Legenden und Fakes
Die baskische Regierung hat bei der spanischen Zentralregierung offiziell die vorübergehende Überstellung von Pablo Picassos ikonischem Gemälde „Guernica“ ins Guggenheim-Museum in Bilbao beantragt. Dort soll es neun Monate ausgestellt werden, zwischen Oktober 2026 und Juni 2027. Die baskische Exekutive sieht darin eine „symbolische Wiedergutmachung“ und Erinnerungs-Geste für das baskische Volk. Denn im April 2027 jährt sich die Vernichtung der baskischen Stadt Gernika durch die Legion Condor zum 90. Mal.
Während der Debatte um die Ausleihe des „Guernica“-Gemäldes für 2026/2027 tauchen in den sozialen Netzwerken erneut Legenden und Missverständnisse über das historische Gemälde auf.
In die Zeit der erbetenen Ausleihe des Picasso-Bildes von Madrid nach Bilbao fällt nicht nur die Bombardierung von Gernika, sondern auch der 90. Jahrestag der ersten baskischen Autonomie-Regierung mit dem PNV-Politiker José Antonio Aguirre an der Spitze am 7. Oktober 1936. Diese Autonomie war eine alte Forderung aus dem Baskenland, Realität wurde sie vor dem Hintergrund des eben begonnenen Spanienkriegs („Spanischer Bürgerkrieg“), als Folge des Militärputschs faschistischer Generäle am 18. Juli 1936. (Gernika ist der baskische Name der Stadt, Guernica ist die spanische Version und der Titel des Gemäldes.)
Eine alte Forderung der baskischen Institutionen ist auch, das Gemälde definitiv ins Baskenland zu bringen, weil es nach deren Ansicht, wie dies der Bilder-Name zum Ausdruck bringt, in die Stadt Gernika gehört. Verwiesen wird dabei nicht nur auf die Vernichtung der Stadt am 26. April 1937, dem das Gemälde seinen Titel schuldet. Ein zweites Argument ist das Vermächtnis des Malers Picasso, der bestimmte, sein Werk dürfe nur in ein republikanisches Spanien zurück, bekanntermaßen erfüllt der post-franquistische Staat (als parlamentarische Monarchie) diese Bedingung bis heute nicht.
Das Reina-Sofía-Museum in Madrid, welches das Werk gegen den Willen Picassos seit Jahrzehnten verwahrt und ausstellt, hat auf den baskischen Überlassungs-Antrag schnell reagiert. Wie bei früheren baskischen Begehren rät die Institution „aufgrund seines empfindlichen Erhaltungszustands“ jegliche Verlegung des Gemäldes „nachdrücklich“ ab. Abgesehen von diesem „Zustand“ würde die spanische Hauptstadt vorübergehend eine touristische Attraktion verlieren, was sich in Besuchszahlen und Einnahmen niederschlägt. Wie jedes Jahr im April zum Jahrestag – und umso mehr nach dem Überlassungs-Antrag der baskischen Regierung – werden alte Geschichte rund um das Gemälde aufgewärmt.
Jenseits der politischen Debatte zwischen Madrid und Vitoria-Gasteiz fiel die erneute baskische Forderung mit dem Wiederaufleben verschiedener Falschmeldungen und Mythen über das Gemälde in den sozialen Netzwerken zusammen. Eine baskische Tageszeitung macht sich die Mühe, unter dem Titel „Stierkämpfer, Nazis und Lügen: Die vier größten Falschmeldungen über das ‘Guernica‘, die durch den Antrag auf Verlegung wiederbelebt wurden“ einige der Fakes und Legenden richtigzustellen. Dies sind die vier häufigsten. (1)
((1)) Stimmt es, dass Picasso das „Guernica“ bereits vor dem Bombenangriff gemalt hatte und dass es in Wirklichkeit ein Gemälde war, das dem Stierkämpfer Ignacio Sánchez Mejías gewidmet war?
