pflege1Auf die Straße am 30. November

Pflegearbeit ist ein allumfassender Job, nur Rechte bringt er nicht mit sich. Die Frauenbewegung wird bei ihrem morgigen Streik für die Aufhebung des Ausländergesetzes und die Abschaffung des aktuellen Systems der Pflege durch Hausangestellte streiken. Hausangestellte, fast ausschließlich Migrantinnen, leiden am meisten unter dem Pflegesystem. Durch das Ausländergesetz kommen sie in eine rechtlich prekäre Situation, das System der intern lebenden Hausangestellten nimmt ihnen den Rest an Rechten.

Zusammen mit baskischen Gewerkschaften organisiert die feministische Bewegung im Baskenland am 30. November 2023 einen Generalstreik, mit dem das herrschende Pflegesystem ebenso in Frage gestellt wird wie das kapitalistische Gesellschafts-System, das auf der Frauen-Ausbeutung in der Pflege basiert.

“Ich bin jene Migrantin, die sich nicht beklagen sollte / Ich bin die Migrantin, die ihre Kinder umarmen möchte / Ich bin die Mutter, die sich danach sehnt, ihren Nachwuchs zu küssen / Ich bin die Migrantin, die ununterbrochen arbeitet".

Cándida Rivas, die Autorin dieses Gedichtfragments, das diese Seite eröffnet, ist Nicaraguanerin und seit etwa sieben Jahren "in dieser Region". Sie kam "fast plötzlich", als ihre Kinder, die in Zarautz lebten, ihr ein Ticket ins Baskenland kauften, und lebt jetzt in Donostia. In ihrem Heimatland absolvierte sie ein Studium der Erziehungs-Wissenschaften mit Spezialisierung auf Sprachen und arbeitete dort im Bereich der Bildung und der Verteidigung der Rechte von Frauen und Kindern. Als sie nach Gipuzkoa kam, arbeitete sie zwei Jahre lang als Tagesmutter und begann dann, als Betreuerin im Haushalt zu arbeiten. Mehr als ein Jahr lang arbeitete sie ununterbrochen.

pflege2"Die Arbeit als Hausangestellte ist sehr schwierig, sie ist anstrengend", berichtet sie. Rivas erzählt ihre Geschichte, aber sie erinnert daran, dass es die Geschichte vieler Frauen ist, meist Migrantinnen, die im ganzen Baskenland in Haushalten praktisch eingesperrt leben.

Hausangestellte und Pflegekräfte haben die schlechtesten Bedingungen im bezahlten Pflegesektor. Sie sind zu einem großen Teil diejenigen, die die Lücken in einem völlig mangelhaften Pflegesystem übernehmen und füllen, das lange nicht alle erreicht. Sie sind diejenigen, die dennoch anwesend sind, wenn das Geld für das Pflegeheim nicht ankommt, wenn die Großmutter, die Schwester oder die Tochter nicht kommt. Sie sind diejenigen, die am meisten unter dem derzeitigen Pflegesystem leiden und die am wenigsten Gelegenheit haben, sich an dem Streik am 30. November zu beteiligen, zu dem die feministische Frauenbewegung aufgerufen hat.

Der jüngste Bericht der Vereinigung der Hausangestellten von Bizkaia (ATH) bringt etwas Licht in einen undurchsichtigen Sektor. Danach waren fast alle Hausangestellten, die 2022 die Beratung der Organisation aufsuchten, Ausländerinnen. Ihre häufigsten Herkunftsländer waren Paraguay, Nicaragua und Bolivien, und fast 30% aller Hausangestellten befanden sich in einer irregulären Verwaltungs-Situation, sprich: sie hatten keine oder nicht alle aus legaler Sicht notwendigen Papiere, Aufenthalts- oder Arbeitsgenehmigungen.

Aus formaler Sicht sieht das Gesetz über die Beschäftigung von Hausangestellten (Gesetzesdekret 16/2022) eine Höchstarbeitszeit von 60 Stunden pro Woche vor – ohne die Zeit, die nachts im Haushalt verbracht wird. Doch in der Praxis überschreiten 73% der Hausangestellten dieses Limit, einige davon bei Weitem: Fast die Hälfte der Hausangestellten, die im vergangenen Jahr bei der in Bilbo ansässigen Organisation ATH vorstellig wurden, arbeitete mehr als 71 Stunden pro Woche, fast 22% hatten nicht die Erlaubnis, jeden Tag den Haushalt zu verlassen. Je höher die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, desto höher ist der Anteil der weiblichen Beschäftigten ohne Papiere. Was nicht s anderes bedeutet, dass es viel einfacher ist, Frauen ohne Papiere auszubeuten und in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen zu halten, als solche, die über ein Minimum an legaler Rückendeckung verfügen. Dabei handelt es sich um Daten, die lediglich in Bizkaia erhoben wurden. Dennoch sie sind nützlich, um sich ein allgemeines Bild vom Baskenland zu machen.

