fehlz1Verdacht von rechts

Die baskische Rechts-Presse wärmt eines ihrer Lieblingsthemen auf: die angeblich fehlende Arbeits-Motivation der baskischen Arbeiterklasse. Die arbeitsfähigen baskischen Bürger*innen fehlten im vergangenen Jahr pro Kopf 22 Tage am Arbeitsplatz, laut Statistik sei dies doppelt viele wie vor zehn Jahren. Mit diesen Zahlen wäre die Autonome Region Baskenland jene mit der zweithöchsten Zahl an krankheitsbedingten Fehlzeiten, weit über dem spanisch-staatlichen Durchschnitt von 16,8 Tagen.

Lohnarbeit ist ein Tätigkeits-Verhältnis, bei dem Arbeitende von Unternehmern angestellt und ausgebeutet werden. Daneben macht Arbeit häufig krank, körperlich oder psychisch. Wer krank ist, sollte sich eine Auszeit nehmen. Vielleicht schon, bevor die Krankheit einsetzt.

Jede Statistik, die über krankheitsbedingte Fehlzeiten aufgrund von vorübergehender Arbeitsunfähigkeit veröffentlicht wird, bestätigt “die alarmierende Zunahme“ dieses Problems, das zu einem der Hauptgründe für die Besorgnis der Unternehmen geworden ist. Aus dem Sozialversicherungs-Register geht hervor, dass baskische Arbeiter*innen im vergangenen Jahr im Durchschnitt 22 Tage wegen Krankheit gefehlt haben, dies geht aus den vom baskischen Arbeitgeberverband CEBEK zusammengestellten Daten hervor (Confederación Empresarial de Bizkaia – Bizkaiko Enpresarien Konfederazioa - CEBEK),). Die Zahl stellt einen neuen “Rekord“ dar, in den letzten Jahren ist sie stetig gestiegen und hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Die Zahl der summierten Fehltage aus den Vorjahren wurde überboten. 24% dieser Fehlzeiten sind auf psychische Probleme wie Angstzustände und Depressionen zurückzuführen, die Autoren der Statistik stellen jedoch in Frage, ob diese Probleme einen beruflichen Ursprung haben oder eher einen, der im privaten Umfeld der Betreffenden zu suchen ist. (1)

fehlz2Diese Zunahme der Fehlzeiten aufgrund von Arbeitsunfähigkeit hat die generellen Kosten für Arbeit erhöht und die aus Arbeit resultierenden Profite reduziert. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Kosten der Arbeitsunfähigkeit im Baskenland auf 1,015 Milliarden Euro, was einem Anstieg von 85% in nur fünf Jahren entspricht. Dabei ist nur berücksichtigt, was von der Sozialversicherung und den Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit gezahlt wird, die die Kosten ab dem 16. Krankheitstag übernehmen. Die Unternehmen tragen die Kosten bis zu diesem Zeitpunkt und müssen auch Zulagen und Sozialversicherungs-Beiträge zahlen. Hinzu kommt das Gehalt der Ersatzkraft oder der Produktionsausfall.

Das Phänomen

Das “Phänomen“ ist nicht auf das Baskenland beschränkt, sondern findet sich in ganz Spanien und im übrigen Europa. Das Baskenland ist jedoch eine der führenden autonomen Gemeinschaften, was die Fehlzeiten in allen Statistiken angeht, sowohl bei der Gesamtbetrachtung als auch bei der Analyse der vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit. Tatsächlich übertrifft nur Galicien mit 22,2 Tagen durchschnittlicher krankheitsbedingter Abwesenheit diesen Wert. Das andere Extrem ist Madrid, die Region mit den wenigsten Fehltagen aufgrund von Arbeitsunfähigkeit, mit nur 13,5 Tagen. Der staatliche Durchschnitt liegt bei 16,8 Krankheitstagen.

Die Arbeitgeber sprechen angesichts dieses höheren Krankenstandes von einem “Verlust an Wettbewerbsfähigkeit“, sie antworten mit Druck in dem “Sozialer Dialog“ (Sozialpartnerschaft) genannten Diskussions-Tisch, an dem auch Gewerkschaften beteiligt sind. Vor zwei Jahren wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um die Ursachen der Fehlzeiten zu analysieren und nach möglichen Lösungen zu suchen. An dieser Arbeitsgruppe nehmen verschiedene Abteilungen der baskischen Regierung, die Arbeitgeber-Verbände und die Gewerkschaften CC OO und UGT teil sowie öffentliche Einrichtungen wie die baskische Abteilung des Nationalen Versicherungs-Institus, INSS Osalan, und die Versicherungs-Gesellschaften auf Gegenseitigkeit (Mutua). Sie haben ihre Schlussfolgerungen noch nicht vorgelegt, da die Sitzungen im Februar wegen der Regionalwahlen unterbrochen wurden.

