durazko1Durango 2024, Ausgabe 59

Die 69. baskische Buch- und Musik-Messe in Durango hat soeben ihre Tore geschlossen. Erneut füllten Zehntausende die Landako-Halle und vorsorgten sich mit Weihnachts-Geschenken. Andere ließen sich neu erworbene Scheiben oder Bücher direkt von den Autor*innen abzeichnen. Zuweilen gab es Wartezeiten wegen Überfüllung, auf den Gängen herrschte das gewohnte Gedränge. Ein Luxus wäre es gewesen, sich in aller Ruhe von vier kenntnisreichen Personen zwischen den Buch- und Musik-Ständen führen zu lassen.

Baskische Kultur-Hauptstadt: Seit 59 Jahren ist die Buch- und Musik-Messe in Durango eine Pflicht für Kulturschaffende im Baskenland – gleichzeitig eine willkommene Gelegenheit zur persönlichen Kontaktaufnahme mit Musiker*innen und Autor*innen. Vier Azoka-Expert*innen geben Tipps.

Das Massengeschiebe auf der Azoka reißt nie ab. Es gibt Phasen mit mehr oder weniger Andrang, aber die Flut der Besucher*innen bleibt vier Tage lang erhalten. Nur zur Mittagszeit, wenn sich der Hunger meldet, verlagert sich das Geschiebe in die Altstadt mit ihren gastronomischen Angeboten. Sobald sie eintritt, taucht die Besucherin in der Ausstellungshalle in eine festliche und gleichzeitig familiäre Atmosphäre ein, mit Ständen voller Bücher und Schallplatten als Lockmittel. Eine Journalistin traf sich vor dem Ende der Messe mit den Schriftsteller*innen Jon Gerediaga und Izaskun Gracia, mit der Übersetzerin Aiora Jaka und dem Liedermacher Mikel Urdangarin – nicht nur, um sich durch die Masse begleiten zu lassen, sondern auch um Eindrücke zu sammeln und sich den Titel eines Buches oder einer Platte empfehlen zu lassen. (1)

durazko2Jon Gerediaga, Dichter und Dramatiker: “Um junge Menschen zum Lesen zu bringen, müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen“

Der strahlende Gewinner des Euskadi-Literaturpreises in der Kategorie Baskische Sprache für seinen Gedichtband “Zeru-lurren liburua“ (Buch von Himmel und Erde) kam in Gesellschaft seiner Frau und seinen beiden Töchtern zur Azoka. “Ich komme immer mit Familie und nehme gerne Bücher mit nach Hause. Bei mir ist immer noch Platz für ein paar mehr“, erzählt der Dichter und Dramatiker Jon Gerediaga (Bilbao, 1975) vor den Ständen des Elkar-Verlags, wo sich Exemplare seines Buches neben Titeln wie “Bigarren sexua“ (Das zweite Geschlecht) von Simone de Beauvoir und “Bihotz-museo bat“ (Ein Herz-Museum) von Leire Vargas aufreihen. Es ist Mittag und die Leute kaufen gleich zwei oder frei Exemplare der Bände.

Der Doktor der Kultur-Anthropologie und Philosophie-Lehrer in der Lauro Ikastola (Baskisch-Schule) ist ein Mann, dem das Dozieren nicht liegt. “Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn wir wollen, dass die jungen Leute lesen, müssen sie dich selbst beim Lesen sehen“, erklärt er mit einem Lächeln. Ohne die Tatsache aus den Augen zu verlieren, dass die audio-visuelle Hyper-Stimulation des 21. Jahrhunderts die Konzentrations-Fähigkeit von allen strapaziert hat. “Bei unseren Kindern haben wir es geschafft, sie davon abzuhalten, ihre Handys zu missbrauchen. Die Älteste ist süchtig nach 'El clan del oso cavernario' (Der Clan der Höhlenbären, einer Romanserie über die Steinzeit). Und die Jüngste ist rebellisch und will nicht, dass wir ihr Kleidung oder Bücher schenken“. Doch Jon Gerediaga gibt die Hoffnung nicht auf. Er weiß, dass nichts im Leben für ewig gilt. “Solange wir Interesse und Sensibilität haben, kommen uns die Bücher entgegen“. Wie zum Beispiel “Ele eta hitz, ahoz eta idatziz“ (Sprache und Wort, Stimme und Schrift) von José Ángel Irigaray, ein Essay mit einem Plädoyer für das mündliche und schriftliche Wort. “Es handelt sich um ein wertvolles Werk, ein Rückblick auf die Geschichte der Menschheit“.

