volymp1Von Frankfurt nach Barcelona

Die Volks-Olympiade 1936 in Barcelona war nicht die erste ihrer Art, wohl aber die bekannteste unter den vier Ausgaben, die in einem Zeitraum von 12 Jahren organisiert wurden. Das hatte einen tragischen Grund, denn während die Spiele praktiziert wurden, putschten im spanischen Staat faschistische Generäle gegen die legitime Republik und überzogen das Land mit einem Krieg. Am 18. Juli begann der Staatsstreich, am 19. Juli die sozialistische Gegen-Olympiade zu Hitlers Olympischen Spielen von Berlin.

Die Volks-Olympiade von Barcelona war als Gegenveranstaltung zu den offiziellen Spielen der Nazis in Berlin gedacht. “Zu den Zielen der Volks-Olympiade gehörte, dass sie für die Massen sein und den Amateursport fördern sollte.“

Die Volksolympiade von Barcelona wurde ausdrücklich als Boykott und Gegengewicht zur offiziellen Olympiade im nationalsozialistischen Berlin organisiert. Für die Organisation der Olympiade in Barcelona war das “Comitè Català pro Esport Popular“ zuständig, eine Organisation ohne formale Verbindungen zu politischen Organisationen, Parteien, Regierungen oder Gewerkschaften, sondern ein Zusammenschluss verschiedener Arbeitersport-Verbände.

Mit großen Ansprüchen

So wie die bürgerlichen Olympischen Spiele sich heute darstellen, waren sie bereits vor fast einem Jahrhundert: Verherrlichung des Nationalismus, kapitalistische Propaganda, Wettbewerb, Profit und Kommerzialisierung des Sports. Die damalige breite und starke Arbeiter-Bewegung war sich dessen bewusst und beschloss aus diesem Grund, ihre eigenen “Gegen-Olympiaden“ zu veranstalten.

volymp2Fünf solcher alternativen Olympischen Spiele fanden statt: in Frankfurt 1925, in Moskau im Jahr 1928, im “roten“ Wien des Jahres 1931, im anarchistisch geprägten Barcelona 1936, sowie 1937 im belgischen Antwerpen. Die Spiele in Moskau werden als “Spartakiade“ bezeichnet, oder auch als “Rote Olympiade“ der jungen Sowjetunion. Als die Volks-Olympiade in Barcelona geplant wurde, war dies eine Antwort auf das Propaganda-Spektakel der Nazis in Berlin. Aber noch ahnte niemand, was sich kurz vor den Barcelona-Spielen im Juli 1936 im spanischen Staat abspielen sollte: ein Militäraufstand gegen die Regierung der Republik. (1)

Die Volks-Olympiade in Barcelona war für 19. Juli bis 26. Juli geplant und hätten somit sechs Tage vor dem Beginn der Olympischen Sommerspiele in Berlin geendet. Zusätzlich zu den üblichen sportlichen Wettbewerben sollten auch Wettkämpfe im Schach, Volkstanz, Musik und Theater stattfinden. Rund 6.000 Athleten aus 22 Ländern hatten sich für diese Volksolympiade angemeldet. Der größte Anteil der Sportler sollte unter anderem aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, der Tschechoslowakei, Dänemark, Norwegen, Schweden und der Schweiz kommen. Auch Sportler*innen aus Deutschland und Italien, die im Exil waren, hatten ihre Teilnahme angekündigt. Viele der Athleten wurden von Gewerkschaften, Arbeitervereinen, sozialistischen und kommunistischen Parteien gesandt. (2)

Doch die Eröffnungsfeier in Barcelona stellte zugleich das Ende der Olympiade dar, da am selben Tag das spanische Militär putschte. Einige Teilnehmer konnten wegen geschlossener Grenzen Barcelona gar nicht erreichen. Viele reisten schnell wieder ab. Jedoch blieben mindestens 200 Athleten in Spanien (die meisten davon Deutsche und Italiener) und schlossen sich den Milizen an, um die spanische Republik zu verteidigen. (2)

Diese Arbeiter-Olympiaden basierten auf fünf Punkten, die sie völlig von den bürgerlichen Olympiaden unterschieden und ihnen eine populäre und antikapitalistische Basis gaben:

1. Die Spiele suchten nicht den Wettbewerb in seiner extremen Form, sondern den Geist der Selbstüberwindung.

2. Der Kult von Sportlerinnen und Sportlern an sich war schädlich und wurde vermieden.

3. Die Kommerzialisierung des Sports wurde entschieden abgelehnt, stattdessen wurde der Amateur-Status der Sportlerinnen und Sportler gefördert.

