sakine1Die Kurdin aus Dersim

Unvergessen ist der Besuch der kurdischen Aktivistin Sakine Cansiz im Baskenland im Jahr 2009. Bis dahin war der kurdische Kampf um Befreiung in Euskal Herria kein großes Thema. Mit seiner Veranstaltungsreihe “Frauen aus dem Nahen Osten“ begann die Bildungs-Organisation IPES, diesen blinden Fleck zu füllen. Sakine Cansiz war eine der ersten Kurdinnen, die über die Anstrengungen zur nationalen Befreiung und der Befreiung der Frauen berichtete. Drei Jahre später wurde sie im türkischen Auftrag ermordet.

Unbekannt ist, wann genau die Kurdin Sakine Cansiz in Dersim in der Osttürkei geboren wurde. Eine Nachricht in der Weltpresse war hingegen ihr gewaltsamer Tod in Paris am 9. Januar 2013, ein Werk des türkischen Geheimdienstes gegen die kurdische Befreiungs-Bewegung.

"Unsere Einstellung zum Sozialismus war nie sehr utopisch. Für uns war er nie ein fernes Ziel. Stattdessen haben wir untersucht, wie wir Sozialismus, Freiheit und Gleichheit verwirklichen können. Wie können wir bei uns selbst anfangen und uns dieser Prinzipien bewusst werden, um unser Leben zu verändern? Wir hatten immer Hoffnungen und Utopien, die wir nicht auf die nächsten Generationen projizieren wollten. Stattdessen begannen wir zu erkennen, dass die Utopie hier und jetzt beginnt.

Mord in Paris

sakine2Am Morgen des 10. Januar 2013 wurden Millionen von Kurden durch die schreckliche Nachricht von der Ermordung von Sakine Cansiz (Sara), Leyla Şaylemez (Ronahî) und Fidan Doğan (Rojbîn) im Kurdistan-Informationszentrum in der Rue Lafyette im Zentrum von Paris geweckt. Wenig später kamen Zehntausende von Europäer*innen, Kurd*innen und Sympathisant*innen zum Tatort, um ihre Wut zu zeigen. Drei Tage später gingen Hunderttausende von Menschen verschiedenster Nationalitäten und Kulturen in Paris auf die Straße, um gegen diese politische Hinrichtung zu demonstrieren.

Sakine Cansiz war eine Mitbegründerin der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und eine führende Persönlichkeit der kurdischen Frauenbewegung. Sie war eine der wenigen Revolutionärinnen, die schon zu Lebzeiten zur Legende wurden, insbesondere aufgrund ihrer Rolle im Widerstand gegen das Gefängnis von Diyarbakir in den Anfangsjahren der PKK. Fidan Doğan, die zweite Ermordete, war Vertreterin des Internationalen Kurdistan-Kongresses (KNK) in Frankreich, sie vertrat die Sache des kurdischen Volkes bei internationalen Treffen und Institutionen wie dem Europäischen Parlament. Die dritte, Leyla Şaylemez, war eine Aktivistin der kurdischen Jugendbewegung und der kurdischen Frauenbewegung. Die Ermordung erfolgte wenige Tage nachdem es einer politischen Delegation gelungen war, Abdullah Öcalan im Gefängnis von Imrali zu besuchen.

Die Mörder konnten nicht ahnen, dass die Saat, die Sakine Cansiz und ihre Mitstreiterinnen gesät hatten, in den folgenden Jahren zu Blumen, Bäumen und Wäldern heranwachsen würde, zur Revolution in Rojava, zur Solidarität der Frauen im Nahen Osten und zum weltweiten Kampf für die Befreiung von Frauen, der gerade im Entstehen war.