Cándida Rivas bestätigt, dass sie von Frauen weiß, die zwischen 17 und 18 Stunden pro Tag arbeiten. "Das heißt nicht, dass es nicht auch welche mit besseren Bedingungen gibt. Aber die meisten sind Frauen, die lange arbeiten und alles übernehmen müssen. Sie sind Krankenschwestern, Ärztinnen, Psychologinnen ... in einem Haushalt sind sie für alles zuständig, vor allem, wenn die betreute Person allein ist. Manchmal brauchen diese Personen besondere Pflege, manchmal sind es Menschen, die nicht mobil sind. Ich kenne Fälle von jungen Frauen, die kaum schlafen; um vier Uhr morgens müssen sie wach sein. Das wird unerträglich", sagt sie.

"Laut Gesetz muss die Ruhezeit zwischen den Schichten mindestens 12 Stunden betragen, es können aber auch 10 Stunden vereinbart werden, sofern die restlichen zwei Stunden durch andere Ruhezeiten ausgeglichen werden", so die ATH. Diesem Verband zufolge kommen jedoch 53% der Arbeitnehmerinnen nicht auf eine tägliche Ruhezeit von 10 Stunden und nur 6% auf mehr als 12 Stunden. Für Cándida Rivas ist die Nacht nicht gleichbedeutend mit Ruhe. "Du musst dich 24 Stunden am Tag um eine Person kümmern", sagt sie. Tagsüber musste sie "ihr die Medikamente geben, den Blutdruck messen, Diabetes kontrollieren, morgens den Zucker messen", kurzum: "auf alles achten, was die Person brauchte". Auch nachts: "Während der Nacht hatte der Betreute seine Angstattacken, wir mussten versuchen, ihn zu beruhigen oder sehen, ob es notwendig war, ihn zum Arzt zu bringen, um etwas zu bekommen. Es gab Nächte, in denen wir nicht schlafen konnten, in denen wir mit ihm wach waren, weil er auch nicht schlafen konnte. Das war anstrengend. Denn am nächsten Morgen musste ich die ganze Hausarbeit machen, einkaufen, ihm alles bringen, was er brauchte, oder ihn nach einer schlaflosen Nacht zum Arzt bringen.“

pflege3Die Nicaraguanerin ist der Meinung, dass die Arbeit der weiblichen Hausangestellten stärker gewürdigt werden sollte. Denn eine 40-Stunden-Woche ist nicht dasselbe wie ein 24-Stunden-Tag", erklärt sie. Und manchmal sind die Anforderungen zu hoch. Ich habe das Gefühl, was gesagt wird, ist unwahr. Es wird behauptet, dass wir gut behandelt werden, dass diejenigen, die so viel arbeiten, es tun, weil sie es wollen. Nein. Das ist unsere Realität. Cándida Rivas ist mit dieser "24-Stunden-Arbeit" nicht einverstanden: "Ideal wäre, wenn es andere Möglichkeiten für die Person gäbe, die diese ganze Betreuung braucht. Bei jeder Art von Arbeit gibt es Schichten oder es gibt Leute, die helfen. Wenn zum Beispiel eine Person den ganzen Tag arbeitet, könnte eine andere Person in der Nacht da sein. Eine Regierung sollte so etwas regeln.

Rivas hatte nur am Sonntag Nachmittag frei und bekam 900 Euro im Monat. In diesen kurzen vier Stunden der Ruhe schrieb sie Gedichte, "um zu verarbeiten, was sie erlebte", und um völlig abzuschalten. Oder sie ging einen Kaffee trinken, spazieren, "allein", sagt sie, denn "ich hatte nicht viel Zeit, um Freunde zu finden".

"Sie kümmern sich um alles. Sie sind Krankenschwestern, Ärzte, Psychologen ... in einem Haushalt sind sie für alles zuständig"

Cándida Rivas arbeitet weiterhin in der Pflege, aber jetzt als externe Betreuerin. Und am 30. November 2023 wird sie sich am Streik beteiligen. "Ich habe meinen Chefs erklärt, dass es einen Streik gibt, ich habe ihnen die Gründe genannt, und sie sind einverstanden. Ich werde streiken, um das Pflegesystem zu verbessern. Denn dieses kapitalistische, sexistische, rassistische und koloniale System hat die Pflegekräfte unsichtbar gemacht", fügte sie hinzu.

Die von der feministischen Bewegung im Vorfeld des Generalstreiks formulierten Forderungen beinhalten unter anderem die Abschaffung des Ausländergesetzes, die Legalisierung aller Hausangestellten und Pflegekräfte, sowie die Abschaffung der hausinternen Pflegearbeit. Der Verein Bidez Bide (Von Weg zu Weg) in Donostia setzt sich seit 2009 für die Menschenrechte der im Baskenland lebenden Migrantinnen ein, vor allem für im Haushalt lebende Pflegerinnen. Bidez Bide vertritt die Auffassung, dass es diese Arbeit “unter den derzeitigen Bedingungen nicht geben dürfte". "Ganz praktisch gesehen kann sich eine Person nicht 24 Stunden lang um eine andere kümmern. Das ist aus menschlicher Sicht unmöglich", erklärt Katia Reimberg, eine Mitarbeiterin des Vereins.

