Die Hälfte der Weltbevölkerung
BRICS ist ein 2006 aus politischen und wirtschaftlichen Gründen formierter Staaten-Verbund. Die Abkürzung BRIC entsprach den Anfangs-Buchstaben der ersten fünf Mitglieds-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. 2010 erfolgte die Erweiterung um Südafrika, wodurch BRIC zu BRICS erweitert wurde. Zu Jahresbeginn 2024 kamen Ägypten, Äthiopien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate hinzu, weshalb die Vereinigung nun als BRICS plus bezeichnet wird. Weitere Länder stehen auf der Aufnahme-Liste.
Gut 45% der Weltbevölkerung, mehr als 3,6 Milliarden Menschen, leben in den BRICS-Staaten. Ihr Anteil am nominellen weltweiten BIP betrug im Jahr 2021 fast 29%. Zum Vergleich: In den G7-Staaten leben etwa 11% der Weltbevölkerung, kaufkraft-bereinigt werden dort 33% des weltweiten BIP erwirtschaftet.
BRICS-Zahlungssystem hat hohe Ziele
Auf dem BRICS-Gipfel in Kasan standen das internationale Finanzsystem und mögliche Alternativen als wichtigste Themen auf der Tagesordnung. Russland hat einen Bericht ausgearbeitet, in dem es die Einrichtung eines alternativen globalen Systems mit denjenigen befürwortet, die daran teilnehmen möchten. Am 24. Oktober 2024 wurden Algerien, Belarus, Bolivien, Kuba, Indonesien, Kasachstan, Malaysia, Nigeria, Thailand, Türkei, Uganda, Usbekistan und Vietnam der Gruppe als assoziierte Mitglieder aufgenommen. Brasilien legte überraschendweise ein Veto ein gegen die Angliederung von Venezuela.
Der jährliche BRICS-Gipfel fand vom 22. bis 24. Oktober in der russischen Stadt Kasan statt. Wirtschaftliche Fragen spielten auf dem Gipfel eine wichtige Rolle, nachdem auf dem letztjährigen Treffen in Südafrika eine Arbeitsgruppe für den Zahlungsverkehr eingerichtet wurde. Im Finanzbereich haben die BRICS die Neue Entwicklungsbank unter der Leitung der ehemaligen brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff ins Leben gerufen und das Netzwerk der BRICS-Forschungszentren für Finanzen organisiert. (1)
Die Frage nach einer Alternativ-Währung zum Dollar hat eine leidenschaftliche Debatte ausgelöst, die in den Ländern des globalen Südens, die unter den schmerzhaften Auswirkungen des derzeitigen dollarbasierten Finanzsystems leiden, mit großem Interesse verfolgt wird. Dieses Interesse wird durch die Tatsache verstärkt, dass die BRICS-Länder 36% der Weltwirtschaft und 26% des gesamten internationalen Handels ausmachen. Die Schaffung eines alternativen Finanzsystems ist jedoch mit einer Reihe von Problemen verbunden. Die Äußerungen der Gruppe zu diesem Punkt waren stets gemäßigt; sie haben es diplomatisch vermieden, ihr Projekt gegen das derzeitige (vom imperialistischen Westen dominierte) System auszuspielen. Sie haben ihre Bemühungen als einen Versuch zur Diversifizierung der Zahlungssysteme bezeichnet.
