Neue Rubrik Baskultur-Info 2025
Im November 2013 startete der Kulturverein Baskale seine Webseite baskultur.info mit einer ersten Publikation. Seither folgten 1.370 weitere Artikel, Übersetzungen, Kommentaren. Nach ihrer Premiere wurde baskultur.info mehrfach erweitert mit Kategorien, Rubriken und täglich aktualisierten Kolumnen. Nun wird weiter ausgebaut: Militarisierung heißt die neue Kategorie, aus aktuellem Anlass. Bestandsaufnahme mit Baskultur-Gründer Klaus Armbruster über veränderte Schwerpunkte und Neuerungen im Portal.
Die Webseite baskultur.info umfasst sechs Kategorien: Aktuell, Kunst, Kultur, Geschichte, Reisen, Politik, unterteilt in 41 Themen-Rubriken. Dazu kommen sechs Kolumnen, die täglich aktualisiert werden. Interview von Amaia Urrutikoetxea mit Klaus Armbruster.
NEUE RUBRIK BEI BASKULTUR.INFO
Amaia: Anlass unseres Gesprächs heute ist die Erweiterung der Webseite baskultur.info mit der neuen Rubrik MILITARISIERUNG. Für dich sicher eine Freude, vom Hintergrund dieser Änderung zu berichten.
Klaus: Jede Veränderung und Erweiterung, die wir unserer Webseite in den Jahren ihrer Existenz verpasst haben, war eine gute Nachricht. Denn Erneuerung bedeutet Bewegung, Bewegung bedeutet, das Vorherige zu verbessern, das ist positiv. Wir ruhen uns nicht auf einem Konzept aus, sondern wollen aktuell bleiben. Der Anlass zur Eröffnung der Rubrik MILITARISIERUNG bietet allerdings wenig Grund zur Freude. Es ist vielmehr eine Verpflichtung. Eine politische Webseite – und als solche verstehen wir uns – sollte sich nicht der Aktualität verschließen. So wie wir nach der Pandemie die neue Kategorie POLITIK aufgenommen haben, mussten wir sie jetzt um eine Rubrik erweitern.
Wir stehen heute vor einem Militarisierungs- und Hochrüstungs-Prozess, wie ihn die wenigsten von uns direkt erlebt haben. Das kapitalistische Modell stolpert von Krise zu Krise und hat Rüstung und Krieg ins Auge gefasst, um die schwindenden Gewinne und Dividenden auszugleichen. Dafür werden Feindbilder aktiviert, alte wiederbelebt, neue in Szene gesetzt, sie sollen als Legende wirken für das Publikum. Nicht nur Wirtschaft und Industrie werden militarisiert, auch die Gesellschaften werden auf Krieg vorbereitet. In Deutschland ist dieser Prozess schon deutlich fortgeschritten, im spanischen Staat und bei uns im Baskenland hat er als öffentliche Diskussion eben erst begonnen. Unser Ziel mit der neuen Rubrik ist Information in zwei Richtungen: einem deutschen Publikum berichten, wie die Diskussion hier im Süden läuft, welche Widerstands-Projekte es gibt. Und umgekehrt, dem baskisch-spanischen Publikum die Debatten aus Deutschland näherzubringen.
Amaia: Dafür habt ihr sogar mit einer Art von Dogma gebrochen, künftig wird nicht nur in deutscher Sprache berichtet, sondern auch auf Baskisch, Spanisch und Englisch.
Klaus: Richtig. Anders wäre die Information in zwei Richtungen nicht denkbar. Bisher verstanden wir uns als Organ, das baskische Themen einem deutsch-sprachigen Publikum vermitteln will. Beim Thema Militarismus kommen wir an unsere Grenzen. Dem deutsch-sprachigen Publikum können wir nur die alternativen Quellen vermitteln, die sich kritisch mit dem Thema Hochrüstung befassen und von unserem Widerstand gegen diese Entwicklung berichten. Für das hiesige Publikum mussten wir tatsächlich über unseren Schatten springen und “das Dogma brechen“, wie du sagst. Das ist uns nicht schwer gefallen angesichts der Dramatik der aktuellen Situation.
Amaia: Kannst du konkretisieren, wie ihr diesen zweiseitigen Informations-Anspruch in der neuen Rubrik umsetzen wollt?