Vom Dorf in die Metropole

Sakine Cansiz war eine alevitische Kurdin, geboren 1958 in Dersim, im Norden Kurdistans. Der Ort Dersim, der dem nationalistischen System der türkischen Republik ein Dorn im Auge war, wurde 1938 nach einem von Seyit Riza angeführten Aufstand Opfer eines Völkermords. Bei den von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk angeordneten Bombenangriffen wurden schätzungsweise 70.000 Menschen getötet, Zehntausende wurden deportiert. Der Name Dersim wurde von den Landkarten getilgt und durch Tunceli, "eiserne Faust", ersetzt, als Symbol für Unterwerfung und Schweigen in der Region. Das Alter von Seyit Riza wurde in den staatlichen Aufzeichnungen herabgesetzt (tatsächlich war er über 70 Jahre alt), um seine Hinrichtung zu legalisieren. Bevor er starb, soll er gesagt haben: "Ich konnte mit euren Tricks und Lügen nicht mithalten. Das war ein Problem. Aber ich habe mich nicht unterworfen. Das könnte ein Problem für euch sein."

Sakine Cansiz war eine Tochter des Dorfes Dersim, das von den Wassern des Munzur-Flusses durchquert wird. Als sie geboren wurde, herrschten in ihrer Gemeinde Angst und Schweigen. Wie viele junge Menschen der damaligen Zeit, die nach der staatlichen Doktrin erzogen wurden, wuchs sie in Unkenntnis ihrer kurdischen Identität auf. Das änderte sich, als sie kurdische und türkische Studenten aus der Arbeiterklasse kennenlernte aus dem Umfeld von Abdullah Öcalan, die sich "Revolutionäre Kurdistans" nannten. Bevor Sakine sich den Kurdistan-Revolutionären anschloss, war sie stark von türkischen Führern beeinflusst worden, die wie Deniz Gezmiş und Mahir Çayan exekutiert wurden.

Sakine erklärte ihren ersten Kontakt mit dem revolutionären Leben folgendermaßen: "Die Idee des revolutionären politischen Kampfes führte mich auf einen Weg, der mein Leben völlig veränderte. Ich lernte junge Genossinnen und Genossen kennen, die in der Nähe wohnten. Ihre Lebensweise, ihre Werte und ihr Umgang mit Moralvorstellungen haben mich tiefgreifend verändert. Ich erkannte, dass sie die Fackel der Freiheit in ihren Händen trugen".

Politische Bildung

sakine3Sakine Cansiz, von Natur aus rebellisch und emotional, fühlte sich zu den Revolutionären Kurdistans nicht nur wegen ihrer Theorie hingezogen, sondern auch wegen der Art und Weise, in der die neue Gruppe mit der Fähigkeit auftrat, "den Schmerz der Menschen zu fühlen". Ihre ersten Kontakte zu den Genossen hatte sie als Teenager, als sie armen Studenten in den baufälligen Häusern des Viertels Lebensmittel und andere Güter schickte. In ihren Worten waren die Revolutionäre Kurdistans eine klare und autonome Alternative zu den beiden vorherrschenden Alternativen: dem Sozial-Chauvinismus der türkischen Linken, der die spezifischen Bedingungen Kurdistans leugnete, und dem konservativen kurdischen Nationalismus, der in Bezug auf sozialen Wandel und Klassenkampf wenig zu bieten hatte. Schon in ihrer Jugend erkannte sie den ersten großen Widerspruch, den sie in ihrem Privatleben erlebte: den freien Status der kurdischen Weiblichkeit.

In den 1970er Jahren, nachdem sie ihr Elternhaus verlassen und ein traditionelles Leben abgelehnt hatte, begann sie in Fabriken zu arbeiten, um Arbeiterinnen zu organisieren. Im Zuge von Unruhen und Aktionen wurde sie mehrmals inhaftiert. In Gefängnissen in verschiedenen Teilen der Türkei lernte sie eine Vielzahl vergessener, aber rebellischer Menschen kennen: verelendete Fabrikarbeiterinnen, stolze Romafrauen, willensstarke Prostituierte und traumatisierte Überlebende des Völkermords. In ihren Memoiren würdigt sie dieses faszinierende Leben und bekräftigt ihre Überzeugung, dass sie geeignet sind, Kämpferinnen der Revolution zu werden. Ihre Entscheidung, sich mit all ihrer Kraft der Revolution anzuschließen, fiel mit der Entscheidung der Genoss*innen zusammen, eine Partei zu gründen.

