capa, anlässlich des 70. Todestages des Fotografen. Mai 1937. Der Fotojournalist Robert Capa wandert durch ein Bilbao, das von den Schrecken des Spanienkrieges geprägt ist. Sein Blick richtet sich auf eine Gruppe von Frauen und Kindern auf einer Treppe. Die Kleinen lachen und spielen, behütet von Müttern und Großmütter, die sich unterhalten.

Robert Capa (*1913 Budapest / † 1954 Vietnam) war ein ungarisch-amerikanischer Fotograf, als Kriegsreporter bekannt. Mehrere seiner Aufnahmen von Kriegsschauplätzen erlangten eine ikonische Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein, wie die vom Spanienkrieg oder die von der Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie, am D-Day im Zweiten Weltkrieg.

Die auf dem Bilbao-Foto festgehaltenen Kinder und Erwachsenen versuchen, Elend des Krieges, Zerstörung und die Bombenangriffe einen Moment lang zu vergessen. Der berühmte Reporter fotografiert mit seiner Leica und verewigt den Moment. Einige Tage später schreibt die Agentur, für die er arbeitet, auf die Rückseite des Fotos: “Kinder sitzen vor einer Kirche und warten auf ihre Evakuierung ins Ausland.“

capa22Siebenundachtzig Jahre sind seit diesem Moment vergangen, und die 17 Protagonisten sind in all der Zeit in Vergessenheit und Anonymität geblieben. Bis heute. Ein Historiker aus Gernika veröffentlicht jetzt die Namen von acht der abgelichteten Personen. Ein Novum, eine Geste, die hilft, die persönlichen Dramen hinter der Geschichte zu verstehen. José Ángel Etxaniz, Mitglied des Historiker-Kollektivs von Gernikazarra (einer Gruppe, die versucht, die Hintergründe des Spanienkrieges auszuarbeiten), beschreibt das Leben der Familie Iturri-Zabaleta. Die Identität der Fotografierten möchte er aus zwei Gründen bekannt machen: “Es ist wichtig, ein charismatisches Werk des großen Fotografen Robert Capa zu erklären, aber ebenso wichtig ist es, die Protagonisten des Bildes und ihr Leiden anzuerkennen, da sie in der Folgezeit noch eine viel größere Tragödie erleben mussten: die Erschießung eines geliebten Verwandten, der für die Porträtierten Vater, Ehemann, Sohn, Schwiegersohn und Onkel war“. Der Zeitpunkt ist mit Bedacht gewählt: genau 70 Jahre nach dem Tod der großen Ikone der Kriegsfotografie des 20. Jahrhunderts, am 25. Mai 1954 im heutigen Vietnam, während des damaligen von Frankreich geführten Indochina-Krieges.

Etxaniz betrachtet das Bild des in Ungarn geborenen Fotojournalisten und liefert neue Daten. “Der Schauplatz des Fotos ist keine Kirche, wie erwähnt, sondern die Tür des Provinz-Gebäudes in der der Gran Vía, im Zentrum von Bilbao. Man kann die Platten perfekt erkennen", berichtet er. Und die Dargestellten warten nicht auf ihre Evakuierung nach England oder Frankreich, sondern sind aus einem anderen Grund dort. “Das Oberhaupt der Familie, Juan Carlos Iturri Soroa, arbeitet genau in diesem Gebäude, denn er ist ein hoher Beamter, der vorher sozialistischer Stadtrat in Gernika war“.

Die Geschichte dieser Momentaufnahme von Robert Capa beginnt möglicherweise am 26. April 1937. Es ist der Tag der blutigen Bombardierung der Bizkaia-Stadt durch die Flugtruppe Legion Condor, die den aufständischen spanischen Militärs zur Hilfe geeilt war. Die Nachricht von diesem Massaker am Markttag von Gernika überzeugte den Fotografen von der Notwendigkeit, Spanien zu besuchen und ein Volk zu porträtieren, das von den Ereignissen schockiert und vom Vormarsch der Putschisten verängstigt ist. Während es Capa gelingt, einen Zug nach Biarritz zu nehmen und nach Bizkaia zu fliegen, flieht die Familie von dem Foto aus Gernika und macht sich auf den Weg nach Bilbao.