Nein, das stimmt nicht. Es handelt sich um eine Falschmeldung oder Randtheorie, die seit Jahren in Blogs und sozialen Netzwerken kursiert, jedoch ohne jegliche solide dokumentarische Grundlage. Es stimmt zwar, dass Picasso die Welt des Stierkampfs bewunderte und mit dem Stierkämpfer und Literaten Ignacio Sánchez Mejías befreundet war, der am 13. August 1934 an den Folgen eines Hornstichs starb, doch die Vorstudien und Fotografien von Dora Maar belegen, dass er im Mai 1937, unmittelbar nach der Bombardierung von Gernika, mit dem „Guernica“ von Grund auf neu begann. Es gibt keine Spur von einem früheren Titel wie „Corrida“ oder „Erinnerung an meinen Freund Sánchez Mejías“ und auch keine Skizzen zu diesem Thema. (Tatsache ist jedoch, dass Picasso seit Januar 1937 mit Entwürfen für das Bild beschäftigt war.)
((2)) Stimmt es, dass der endgültige Titel des Gemäldes von einem Beamten der Generalitat festgelegt wurde?
Dies ist eine Falschmeldung, die mit der vorherigen zusammenhängt. Es wird behauptet, dass ein Kulturbeauftragter der Generalitat de Catalunya (Katalanische Regierung) im Juni 1937 den Titel „Guernica“ für Picassos Gemälde festlegte und dessen ursprünglichen Namen verschleierte. Tatsächlich wählte Picasso „Guernica“ den Namen als Anklage gegen die Schrecken des Krieges, inspiriert von Fotos, die in „L'Humanité“ veröffentlicht wurden, er erwähnte den Namen in seiner Korrespondenz. Einige Freunde, die sein Atelier besuchten, wie der Dichter Juan Larrea aus Bilbao, die ebenfalls als Dichter tätigen Paul Éluard und José Bergamín sowie der Kunstkritiker und Verleger Christian Zervos, ermutigten ihn, den Namen der Bizkaia-Stadt zu verwenden, den Picasso in Erwägung gezogen hatte.
((3)) Hing das Gemälde bereits vor dem Bombenangriff auf der Internationalen Ausstellung in Paris?
Nein, das ist eine weitere Falschmeldung, die in den sozialen Netzwerken kursiert, ebenso wie die Behauptung, das Gemälde sei bereits 1935, vor dem Beginn des Spanienkrieges, in Auftrag gegeben worden. Tatsächlich beauftragte die Regierung der Zweiten Spanischen Republik Picasso im Januar 1937, mitten im „Bürgerkrieg“, mit einem großen Wandgemälde für den Pavillon der Republik auf der „Internationalen Ausstellung für Kunst und Technik des modernen Lebens“, der Welt-Ausstellung in Paris, um für die republikanische Sache zu werben.
Zunächst hatte das Werk kein konkretes Thema, und Picasso arbeitete an verschiedenen Ideen, wobei er eine kreative Blockade durchlief, bis die Bombardierung ihn inspirierte. Der aus Málaga stammende Künstler begann am 1. Mai mit dem Gemälde und vollendete es zwischen dem 4. und 5. Juni 1937, nachdem er etwa fünf Wochen lang intensiv daran gearbeitet hatte. Die Fotos von Dora Maar, der damaligen Lebensgefährtin des Malers, dokumentieren den Entstehungsprozess des Werks im Atelier in der Rue des Grands-Augustins. Nach seiner Fertigstellung wurde die Leinwand zum Pavillon der Spanischen Republik transportiert und dort aufgehängt. Die „Internationale Ausstellung für Kunst und Technik des modernen Lebens“ in Paris wurde am 25. Mai 1937 eröffnet, einen Monat nach der Zerstörung von Gernika. Der spanische Pavillon wurde später, am 12. Juli 1937, mit dem bereits aufgestellten Gemälde eingeweiht.