In den späten 1970er Jahren organisierten die "Unterstützer" in vielen Regionen Nordkurdistans Komitees. Sakine Cansiz war für den Aufbau der Frauenbewegung zuständig, eine Aufgabe, die sie sehr ernst nahm. Im Alleingang brachte sie große Gruppen junger Frauen zusammen, um zu diskutieren und sich weiterzubilden. Am 27. November 1978, im Alter von 20 Jahren, war Sakine Cansiz eine der beiden Mitgründerinnen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und nahm an deren Gründungskongress teil.

Militärputsch 1980

Zu diesem Zeitpunkt lag der Staatsstreich vom 12. September 1980 bereits in der Luft, nach Angriffen auf revolutionären Gruppen, insbesondere in Kurdistan. Kurz nach der Partei-Gründung wurden Sakine Cansiz und mehrere Genoss*innen, darunter die Mitglieder des Zentralkomitees, 1979 bei einer Razzia in Elazig verhaftet. Während des Militärputsches wurde sie in das neu errichtete Diyarbakir-Gefängnis verlegt, das dem US-Gefängnissystem nachempfunden war und in dem das Kriegsrecht der Menschenwürde ein Ende setzen sollte. Bis heute sind die meisten der ungeheuerlichen Menschenrechts-Verletzungen im Gefängnis von Diyarbakir nicht dokumentiert. Dazu gehören Vergewaltigung und sexistische Gewalt, Elektroschocks, Schein-Ertränken in Fäkalienwasser und der Zwang, Hundekot zu essen. Der türkische Staat wollte sie brechen, um sie dazu zu bringen, ihre Identität als Kurd*innen und Sozialist*innen zu verleugnen. Obwohl die Türkei diese Taten weder zugegeben noch die Verantwortung dafür übernommen hat, hat sich diese Barbarei in das Gedächtnis des kurdischen Volkes eingebrannt. In jenen Jahren sah sich die PKK, ähnlich wie andere revolutionäre Gruppen, durch das Putschregime mit der völligen Vernichtung ihrer Strukturen konfrontiert.

sakine4Die Folter durch den Staat ging so weit, dass einige prominente Parteimitglieder wie Şahin Dönmez nach einer Gehirnwäsche zu Spitzeln wurden. Andere, die aufgrund der unerträglichen Folter kurz davor standen, ebenfalls Denunzianten zu werden, wurden durch die Atmosphäre der Freundschaft und Solidarität, die von Menschen wie Sakine Cansiz ausging, vor diesen Abgründen. Ihr war es zu verdanken, dass es in der Frauenabteilung keine Spitzel gab.

Unter den Gefangenen befanden sich PKK-Gründer wie Mazlum Doğan, Kemal Pir und Hayri Durmuş. Sie schufen durch kulturelle Aktivitäten und politische Veranstaltungen eine Atmosphäre ständiger Rebellion. Zu ihren Strategien zur Verhinderung des staatlichen Projekts gehörten die ideologische Verteidigung vor Gerichten zum Thema Kolonialismus, pädagogische und politische Arbeit in den Trakten, physische Selbstverteidigung, Todesfasten und Selbst-Verbrennung. Mazlum Doğan unternahm am Newroz-Tag 1982 einen letzten Akt der Rebellion, indem er drei Streichhölzer auf dem Tisch anzündete und sich mit der Botschaft "Kapitulation ist Verrat, Widerstand bringt den Sieg" das Leben nahm.