4. Der Sport sollte der breiten Masse dienen, das heißt, jede und jeder sollte die Möglichkeit haben, Sport zu praktizieren.

5. Der Weltfrieden sollte durch den Sport und die daraus resultierenden internationalen Kontakte gefördert und erreicht werden.

volymp3Die Olympiade von Barcelona wurde ausdrücklich als Boykott und Gegengewicht zur offiziellen Olympiade in Hitlers Berlin organisiert. Im Jahr 1931, zwei Jahre vor Hitlers Machtergreifung, war Berlin mit der olympischen Nachfolge von Los Angeles 1932 beauftragt worden. Doch im Frühjahr 1936 hatte sich die politische Situation stark verändert.

Die Organisation der Olympiade lag in den Händen des “Katalanischen Komitees für Volkssport“, einem partei-politisch unabhängigen Zusammenschluss verschiedener Arbeitersport-Verbände. Finanziell unterstützt wurde diese Gegen-Olympiade von den damaligen progressiven Regierungen, der französischen und spanischen Volksfront, der belgischen Regierung und der katalanischen Generalitat. Die im Februar 1936 gewählte Regierung der spanischen Republik beschloss damals, keine Delegation zur Nazi-Olympiade in Berlin zu entsenden, und die Athlet*innen spanischer Herkunft nahmen an der Volks-Olympiade teil, mit regionalen Delegationen, bei denen der Sport und nicht die Verherrlichung der patriotischen Werte im Vordergrund stand.

Insgesamt nahmen 22 Delegationen mit 6.000 Personen an der Sport-Veranstaltung teil, darunter auch Regionen ohne politischen Unabhängigkeits-Status wie Algerien, Palästina, das Baskenland, Elsass, französisch Marokko oder spanisch-Marokko sowie jüdische Organisationen, die vom Faschismus in Europa verfolgt wurden. So wurden die Grundsätze des Arbeiter-Internationalismus und der Solidarität unter den Völkern demonstriert.

Eines der Ziele der Olympiade darin bestand, eine Massen-Veranstaltung darzustellen und den Amateursport zu fördern. Aus diesem Grund wurden drei Kategorien geschaffen: Elite-Sportler, Expert*innen und Amateure. Dies bedeutete, dass alle Aktiven entsprechend ihrer körperlichen Fähigkeiten teilnehmen konnten.

Die Olympiade wurde für den Zeitraum vom 19. bis 26. Juli organisiert (manche Quellen sprechen vom 22. Juli als Beginn). Während der Probe des Orchesters, das für die Eröffnungszeremonie zuständig war, wurde in den Tagen vor Beginn vor einem bevorstehenden Militäraufstand gegen die Republik gewarnt. In jeder anderen Situation wäre die Reaktion auf den Ausbruch des Krieges die Evakuierung der internationalen Delegationen gewesen, aber dies war kein gewöhnliches internationales Treffen. Es war die Arbeiterbewegung, die sich zur Verteidigung ihrer Kultur organisierte.

