Tourismus in Europa
Von Barcelona bis Dubrovnik bedroht das Phänomen des “Übertourismus“ unseren Urlaub. Oder: Wir selbst bedrohen unseren Urlaub. Denn wenn wir Massen-Tourismus (zurecht) als störend empfinden, stehen wir uns selbst im Wege, bedrohen wir uns selbst. Denn wir sind ein Teil des Massen- oder Über-Tourismus. Abgesehen von denen, die wir besuchen und die niemand fragt. Die Debatte über die Fähigkeit einiger Städte, den Anstieg der Besuchszahlen zu bewältigen, hat sich im Zuge der Pandemie verschärft.
Übertourismus (englisch: Overtourism) wird von der Welt-Tourismus-Organisation UNTWO definiert als: „Die Auswirkungen des Tourismus auf ein Reiseziel, die die Lebensqualität der Bürger und die Qualität der Besuchserfahrungen übermäßig beeinflusst, und zwar in einem Ausmaß, dass sie das tägliche Leben der Einwohner und die Fähigkeit der Besucher, das Reiseziel zu genießen, stört“.
Es bleiben zwei Wochenenden vor Sommerbeginn, die Themen Urlaub und Reisen schleichen sich bereits in die Gespräche am Arbeitsplatz. Für viele Reiseziele beginnt jetzt die Hochsaison. Doch was für die einen ein Synonym für Vergnügen, empfinden andere als Kollektivstrafe.
Besorgniserregend ist die mancherorts zu beobachtende Überfüllung mit Besucher*innen, die als “Overtourism“ bezeichnet wird. Es wird bereits von einem anderen (für die Reiseveranstalter auf andere Art Besorgnis erregenden) Phänomen gesprochen: der Tourismusphobie. Im spanischen Staat haben die Bewohner*innen der Kanarischen Inseln ihre Stimme erhoben, weil sie die Nase voll haben. Barcelona hat damit begonnen, den Tourismus zu bremsen. Die Balearen erheben bereits eine Tourismus-Steuer für Besucher*innen der Inseln. Sevilla erwägt, für den Zugang zur Plaza de España Gebühren zu erheben … Die Liste der Versuche, die Probleme in den Griff zu kriegen, ist lang – die Liste des Scheiterns dieser Maßnahmen ebenfalls. Denn Zusatz-Steuern oder Besuchs-Beschränkungen gehen das Problem des Übertourismus nicht an der Wurzel an, sie sind allenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Den die Reise-Manie geht unvermindert weiter und sucht sich “wegen Überfüllung“ immer neue Opferorte.
Die Situation geht lange vor die Zeit der Pandemie, als viele der Probleme, die jetzt explodiert sind, bereits zu beobachten waren: steigende Mieten, Vertreibung von Bewohner*innen aus ihren Vierteln, Probleme im Lebensalltag, den öffentlichen Raum zu nutzen, ein Anstieg der CO2-Hinterlassenschaften und die Erschöpfung der natürlichen Ressourcen aufgrund der Zunahme der sich stark verändernden Zahl der anwesenden Personen.
Die Covid-Restriktionen wirkten wie ein Schutzwall. Und als sich ein Ausweg aus der Pandemie abzeichnete, ging es den Volkswirtschaften vor allem darum, den Wirtschaftsmotor wieder anzukurbeln. Der Tourismus brauchte einen kräftigen Schub. “Damals ging es vor allem darum, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen“, erklärt Luis Alfonso Escudero, Professor für Geografie an der Universität der Balearen. Daher wurden viele der Vorschläge für einen nachhaltigeren Tourismus, die bereits 2019 gemacht wurden, auf “auf Eis gelegt“, einschließlich der Regulierung.
Die Zahlen
85 Millionen internationale Touristen besuchten den spanischen Staat im Jahr 2023, 18,7% mehr als im Vorjahr und 1,9% mehr als im letzten Jahr vor der Pandemie (2019), was die Erholung des Sektors zeigt. Laut Eurostat-Daten wurden im vergangenen Jahr europaweit 2,92 Milliarden Übernachtungen gezählt. Die höchsten Zuwächse gab es in Deutschland mit 32,8 Millionen und in Spanien mit 32,3 Millionen. Weitere “Trend-Länder“ waren Malta und Zypern, wo dieser Bereich um 20 % wuchs.