((4)) Stimmt die berühmte Anekdote, dass ein Nazi-Offizier Picasso fragte: „Haben Sie das gemacht?“, woraufhin dieser antwortete: „Nein, das habt ihr gemacht“, in Anspielung auf die Bombardierung?
Es handelt sich um eine der am häufigsten wiedergegebenen Anekdoten zu dem Gemälde, die jedoch erfunden ist. Die einzige Quelle, die es zu einem ähnlichen Vorfall gibt, stammt vom Schriftsteller und Hollywood-Drehbuchautor Peter Viertel in seinem Buch „Los amigos peligrosos“ (Gefährliche Freunde). Viertel berichtet von einem angeblichen Gespräch zwischen dem Stierkämpfer Luis Miguel Dominguín – einem Freund Picassos – und einigen Franco-Führern. „Wann lasst ihr Picasso nach Spanien zurückkehren?“, fragte Dominguín. „Das können wir nicht. Er hat das ‚Guernica‘ gemalt“, antworteten sie ihm. „Nein. Das habt ihr gemalt“, soll der Stierkämpfer laut Viertel erwidert haben und ihnen damit den Bombenangriff vorgeworfen haben, der das Gemälde inspirierte. Keine andere Quelle erwähnt diese Geschichte. (1)
Das Objekt der Begierde
„Guernica“ ist ein Ölgemälde auf einer Leinwand aus Leinen und Jute, 776,6 cm breit und 349,3 cm hoch. Trotz seines Titels und der Umstände, unter denen es entstand, enthält es keinen konkreten Bezug auf die Bombardierung von Gernika oder den Spanienkrieg. Es handelt sich daher nicht um ein narratives, sondern um ein symbolisches Gemälde. Der Auftrag, den die spanische Regierung Picasso Anfang Januar 1937 erteilt hatte, ein Wandgemälde mit einer Fläche von 11 mal 4 Metern zu kreieren, wurde vom Maler um mehrere Monate verzögert. Zu dieser Zeit befand sich Picasso in einer schwierigen persönlichen Situation, hin- und hergerissen zwischen drei Frauen: seiner Ehefrau Olga, seiner ehemaligen Geliebten Marie-Thérèse, der Mutter seiner Tochter Maya, und seiner derzeitigen Geliebten Dora Maar.
Die erhaltenen Skizzen vom 18. und 19. April 1937 zeigen, dass Picasso trotz der bevorstehenden Eröffnung der Internationalen Ausstellung noch keine Entscheidung über die Ausgestaltung seines Werks getroffen hatte. Die Skizzen, deren Thema „Das Atelier: der Maler und sein Modell“ ist, nehmen das Gemälde lediglich in der rechteckigen Form der Komposition vorweg. Allerdings taucht in diesen Skizzen keines der ikonografischen Elemente des zukünftigen Gemäldes auf. In einer der Skizzen findet sich zudem eine deutliche politische Anspielung (Sichel und Hammer), die im „Guernica“ nicht vorhanden ist. Es stellt alle Arten von Menschen in einem Krieg dar.
Am 26. April wurde die historische baskische Stadt Gernika durch die deutsche und italienische Luftwaffe bombardiert und gezielt zerstört, obwohl der Bezug des Gemäldes möglicherweise von den Bombenangriffen auf Madrid inspiriert war. Die Nachricht über Gernika erschien am 28. April in „L'Humanité“, der Zeitung, die Picasso regelmäßig las.
Am 1. Mai begann Picasso mit den ersten Skizzen für das Gemälde an. Der Entstehungsprozess des Werks ist neben den Skizzen auch durch die von Dora Maar aufgenommenen Fotografien dokumentiert; laut Van Hensbergen könnte dieses gesamte Material „das am besten dokumentierte Beispiel für die Entstehung eines Kunstwerks in der gesamten Kunstgeschichte“ darstellen. In der ersten Skizze des Gemäldes tauchen bereits die Hauptfiguren von „Guernica“ auf: der Stier, die Frau mit dem Licht, der zu Boden gestürzte Krieger und das Pferd. In der zweiten Skizze, ebenfalls vom 1. Mai, erscheint über dem Stier ein geflügeltes Pferdchen, das letztendlich nicht im Gemälde zu sehen ist. Die Figur der Mutter mit dem toten Kind im Arm taucht erstmals in einer Zeichnung vom 8. Mai auf. Der Künstler begann am 11. Mai direkt auf der Leinwand zu arbeiten.