Die Wege der Personen dieser Reportage kreuzen sich einige Tage später bei der Hausnummer 25 der Gran Vía. “Capa hat die Flüchtlinge porträtiert. Er hatte eine besondere Sensibilität für sie. Er streift durch ein Bilbao, das am Rande des Untergangs steht, in einem Klima der absoluten Panik aufgrund der Bombenangriffe und der entmutigenden Nachrichten von der Front“.

Auf einem von Capas Fotografien ist eine Gruppe von Soldaten und Arbeitern zu sehen, die er im Mai 1937 porträtiert hat, nur wenige Wochen vor dem Einmarsch der Faschisten in Bilbao, am 19. Juni 1937. Auf einem anderen, im Baskenland sehr bekannten Bild ist eine Frau zu sehen, die ihre Tochter an der Hand hält und wie die Menschen hinter ihr angstvoll in den Himmel blickt, weil offenbar gerade ein Fliegerangriff bevorsteht. Auf einem weiteren Foto hält Capa den Moment fest, als die sogenannten Kriegskinder am Arenal-Park neben der Altstadt, wo in jenen Zeiten der Hafen von Bilbao lag, ein Boot besteigen, um nach Santurtzi gebracht zu werden, wo sie ohne elterliche Begleitung zu ihrem Schutz nach Belgien, England oder in die Sowjetunion ins Exil geschickt wurden, aus dem sie zum Teil nie zurückkehrten.

Der Nebel der Zeit

capa33Bilbao war damals eine Stadt, die sich im Umbruch befand. Inmitten dieser Szene von Angst und Sorge der Erwachsenen erscheinen diese lachenden Kinder. ”Sie hießen Mari Carmen, Luz, Juan Carlos und Tere Iturri Zabaleta. Begleitet wurden sie von ihrem Cousin Juanito Zorrozua Zabaleta", erzählt der Historiker aus Gernika. “Das Gesicht der Mutter, Victoria Zabaleta, ist nicht zu sehen. Die Großmütter Herminia Soroa und Patxike Arana sind hingegen gut zu erkennen“. Dies ist die Gruppe, die auf der linken Seite der heimlichen Momentaufnahme zu sehen ist, denn die Abgebildeten sind sich nicht bewusst, dass sie auf einem Foto festgehalten wurden. Über die Personen auf der rechten Seite des Fotos gibt es bislang keine Informationen. “Es ist nicht bekannt, wer sie sein könnten, aber es könnte sich ebenfalls um eine Flüchtlingsfamilie aus Guernica handeln“.

Was geschah mit Capas Bilbao-Foto?

Nach dem Ende des Spanienkriegs, nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs … es verschwand im Nebel der Zeit. Bis 1997, als das das Sozialwerk einer Bank in Bizkaia eine große Ausstellung über die Zeit des Fotojournalisten Capa organisierte, gab es keine weiteren Nachrichten über dieses Bild. Unter den für die Ausstellung ausgewählten Werken befand sich auch jenes, um das es an dieser Stelle geht. “Ein Nachkomme besuchte zufällig die Ausstellung und nahm einen Katalog mit. Er glaubte, eine Verwandte zu erkennen, war sich aber nicht sicher, befragte andere Angehörige und hatte dann keine Zweifel mehr", erzählt Etxaniz. “Sie kehrten zur Ausstellung zurück und baten um ein Exemplar des Fotos, das sie aber nicht bekamen.“ Vorerst blieb die Geschichte in der Schwebe.