Dubrovnik empfing 2019 statistisch gesehen 36 Touristen pro Ew, die Stadt führt die Rangliste der beliebtesten Reiseziele von Holidu, einer Suchmaschine für Ferienunterkünfte, an. Barcelona, Sevilla und Madrid gehören zu den 35 am stärksten überlaufenen europäischen Städten. Die Liste der spanischen Gemeinden mit Übertourismus wird von Peñíscola (Valencia) angeführt, gefolgt von Albarracín (Aragón) und Sant Llorenç des Cardassar (Balearen).
Der Geograf Escudero fügt hinzu, dass ein weiteres unerwartetes Phänomen hinzugekommen ist: der so genannte Champagner-Effekt. Nachdem wir monatelang nicht die Häuser verlassen und nicht frei reisen konnten, verspürten viele nach der Aufhebung der Beschränkungen ein unbändiges Verlangen nach “Erlebnissen und Aktivitäten“ (zumindest all jene, die sich das auch leisten können, was beileibe nicht alle sind). Das führte zur aktuellen Situation: Wer das Geld dazu hat, sucht sich für jedes Wochenende ein anderes Reise- oder Ausflugsziel. Pablo Díaz, Dozent für Wirtschafts-Wissenschaften an der Universitat Oberta de Catalunya (Offene Universität von Katalonien, UOC), nennt dies den “Rache-Effekt“ – Rache, von wem gegen wen?
“Die Massifizierung des Tourismus ist ein vielschichtiges Problem“, sagt Asier Baquero Pérez de Onraita, akademischer Leiter des Master-Studiengangs Innovation im Tourismus an der Internationalen Universität von La Rioja (UNIR). "Die Tourismuspolitik, die bestimmte Reiseziele intensiv fördert, ohne die Tragfähigkeit dieser Orte zu berücksichtigen, spielt eine wichtige Rolle. Darüber hinaus verschlimmert das Fehlen eines nachhaltigen Tourismus-Managements und einer angemessenen Stadtplanung die Situation", erklärt er.
Das Brutto-Inlands-Produkt durch Tourismus
Die sich Reisen überhaupt leisten können spielen beim Tourismus-Problem häufig eine Doppelrolle. Erstens erleiden sie zu Hause die negativen Auswüchse der Reisemassen; zweitens stellen sie einen Teil derer, die durch eigenes Reisen an Massentreffpunkte das Problem schaffen; und drittens beschweren sie sich an den überlaufenen Zielen über die Massen. Betroffenheit trifft Inkonsequenz – arme Leute praktizieren diesen Widerspruch nicht. “Wir tragen unseren Teil der Verantwortung, denn die Tendenz, die beliebtesten Reiseziele zu besuchen, angetrieben durch die sozialen Medien und den Wunsch, ikonische Erlebnisse zu wiederholen, trägt zu dem Problem bei“, so der Professor weiter.
“Paris muss man einmal im Leben gesehen haben. Istanbul ist ein Fest für die Sinne. London, das coolste urbane Reiseziel. Barcelona, ein Juwel, das nur einen Steinwurf entfernt ist. Amsterdam, eine andere Art zu leben im Zentrum Europas “ … solche Pseudo-Weisheiten und Werbeslogans kanalisieren Millionen zu diesen und anderen Zielen wie Venedig, Lissabon, Mailand, Palma, Dubrovnik und Florenz. Dies sind zwölf der Reiseziele, die die größten Probleme haben, die Besucherlawine in Europa zu bewältigen. Bilbo und Donostia stehen auf der direkten Warteliste bei diesem Katastrophen-Szenario. Das Problem ist nicht nur ein spanisches, sondern ein globales.
Barcelona war eine der Städte, die am stärksten in den Markt für Touristen-Wohnungen eingegriffen hat. Mit 16.768 Angeboten sind es 2.000 weniger als noch vor zwei Jahren.