Obwohl es de facto um ein “baskisches Problem“ geht, nehmen mit CCOO und der sozialdemokratischen UGT nur die beiden spanien-orientierten Gewerkschaften an dieser Runde teil, obwohl sie in den Betriebsräten auf keine 30% Beteiligung kommen. Die baskischen Gewerkschaften verweigern sich dieser Art von “Dialog“, sie fordern vielmehr die Verbesserung der Arbeits-Bedingungen und der Bezahlung, vor allem für Frauen. Auch an den als korrupt verschrienen Weiterbildungs-Tischen sind sie nicht vertreten, obwohl ihnen dabei Finanzierung verloren geht.

Verschiedene Ursachen und Interpretationen

fehlz3Die Daten zeigen deutlich, dass der Krankenstand im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit in den letzten Jahren am stärksten zugenommen hat, insbesondere nach der Pandemie. Angstzustände und Depressionen machen heute 24% der Krankheitsfälle aus und von denen die Arbeitgeber-Seite behauptet, sie seien nicht berufsbedingt – so als ob die Psyche einer Arbeiterin gespalten wäre in Arbeit und Nichtarbeit. Das genaue Gegenteil dürfte der Fall sein. Denn schon immer wurden Arbeitgeber-Profite dadurch gesteigert, dass die Arbeitenden mehr und schneller produzieren mussten, was mehr Stress bedeutet und eine stärkere psychosomatische Anfälligkeit. Die Psycho-Krankheiten liegen damit nur noch hinter den Muskel-Skelett-Erkrankungen, die 50%, der Ausfälle ausmachen. Diese Zunahme der Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme ist sowohl im spanischen Staat wie auch in Europa allgemein zu beobachten.

“Die Ursache ist nicht ein einzelner Faktor, sondern viele. Sie wird beeinflusst durch den hohen Prozentsatz von Arbeitnehmern, die bei vorübergehender Arbeitsunfähigkeit Zuschläge zu den Leistungen erhalten, die niedrigere Arbeitslosenquote (keine Angst vor Konkurrenz) und die höheren Löhne. Auch durch das Gewicht des öffentlichen Sektors in der Wirtschaft, durch das Gewicht des Industriesektors und das fortgeschrittene Alter der arbeitenden Bevölkerung", erklärt Ignacio Lekunberri, Geschäftsführer von Mutualia, der von vielen gefürchteten Versicherung auf Gegenseitigkeit, zu deren Aufgabe es gehört, Krankschreibungen des öffentlichen Gesundheits-Systems in Frage zu stellen und Arbeitsunfähige zurück in die Arbeit zu treiben. Seiner Meinung nach ist es interessant, einen direkten Vergleich mit Madrid anzustellen, das am anderen Ende der Skala liegt, mit durchschnittlich nur 13 Krankheitstagen pro Arbeitnehmer.

Kommentare

Ignacio Lekunberri von Mutualia: “Es gibt viele Variablen, die erklären, warum sich das Baskenland so sehr von Madrid unterscheidet“. Francisco J. Azpiazu vom baskischen Arbeitgeber-Verband CEBEK: “Unser Vorschlag besteht darin, die Zulagen vom Umfang der Abwesenheit abhängig zu machen“. Alfonso Ríos von der ex-kommunistischen Gewerkschaft CCOO-Euskadi: “Die Zahl der Krankschreibungen steigt aufgrund von Arbeitsüberlastung, da es an Personalverstärkung mangelt“. Juan Carlos Cárdenas von der sozialdemokratischen UGT-Euskadi: “Die Überlastung von Osakidetza führt dazu, dass die Krankheits-Prozesse länger dauern als sie sollten“.

Der Generalsekretär des Arbeitgeber-Verbands CEBEK in Bizkaia, Francisco Javier Azpiazu, stimmt der Analyse zu und führt die gleichen Ursachen an. “Die Zahlen für das Baskenland sind sehr hoch. Viele Unternehmen beklagen sich darüber, dass die Fehlzeiten in ihren baskischen Betrieben doppelt oder sogar dreifach so hoch sind wie in anderen Orten", prangert er an. In Bezug auf die in den baskischen Tarifverträgen weit verbreiteten Ergänzungen der Leistungen bei vorübergehender Arbeitsunfähigkeit auf bis zu 100% schlägt der Arbeitgeberverband vor, diese zu begrenzen. “Wir haben als Strategie vorgeschlagen, dass die Zuschläge nur dann gezahlt werden, wenn eine bestimmte Grenze der Abwesenheit nicht überschritten wird“, sagt Azpiazu. Was nichts anderes bedeutet, als Krankheit zu bestrafen, weil jede Krankschreibung den Verdacht mit sich bringt, nicht “echt“ zu sein. Azpiazu räumt ein, dass es schwierig sei, diesbezügliche Vereinbarungen mit den Gewerkschaften zu treffen, obwohl er zuversichtlich ist, dass sie umgesetzt werden.

