
Die Glocke und die Fliege
Die Fiestas-Jaiak in Bilbao zu verstehen, ist nicht ganz einfach, weil sie sich durch eine spezielle Organisation auszeichnet, die für große Städte einmalig ist. Auf dem Jaiak-Gelände bauen 28 Gruppen ihre Stände auf, Konpartsak genannt. Sie bestehen aus Freiwilligen, die ohne Bezahlung eine unglaubliche Arbeit leisten und zum Gelingen der weit über Bilbao hinaus bekannten Jaiak beitragen. Die von den Konpartsak aufgebauten Stände heißen Txosnak und sind riesig groß. Die schönste Txosna erhält einen Preis.
Während die am besten gestaltete Txosna in Bilbao den Glocken-Preis erhält, bekommt die schlechteste eine riesige Fliege, die während der Fiesta ausgestellt werden muss.
Die Fiesta von Bilbao ist – vor allem in linken Kreisen – in halb Europa bekannt. Das nicht-kommerzielle Freiwilligen-Modell wurde in den 1970er Jahren entwickelt, nach dem Franquismus, bei dem Fiestas rein religiöser Natur waren und aus Gottesdiensten und katholischen Umzügen bestanden. Die neue Aste Nagusia, Große Woche auf Baskisch, dauert neun Tage lang, Sie ist der Ort von Begegnung, Trinken, Essen, Kultur, Musik und Politik. (1) (2)
Neben politischen Inhalten wird bei den Txosnas Wert gelegt auf eine attraktive Gestaltung des Txosna-Standes. Provokation im Sinne von Karneval hat dabei ihren festen Platz. Das Highlight ist, wenn die Gestaltung zu juristischer Intervention führt und die Polizei zur Abdeckung der Darstellung zwingt. Die anarchistische Konpartsa Hontzak (Eulen) hat dies bereits mehrfach erreicht. Zuletzt mit der Darstellung eines Christus, der in Fleischer-Manier zerteilt wurde, in Hinterschinken, Zunge und Herz. Eigentlich keine besondere Erfindung, denn die Kirche selbst spricht vom Corpus Cristi, der für die Menschheit geopfert wird. Die Justiz sah darin allerdings die Verletzung „religiöser Gefühle“, was immer das bedeuten kann. Im folgenden Prozess wurde hoch-offiziell bestätigt, dass die Darstellung der Meinungsfreiheit entsprach und die Katholiken gefälligst das Maul zu halten hatten. Versteht sich von selbst, dass diese Religions-Karikatur die Glocke erhielt, den Preis für die beste Txosna-gestaltung, auch wenn viele die Darstellung wegen der einstweiligen Verfügung und Zensur nie zu Gesicht bekamen.
Die Vertreterinnen der Konpartsak selbst sind es, die in einer Abstimmung die Auszeichnung entscheiden. Daneben gibt es auch einen Anti-Preis. Die Konpartsa, die sich augenscheinlich am wenigsten Mühe gibt bei der Gestaltung ihrer Txosna, erhält eine fette ekelhafte Mücke, Mosca auf Spanisch. Die Versammlung der Konpartsak hat festgelegt, dass die Glocke – selbstverständlich – aufgehängt werden darf. Die Mosca-Mücke hingegen muss eine Woche lang öffentlich gezeigt werden, als Zeichen des Nicht-Bemühens um eine ansprechende Gestaltung der Txosna.
2026-ER THEMEN
Mythologie und Wohnungsnot stehen im Mittelpunkt des Wettstreits um die „Campana“ (Glocke) und die „Mosca“ (Fliege). Mari sucht eine Wohnung, mehr Baskisch auf den Straßen, der Tourismus hinterlässt seine Spuren, Kritik an der Politik des Rathauses – so ließen sich die Hauptthemen zusammenfassen, die die Festgruppen für die Gestaltung ihrer „Txosnas“ gewählt haben. Diese Themen dominieren das Festgelände, doch auch internationale Solidarität oder die Geschichte der Hausbesetzungs-Bewegung in Bilbao haben ihren Platz.
Ein einfacher Spaziergang durch den „Txosnagune“ von Aste Nagusia, das Gelände mit den Txosnas, bestätigt das alte Motto: „Jaiak bai, borroka ere bai“ (Feiern ja, Kampf ebenfalls). Die Konpartsak nutzen das Fest, um ihre Botschaften der sozialen, nationalen, ökologischen oder einfach nur künstlerischen Gerechtigkeit zu verbreiten, stets mit einem kritischen und transformativen Hintergrund. Der kommt in diesem Jahr vor allem durch mythologische Bilder und ausdrückliche Kritik an der Wohnsituation zum Ausdruck. Und, warum sollte es nicht ausgesprochen werden, mit einem Auge auf die „Mosca“ und die „Campana“, die Preise, die Bilboko Konpartsak für die beste und schlechteste Txosna verteilt. Dabei werden Aspekte wie die Struktur und die Dekoration dieser vergänglichen und meist aus einem großen Baugerüst bestehenden Bauten berücksichtigt.