Im Gefängnis schrieb Sakine Cansiz über die Aktion von Mazlum Doğan: "Wir haben versucht, den Zweck von Mazlums Aktion zu verstehen. Schließlich verstanden wir, dass sie mit Newroz zu tun hatte. Seine Botschaft war klar, er verkündete: Widerstand ist Leben!“ Nach Mazlum Doğans Aktion zündeten sich vier Häftlinge, Ferhat Kurtay, Eşref Anyık, Necmi Önen und Mahmut Zengin, aus Protest selbst an. Unter der Führung der PKK-Kernmitglieder Kemal Pir, Hayri Durmuş, Akif Yılmaz und Ali Çiçek wurde am 14. Juli 1982 der Beginn eines Todesfastens angekündigt, um gegen die Zustände im Gefängnis von Diyarbakir zu protestieren. Alle vier starben. Der Widerstand im Gefängnis von Diyarbakir führte jedoch zu einer bis dahin unbekannten Unterstützung in der Bevölkerung und zu der Entscheidung, am 15. August 1984 den bewaffneten Kampf aufzunehmen.

Sexistische Folter

Die Gefängnisleitung griff vor allem die Frauen an, um traditionelle patriarchalische und feudale Vorstellungen durchzusetzen. Der bekannteste Gefängnisdirektor, Esat Oktay, für seinen Sadismus bekannt, genoss die Schmerzensschreie seiner gefolterten Opfer. Oktay, der keinen Respekt vor der menschlichen Ehre und Würde hatte, wurde auf der Straße getötet, mit Grüßen von Kemal Pir, der im Gefängnis gestorben war. Oktay war von der Idee besessen, Frauen zu sterilisieren, indem er ihre Eileiter infizierte und ihre Genitalien beschädigte. Er äußerte ausdrücklich den Willen, die kurdische "Rasse" auszulöschen.

In ihren Memoiren schreibt Sakine Cansiz: "Als Sadist neigte er dazu, uns Frauen zwischen die Beine zu schlagen, bis wir bluteten, er drohte, uns mit Stöcken zu stechen, und zog mit seinen Fingern an unseren Scheidenlippen, dass sie zerrissen". Sakines Widerstands-Haltung gegenüber Oktay ist legendär, alle PKK-Sympathisanten wissen, wie sie ihm ins Gesicht spuckte, während er sie folterte. Männliche PKK-Gefangene aus dieser Zeit haben darüber geschrieben, wie Sakine Cansiz Kampf im Gefängnis sie ermutigt hat, inmitten ihrer Verzweiflung Widerstand zu leisten.

Der Widerstand von Sakine Cansiz im Gefängnis von Diyarbakir führte zu einem neuen Umgang mit Frauen in der kurdischen Gesellschaft. Er ermutigte die Frauen, sich den revolutionären Strukturen in den Städten anzuschließen und brachte sie dazu, sich in den Dörfern zu politisieren. Ausgehend von ihrem Widerstand im Gefängnis erlangte der Aktivismus der kurdischen Frauen mehr Respekt und Unterstützung in der Masse des Volkes.

Autobiografie

sakine5Zum Zeitpunkt ihrer Entlassung im Jahr 1991 hatte Sakine 12 Jahre ihrer Jugend in den Gefängnissen von Elazig, Diyarbakir, Bursa, Canakkale und Malatya verbracht. umgehend setzte sie ihren aktiven Kampf in den Reihen der PKK fort. Sie ging zur Mahsum-Korkmaz-Akademie der PKK im Bekaa-Tal im Libanon, wo sie an ideologischen Schulungen unter der Leitung von Abdullah Öcalan teilnahm. Aspekte ihrer Willenskraft, ihres Kampfes und ihres Lebens wurden in Öcalans Reden oft als Beispiele herangezogen. Es war Öcalan, der sie ermutigte, ihr Leben aufzuschreiben. Ihre Memoiren wurden 1996 verfasst und der Öffentlichkeit nach ihrem Tod in drei Bänden zugänglich gemacht. In den 1990er Jahren übernahm sie wichtige Aufgaben bei der Organisation der kurdischen Bewegung in Palästina, Syrien und Rojava.