Klaus: Die Mainstream-Information zum Thema Militarisierung erleben wir täglich im Fernsehen und in den Zeitungen. Es handelt sich um Information mit wenig Tiefgang. Über Deutschland wird berichtet, welcher Politiker wie viele Milliarden in die Rüstung stecken will, doch was Rheinmetall ist, weiß so gut wie niemand. Auch nicht, dass in der BRD die Bundeswehr bereits an den Schulen ist. Das sind wesentliche Informationen, die dem Publikum hier vermittelt werden müssen. Denn was heute in der BRD passiert, wird morgen hier kopiert. Hier in Euskal Herria geht der Blick traditionell in den französischen Staat, da sind wir gut informiert, auch dort gibt es ein Baskenland. Ansonsten wissen wir mehr über die USA als über die BRD.
Die allerwenigsten hier im Süden wissen, dass die deutschen Gewerkschaften wie bereits vor dem ersten Weltkrieg 1914 auf den Kriegskurs eingeschwenkt sind. Bei den baskischen Gewerkschaften ist dies undenkbar, die haben sich einen Rest von Klassenbewusstsein bewahrt. Wenn wir Protest und Widerstand gegen diese Kriegs-Politik entwickeln wollen, dann nur auf der Basis von Wissen. Unser Beitrag besteht darin, dass wir die Information bereitstellen, um die inhaltliche Debatte anzufeuern und aktiv werden zu können. Wir sehen uns als Teil einer neuen Anti-Kriegs-Bewegung.
Amaia: In der BRD ist von der Wiedereinführung der Wehrpflicht die Rede. So was dürfte hier unter anderen Vorzeichen diskutiert werden.
Klaus: Eindeutig! Die baskische Gesellschaft hat vor 39 Jahren beim Referendum über den Verbleib Spaniens in der NATO mit 66% für einen Austritt gestimmt, das ist bis heute ein Hit. In den 1990er Jahren gab es eine Bewegung zur Totalverweigerung des Militär- oder Kriegsdienstes, die Insumisos. Tausende haben sich dieser Bewegung angeschlossen, wurden verurteilt und gingen in den Knast. Die Gerichte kamen diesen Massen nicht mehr hinterher, sie wurden lahmgelegt. Die Knäste wollten die Insumisos abschieben, weil es zu viele wurden, aber die haben auf das Absitzen ihrer Strafe bestanden. Ergebnis war die Abschaffung des allgemeinen Militärdienstes. In Deutschland hingegen gab es nur ein paar Dutzend Totalverweigerer, alles ging Richtung Ersatzdienst oder Zivildienst, das wurde zum Teil des Systems, dabei ist auch dieser Sozialbereich Teil der Militarisierung.
Amaia: Nicht nur die Region Baskenland, auch Nafarroa, die Kanaren und Katalonien haben 1986 gegen die NATO votiert. Hältst du es für denkbar, dass der Kriegsdienst im spanischen Staat wieder eingeführt wird? Oder wollen die keine schlafenden Hunde wecken?
Klaus: Ich sehe es gerade umgekehrt. Denn hier sind die Hunde nie schlafen gegangen, um in deinem Bild zu bleiben. Die Anti-Mili-Gruppen haben sich damals nicht aufgelöst, als die Wehrpflicht abgeschafft wurde, sondern haben weiter gegen Militarisierung gekämpft. Sie haben ihren Diskurs gewechselt und gefordert, dass die Haushaltsmittel für Rüstung in soziale Bereiche umgeleitet werden. Andere beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der baskischen Rüstungs-Industrie, die von der rechten PNV gefördert wird und zu den wichtigsten Kriegs-Industrien im Staat gehört. Auch vor der Kriegsdebatte, die jetzt aus Brüssel und Washington importiert wird, wurde hier kontinuierlich mobilisiert, gegen Rüstungsexport, gegen die baskische Regierung, die in Gernika einen Friedensdiskurs pflegt und gleichzeitig Millionen an Subventionen in die Rüstungs-Industrie steckt. Das sind Heuchler. In Palästina wird ein Völkermord praktiziert, für den baskische und spanische Waffen benutzt werden. Dasselbe gilt für die Ukraine. Daneben gibt es eine Bewegung zum Steuerboykott wegen der Kriegshaushalte, klein aber mit Stehvermögen. Diese Bewegungen sind ausbaufähig, da muss nichts bei Null beginnen.