Die internationalistische Gruppe Askapeña hat in diesem Jahr den zentralen Bereich ihrer Txosna dem Kampf der unterdrückten Völker gewidmet – von Irland bis Mexiko, über Kuba, das Baskenland und die Westsahara – sowie einigen der bedeutendsten Revolutionäre der südamerikanischen Geschichte: Fidel Castro (im Jahr seines hundertsten Geburtstags), Pancho Villa, Hugo Chávez, Pepe Mujica oder Ernesto „Che“ Guevara. Zudem hat Askapeña Grund zum Feiern, denn 2026 jährt sich ihre Gründung zum 35. Mal.
Ein weiterer ewiger Favorit für die „Campana“ ist die anarchistische Konpartsa Hontzak. Die Anarchos greifen erneut auf Ironie zurück, um die Ungerechtigkeit im Wohnungswesen, insbesondere für die Arbeiterklasse, anhand der traditionellen Kamelrennen zu reflektieren, die in anderen Kulturen die Feste und Jahrmärkte dominierten. Während die Kamele der Geierfonds, der Banken und der Ferienwohnungen unaufhaltsam voranschreiten, stehen die hungernden Arbeiter ohne alles da, weil ihnen die Möglichkeit genommen wurde, ein Eigenheim zu erwerben.
Kranba, die Konpartsa der Hausbesetzter-Bewegung hingegen hat das große Wandbild seiner „Txosna“ dem 40-jährigen Jubiläum der Besetzung des allerersten Gaztetxe in Bilbo gewidmet. Gaztexte bedeutet wörtlich Jugend-Haus und steht für die Besetzung von leerstehenden Gebäuden, die einem sozialen Zweck zugeführt werden, vor allem für Jugendliche – im Baskenland seit 40 Jahren eine große Tradition. Unter dem Motto „40 urte ateak zabaltzen“ (40 Jahre Türen öffnen) haben sie die Fassade des historischen Gebäudes in der Altstadt nachgebildet, das zwischen 1986 und 1992 besetzt war und heute die „Aulas de la Experiencia“ (Erfahrungs-Aula) der baskischen Universität EHU beherbergt. Wie bereits Tradition, hat die Gruppe der Hausbesetzer eine der Seitenwände der Txosna mit einer Kletterwand ausgestattet.
Neben der Arenal-Brücke wird die „Txosna“ der Konpartsa Moskotarrak von der „verurteilten Mosca“ bewacht, die jeden Besucher darauf hinweist, dass ihre „Txosna“ im vergangenen Jahr zum zweiten Mal in Folge die am wenigsten „begünstigte“ war. Die erfahrene Gruppe – die sich selbst als „unpolitisch“ bezeichnet – scheint sich jedoch ins Zeug gelegt zu haben, um kein „drittes Mal in Folge den letzten Platz zu belegen“, und hat eine Txosna präsentiert, die mythologische Elemente, ein buntes „Guernica“-Bild von Picasso und Kritik an der juristischen Offensive gegen die baskische Sprache und die Eingriffe in die Baskisch-Prüfungen des Abiturs vereint.
Dieses Thema hat auch Algara gewählt, die Konpartsa der Baskisch-Schule Gabriel Aresti, um ihre Txosna zu gestalten. Unter dem Motto „urteten jake urteten jakena“, das sich als treffende Beschreibung für das klägliche Scheitern einiger Schüler bei der Baskisch-Prüfung etabliert hat, deckt die Konpartsa den Widerspruch im Diskurs sowohl der Stadtverwaltung von Bilbao als auch des in „EiTV“ umbenannten baskischen Fernsehens auf – in einem toxischen Umfeld, das es unmöglich macht, frei zu atmen und das Leben in baskischer Sprache in vollen Zügen zu genießen.
MARI SUCHT EINE WOHNUNG
In Anlehnung an das von Bilboko Konpartsak für den vergangenen Karneval gewählte Thema haben sich viele Konpartsak für die Mythologie entschieden, um ihren Festbereich zu gestalten. So greifen Pa-Ya! (Gewinner der „Campana“ im Jahr 2024), Kaixo oder Satorrak Elemente der baskischen Mythologie auf und vermischen diese mit Sozialkritik, während Txinbotarrak auf die griechisch-römische Tradition zurückgreift. In diesem Zusammenhang ist die Arbeit von Altxaporrue hervorzuheben, in deren Txosna die Szene zu sehen ist, wie Hexen einen Akerbeltz beschwören, der in einer Vollmondnacht aus den Flammen hervortritt.