Izaskun Gracia Quintana, Romanautorin, Kurzgeschichten-Erzählerin und Dichterin: “Das hat nichts mit Berlin zu tun, hier fühlt man sich zu Hause“

Izaskun Gracia Quintana (Bilbao, 1977) verliebte sich im ersten Jahr der Sekundarschule in die baskische Sprache, dank Iñaki Martínez, der sie an der Schule unterrichtete. “Ich war von der Sprache fasziniert und habe nicht lange gezögert und mich in die Euskaltegi eingeschrieben, die EGA-Prüfung abgelegt und Baskische Philologie studiert“, erinnert sich die Schriftstellerin, die seit kurzem in Berlin lebt. Dort arbeitet sie als Redakteurin, Übersetzerin, Lektorin und Grafikdesignerin. Sie schreibt auch Gedichte und Prosa auf Baskisch und Spanisch. Vor drei Jahren wurde sie für “Lo que ruge“ (Was brüllt), eine Sammlung von acht Horror-Geschichten, für den Euskadi-Literaturpreis nominiert. Jetzt hat sie gerade ihren ersten Roman “Basokoa“ (Aus dem Wald) veröffentlicht, in dem sie noch tiefer in das “Unerklärliche“ eintaucht, das mit familiären Beziehungen, Abrechnungen und den Geheimnissen der Vergangenheit zu tun hat und beim Verlag Alberdania erschienen ist.

durazko3“Ich schreibe seit mehr als 20 Jahren, und ich bleibe meiner Linie treu. Dennoch höre ich nicht auf, mich weiterzuentwickeln. Von allem kann ich etwas lernen, das ist das Gesetz des Lebens“. An die internationalen und riesigen Buchmessen in der deutschen Hauptstadt gewöhnt, erscheinen ihr die Dimension der baskischen Buch- und Platten-Messe in Durango weitaus angemessener. “Hier ist alles zugänglich und näher. Du fühlst dich wie zu Hause“, meint sie inmitten der Menschenmassen, zwischen Familien mit Kindern am Hals und Gruppen von Jugendlichen, die sich vor den Ständen tummeln. Sie alle sind auf der Suche nach einem Schatz, und Izaskun weiß, wo er zu finden ist. “Ich würde mich für 'Idaztea gibelera zenbatzen ikastea da' (Schreiben heißt lernen, die Leber zu zählen), von Hasier Larretxea entscheiden. Der Autor erzählt uns von seinem Leben, der Veränderung, die er als Schriftsteller und Homosexueller durchmachte, als er aus einem Dorf in Navarra nach Madrid zog. Seine Prosa ist fabelhaft.“

Mikel Urdangarin, Liedermacher: “Benito Lertxundi wird nie aufhören, in unseren Herzen zu spielen“

Mit fast 30 Jahren Bühnen-Erfahrung hat er gerade sein zwanzigstes Album “Mundua eder“ (Schöne Welt) veröffentlicht, mit dem Gefühl eines Mannes, der die Hälfte seines Lebens hinter sich hat. “Ich denke, ich bin in meinem besten Moment. Ich habe ein intensiveres und erfahreneres Verhältnis zur Musik und ihrer Umgebung“, gesteht der Liedermacher Mikel Urdangarin (Zornotza-Amorebieta, 1971), während aus den Lautsprechern der Song “Erre“ (Brennen) der Drag Queen Stardust ertönt und die Gesangs-Kollegin Izaro einige Meter weiter hunderte von Covers ihres Albums “Gabonetan“ (An Weihnachten) signiert. Mikel scheint glücklich, den Messe-Raum mit einer heterogenen Gruppe von Kollegen und Kolleginnen teilen zu können, obwohl “das alles ein überwältigend ist für mich, ich bin ein eher ruhiger Mensch“.