Herausforderungen, die ein alternatives Finanzsystem mit sich bringt
Hinter dem Interesse an einem alternativen System verbirgt sich auch das Bestreben einiger Länder, die westlichen Sanktionen zu umgehen. Dieser Aspekt wird in den Dokumenten der Gruppe nicht erwähnt, ist aber sehr präsent. Von besonderem Interesse sind Russland und der Iran, da sie mit einer Vielzahl von Sanktionen konfrontiert sind, aber auch (in gewissem Maße) China. Unter dem Gesichtspunkt der nationalen Sicherheit ist ein alternatives System immer willkommen, wenn die Konfrontation mit den USA weiter eskaliert. Brasilien läge irgendwo dazwischen. Lula hat wiederholt dafür plädiert, den Dollar aufzugeben, nicht so sehr wegen der Auswirkungen möglicher Sanktionen, sondern wegen der lästigen finanziellen Abhängigkeit, die er in den Ländern des globalen Südens verursacht. Die übrigen BRICS-Länder sind eng in das derzeitige System eingebunden und diese Frage gehört nicht zu ihren Prioritäten, auch wenn der Ausschluss Russlands aus dem derzeitigen System die Alarmglocken schrillen lässt.
Die Executive Order 14024 vom Dezember 2023 ermächtigt das US-Finanzministerium, blockierende Finanz-Sanktionen gegen ausländische Banken zu verhängen, die an Geschäften mit dem russischen militärisch-industriellen Komplex oder mit Waren beteiligt sind, die der US-Ausfuhrkontrolle unterliegen. Infolge dieser Änderung sind Banken in Ländern, die zuvor bei Geschäften mit Russland zurückhaltend waren, vorsichtiger geworden. Der Bericht “Regionale Wirtschaft“ der russischen Zentralbank vom September stellt fest, dass im Juli jedes vierte exportierende Unternehmen Schwierigkeiten hatte, Zahlungen an seine ausländischen Geschäftspartner zu leisten. Die Hauptprobleme waren die Blockierung von Zahlungen, deren Rückzahlung und lange Verzögerungen bei der Gutschrift von Geldern.
Weitere Probleme im Zusammenhang mit einem alternativen Finanzsystem ergeben sich aus der Konfiguration der BRICS als unstrukturierte Gruppe. Dieser fließende Charakter gibt den Teilnehmern Handlungsfreiheit, birgt wenige Verpflichtungen und vermeidet auch die Verkalkung, die bürokratischen Strukturen oft eigen ist. Diese Vorteile haben aber auch Nachteile: Finanzielle Vereinbarungen erfordern eine gewisse Institutionalisierung, die in diesem Kontext kompliziert ist.
Im politischen Bereich sind die Auswirkungen der Beziehungen zwischen den Ländern der BRICS hervorzuheben. Finanzielle Vereinbarungen setzen Vertrauen zwischen den Parteien voraus. Das Misstrauen zwischen Indien und China verhindert zum Beispiel, dass der chinesische Renminbi zur Reserve-Währung der Gruppe wird. Wirtschaftlich wäre dies angesichts der Größe der chinesischen Wirtschaft zwar möglich, aber politisch wäre es für Neu-Delhi inakzeptabel.
Auf wirtschaftlicher Ebene besteht das Hauptproblem in den großen Zahlungsbilanz-Ungleichgewichten zwischen den beiden Ländern. Dieses Problem wurde beispielsweise deutlich, als die russischen Ölverkäufe an Indien aufgrund der Sanktionen zunahmen. Die Zahlung in Rupien wurde unrentabel, da die russische Seite diesen riesigen Strom indischer Währung nicht für Importe aus Indien ausgeben konnte. Dieser Situation wurde abgeholfen, indem man in den Währungen anderer Länder zahlte und nach Investitions-Möglichkeiten in Indien suchte.
Die Grundzüge des russischen Vorschlags
Im Bewusstsein all dieser Probleme stellten die Gastgeber auf dem Vorbereitungstreffen der Zentralbanken am 11. Oktober 2024 in Moskau einen Bericht mit dem Titel “Verbesserung des internationalen Währungs- und Finanzsystems“ vor, der vom russischen Finanzministerium, der Zentralbank der Russischen Föderation und dem Beratungs-Unternehmen Yakov and Partners ausgearbeitet wurde. Wie der Titel vermuten lässt, geht das Dokument über ein Zahlungssystem hinaus und enthält Vorschläge für die Organisation eines alternativen Finanzsystems, das allen Ländern offen steht, die es nutzen wollen.