Zulagen

fehlz4Der Einfluss von Zulagen wurde im baskischen öffentlichen Sektor deutlich, der eine “sehr hohe“ Abwesenheitsrate aufgrund von Arbeitsausfällen aufweist. Im Jahr 2012 wurden die Zulagen im Zuge der Finanzkrise abgeschafft, und der Krankenstand sank um mehr als 20%. Das heißt, die Leute haben sich zwei Mal überlegt, bevor sie zur Ärztin gehen und arbeiten mitunter auch in krankem Zustand weiter. Im Jahr 2018 wurden die Zulagen auf Forderung der Gewerkschaften wieder eingeführt.

Die beiden spanischen Gewerkschaften vertreten eine ganz andere Auffassung als die Arbeitgeber. “Wenn der Krankenstand so stark ansteigt, liegt das am Druck, weil die Arbeitsproduktivität zunimmt und die Belegschaft nicht verstärkt wird“, sagt Alfonso Ríos, Leiter des Bereichs Gesundheit am Arbeitsplatz bei CCOO-Euskadi. “Ein großes Problem ist auch die Sättigung des baskischen öffentlichen Gesundheits-Systems Osakidetza, die dazu führt, dass die Behandlungs- und Heil-Verfahren länger dauern. Es gibt diagnostische Tests, die enorm viel Zeit in Anspruch nehmen, bis sie durchgeführt werden können", fügt Juan Carlos Cárdenas, sein Kollege von der UGT hinzu.

Sozialkürzungen, Privatisierungen

Damit ist ein heikler Punkt angesprochen. Denn Sozialkürzungen und Privatisierungen im Gesundheitsbereich, sowie der Nicht-Ersatz von fehlenden Arbeitskräften haben das System mehrfach an den Rand des Kollaps gebracht. Vor allem während der Pandemie wurde dies deutlich. Schon lange ist es zur Regel geworden, auf Spezial-Untersuchungen, auf Operationen oder auf verordnete Heilungs-Therapien wochen- und monatelang zu warten. Wer nicht warten will, bezahlt extra und geht ins private System, wer kein Geld hat, wartet.

In diesem Sinne haben sich der Arbeitgeber-Verband und die Gewerkschaften auf staatlicher Ebene (ohne die baskischen Gewerkschaften) im Jahr 2023 darauf geeinigt, dass die Versicherungs-Vereine auf Gegenseitigkeit eine stärkere Beteiligung an der Diagnose und Behandlung von Krankheitsfällen mit Unfall-Ursprung erhalten. Die Zentralregierung hat versucht, in diesem Bereich Fortschritte zu erzielen, indem sie in Abstimmung mit den autonomen Gemeinschaften ein neues Protokoll über die Zusammenarbeit mit den Versicherungs-Vereinen auf Gegenseitigkeit ausgearbeitet hat. Allerdings gibt es Widerstand von bestimmten Gruppen wie der sozialdemokratischen baskischen Koalition EH Bildu, die im Kongress einen nicht-legislativen Vorschlag dagegen eingereicht hat. Im Moment ist noch nichts entschieden.

Ebenso bemerkenswert wie bedauernswert an der Berichterstattung der rechten Presse ist die Tatsache, dass die Zahl und die Hintergründe von Arbeitsunfällen mit oder ohne Todesfolge keine Erwähnung finden. Denn viele dieser Unfälle ereignen sich unter völlig unzureichenden Sicherheits-Bedingungen für die arbeitenden. Besonders häufig betroffen sind Sub-Unternehmen, für die arbeits-Sicherheit nichts als ein Kostenfaktor ist, der systematische vernachlässigt wird.

Die sich über Arbeitsausfall beklagen, könnten auf mehr Sicherheits-Kontrollen pochen und generell Maßnahmen einführen, die zu einer höheren Zufriedenheit am Arbeitsplatz führen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Solange darf sich niemand wundern über steigende Krankenzahlen. Die baskischen Arbeitnehmer*innen wissen starke Gewerkschaften hinter sich, die ihre Rechte verteidigen. Wer mit solchem Selbstbewusstsein arbeiten geht, nimmt sich auch schneller das vollkommen legitime Recht, sich krank zu melden, um die kranke Großmutter zu pflegen, oder die eigene Schlaflosigkeit wegen Stress zu überwinden. Viele Ärztinnen und Ärzte habe dafür Verständnis. Nicht zufriedenstellende Arbeit macht krank und Stress ohnehin.

ANMERKUNGEN:

(1) Zahlen und Zitate aus: “Cada vasco faltó al trabajo 22 días por baja el año pasado, el doble que hace una década“ (Jeder baskische Bürger fehlte im vergangenen Jahr 22 Tage bei der Arbeit, doppelt so viele wie vor zehn Jahren), Tageszeitung El Correo, 2024-05-05 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Arbeit macht krank (vanguardia)

(2) Gesundheitssystem (diario noticias)

(3) Arbeit macht krank (vanguardia)

(4) Putz-Proteste (eitb)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-05-06)

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