Sakine ging davon aus, dass die Frauen in Kurdistan sich selbst und ihre Geschichte zurückerobern könnten, indem sie sich dem militanten Kampf der PKK anschließen. Sie beschrieb den Kampf für die Freiheit wie folgt: "Diese Bewegung spricht die Essenz des Menschseins an. In all unseren Debatten, unserer Bildung und unseren Reden sind die Menschlichkeit und die menschlichen Werte der Ausgangspunkt. Wir diskutieren über die Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft, über die historischen Etappen und Werte der Menschheit. Frauen, die diese Themen verstehen wollten, identifizierten sich mit der Freiheitsbewegung. Zu Beginn des Kampfes für Kurdistan und des politischen Kampfes war die Beteiligung von Frauen an diesem revolutionären Prozess sehr schwierig. Aber wir haben es geschafft und die Macht erlangt, unsere Bewegung zu gestalten".

Die Zeit, die sie als Guerillakämpferin in den Bergen Kurdistans verbrachte, war nach ihren eigenen Worten die bedeutendste Zeit ihres Lebens. Das Engagement von Sakine Cansiz im Kampf für ein freies Kurdistan verläuft parallel zur Chronologie der organisierten kurdischen Frauenbewegung. Bei der Gründung der autonomen Frauenarmee (der heutigen YJA Star) und der Frauenpartei (der heutigen PAJK) spielte sie eine entscheidende Rolle. Sie war keine Person, die auf Befehle wartete. Stattdessen übernahm sie selbst in den schwierigsten Momenten Verantwortung. Aufgrund ihrer willensstarken Persönlichkeit war sie als Genossin bekannt, die niemals männliche Dominanz oder andere Formen antirevolutionären Verhaltens akzeptieren würde. Sie kämpfte gegen soziale Rückständigkeit und Ungerechtigkeit und hatte dennoch ein offenes Ohr für die sozialen Bedingungen ihres Volkes. Sie dachte und handelte nach kollektiven und gemeinschaftlichen Kriterien und solidarisierte sich mit den Menschen in ihrer Umgebung. Doch war sie auch hartnäckig und furchtlos, wenn es darum ging, ihre Kritik und ihre Meinung zu äußern. Ihr Leben lang ermutigte sie ihre Genossinnen und Genossen, vorwärts zu gehen, stark und beharrlich zu sein. Einer ihrer frühen Kollegen und lebenslangen Freunde beschrieb sie: "Sara machte immer den Eindruck, als wäre sie zum Gehen bereit, aber sie arbeitete so, als würde sie für immer bleiben".

Europa

sakine61998 erhielt sie von Abdullah Öcalan den Auftrag, die Aufgaben und Verantwortlichkeiten der kurdischen Freiheitsbewegung in Europa zu übernehmen. Unter anderem organisierte sie Kader der Bewegung in verschiedenen europäischen Ländern sowie die kurdische Migranten-Gemeinschaft und bildete sie aus. Sie knüpfte Verbindungen zu verschiedenen fortschrittlichen Bewegungen außerhalb Kurdistans, wobei sie die Unterschiede respektierte und betonte, wie wichtig es ist, für gemeinsame menschliche Werte wie alternative, feministische, linke und demokratische Bewegungen zu kämpfen, um Strukturen der demokratischen Autonomie und eine demokratische, patriarchats-freie und gleichberechtigte Gesellschaft aufzubauen. Daher spielte sie eine wichtige Rolle beim Aufbau von Solidarität für die kurdische Sache. Bis zu ihrem letzten Atemzug mobilisierte, organisierte und bildete sie ihre Leute, insbesondere junge Frauen.

Angesichts dieser bemerkenswerten Biografie hätte niemand erwartet, dass diese Heldin bei einem heimtückischen Attentat im Herzen von Paris kaltblütig ermordet werden würde, zusammen mit den Aktivistinnen Leyla Saylemez und Fidan Dogan. Von Anfang an betonte die kurdische Frauenbewegung die Barbarei des Mordes als einen Versuch, das Herz der kurdischen Revolution zu treffen: die befreite Frau. Obwohl der Mörder, Ömer Güney, von Anfang an identifiziert war, ist bekannt, dass der türkische Geheimdienst die Ermordung in Auftrag gegeben hat, um den damaligen “Friedensprozess“ zu sabotieren. Die französischen Behörden haben den politischen Charakter dieses Verbrechens nie aufgedeckt. Der Attentäter starb unter mysteriösen Umständen im Gefängnis, nur wenige Wochen vor Beginn des Prozesses. Jedes Jahr organisiert die kurdische Bewegung zusammen mit anderen Frauenbewegungen eine Massendemonstration in Paris, um "Gerechtigkeit und Wahrheit!" zu fordern. Die kurdischen Frauen werden nicht ruhen, bis der Fall des Massakers von Paris in all seinen Dimensionen vollständig aufgeklärt ist.