Der Bericht analysiert das derzeitige internationale System rund um den IWF und kommt zu dem Schluss, dass es durch die Verwendung einiger weniger Reserve-Währungen wie dem Dollar, dem Yen oder dem Euro für die Abwicklung aller Zahlungen stark zentralisiert ist. Dieses Monopol wird durch Währungs-Swap-Linien zwischen den Zentralbanken einiger weniger Länder aufrechterhalten, was verhindert, dass es für den Rest der internationalen Gemeinschaft “billig, schnell und zuverlässig“ ist.
Um dies zu überwinden, schlägt der Bericht vor, dass grenz-überschreitende Überweisungen “zwischen lokalen Banken in nationalen Währungen“ erfolgen sollten, was die Transaktionen erheblich beschleunigen würde. Um die Transaktionen sicher und gleichzeitig flexibel zu gestalten, schlägt das Papier den Einsatz der Distributed-Ledger-Technologie und digitaler Zentralbank-Währungen (CBDCs) vor. Dies würde das System nicht nur sicher, sondern auch effizient und transparent machen. Die Gegenpartei bei all diesen Geschäften wären die Zentralbanken der teilnehmenden Länder. In diesem Bereich haben die BRICS-Staaten bereits die 2018 geschaffene digitale Zahlungsplattform BRICS Pay entwickelt, die es den Teilnehmern ermöglicht, mit ihren Geldern in jeder der angeschlossenen Währungen zu operieren. Die Plattform, die für elektronische Zahlungen entwickelt wird, soll BRICS Bridge heißen und die digitalen Währungen der Zentralbanken zu einem Wechselkurs verwenden, der dem ihrer nationalen Währung entspricht.
Grenzüberschreitende Investitionen
Neben den Währungen und Zahlungen wird in dem für den Gipfel erstellten Bericht die Schaffung eines weiteren Systems namens BRICS Clear vorgeschlagen, um Investitionen zwischen den teilnehmenden Ländern zu verwalten. Der russische Finanzminister Anton Siluanow erklärte, man wolle ein “System zur Verbuchung von Wertpapieren innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft schaffen, das den im Westen existierenden Systemen ähnelt, aber für Russland und andere Länder nur begrenzt nutzbar ist“. In dem Bericht wird hervorgehoben, dass das Handelsvolumen unter den Schwellenländern schneller wächst, was sich jedoch nicht im Bereich der Investitionen niederschlägt. Es wird darauf hingewiesen, dass es bei der Behandlung von Investitionen eine erhebliche Ungleichheit zwischen Entwicklungs- und Industrieländern gibt, die dazu führt, dass für Investitionen in Projekte in Entwicklungsländern eine Risikoprämie von bis zu 6% gezahlt werden muss. Dieses Hindernis bedeutet, dass der Anteil ausländischer Investoren in den Ländern des globalen Südens bis zu fünfmal niedriger ist als in den Industrieländern.
Die BRICS-Clear-Plattform würde als automatisierte Clearing-Plattform - ohne Beamte - fungieren, die die Abrechnung von Transaktionen auf der Grundlage akzeptierter Aufträge erzwingen würde. Die Plattform hätte eine offene Agenda, und die Regeln würden durch Konsens der Teilnehmer geändert. Darüber hinaus schlug die russische Präsidentschaft vor, einen internationalen Verband der nationalen Nummerierungs-Agenturen zu gründen, der für die Schaffung internationaler Codes für die Nummerierung von Aktien (ISIN-Code), Wertpapieren und Finanz-Instrumenten (CFI-Code) und Kurzbezeichnungen für alle Finanz-Instrumente (FISN-Code) zuständig wäre. Alle diese Codes sind Teil der Infrastruktur, die für die Registrierung und den Handel mit Wertpapieren sowie für internationale Anlage-Tätigkeiten erforderlich ist.