Paris. Im Jahr 2023 wurden fast 20 Millionen Besucher gezählt, und da in diesem Jahr die Olympischen Spiele stattfinden, ist zu erwarten, dass diese Zahl im Vergleich wie eine Kleinigkeit aussehen wird. Derzeit wird die Stadt "gesäubert", damit die werten Besucher*innen nicht mit zu viel französischer Armut konfrontiert sind.
Lissabon. Die portugiesische Hauptstadt steht immer auf der Liste der europäischen Städte, die “man nicht verpassen sollte“. Der Zustrom von Menschen ist so groß, dass der Stadtrat im April beschlossen hat, die Touristensteuer für diejenigen, die in der Stadt übernachten, zu verdoppeln. Das Wohnungsproblem wird dadurch nicht gelöst.
Athen. Nach der Pandemie zog die Stadt in Erwägung, die Besucherzahl für die Akropolis zu erhöhen, obwohl sie ohnehin schon ein sehr beliebtes und völlig überlaufenes Reiseziel ist. Nach dem Staatsbankrott eine Pleite mehr.
Rom. Die Stadt ist “ein Muss“ für Städtereisende. Letztes Jahr fehlten jedoch 15.000 Kellner, um die Besucher angemessen zu empfangen, da die Arbeitsbedingungen äußerst prekär sind (den Profit am Tourismus stecken bekanntlich andere ein).
Offizielle Ranglisten gibt es jedoch keine, weil niemand darin erscheinen und schon gar keine Spitzenposition einnehmen möchte. Tourismus ist ein sensibles Thema mit drei Dimensionen: sozial, ökologisch und wirtschaftlich. Letztere ist diejenige, durch die sich bisher so gut wie alle Entscheidungsträger dazu animiert sehen, alles Denkbare auszureizen. In Bilbo zum Beispiel ging man vom Guggenheim-Effekt, über den Bilbao-Effekt zur Architekturstadt und krönte die Massenbewegungen mit jährlichen Groß-Event im europäischen oder globalen Maßstab: Weltmeisterschaften, Campionsleague, Tour de France und ein langes und-so-weiter. Im spanischen Staat betrug der Beitrag der Tourismus-Branche zum Brutto-Inlands-Produkt im vergangenen Jahr 12,8%, für dieses Jahr werden 13,4% prognostiziert. Sie schafft fast drei Millionen Arbeitsplätze, wobei der Anteil der Frauen sowie der mittel- und geringqualifizierten Arbeitskräfte erheblich ist. Die Arbeitsbedingungen sind unerträglich, die Bezahlung eine Frechheit, die Rechtlosigkeit ist Normalität.
Gibt es eine Alternative?
Die Frage nach Alternativen ist äußerst problematisch, weil sie (wie in der Publikation, die diesem Artikel zugrunde liegt) nicht von einer Reduzierung der Reisemassen ausgeht, sondern von deren “besserer Verteilung“, die keine derart markanten Spuren hinterlässt und “nicht ganz so stark“ in die Lebensverhältnisse der Besuchten Orte und ihrer Bevölkerung eingreifen. Hier tritt das Schlagwort „“nachhaltig“ auf den Plan, wird als Lösung präsentiert und nimmt den Reise-Agressoren das schlechte Gewissen.
Alternativen? Immer schon gab es “Geheimtipps“, die erst im Freundeskreis, dann in alternativen Reisebüchern gehandelt wurden und mit der Zeit in Massenziele verwandelt wurden. Portugal war vor 40 Jahren so ein Tipp hinter vorgehaltener Hand, vor 50 Jahren sogar noch die Kanaren. Alternativen zu nennen kann in dieser Hinsicht fast einem “Todesurteil“ gleichkommen, wenn es in einem entsprechenden Massen-Medium publiziert wird.
Der genannte Artikel empfiehlt zum Beispiel: “Alentejo, Portugal Diese Region zwischen Lissabon und der Algarve verfügt über ein reiches historisches Erbe und gilt als eine der authentischsten Gegenden des Landes.“ Was bitte ist eine „authentische Gegend? Gibt es welche, die das nicht sind? Vom Superlativ ganz zu schweigen. Oder “Erchie, Italien. Dieses Dorf an der Amalfiküste mit nur 83 Einwohnern bietet eine Beschaulichkeit, die in der Region nicht mehr zu finden ist.“ Zynische Analyse: Wenn Dubrovnik bisher mit 36 Touristen pro Ew den Rekord gehalten hat, würden im Fall von Erchie bloße 3.071 Besucher*innen ausreichen, um den Ort an die Spitze zu katapultieren.