Sie berichtet, dass die meisten internen angestellten, die zu Bidez Bide kommen, "aus Abya Yala stammen" (ein vorkolonialer Name für den amerikanischen Kontinent vor dem Völkermord durch die europäischen Kolonisatoren) und betont, dass dies auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen ist, darunter rassistische Stereotypen. "Erstens die Religion: Es scheint vorteilhafter zu sein, dass die Betreuerinnen katholisch sind. Außerdem sprechen wir Spanisch. Und die gängigen Stereotypen besagen, dass wir süß, nett und unterwürfig sind", erklärt sie. Und sie fügt hinzu: "Es ist sicher kein Zufall, dass unser Willkommens-Geschenk die häusliche Pflegearbeit ist". Ganz im kolonialen Stil jedenfalls.

pflege4Diese Frauen kämen in der Regel durch wirtschaftliche Schwierigkeiten motiviert aus ihren Ursprungsländern und müssten sich aus der Ferne auch um die Familie dort kümmern. Während der Zeit, in der die Migrantinnen "ohne Papiere" bleiben, "müssen sie auch diesen transnationalen Haushalt aufrechterhalten, sie sind hier und da die Versorgerinnen", sagt Reimberg.

Manche haben ihre Söhne und Töchter in ihren Heimatländern und müssen mindestens drei Jahre warten – das ist der Mindestzeitraum für die kontinuierliche Registrierung bei der Meldebehörde, der erforderlich ist, um eine soziale Verwurzelung nachzuweisen und die administrative Situation im spanischen Staat zu regeln. Erst dann können sie ihre Familie im Baskenland treffen und wieder zusammenkommen. "Im besten Fall dauert es drei Jahre. Deshalb versuchen die meisten Frauen diese Zeit irgendwie durchzuhalten. Danach können sie von der betreuten Familie einen ersten Vertrag erhalten", sagt die Aktivistin von Bidez Bide.

Reimberg ist Brasilianerin, kommt aus Sao Paulo und hat selbst vier Jahre lang als interne Pflegekraft gearbeitet. Sie kümmerte sich um eine ältere Person mit Alzheimer, die "24 Stunden am Tag" auf ihre Pflege angewiesen war. "Ich habe ihn geduscht, gewickelt, seine Medikamente und Mahlzeiten zubereitet und ihn ins Tageszentrum gebracht. Das war mein tägliches Leben", sagt sie. Denn "ich hatte keine ausgehandelten freien Tage".

Wie Cándida Rivas kümmerte sich auch die Mitarbeiterin von Bidez Bide nicht nur um diese Person, sondern musste auch Wartungsarbeiten im Haus durchführen. Das ist ganz normal: "In der Hausarbeit ist Platz für alles. Es gibt keinen Vertrag, in dem festgelegt ist, welche Aufgaben du zu erledigen hast", stellt sie fest.

"Eine Person kann sich nicht 24 Stunden lang um eine andere kümmern. Das ist menschlich unmöglich

Das alles hat Katja Reimberg sehr zugesetzt. “Das fordert seinen Tribut", sagt sie. “Am Anfang denkst du, dass es eben so ist, dass du zumindest einmal eine Bleibe hast. Aber mit der Zeit merkte ich, dass ich sozial sehr isoliert war, ich hatte niemanden zum Austausch. Außerdem wusste ich nicht, wie die Pflegearbeit funktioniert. Das musste ich erst lernen. Ich war also auch von diesem Gender-Urteil betroffen, das besagt, dass du keine gute Frau bist, wenn du keine gute Pflegerin bist.“

Nicht ohne Grund wird auch Bidez Bide am Streik teilnehmen. "Ich stelle den Menschen in meinem Umfeld immer eine Frage: Würdest du einer Freundin, einer Cousine, deiner Schwester oder deiner Mutter die Arbeit als Hausbetreuerin empfehlen? Würdest du das tun? Ausgehend von dieser Frage und den Erfahrungen, die ich als Hausangestellte gemacht habe, frage ich mich: "Würdest du die Arbeit eines

Auf der Grundlage dieser Frage und von den Erfahrungen aller Frauen, die zu uns kommen oder an unseren Aktivitäten teilnehmen, haben wir die Teilnahme am Streik beschlossen. Wir wissen, dass die meisten unserer Kolleginnen, die als Hausangestellte arbeiten, nicht in der Lage sein werden, am Streik teilzunehmen. Aber wir können das tun, und wir werden da sein", betont Katia Reimberg.

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus: “Un empleo que todo lo abarca... menos los derechos” (Eine Arbeit, die alles umfasst … nur keine Rechte), Tageszeitung Gara, Autorin: Maddi Txintxurreta, 2023-11-29 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Pflegestreik (impacto latino)

(2) Pflegestreik (diario cadiz)

(3) Pflegestreik (navarra.com)

(4) Pflegestreik (sindic.estudiantes)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-11-29)

Für den Betrieb unserer Webseite benutzen wir Cookies. Wenn Sie unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen, akzeptieren Sie unseren Einsatz von Cookies. Mehr Information