Das Dokument enthält auch andere Vorschläge wie die gegenseitige Anerkennung von Kreditratings von Rating-Agenturen in den BRICS-Ländern und die Entwicklung von Standards zur Vereinheitlichung der Finanz-Berichterstattung. Vorgeschlagen wird außerdem, die Währungs-Reserven der BRICS-Länder durch die Verwendung der Währungen der anderen BRICS-Länder zu diversifizieren. Auf einer anderen Ebene wird die Schaffung einer Börse für den Getreidehandel vorgeschlagen. In diesem Zusammenhang wurde gerade eine Absichtserklärung zwischen der St. Petersburger Internationalen Warenbörse und der iranischen Warenbörse unterzeichnet.
Bei der Vorstellung des Berichts sagte Ilya Ivaninsky, von Yakov and Partners, dass die Auswirkungen all dieser Maßnahmen zu Einsparungen von bis zu 30 Milliarden Dollar führen würden, was in den beteiligten Ländern ein zusätzliches Wirtschafts-Wachstum von einem Prozentpunkt bedeuten könnte. Experten weisen darauf hin, dass der Mechanismus mit interessierten Ländern in Gang gesetzt werden kann. “Ich denke, dass wir diesen Weg einschlagen werden. Es gibt keine konkreten Fristen, das Interesse einiger Länder ist sehr groß, das anderer weniger“, sagte der stellvertretende russische Finanzminister Iwan Tschebeskow. Der Bericht richtet sich stark an den globalen Süden.
Aufstrebend und ambivalent
Das BRICS-Bündnis ist heute die größte Chance für eine Welt im Umbruch, Sinnbild für den Hegemonieverlust der Vereinigten Staaten in der Welt. Das BRICS-Ziel ist klar: ökonomisch und politisch ein Gegengewicht zu der westlich dominierten Welt(un)ordnung aufbauen. Die Rasanz, mit der die Entwicklung des entsprechenden und derzeit wohl erfolgreichsten Instruments – der BRICS-Gruppe – voranschreitet, hat sich der kollektive Westen selbst zuzuschreiben. Anfang des Jahres erfolgte nach der Aufnahme Südafrikas 2010 mit Ägypten, Äthiopien, Iran und den Vereinigten Arabischen Emiraten die zweite Erweiterungsrunde, so dass das Bündnis nun knapp die Hälfte der Weltbevölkerung repräsentiert. Vor dem 16. BRICS-Gipfel in Kasan hatten weitere 30 Staaten ihr Interesse bekundet.
Einspannen in die (Wirtschafts- und Sanktions)-Kriege des Imperiums lässt sich niemand mehr so einfach. Auch wenn die außenpolitischen Verbindungen einiger Mitglieder nicht selten an die USA gekoppelt sind, liegt eine Stärkung der Souveränität “volkswirtschaftlich aufstrebender Länder“ ebenso in ihrem Interesse. Apropos Interesse: Von liberal-demokratischer Seite wird argumentiert, es handele sich ja nicht um einen homogenen Block, und die einzelnen Länder hätten ihre ganz eigenen Interessen – was nicht falsch ist, aber so ziemlich auf jede Staatenallianz zutreffen dürfte. Es entspricht einer immer noch inhärenten kolonialen Logik, dieses Maß an ein Bündnis aus dem globalen Süden anzulegen. Dass für die jeweiligen Gesellschaften produktive Entwicklungen im Vordergrund stehen, ist für die Herrschenden offenbar nicht vorstellbar.