Das Traumziel noch nicht entdeckt? “Auvergne, Frankreich. Die Gegend ist nicht unbekannt, aber sie bietet eine Alternative zu den Massen. Es ist die Region der Vulkane und der großen Wälder.“ Was sich mit einschlägiger Werbung und eine neuen Autobahn ändern lassen könnte. “Omis, Kroatien. Wenn Sie nicht nach Dubrovnik fahren möchten, bietet sich diese Stadt 25 km von Split entfernt an.“ Oder: “Zandaam, Niederlande. Es ist 15 Minuten von Amsterdam entfernt, aber weniger von Touristen überlaufen. Überraschend bunte Gebäude.“ Überraschend, das hätte niemand von den langweiligen Holländern erwartet, nichts wie hin. Oder vielleicht nach “Tartu in Estland, die zweitgrößte Stadt ist weitgehend unbekannt, aber in diesem Jahr ist sie die Kulturhauptstadt Europas.“ Das baskische Donostia hat vorexitziert, was dieser fragwürdige Titel bedeuten kann: Massen-Tourismus.
"Der Tourismus ist eine ambivalente Aktivität, er hat positive, aber auch negative Auswirkungen. Und wir stellen fest, dass es eine Grenze für das kontinuierliche Wachstum gibt. Wenn wir sie überschreiten, werden die sozialen Beziehungen problematisch, und auch der touristische Besuch wird sich verschlechtern", so Escudero. “Es herrscht Kurzsichtigkeit im Tourismus-Management, und der Wunsch, den Tourismus zu entwickeln, lässt die Grenzen des Sektors sichtbar werden“, räumt der Wirtschafts-Wissenschaftler Díaz ein. Das ist vorsichtig ausgedrückt, denn die besagte Kurzsichtigkeit ist nichts anderes als die Gier nach einem schnellen Profit, ohne Rücksicht auf Verluste.
Das Besucher-Erlebnis
Denn bei der Betrachtung des Faktors Tourismus darf nicht nur das erwirtschaftete Geld berücksichtigt werden, sondern auch die Meinung der besuchten Bevölkerungen und auch die der Touristen selbst. Die jüngste Zufriedenheits-Umfrage des Spanischen Tourismus-Instituts (TurEspaña) unter ausländischen Reisenden zeigt, dass 97% mit ihrer Reise “zufrieden oder sehr zufrieden“ waren und das Erlebnis mit 4,62 auf einer Skale von 5 Punkten bewerten. Angesichts des vorherrschenden Massen-Tourismus ein seltsames Ergebnis, das eigentlich nur zu Jakobs-Pilgerinnen passen würde. Kann es sein, dass Reisende mit so wenig Qualität zufrieden sind?
"Letztes Wochenende war ich in Girona. Es war schwierig, durch die engen mittelalterlichen Gassen zu gehen, weil so viele Leute unterwegs waren. Eine Gruppe kam, und dann noch eine, und noch eine, und noch eine ... man kam nicht mehr durch. In dieser Situation haben die Touristen selbst keinen Spaß", erläutert der Geograf Escudero. Dasselbe berichten Anwohner*innen der Altstädte von Donostia und Bilbo, die nicht mehr schlafen und kaum mehr zum Einkaufen gehen können, wegen Lärm und Verstopfung in ihrem Barrio.
Die Lösung muss von allen Akteuren in diesem Bereich und von der Regulierung ausgehen, schlagen die Experten vor, ohne das Modell insgesamt in Farge zu stellen. “Wenn das nicht reguliert wird, werden die negativen Auswirkungen noch verstärkt“, betont Escudero. Die Millionen-Frage ist: wie. “Mir gefällt das Beispiel von Amsterdam sehr gut, das nicht mehr für sich selbst wirbt, neue Touristenläden reguliert“, fügt der Professor hinzu, “um Überfüllung zu vermeiden“. Doch damit werden die Tourist*innen nicht weniger, die Zahl nimmt lediglich nicht mehr zu, nachdem die Stadt bereits am Phänomen erstickt ist.