Am nächsten Tag fand auf dem Republik-Platz eine Demonstration von Sportler*innen statt, die der Stadt für ihre Gastfreundschaft dankten und zum Widerstand gegen den Faschismus aufriefen. Viele der Athleten dieser Volksolympiade kehrten nicht in die Ruhe ihrer Heimat zurück, sondern waren sich der historischen Notwendigkeit bewusst, in die sie verwickelt waren: die erste Kriegsfront gegen den Faschismus. Diese Sportler waren die ersten, die sich den berühmten Internationalen Brigaden anschlossen.

volymp4In Berichten, in diesem Fall von einem belgischen Athleten, der die Situation in seinem persönlichen Tagebuch schildert, heißt es: “Die Straßen sind leer unter der sengenden Sonne (...) auf dem Plaza del Comercio treffen wir auf die ersten Barrikaden (...) Hunderte von Metern weiter sehen wir bewaffnete Gewerkschafter (...) alle 100 Meter tauchen Barrikaden auf. Alle Seitenstraßen sind blockiert (...) wir schleichen an den Häuserfassaden entlang. Kugeln pfeifen über den Platz. Instinktiv drehen wir uns um und gehen in einem Hauseingang in Deckung (...) Wir sehen deutlich, wie die Scharfschützen vom Kirchturm aus den Arbeitern hinter den Barrikaden in den Rücken schießen“.

Das Endergebnis ist allgemein bekannt: der Krieg begann und die Olympiade konnte nicht beginnen. Die Berliner Olympiade wurde zu einem kolossalen Erfolg, ein ideologischer Erfolg, mit dem Hitler und die Nazis ihr Ziel erreichten, die Welt mit ihrer Propaganda-Maschine zu beeindrucken. Doch die Volks-Olympiade von Barcelona vermittelte andere Lehren und war vor allem ein Beispiel dafür, wozu eine breite und starke Arbeiter-Bewegung fähig ist, die eine Veranstaltung mit internationalem Charakter organisiert und die Werte von Gleichheit und Solidarität in den Sport trägt, der heutzutage dem Beispiel Nazi-Deutschlands viel ähnlicher ist als dem Beispiel des rebellischen, vereinten und solidarischen Barcelona.

Baskische Beteiligung 1936

Es ist nicht einfach, festzustellen, wer zum baskischen Team in Barcelona 1936 gehörte. Berichtet wird von einer Delegation aus Nafarroa (5). Präsent waren jedenfalls das baskische Pelota-Spiel und das "französische Pétanque", schreibt der baskische Journalist Iker Ibarrondo-Merino in "Memorias del deporte obrero castellano" (Erinnerungen an den kastilischen Arbeiter-Sport, Salamanca 2023) über die Geschichte der Volks-Olympiade. "Es war sowohl ein Boykott der von den Nazis organisierten Olympischen Spiele wie auch die Vorstellung einer Idee, was die Olympischen Spiele sein sollten". Im Jahr nach Barcelona wurde 1937 in Antwerpen eine weitere Arbeiter-Olympiade organisiert, an der die spanische Delegation unter dem Motto “No pasarán!“ teilnahm – “Sie kommen nicht durch!“.

Frankfurt 1925

An der Frankfurter Arbeiter-Olympiade vom 24. bis 28. Juli 1925 nahmen 3.000 aktive Sportler*innen aus elf Ländern teil (Deutschland, Österreich, Schweiz, Tschechoslowakei, Polen, Palästina, Lettland, Finnland, England, Frankreich und Belgien), die ohne Fahnen oder andere nationale Abzeichen unter den Klängen der Internationale in das neue Waldstadion einmarschierten. Hinzu kamen Vertretungen der Arbeitersport-Organisationen aus dem Sudetenland und der Freien Stadt Danzig. Neben dem Arbeiter-Turn- und -Sportbund (ATSB) hatte der Rad- und Kraftfahrer-Bund Solidarität, mit über 300.000 Mitgliedern die größte Radfahr-Organisation weltweit, wesentlichen Anteil an der Organisation der Veranstaltung. Neben den Wettkämpfen in Fußball, Wassersport oder Turnen gehörte zur Arbeiter-Olympiade ein “Tag der Massen“, bei dem sich Vertreter der verschiedenen Gruppen des Arbeitersports präsentierten. Auch Massen-Freiübungen gehörten dazu. Insgesamt waren 100.000 proletarische Sportler*innen beteiligt. Insgesamt 450.000 Zuschauer*innen kamen zu den Veranstaltungen. (3)