So konstatiert Jörg Kronauer für die Europäische Union, der Staatenbund habe es schlicht verschlafen, sich ernsthaft mit den BRICS zu befassen. Darüber hinaus sei Brüssels Dilemma, dass es einerseits Länder in der europäischen Peripherie im Rahmen der sogenannten Nachbarschafts-Politik an sich zu binden sucht, diese (Türkei, Aserbaidschan) sich aber auch an BRICS interessiert zeigen. Will man die immer deutlicher werdende Opposition gegen den Westen brechen, dann lohnt es, wenn man zentrale Staaten des Südens auf seine Seite zieht. Auf der anderen Seite bietet das Bündnis Staaten wie Venezuela die Möglichkeit, vom Westen auferlegte Strafmaßnahmen abzufedern oder zu umgehen. Die Regierung des südamerikanischen Landes hat ebenfalls Interesse an einem Beitritt bekundet und sieht darin ein mögliches “Win-Win für Caracas“.
Unterschiedliches Tempo legen die BRICS-Staaten in Sachen Klimaschutz an den Tag. Richtig ist, dass die Hälfte der globalen CO2-Emissionen auf die “aufstrebenden“ Länder entfällt, richtig ist aber auch, dass etwa Äthiopien und China vorpreschen und dabei sind, ambitionierte Ziele umzusetzen. Ob das “Bündnis verpflichtet“, ist allerdings eine offene Frage. Eine enge Beziehung zur Volksrepublik pflegt Duisburg, das schon in den 1980er Jahren eine Partnerschaft mit Wuhan schloss. Heute gilt die Ruhrstadt als vorläufiger Endpunkt der “Belt-and-Road-Initiative“. Indien wiederum kann als “Das Trojanische Pferd“ für den Westen im Bündnis gesehen werden. Die faschistische Regierung in Neu-Delhi beweist: Ein fortschrittlicher Staatenbund ist nicht unbedingt ein Bündnis fortschrittlicher Staaten.
Lucas Zeise beleuchtet die monetäre Seite der Allianz und beschreibt die Fallstricke, die sich ergeben, wenn der “Kampf dem US-Dollar“ gilt. Eine gemeinsame Währung steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr soll das von westlichen Institutionen dominierte Finanz- und Währungs-System reformiert werden. Nicht reformierbar ist die anachronistische unipolare Weltordnung. Doch obwohl seine Hegemonie an zahlreichen Stellen kollabiert, will der Westblock sie keinesfalls aufgeben, dessen “Gefährlicher Machtverlust“ eine Bedrohung nicht allein für seine Gegner ist. (2)
China attraktiv
Russische Kriegsschiffe in der Karibik? Es erregte einige Aufmerksamkeit, als Mitte Juni die Fregatte “Admiral Gorschkow“ und das Atom-U-Boot “Kasan“ im Hafen von Kubas Hauptstadt Havanna eintrafen. Dass Kuba enge Beziehungen zu Russland unterhält, ist nicht neu. Dass die russische Marine aber gleich zwei schwerbewaffnete Schiffe in das Land schickte, sorgte für eine gewisse Unruhe. Geriet die Karibik und mit ihr womöglich Lateinamerika nun in den gefährlich eskalierenden Konflikt zwischen dem Westen und Russland? Wie verhält es sich in der Region überhaupt mit der Einflussnahme äußerer Mächte?
Der Aufstieg Chinas ruft weiterhin die stärksten Veränderungen für die Staaten Lateinamerikas und der Karibik hervor. Rechnet man Mexiko heraus, das als Niedriglohn-Standort und Absatzmarkt der USA wirtschaftlich extrem eng an die Vereinigten Staaten gebunden ist, ist die Volksrepublik längst zu Lateinamerikas größtem Handelspartner aufgestiegen. Sie hat auch als Investorin extrem an Bedeutung gewonnen. Die wirtschaftlichen Bindungen erweisen sich bislang als überaus tragfähig. So ist es Jair Bolsonaro, der im Wahlkampf des Jahres 2018 mit einem Besuch auf Taiwan und antichinesischen Tiraden eine Abkehr von der Volksrepublik ins Visier genommen hatte, während seiner Amtszeit als Präsident Brasiliens (2019 bis 2022) nicht gelungen, die Abkehr zu realisieren. Ende Juni hielt sich Perus Putschpräsidentin Dina Boluarte, die eigentlich den USA verpflichtet ist, mit gleich mehreren Ministern in Beijing auf, um Perus Beziehungen zu China zu stärken. Für Brasilien und Peru – und auch für weitere lateinamerikanische Staaten – ist das Geschäft mit der Volksrepublik längst zu bedeutend, als dass sie darauf verzichten könnten.