Andererseits gibt es auch zahlreiche Txosnas, die ihre Auslage nutzen, um auf soziale Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Das 2026 am häufigsten aufgegriffene Thema ist die Wohnsituation, ein ungelöstes Problem für die Konpartsa Kaskagorri (die es aus der Perspektive der Jugend beleuchtet) oder Trikimailu. Als aktuelle Trägerin der Glocke hat diese Karnevalsgruppe die bekannten Figuren aus der historischen Fernsehserie „13, Rue del Percebe“ in „Triki, Rue de la Piraña“ umbenannt, wo sie Opfer skrupelloser Spekulanten werden.
In anderen Gewässern bewegt sich Piztiak mit ihrem Wandbild, das dem nie in Betrieb genommenen Atomkraftwerk Lemoiz gewidmet ist. Um es klar zu sagen: Es handelt sich nicht um eine Rückkehr in die 80er Jahre und den Kampf gegen die Atomkraft, sondern darum, dass die Animalistas oder Tierfreundinnen den Bau einer Fischzuchtanlage auf dem Gelände des Kraftwerks ablehnen. Das Ganze wird mit einem neuen Slogan unterstrichen: „Arraintegirik? Ez, eskerrik asko“ – Fischfabrik, nein danke. Denn auch die Seezungen wollen Freiheit.
JUSTIZIA ANDERRENTZAT
Ein Bezug zur Solidarität mit Palästina lässt sich auch in diesem Jahr an jeder Txosna finden. Auch wenn der Krieg gegen Gaza für beendet erklärt wurde, herrscht in allen Konpartsak ein Bewusstsein darüber, dass der zionistische Völkermord deshalb nicht zu Ende ist, sondern andere Formen angenommen hat. Für dieses Bewusstsein stehen Plakate, Graffitis, Aufkleber, Fahnen oder Transparente. Ein weiteres ausdrucksstarkes Mittel, das die verschiedenen Konpartsa-Gruppen gewählt haben, um ihren Anliegen Ausdruck zu verleihen, ist das Anbringen von Transparenten im Theken-Bereich. Darunter sind die bekannten Transparente, die die Rückkehr der baskischen politischen Gefangenen nach Hause fordern, oder ein Ende der Stierkämpfe während des Aste Nagusia und überhaupt; oder die Solidarität mit der Rentnerbewegung bekunden. Durch ihre große Präsenz auffällig sind in diesem Jahr jene Plakate, die „Justizia Anderrentzat“ fordern, Gerechtigkeit für Ander – für den jungen Mann aus Santurtzi, der Ende Juni bei einem Einsatz der örtlichen Polizei mit einem Taser getötet wurde.
Als neuartige Elemente haben einige „Txosnas“, wie Altxaporrue oder Hau Pittu Hau, Wasser verteilende Nebelanlagen in den Thekenbereich integriert, um die Atmosphäre in diesem zunehmend tropisch anmutenden Bilbao zu erfrischen. Nur Abante, die Konpartsa der baskischen Medien, hat jedoch eine echte Dusche eingebaut, aus der das Wasser aus dem Rüssel eines Elefanten spritzt. Das ist nicht neu, nimmt aber nichts vom Erfrischungswert. Txori Barrote und Aixeberri weisen an ihren Wänden schließlich auf den 45. bzw. 30. Jahrestag ihrer Gründung hin.
Bald wird die Versammlung stattfinden, bei der die beste und die schlechteste Txosna-Gestaltung prämiert wird: Die „Campana“ und die „Mosca“ suchen bereits nach einem neuen Standort für die Fiesta-Jaia 2027. Die Anarchistinnen von Hontzak sind wie (fast) immer unter den Favoriten zu finden, für die Mosca gibt es sicher gleich mehrere Kandidaten, Bizizaleak, La Pinpi, Zaratas und Satorrak liegen dabei gut im Rennen – negativ gesehen, versteht sich. Bei manchen ist nicht einmal ein konkretes Thema auszumachen. So kehrt sich die Geschichte um. Vor Jahren war der Wettbewerb um die Glocke ein Kopf-an-Kopf-Rennen, jetzt wird es nur noch am Tabellenende spannend. Die politischer Kultur bei der Bilboko Aste Nagusia hat gelitten und ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.
ANMERKUNGEN:
(1) Information aus “Mythologie und Wohnen stehen im Mittelpunkt des Wettstreits um die Glocke und die Fliege“, (Original: Mitología y vivienda centran la carrera por la Campana y la Mosca), Tageszeitung Gara, 2026-08-24, Ergänzungen durch baskultur.info (LINK)
(2) Jaiak – Fiestas auf Baskisch / Konpartsa – Fiesta-Gruppe in Bilbao / Txosna – Fiesta-Stand einer baskischen Fiesta, groß oder klein, selbst gebaut oder angefertigt / Aste Nagusia – Große Woche auf Baskisch, so genannt in Gasteiz, Donostia und Bilbo / Gaztetxe – Jugend + Haus, besetzter Leerstand, starke baskische Jugendbewegung
ABBILDUNGEN:
(*) Aste Nagusia Bilbo (naiz)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-08-24)