Von Gitarre und Klavier begleitet ist er ein Künstler, der sich seinen Weg durch die weite Welt seines Innenlebens bahnt. Er reist zurück in seine Kindheit und ruft die Erinnerung an die Iranerin Mahsa Amini wach, die zu Tode geprügelt wurde, weil sie keinen Schleier tragen wollte; Mikel singt von der Vergänglichkeit der Schönheit und verortet das Baskische “auf der erleuchteten Seite des Planeten“. Die baskische Sprache inspiriert ihn jeden Tag und hat ihn auf die Bühnen Russlands, Japans und der Vereinigten Staaten gebracht. Alles macht Sinn, die Leute verstehen dich über die Musik“. Der studierte Pädagoge verließ den Lehrerberuf, um auf der Bühne zu stehen, und er hat seine Entscheidung nie bereut. Er schaut sich aufmerksam um, hat einen Überblick über die auffälligsten neuen Scheiben. Aber mit Blick auf Weihnachten entscheidet er sich für das neue Album “Gernika“ von Benito Lertxundi: “Eine lebenslange Stimme, liebevoll und vertraut, die nie aufhören wird, in unseren Herzen zu klingen“.

durazko4Aiora Jaka, Übersetzerin: “Das erste Mal, als ich hierher kam, war ich erst sechs Jahre alt“

Aioras Vater, Joseba Jaka (1948-1996), konnte ohne Bücher nicht leben. Als Mitglied des Verwaltungsrats des Elkar-Verlags und Leiter der Marketing-Gesellschaft Euskal Kulturgintza (Baskische Kulturarbeit) war er eine Schlüsselfigur in der baskischen Verlagswelt und sehr aktiv in der Azoka (baskisch: Messe) in Durango. Er starb bei einem Unfall in Cádiz, als Aiora 14 Jahre alt war, ohne sich auch nur im Entferntesten vorstellen zu können, dass seine Tochter in Zukunft nicht nur einen brillanten Abschluss als Übersetzerin und Dolmetscherin machen, sondern auch den Euskadi-Preis 2024 erhalten würde, für die Übersetzung des Romans “Los soles de las independencias“ (Die Sonnen der Unabhängigkeiten) des Malinke-Autors Ahmadou Kourouma aus der Elfenbeinküste, eine Übertragung aus dem Französischen ins Baskische.

Eine große übersetzerische Herausforderung, der sich Aiora Jaka (Donostia, 1982) mit großer Motivation stellte, “weil ich das Buch eines postkolonialen Autors in Angriff nehmen wollte, der sich beim Schreiben des Französischen bedient, der Sprache der Unterdrücker, und das muss sich in der Übersetzung niederschlagen“. Als eingefleischte Läuferin, ein Hobby, das sie von ihrer Aita (Vater) geerbt hat, fühlt sie sich wohl, wenn sie Hindernisse überwindet, die Welt der Bücher ist ihr natürlicher Lebensraum. Als sie das erste Mal die Buch- und Schallplatten-Messe in Durango besuchte, war sie sechs Jahre alt. Aber sie hat nicht vergessen, was sie am meisten beeindruckte: “Die Azoka fand damals in der Markthalle von Durango statt und es war sehr kalt. Natürlich haben wir uns sofort aufgewärmt, denn wir wollten ja arbeiten“. Heute findet die Azoka im Landako-Pavillon statt, umfasst neben den Verkaufsständen 200 Veranstaltungen und präsentiert fast 1.000 Neuheiten, insbesondere Bücher und Schallplatten. “Es ist etwas Großes und Wunderbares. Ich lebe und fühle es wie ein Festival.“ Als unersättliche Leserin ist eines ihrer Lieblingsbücher der Roman “Zoriona, edo antzeko zerbait“ (Glück, oder etwas Ähnliches) von Karmele Mitxelena. “Darin geht es um eine Frau, die Witwe wird, und mit der sich viele identifizieren können.“ (1)