Bis eines der Familienmitglieder das Geheimnis eines Tages dem Chronisten von Gernikazarra anvertraute. Der Historiker studierte das Foto ausführlich. Er recherchierte, führte einige Interviews, stellte Zusammenhänge her. Dabei stellte er seltsamerweise fest, dass er selbst jahrelang mit einer der Personen zusammengearbeitet hat, die in Capas Foto abgebildet sind: Victoria Zabaleta, die Witwe von Juan Carlos Iturri, der erst 39 Jahre alt war, als er erschossen wurde. Das Problem war, dass ihr Gesicht auf dem Foto nicht zu sehen war, weil es von einem Mädchen verdeckt ist. Das führte dazu, dass er das Bild Hunderte von Malen ansah, ohne sie zu erkennen.

“Victoria war eine beliebte Person und vor allem eine fleißige Arbeiterin. Sie musste in der Nachkriegszeit fünf Kinder großziehen", schildert Etxaniz. Gemeinsam arbeiteten sie jahrelang in der Besteckfabrik Jypsa-Dalia in Gernika. “Sie war im Lager und niemand kann sich vorstellen, welche Opfer sie brachte, um die Kleinen zu ernähren, zu kleiden und zu erziehen. Allen hat sie eine Berufsausbildung ermöglicht“. Erst vor einigen Jahren ist Victoria im Alter von über 90 Jahren gestorben. Von den Kindern sind nur noch zwei am Leben, und die sind schon sehr alt.

Die Erschießung ihres Mannes war für sie “etwas Schreckliches“. “Nach einem Schnellverfahren wurde er rücksichtslos getötet.“ Juan Carlos Iturri war in Gernika eine wichtige Person: Bankangestellter, Ladenbesitzer und überzeugter Republikaner. Später arbeitete er als Kommissar für den Provinzialrat. Er war im Provinzgefängnis Larrinaga (in Bilbao-Santutxu) inhaftiert und wurde am 3. August 1937 am Friedhof von Derio hingerichtet. Seine Verwandten bargen seinen Leichnam einige Zeit später und brachten ihn in die Familiengruft in Lumo (heute Teil von Gernika-Lumo). Etxaniz hofft nun, dass die Capa-Stiftung und die Foto-Agentur Magnum die falsche Bildunterschrift ändern und die Identität der Protagonisten sowie den richtigen Ort hinzufügen. “Für Gerechtigkeit ist es nie zu spät.“

Beeindruckt von einer Reise, die nur wenige Tage dauerte

capa44Es ist nicht genau bekannt, wie viele Tage Robert Capa in jenem dramatischen Mai 1937 in Bizkaia verbrachte. Der Fotojournalist kam in den ersten Tagen des Monats in Bilbao an, wenige Tage nach der Vernichtung Gernikas durch die Legion Condor. Mit dem Zug war er von Paris nach Biarritz gefahren und mit einem Kleinflugzeug nach Bizkaia gekommen. Niemand weiß, wie es einem Flieger gelang, den Sprung zwischen der französischen Stadt und der Hauptstadt von Bizkaia zu wagen, obwohl die Putschisten die absolute Kontrolle über den Luftraum hatten.

Der Fotojournalist war von der Nachricht über die Vernichtung von Gernika beeindruckt gewesen. Aber die Stadt war zwei Tage danach bereits in die Hände der aufständischen Faschisten gefallen. In Bilbo machte er vielleicht die beste Arbeit jener Tage. Das Bild einer Mutter mit ihrem Kind, die am Arenal-Park neben dem alten Boulevard-Café ängstlich in den Himmel blickt, gehört zu den Ikonen der Fotografie aus dem Spanienkrieg. In gewisser Weise ahnte der in Ungarn geborene Fotograf, dass Bilbao erobert werden würde. Am 17. Mai reiste er nach Frankreich zurück. Die Hauptstadt Bizkaias fiel am 19. Juni 1937 in die Hände der Faschisten. Für das Baskenland war der Krieg mit dem Fall Bilbaos und dem Abzug der baskischen Regierung ins Exil beendet.

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus “La familia guerniquesa de Robert Capa” (Die Gernika-Familie von Robert Capa), Tageszeitung El Correo, 26. Mai 2024 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Krieg in Bilbo 1937 (Robert Capa)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-05-31)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information