Tourismus-Innovator Baquero argumentiert, dass es “wichtig ist, über die langfristige Nachhaltigkeit des Modells nachzudenken. Und es ist wichtig, eine Politik zu entwickeln, die die Wirtschaft diversifiziert", um nicht so sehr vom Tourismus als Wirtschaftsmotor abhängig zu sein. Damit wäre das Zauberwort “Nachhaltigkeit“ endlich gefallen – wir treten weiterhin auf der Stelle.
"Die Bewältigung der Überfüllung ist ein zentrales Thema, und es bedarf einer gemeinsamen Diskussion zwischen Unternehmen und Behörden, um zu sehen, wohin der Sektor gelenkt werden soll. Und zwar sowohl auf der Makroebene, das heißt, dem derzeitigen Konsumsystem, bei dem der Tourismus-Sektor nicht unbedingt die Führung übernehmen muss, als auch auf der Mikroebene", so Díaz.
Zwei Seiten der Medaille
Die Problematik des Massen-Tourismus macht deutlich, dass sich die Interessen von Reisenden und Besuchten diametral gegenüberstehen. Dies gilt sowohl für die Wohnungs-Problematik wie für die Arbeits-Situation und ökologische Gesichtspunkte. Bei einem zahlenmäßig beschränkten Tourismus kommt es möglicherweise (oder wahrscheinlich) nicht zu dieser Kontroverse. Doch sobald Massen im Spiel sind, treffen die Interessen frontal aufeinander.
Insofern wäre nach der Betrachtung des “Besucher-Erlebnisses“ eine entsprechende Betrachtung des “Besuchten-Erlebnisses“ naheliegend. Doch genau das ist nicht der Fall. Nie und an keiner Stelle gab es vor der Förderung von unkontrolliertem Tourismus eine Folgenabschätzung. Weder ökologisch (z.B. Kreuzfahrtbetrieb) noch sozial. Was darauf schließen lässt, dass auch die kritische Betrachtung des verhängnisvollen Phänomens auf einem Auge blind ist. Ein Minimum an Respekt vor den Interessen der Besuchten und ihren Lebensverhältnissen wäre Grundvoraussetzung für konsensfähige Tourismus-Regelungen. Doch gehen die öffentlichen Verwaltungen und die politischen Vertretungen über diese Interessen in den meisten Fällen ignorant hinweg.
Negationisten
Mit 15 Millionen Besuchern pro Jahr ist Venedig die erste Stadt der Welt, die für den Zugang zu ihren Sehenswürdigkeiten Eintritt verlangt (man stelle sich eine solche Regelung einmal in Berlin oder Barcelona vor!). Am ersten Tag, an dem die Maßnahme umgesetzt wurde, zahlten jedoch von den 113.000 Besuchern nur 15.700, also ein schlechtes Beispiel.
Dass der Tourismus ein Problem darstellt, kann sich Fernando Gallardo nicht vorstellen, er ist Analyst für Trends in diesem Bereich und Mitbegründer der “Allianz der Hotelketten für Digitalisierung und Nachhaltigkeit“, ein Titel, der sicher mehr versteckt als offenbart. Er ist seit vier Jahrzehnten in der Branche tätig und steht der aktuellen Mobilisierung aufgrund von Überfüllung skeptisch gegenüber. “Es ist eine Frage der Wahrnehmung“, sagt er und weiß, dass solche Sprüche umstritten sind. Aber “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, hieß es im Sprichwort schon im Mittelalter: “Herrscher oder Heldentaten preisen, für Geld“. Sein Argument: "Barcelona ist genau doppelt so groß wie New York und hat nur halb so viele Besucher. “Im Moment ist die Insel noch nicht gesunken, also gibt es keine wissenschaftlichen Beweise, die es uns erlauben würden, zu sagen, dass es kein Problem ist", sagt er. Dieses wundersame Argument überzeugt nur solche, die vom entsprechenden Brot fressen.
