michl1Gegen Kapital und Franquismus

Bis heute wenig bekannt ist, dass es während des Franquismus eine Menge „illegale“ Arbeitskämpfe gab, die zu starker Repression führten. Dies steigerte sich mit dem Tod des Diktators Franco, denn es ging nicht mehr allein um Arbeitsbedingungen, sondern um die zukünftige Gesellschaft. Bekannt sind die Generalstreiks in Vitoria-Gasteiz, die von den alten Machthabern als Vorwand für ein Massaker benutzt wurden. Doch auch bei Michelin in Lasarte-Oria wurde gestreikt, zu gleicher Zeit wie in Gasteiz, 100 Tage lang.

„Es war ein Streik für die Würde“ – hundert Tage Kampf im Michelin-Werk in Lasarte-Oria, drei Monate nach Francos Tod. Erinnerung fünfzig Jahre danach. 

Am 16. Februar 2026 jährte sich zum 50. Mal der Beginn des historischen Streiks im Michelin-Werk in Lasarte-Oria (Gipuzkoa), einer Protestaktion, die sich über mehr als drei Monate hinzog. Ein halbes Jahrhundert später engagieren sich ehemalige Arbeiterinnen und Arbeiter dafür, dass ihr Kampf nicht in Vergessenheit gerät. „Wir müssen das Klassenbewusstsein wiederbeleben“, betont Félix Pérez. Er war einer der Michelin-Arbeiter, die einen Streik initiierten, der das Werk in Lasarte-Oria, das damals rund 3.500 Menschen beschäftigte – heute sind es nicht einmal mehr 500 – hundert Tage lang lahmlegte. Damals war Michelin das größte Unternehmen in Gipuzkoa. (1)

Zufälligerweise gehörten die Grundstücke, auf denen sich das Werk befand, zu dieser Zeit zur Gemeinde Usurbil, während die verschiedenen Stadtteile des späteren Lasarte-Oria auf die Gemeinden Hernani, Urnieta und Andoain verteilt waren. Die Gründung als eigenständige Gemeinde Lasarte-Oria erfolgte erst ein Jahrzehnt später, im Jahr 1986.

Der Protest begann am 16. Februar 1976, womit sich eine Geschichte über ein halbes Jahrhundert erstreckt, von der die Protagonisten glauben, dass sie den neuen Generationen näher gebracht werden muss. „Wir finden, dass sich alle an diesen Streik erinnern sollten. Einige von den damaligen Arbeiter*innen haben sich versammelt, und dann hat sich die Sache immer weiter ausgeweitet. Das war wichtig für uns, für die Gemeinde Lasarte und für Gipuzkoa“, erklärt Pérez.

Vergangenen Woche (März 2026) traf sich eine Gruppe ehemaliger Arbeiterinnen und Arbeiter in der Villa Mirentxu – einem ehemaligen Herrenhaus, dem heutigen Sitz der städtischen Sozialdienste, um in Erinnerungen zu schwelgen, das für die kommenden Wochen geplante Veranstaltungs-Programm vorzustellen und Beiträge zu sammeln. „Es ist bewegend, uns hier wiederzusehen“, sagte einer der Teilnehmer.

Drei Fabriken vereint

Der Ursprung des Streiks lag Hunderte von Kilometern entfernt, genauer gesagt in dem Werk, das der französische Multi-Konzern in Valladolid hatte und auch weiterhin betreibt. „Michelin verweigerte systematisch das Recht auf Verhandlungen; in den anderen Werken gab es das gleiche Problem. In Valladolid wurden sechzehn Arbeiter entlassen, das Werk in Aranda de Duero in der Provinz Burgos schloss sich aus Solidarität dem Streik an, und danach auch Lasarte. Wir drei Werke zusammen fühlten uns stark genug, um erfolgreich zu sein“, erinnert sich Félix Pérez.

In dem Werk in Gipuzkoa arbeitete damals ein junger Mann namens Rafa Díez Usabiaga, der später zu einer historischen Figur der baskischen Gewerkschafts-Bewegung und zum langjährigen Generalsekretär der links-nationalistischen (abertzalen) Gewerkschaft LAB wurde. „Die Initiative zur Erinnerung an dieses Jubiläum zielt nicht nur darauf ab, an die fünfzig Jahre eines historischen Streiks zu erinnern, der Lasarte und seine Umgebung prägte. Es geht auch um die Merkmale jenes Kampfes. Das war eine Versammlungs-Bewegung, die das Instrument des Zusammenhalts und des Aufstands gegen einen multinationalen Konzern wie Michelin darstellte. Die Versammlung war der Motor, um einen Streik dieser Art und dieses Ausmaßes zu führen“, erklärt Usabiaga. Denn Gewerkschaften gab es nicht, noch nicht, sie waren während der franquistischen Diktatur verboten. Was es gab, waren die so genannten „horizontalen Gewerkschaften“, die vom Franquismus selbst eingerichtet und kontrolliert wurden – was nicht verhinderte, dass sie teilweise von Kommunisten unterwandert waren.

michl2Bei Michelin war Mikel García Arzelus, Spitzname „Mikeli“, beschäftigt, der ebenfalls auf eine lange gewerkschaftliche Laufbahn bei der Gewerkschaft ELA zurückblicken kann. „Ich kam kurz vor Beginn des Streiks ins Unternehmen, und als unsere Probezeit endete, schlossen wir uns dem Streik an. Man fuhr uns mit Autos zur Kirche, wo die Versammlung stattfand, wir wurden herzlich empfangen. Es war ein Streik für die Würde. Natürlich ging es auch um den Lohn, um eine Arbeitszeit-Verkürzung … aber im Grunde genommen um die Würde, angesichts des Drucks, den Michelin auf die Arbeiterinnen und Arbeiter ausübte.“