Die US-Delegation

volymp5Am 3. Juli 1936, einen Monat vor den so genannten Olympischen Spielen der Nazis in Berlin, machte sich eine Gruppe amerikanischer Sportler auf den Weg nach Europa. Zu dem US-Team gehörten schwarze Sprinter aus Harlem, jüdische Turner aus Manhattan und ein halb-schwarzer Boxer aus Pittsburgh. Ihr Trainer war Abraham Alfred “Chick“ Chakin, ein Einwanderer, dessen Familie vor den Pogromen in Russland geflohen war. Chakin, der sich vom Boxen zurückgezogen hatte, war in den Ring zurückgekehrt, um die Athleten zu trainieren, aber sie fuhren nicht zu den offiziellen Spielen in Nazi-Deutschland. Sie waren auf dem Weg nach Barcelona zur ersten Volksolympiade, die “das größte antifaschistische Spektakel aller Zeiten“ zu werden versprach. (4)

Obwohl die Olympischen Spiele von 1936 als die Spiele in Erinnerung geblieben sind, bei denen der schwarze US-Sprinter Jesse Owens die Nazi-Ideologie schlecht aussehen ließ, indem er die meisten Goldmedaillen gewann, hofften die Athlet*innen der Volks-Olympiade, dass ihre Spiele die Stärke der antifaschistischen Bewegung demonstrieren würden. Schon bald stellten sie fest, dass der Kampf gegen den Faschismus weitaus brutaler ausfallen würde als erwartet.

Die Volks-Olympiade, die am 19. Juli 1936 eröffnet werden sollte, entstand aus der weltweiten Bewegung zum Boykott der Veranstaltung in Deutschland, dem ersten Boykottversuch in der olympischen Geschichte. Dies war jedoch nicht das erste Mal, dass die Olympischen Spiele in globale Ereignisse verwickelt waren. Die Spiele wurden 1916 während des Ersten Weltkriegs abgesagt, später erneut während des Zweiten Weltkriegs. Im Sommer 1936 konnten viele Menschen nicht mehr ignorieren, was in Deutschland geschah. Hitler hatte das Rheinland remilitarisiert, unter Verletzung des Versailler Vertrags, der den Ersten Weltkrieg beendete. Die Nazis hatten damit begonnen, Juden, Roma, Linke, Homosexuelle und Menschen mit Behinderungen zusammenzutreiben und in Konzentrationslager zu schicken. (4)

Späte Ehrung

Am 18. Juli 2017, genau 81 Jahre nach der geplanten Eröffnung der Gegen-Olympiade in Barcelona übergab der Minister für Auswärtige Angelegenheiten Kataloniens, Raül Romeva, Medaillen an zwei Freiwillige, einen 97-jährigen und einen 99-jährigen Sportler, die an den Vorbereitungen dieses Sport-Ereignisses beteiligt gewesen und für die Wettkämpfe nominiert gewesen waren. (2)

ANMERKUNGEN:

(1) “1936: La Olimpia Popular de la Barcelona rebelde contra las Olimpiadas de Hitler” (1936: Die Volks-Olympiade des aufmüpfigen Barcelona gegen Hitlers Olympische Spiele), Canarias Semanal, 2021-08-06 (LINK)

(2) Volks-Olympiade, Wikipedia (LINK)

(3) Arbeiter-Olympiade, Wikipedia (LINK)

(4) “La brutal historia de la Olimpiada Popular de 1936: un boicot al fascismo y a Hitler” (Die brutale Geschichte der Volks-Olympiade von 1936: ein Boykott gegen Hitler und den Faschismus), National Geografic, 2021,07.22 (LINK)

(5) “Olímpicos navarros, el sueño truncado por el fascismo (I)” (Navarrische Olympioniken, der vom Faschismus enttäuschte Traum), Tageszeitung Gara, 2023-07-19 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Volks-Olympiade 1936 (canarias semanal)

(2) Jesse Owens, Berlin (nueva tribuna)

(3) Volks-Olympiade (justseeds)

(4) Volks-Olympiade (nueva tribuna)

(5) Volks-Olympiade 1936 (wikipedia)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-09-17)

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