Der Trendanalytiker ist der Meinung, dass der Tourismussektor nicht stärker reguliert werden muss, und warnt davor, dass eine Einschränkung des Tourismus angesichts seines wirtschaftlichen Gewichts gegen uns arbeiten könnte: “Eine ärmere Welt scheint mir nicht vorteilhafter zu sein“. Auch zu Tourismus-Wohnungen hat er eine ganz besondere Meinung. "Ich gehöre einem Hotelverband an, aber ich habe immer gesagt und bleibe dabei, dass Ferienwohnungen kein Problem sind, sondern dass sie es uns ermöglicht haben, ein partizipativeres Wirtschaftsmodell zu entwickeln. Sie sind kein unlauterer Wettbewerb.“ Gallardos Argumente sind so intelligent wie die Behauptung, es gäbe keine Klimakatastrophe (die im Übrigen ebenfalls vom globalen Over-Tourismus angeheizt wird).
65.500 Ferienwohnungen mehr
Laut der Statistik des spanischen Statistik Instituts INE gibt es im Staat 351.389 Ferienwohnungen, das sind 65.521 mehr als im Jahr 2021. Sie stehen im Mittelpunkt der Kontroverse über die Massifizierung durch den Tourismus. Obwohl Experten auf weitere Faktoren hinweisen, ist dies der Umstand, der am häufigsten diskutiert wird. Der Grund? Durch die Umwidmung von Mietwohnungen in Tourismus-Wohnungen geht dem Land ein Markt von preisgünstigen Wohnungen verloren, die Einheimischen zahlen entweder teure Mietpreise oder sie schauen in die Röhre und werden in Randgebiete verbtrieben. Denn in sämtlichen touristischen Hotspot-Zielen ziehen es immer mehr Eigentümer vor, ihr Haus an Touris zu vermieten, anstatt an Einzelpersonen oder Familien, die sich unabhängig machen oder in der Stadt niederlassen wollen. Airbnb bringt eine bessere Rendite und vermeidet langjährige Verpflichtungen.
Der Gipfel
Als wäre das noch nicht genug, werden zum Ende der Überlegungen auch noch auf den Gipfel des modernen Kapitalismus hingewiesen, der die private Vermietung von Tourismus-Wohnungen in den Schatten stellt und ein noch größeres Geschäft darstellt. Das herausragende Beispiel findet sich in El Perchel, einem Viertel in Málaga, jener andalusischen Stadt, in der die Zahl der Touristen-Wohnungen innerhalb von zwei Jahren von 30.659 auf 41.083 gestiegen ist.
Dieses Viertel in der Nähe des historischen Zentrums hat einen großen Teil der Nachfrage nach Touristen-Unterkünften aufgesogen. So sehr, dass sich sogar (besser: selbstverständlich) ausländische Immobilien-Investoren (im Volksmund: Geier-Fonds) um dieses Gebiet bemüht haben. Den Gipfel des schlechten Geschmacks lieferte eine Finanzgesellschaft, Dazia, die Gebäude mit Mietwohnungen kaufte, um sie abreißen und neue bauen zu lassen, aber nur für Touristen. Was dabei nicht erwähnt wird, ist, das in Mietwohnungen üblicherweise Mieter*innen leben. Um solche Gebäude abreißen zu können, ist es nötig (neben der Genehmigung durch die Verwaltung), diese Mieter*innen zum Verlassen ihrer Wohnungen zu veranlassen. Das vornehme Wort für diesen Prozess ist “entmieten“. Mit wachen Augen betrachtet werden die Leute in der Regel rausgemobbt, indem ihnen das Leben unmöglich gemacht wird. Letzteres mag als entfernter Kollateralschaden von Airbnb betrachtet werden, jedenfalls steht es in direkter Verbindung.
ANMERKUNGEN:
(1) Information und Zitate aus: “Otro verano de turismo masificado en Europa” (Noch ein Sommer mit Massentourismus in Europa), Tageszeitung El Correo, 2024-06-09 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Massentourismus (collage)
(2) Massentourismus (welt)
(3) Massentourismus (fratuschi)
(4) Massentourismus (atanango)
(5) Massentourismus (welt)
(PUBLIKATION BASKUTLUR.INFO 2024-06-12)