Selbstverständlich suchen die USA, China aus Lateinamerika zurückzudrängen. So stellen sie sich aktuell Beijings Versuch entgegen, Guatemala zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu veranlassen. Guatemala ist einer der sieben letzten kleineren und kleinsten Staaten Lateinamerikas und der Karibik, die noch diplomatische Beziehungen zu Taipeh unterhalten. Im Sommer vergangenen Jahres gelang es Washington mit starkem Druck, Costa Ricas Regierung zum Ausschluss von Huawei aus den 5G-Netzen des Landes zu nötigen.
Blanker Druck
Vor allem General Laura J. Richardson, die Oberbefehlshaberin des für Lateinamerika und die Karibik zuständigen US-Southern Command, ist regelmäßig in den Ländern der Region unterwegs, um Druck auf die dortigen Regierungen auszuüben, sich von Beijing ab- und Washington wieder stärker zuzuwenden. Kürzlich warnte sogar die Washington Post, die USA täten sich keinen Gefallen, wenn sie penetrant “in militärischem Ornat“ auftauchten, um die Länder der Region mit blankem Druck auf ihre Seite zu zwingen. Man solle es vielleicht doch eher mit verlockenden Angeboten zur Kooperation versuchen. Davon ist nicht viel zu sehen.
Einer, der aktuell die Probe aufs Exempel macht, ist Argentiniens Präsident Javier Milei. Er ist wie Bolsonaro ein Trumpist, der sein Land am liebsten komplett auf US-Linie bringen würde. Er hat Argentinien an der Seite der Ukraine und Israels positioniert, am 5. April in Anwesenheit von Richardson eine neue außenpolitische Doktrin für Buenos Aires angekündigt, die auf einem strategischen Bündnis mit Washington gründen soll, sucht eine enge Anbindung an die NATO und will beim Ausbau des Marinestützpunkts Ushuaia im äußersten Süden Argentiniens mit der US-Navy kooperieren. Den Beitritt des Landes zu den BRICS, der am 1. Januar möglich gewesen wäre, hat er auf Eis gelegt und die Beziehungen zu Brasilien, Argentiniens größtem Handelspartner, komplett auf Rülpsen und Rotzen reduziert.
Am 2. Juli beschimpfte er Brasiliens Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva auf Twitter als “völlig idiotischen Dinosaurier“; am 7. Juli schwang er Reden auf der CPAC Brasil, dem brasilianischen Ableger des Trumpisten-Großevents Conservative Political Action Conference, auf dem er Bolsonaro traf; am 8. Juli schwänzte er einen Mercosur-Gipfel, um dort nicht mit Lula zusammentreffen zu müssen – sehr zum Ärger der anderen Mercosur-Staaten.
BRICS als Anker
Unklar ist, ob Milei es sich leisten kann, auch die Beziehungen zu China zu ruinieren, oder ob er den Weg gehen muss, den Bolsonaro als brasilianischer Präsident schließlich ging: das Rülpsen reduzieren und den Handel fördern. Seine Außenministerin Diana Mondino, die kurz nach ihrem Amtsantritt noch die Vertreterin Taiwans in Buenos Aires empfangen hatte, sah sich Ende April gezwungen, bei einem Besuch in Beijing einen Ausbau der Zusammenarbeit mit dem zweitwichtigsten Handelspartner ihres Landes nach Brasilien zuzusagen.