Die Rolle der Frauen

Die Initiativgruppe der ehemaligen Arbeiter*innen legt Wert auf die Feststellung, dass Frauen (wie auch in Gasteiz um den 3. März 1976) in diesem langen Streik eine wichtige Rolle gespielt haben, mit all den Anstrengungen, die sie unternommen haben. „Die Frauen hatten ein besonderes Gespür für die damalige Situation, und ihr Kampf war vorbildlich. Ein Kampf, der sich einerseits als Arbeitnehmerinnen des Unternehmens, als direkte Protagonistinnen des Streiks und als Opfer von Repressalien entfaltete, und andererseits als grundlegender Faktor für die Aufrechterhaltung des Streiks, sowohl im familiären als auch im sozialen Umfeld.“ (2)

„Ein feudaler Charakter“

Seiner Meinung nach war Michelin „ein Unternehmen mit einem feudalen Charakter, mit Anflügen von Paternalismus, Genossenschaft, Fußballverein. Das System war einfach. Wenn man 100 Teile fertigte und für 100 bezahlt wurde, kam ein Zeitnehmer und sagte einem: ‚Wenn du weiterhin 100 erhalten willst, musst du jetzt 110 Teile machen.‘ Für mich war es eine Arbeiter-Universität.“

„Man musste kämpfen, denn es gab keine Freiheit, und zwar mit allen Mitteln, die wir hatten, und mit viel Fantasie und Kraft“, betont Félix Pérez. Rafa Díez betont seinerseits, dass „es Dinge gab, die vorbildlich waren, wie die Widerstandskasse, der Kampf der Frauen“, sowohl derjenigen, die zur Belegschaft gehörten, als auch der Partnerinnen der Arbeiter, die „eine Gruppe gründeten, die während des gesamten Protests sehr aktiv war“.

Der ehemalige Generalsekretär der LAB betont, dass dieser Streik in einem ganz bestimmten Kontext stattfand, da der Diktator Francisco Franco erst drei Monate zuvor gestorben war und eine große politische und soziale Aufbruch-Stimmung herrschte. „Die Gewerkschaften waren illegal – mit Ausnahme der franquistischen Vertikalgewerkschaft, es gab keine Versammlungsfreiheit … es war kein Kampf, der sich ausschließlich auf Arbeits- oder Lohnfragen beschränkte.“

Ein paar Wochen nach Beginn dieses Protests verschärfte sich die Lage durch das Massaker vom 3. März 1976 in Gasteiz, bei dem fünf Arbeiter durch Schüsse der franquistischen spanischen Polizei ums Leben kamen, sowie durch den anschließenden Tod von Vicente Antonio Ferrero in Basauri während einer Demonstration wegen des Massakers in Gasteiz, in diesem Fall durch Schüsse der Guardia Civil.

Entlassen, mit sechs Kindern

Während des Gesprächs mit Félix Pérez kommt ein weiterer langjähriger Mitarbeiter hinzu, Constantino Galán, der entlassen wurde, obwohl er sechs Kinder zu versorgen hatte. Pérez führt ihn als Beispiel für „die Schandtaten an, die dieses von François Michelin geleitete Unternehmen begangen hat. Er sagte uns: Ich werde euch alle entlassen, und dann hole ich mir jeden einzelnen nacheinander.“ Galán gehörte zu denen, die arbeitslos wurden, fand jedoch eine Stelle bei Orona, wo er bis zu seiner Pensionierung arbeitete.

Der Streik endete mit insgesamt 67 Entlassungen „und viel Repression in den folgenden Monaten“. Pérez betont: „Ich war der Erste, den sie entlassen haben, und der Einzige, dem sie keine Amnestie gewährt haben“, in einer Zeit, in der Streiken gleichbedeutend mit einem Verbrechen war.

In der Broschüre, die sie zur Information über dieses Jubiläum erstellt haben, heben sie hervor: „Es war ein harter Streik, nicht frei von Widersprüchen und Spannungen. Aber es war ein Streik, der uns alle gegenüber einem damaligen Giganten wie Michelin gestärkt hat. Ein Streik, der uns zudem mit einem politischen System konfrontierte, das dem Unternehmen zu Hilfe eilte, um unsere Niederlage herbeizuführen“.

Das Veranstaltungs-Programm in Lasarte-Oria steht noch nicht zu 100% fest, derzeit wird Bildmaterial gesammelt – Fotos, Plakate –, um eine Ausstellung zu organisieren. Für den 15. April 2026 ist ein Vortrag mit anschließender Diskussionsrunde mit Schülern und Schülerinnen der Sekundarstufe geplant, damit die Jugendlichen die Ereignisse aus dem Mund einiger der Protagonisten erfahren können. Einige Wochen später, am 7. Mai 2026, findet im Kulturhaus von Lasarte-Oria eine weitere Podiumsdiskussion statt, die in diesem Fall für die gesamte Bevölkerung offen ist.

ANMERKUNGEN:

(1) Die Information für diesen artikel stammt aus: „Es war ein Streik für die Würde“ – hundert Tage Kampf im Michelin-Werk in Lasarte-Oria“, Original-Titel: „Fue una huelga por la dignidad. Cien días de lucha en la planta de Michelin en Lasarte-Oria“, Tageszeitung Gara, Autor: Imanol Intziarte, 2026-04-04; Übersetzung: baskultur.info, der Artikel an verschiedenen Stellen ergänzt. (LINK)

(2) “Die 100 Streiktage, die ganz Gipuzkoa geprägt haben” (Los 100 días de huelga que marcaron a toda Gipuzkoa), Tageszeitung Diario Vasco, 2026-02-27, Autorin: María Cortés (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Michelin Streik Lasarte (gara)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-04-07)

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