Auf Picassos eigenen Wunsch hin fertigte Dora Maar insgesamt sieben Fotografien an, von denen jede die Leinwand in einem anderen Stadium ihrer Entstehung zeigt. Dank dieser Fotografien sind Kritiker zu der Auffassung gelangt, dass das Werk in sechs Phasen entstanden ist. Der Maler vollendete sein Gemälde am 4. Juni 1937. „Guernica“ wurde irgendwann in der zweiten Junihälfte 1937 in den spanischen Pavillon gebracht, doch wurde die Ausstellung erst am 12. Juli für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, mit erheblicher Verspätung gegenüber dem Eröffnungstermin der Internationalen Ausstellung, die bereits am 24. Mai stattgefunden hatte.
Die Reisen von Picassos „Guernica“
Im Jahr 1938 organisierte der Kunsthändler Paul Rosenberg eine Wander-Ausstellung mit Werken von Picasso und anderen Künstlern (darunter Matisse und Braque), deren Hauptattraktion das „Guernica“ war und die zwischen Januar und April desselben Jahres in den Städten Oslo, Kopenhagen, Stockholm und Göteborg zu sehen war. Ende September reiste das Gemälde nach Großbritannien, um Spenden für das „National Joint Committee for Spanish Relief“ (Nationales Gemeinsames Komitee für Spanienhilfe) in London zu sammeln: Zwischen Ende 1938 und Januar 1939 konnte es in den Städten London, Leeds, Liverpool und Manchester bewundert werden. Insbesondere die Ausstellung des Werks in der Whitechapel Art Gallery in London war ein großer Publikumserfolg und trug wesentlich dazu bei, die britische Öffentlichkeit für die Lage in Spanien zu sensibilisieren. Nach Abschluss der Europa-Tournee beschloss Picasso, das Werk im Museum of Modern Art in New York (MoMA) zu belassen, wohin es an Bord des Ozeandampfers SS Normandie gelangte und von wo aus es bei zahlreichen Ausstellungen innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten gezeigt wurde. Es wurde 1940 im Art Institute of Chicago, 1941 im Kunstmuseum von Columbus, Ohio, und 1942 im Fogg Art Museum in Cambridge, Massachusetts, ausgestellt. 1953 war es Teil einer großen Picasso-Ausstellung im Königspalast in Mailand und wurde im Dezember desselben Jahres zur Biennale von São Paulo nach Brasilien gebracht; 1955/56 war es Teil einer Retrospektive des Künstlers, die durch verschiedene Museen in Deutschland, Belgien, Dänemark und den Niederlanden wanderte. In den Jahren 1957 und 1958 war es Teil der Ausstellung „75. Geburtstag von Picasso“ im MoMA, die anschließend in Chicago und Philadelphia gezeigt wurde. Ab 1958 verblieb es im MoMA, bis es 1981 (bisher endgültig) nach in den spanischen Staat überführt wurde. (2)
ANMERKUNGEN:
(1) "Stierkämpfer, Nazis und Lügen: Die 4 großen Falschmeldungen über das ‘Guernica‘, die durch den Antrag auf Überlassung wiederbelebt wurden“ (Originaltitel: Toreros, nazis y mentiras: Los 4 grandes bulos sobre el 'Guernica' que la petición de traslado ha resucitado), Tageszeitung El Correo, 2026-04-03 (LINK)
(2) Guernica (cuadro), Wikipedia spanisch (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) “Guernica” bunt (amazon)
(2) Picasso (elpais)
(3) Picasso (jmhdezhdez)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-04-05)