Sakine Cansiz wollte gerne als Guerrillera nach Dersim zurückkehren. Tatsächlich kehrte sie als Heldin in ihre Heimat zurück. Ihr Grab wurde zu einem Wallfahrtsort für die Unterdrückten, die Jugend, die Arbeiter, die Frauen. Millionen von Menschen nahmen von ihr Abschied und trugen ihren Sarg von Paris über Amed nach Dersim.

Die Revolution von Rojava finden Sakines Bemühungen um die Befreiung von Frauen ihren besonderen Ausdruck. Der Kampf, der von einer kleinen Gruppe junger Menschen begonnen wurde, hat nun ein Stadium erreicht, in dem Revolutionäre von Brasilien bis Indien über ihre Philosophie und Praxis diskutieren. Die Frauen, die die Welt von den faschistischen Vergewaltigern des ISIS befreit haben, taten dies, indem sie Kriegsnamen wie Sara, Rojbîn, Ronahî annahmen. Heute werden neue Generationen von kurdischen Mädchen und Jungen nach Saras (Sakines) Werten und ihrer Mentalität erzogen. Wie die Frauenbewegung oft sagt: "Sie können unsere Blumen abschneiden, aber sie können den Frühling nicht aufhalten!" Kein Vergessen und kein Verzeihen!

In Bizkaia

“Es war schon ein besonderer Besuch, diese knappe Woche mit Sakine in Bilbo“, erinnert sich einer der IPES-Begleiter an Sakines Aufenthalt. „“Sie sprach kein Englisch, kein Deutsch, kein Spanisch, nur Kurdisch und Türkisch. So war es kein Wunder, dass sie gleich nach ihrer Ankunft einen Freund aus Hamburg bestellte, der die Kommunikation am Laufen hielt. Um ehrlich zu sein, wir wussten gar nicht, wer sie tatsächlich war, vorgestellt wurde sie uns als Sara, mit dem Hinweis, ihr wirklicher Name solle auf Plakaten besser nicht genannt werden. Etwas geheimnisvoll, aber in politischen Kreisen, in denen Geheimdienste mitwirken, durchaus nicht unüblich. Manchmal ist es besser, nicht allzu viel zu wissen, also stellten wir keine weitere Fragen, sondern konzentrierten uns auf die Veranstaltungen.“

“Ihre Veranstaltungen waren hochinteressant! Auch wenn sie kein Spanisch verstand, merkte sie doch, dass der Kollege, der sie aus dem Türkischen übersetzte, die Dinge nicht so wiedergab, wie sie sie dargestellt hatte, sondern mit Eigenbeiträgen verlängerte. Sie aß scharfe Chilis ohne mit der Wimper zu zucken, und wenn in einer Kneipe auch nur das geringste Anzeichen von Rauch war, weigerte sie sich, da hineinzugehen. Überaus konsequent. Wenn wir früh morgens noch etwas müde zum Hotel kamen, um sie abzuholen, dann hatte sie schon eine Jogging-Tour hinter sich, zum Schrecken ihres Begleiters, der sie in Gefahr sah. Sakine erzählte keine revolutionären Geschichten, sie lebte, was sie sagte. Das machte sie so eindrucksvoll.“

ANMERKUNGEN:

(1) “Das Leben von Sakine Cansiz: Utopien bauen, hier und jetzt", Hybris Anima, 22. März 2020 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Sakine (rojavajaazadimadrid)

(2) Sakine (anf)

(3) Sakine (publico)

(4) Sakine (facebook)

(5) Leyla Sakine Fidan (ikhrw)

(6) Kurdische Kämpferinnen (sputnik)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-01-09)

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