Die andere Buchmesse

Für eine “kleine Sprache“ wie das Euskara mit weltweit etwa einer Million Sprecher*innen ist eine zentrale Literatur-Messe eine überaus wichtige Einrichtung, auf die sich der Kulturbetrieb konzentrieren kann. Die großen Verlage (Musik und Literatur) haben sich über die Jahre fest etabliert und vergrößern ihren Raum bei der Durangoko Azoka. Kleineren Gruppen und Verlagen hingegen fällt es schwer, in diesem Geschäft mitzuhalten. Kleinverlage, die pro Jahr ein oder zwei Publikationen auf die Beine stellen, legen zwar Wert auf die Anwesenheit in Durango. Aber ohne große Verkaufs-Erwartungen. “Die Standgebühr schluckt praktisch den Erlös aus unserem Buchverkauf“ ist eine Bilanz, die einige unter ihnen traurigerweise teilen. (Interview Baskultur)

durazko5Schon vor zwei Jahrzehnten zogen kleine Kollektive die Konsequenz und suchten Quartier in alternativen Räumen der Stadt. Im besetzten Jugendhaus zum Beispiel, aber das wurde schnell zu klein. Dann bauten vor allem anarchistische Gruppen neben der Markthalle ein Zelt auf, doch der baskische Dezember (negu gorria, eisiger Winter) ist nicht gerade draußen-freundlich … so haben sich zuletzt einige Gruppen zusammengetan und für die Dauer der Messe in der Altstadt einen leerstehenden Laden angemietet. Im Schichtbetrieb teilen sich die Gruppen den Verkauf und sind zufrieden mit dem Projekt. Mit etwas mehr Aussicht, dass etwas in den klammen Kassen hängen bleibt.

“Wir wären schon gerne am Puls des Messelebens in der Landako-Halle. Aber die Standgebühren sind für uns unerschwinglich, ein Nullgeschäft ist für uns undenkbar, obwohl wir noch nicht einmal vom Verkauf leben“, ist die Bilanz von linken, internationalistischen und antifaschistischen Gruppen wie DDT Banaketak, Askapena, Katakrak oder Sare Antifaxista. “Die Messe-Organisatoren würden sicher nicht ins Gras beißen, wenn sie einen Sozial-Tarif für kleine oder gemeinnützige Gruppen zulassen würden. Aber sie setzen eben auf die bekannten kapitalistischen Dynamiken, die Großverlage haben jedes Jahr einen Stand mehr und die kleinen Verschwinden aus dem Blickfeld. So wird der Erfolg der Azoka immer mehr zu einem kommerziellen Erfolg, der wirkliche Überblick über das breit gefächerte Panorama der baskischen Sprache und ihrer alternativen Publikationen geht immer mehr verloren. Ein Bärendienst für unsere Sprache.“

Weitere Publikationen zur Durango-Messe:

In der Vergangenheit, zum ersten Mal im Jahr 2016, publizierte Baskultur.info mehrfach Artikel zur Durangoko Azoka, der jährlichen Buch-und Musik-Messe.

Am 9.11.2016 unter dem Titel “Musikalische Neuerscheinungen – Buch- und Musik-Messe in Durango“ (LINK).

Am 14.12.2019 unter dem Titel “Baskische Buch + Musikmesse – Das A bis Z der Azoka Durango (LINK).

Und am 12.12.2023 unter dem Titel “Buch- und Musik-Messe – Kultur-Hauptstadt Durango“ (LINK).


ANMERKUNGEN:

(1) “Cuatro guías con criterio entre libros y discos“ (Vier Begleiter, die sich auskennen, bei der Bücher- und Musikmesse), Tageszeitung El Correo, 2024-12-07 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Messe Durango (Plakat)

(2) Messe (elcorreo)

(3) Messe (durango turismo)

(4) Messe (athletic)

(5) Alternativ-Messe (fed.anarquista)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-12-10)

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