Als folgenreich könnte sich Mileis außenpolitische Obstruktion an anderer Stelle erweisen. Für Brasilien ist sie eine echte Belastung, zumal man nicht so recht weiß, ob Milei mit seinen Abrissmaßnahmen im Innern Argentinien nicht endgültig ruiniert, was für die brasilianische Exportwirtschaft ziemlich nachteilig wäre. Auf der Suche nach Ersatz hat Lula begonnen, eine intensivere Kooperation mit Kolumbien unter Präsident Gustavo Petro zu suchen. Das ist möglich, da Petro das Land aus der überaus engen Bindung an die USA zu lösen beginnt. Im April schlossen Brasília und Bogotá sechs Kooperations-Vereinbarungen; zudem haben sie begonnen, sich mit Blick auf die Wahlen in Venezuela enger miteinander abzustimmen. Im April teilte Petro mit, sein Land strebe eine BRICS-Mitgliedschaft an; Lula unterstützt das. Für Brasilien wäre ein Beitritt Kolumbiens recht vorteilhaft, da es innerhalb der BRICS geographisch isoliert ist und auf seinen ursprünglichen Wunschpartner Argentinien, solange Milei dort die Abrissbirne schwingt, nicht zählen kann.
Brasilien hält ansonsten an seiner eigenständigen Außenpolitik fest. Lula ist weiterhin um eine Ratifizierung des Freihandelsabkommens zwischen dem Mercosur und der EU bemüht, von dem sich brasilianische Großunternehmen attraktive Exportchancen erhoffen. Allerdings stehen die Chancen für das Abkommen, über das seit mehr als einem Vierteljahrhundert verhandelt wird, nicht gut, wie auch der Einfluss der europäischen Staaten in Lateinamerika allgemein eher schrumpft. Ganz unabhängig davon hat Lula im Februar schon zum zweiten Mal seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs Russlands Außenminister Sergej Lawrow zum Gespräch empfangen und ist in Absprache mit China, um eine Verhandlungslösung für den Ukraine-Krieg bemüht.
Russland wiederum, mit erbitterten Isolations-Bestrebungen des Westens konfrontiert, baut seine Beziehungen nicht nur zu Brasilien aus, sondern insbesondere auch zu denjenigen Ländern des Subkontinents, die im Konflikt mit den USA und der EU stehen – Venezuela, Kuba und Nicaragua. Moskau kooperiert auf dem Erdölsektor: Venezuela hat es geholfen, US-Sanktionen zu umgehen, und Kuba lieferte es im März rund 700.000 Barrel Öl, um dem LAnd über die gröbste Knappheit hinwegzuhelfen. Zudem zeigt Russland, seit sich der Konflikt mit dem Westen zuspitzt, immer wieder militärisch Präsenz in der Karibik. Zuletzt liefen Mitte Juni – als asymmetrische Antwort darauf, dass Washington Kiew erlaubt hat, US-Waffen gegen Ziele in Russland zu nutzen – wie erwähnt die Fregatte Admiral Gorschkow sowie das Atom-U-Boot Kasan in Havanna ein, die Gorschkow bestückt unter anderem mit Hyperschallraketen des Typs Zirkon. Damit spitzt sich der Konflikt in gewissem Ausmaß auch in der Karibik zu.
ANMERKUNGEN:
(1) “El sistema de pagos de los BRICS apunta alto” (BRICS-Zahlungssystem mit hohen Zielen), Tageszeitung Gara, 2024-10-21 (LINK)
(2) “China zieht”, Tageszeitung Junge Welt, 2024-07-24 (LINK)
(3) “Aufstrebend und ambivalent“, Junge Welt, 2024-10-23 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) BRICS (wikipedia)
(2) BRICS (wikipedia)
(3) BRICS (wikipedia)
(4) BRICS (jungewelt)
(5) BRICS (naiz)
(6) BRICS (wikipedia)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-10-28)