Amaia: Was wäre von den baskischen Gewerkschaften zu erwarten?
Klaus: Die baskischen Gewerkschaften kritisieren genau wie die sozialen Bewegungen die baskische Rüstungs-Industrie und fordern deren Umorientierung auf zivile Güter. Hier findest du nicht jene Haltung, die den Erhalt von Arbeitsplätzen über alles stellt, egal was da produziert wird, Panzer oder Fahrradschläuche. Das macht die sozialdemokratische UGT, denen ist auch die baskische Streikpraxis ein Dorn im Auge. Wenn die öffentliche Diskussion im Baskenland “deutsche Dimensionen“ annimmt, dann wage ich vorherzusagen, dass die Gewerkschaften zum Generalstreik aufrufen.
Amaia: Von Seiten der spanischen Regierung, Pedro Sanchez, waren bisher keine Harte-Männer-Sprüche zu hören. Vom spanischen Staats-Haushalt heißt es, dass er am weitesten von den Brüsseler Verteidigungs-Vorgaben entfernt ist. Sanchez will die auferlegten Hausaufgaben machen, aber er will dafür angeblich keinen Euro aus dem Sozial-Haushalt nehmen.
Klaus: Erst einmal sollten wir uns angewöhnen, nicht mehr von “Verteidigung“ zu sprechen, das ist ein verschleiernder Begriff, der impliziert, dass der Feind schwer bewaffnet vor der Haustür steht. Das sind Lügen, das ist Propaganda. Wir sollten von Rüstung und Kriegsvorbereitung sprechen, sonst arbeiten wir den Militaristen auch noch in die Hände. Tatsächlich unterscheidet sich der Sanchez-Diskurs von anderen, der Mann muss Rücksicht nehmen auf seine Koalitionspartner. Im Staat existiert eine relevante Linke, die bisher nicht auf den Kriegskurs eingeschwenkt ist, nach dem Niedergang von Podemos ist diese Linke zwar etwas angeschlagen, Sanchez kann sie jedoch nicht ignorieren. Nationalistische Diskurse liegen ihm nicht, das ist hier das Exklusivrecht der Post-Franquisten von der PP und der Neo-Franquisten von Vox.
Amaia: Sind Podemos, Sumar und EH Bildu verlässlich, wenn es um Anti-Militarismus geht?
Klaus: Der Podemos-Abspaltung Sumar sollten wir nicht über den Weg trauen, aber Podemos hat sich nach der Spaltung wieder etwas radikalisiert, um Boden gutzumachen. Das ist bei der Rüstungs-Debatte von Vorteil. Im Übrigen wird der Sanchez-Diskurs zusammenbrechen wie ein Kartenhaus, wir müssen nur schauen, was seine sozialdemokratischen Kollegen in England, Deutschland oder sonstwo praktizieren, da gibt es keine heiligen Kühe mehr, da ist vom Schlachten des “aufgeblähten“ Sozialstaats die Rede.
Das zeigt uns im Übrigen, was hier “verteidigt“ werden soll: Die Profite der Kapitalisten, 80 Billionen für die Rüstungs-Industrie ist kein Kleingeld. Wenn US-amerikanische, französische und deutsche Kriegsschiffe in den Pazifik geschickt werden, dann “verteidigen“ sie nicht, sondern bereiten sich für den Angriff vor. Was auf keinen Fall “verteidigt“ werden wird, sind die Errungenschaften der Arbeiterklasse, darüber müssen wir uns im Klaren sein.
Amaia: Und die baskische Linke mit EH Bildu?
Klaus: Ach ja, die Koalition EH Bildu … sie hat ihren Diskurs in den vergangenen 10 Jahren deutlich gemäßigt. Bildu gehört zu den verlässlichsten Stützen von Sanchez. Wer den Staats-Haushalt absegnet, gibt auch die Mittel frei für Rüstung, Kriegsvorbereitung und innere Repression durch die Guardia Civil. Das sind heikle Themen, die die gewendete baskische Linke nicht gerne hört, zudem gibt es da interne Spannungen und Widersprüche. Wenn es hart auf hart geht, kann sich die baskische Linke nicht leisten, auf Kriegskurs zu gehen, bei aller Liebe zu Sanchez. Das würde bedeuten, einen Teil der eigenen Geschichte und der eigenen Basis in Frage zu stellen. So weit sind wir noch nicht.
Amaia: Von der Frage der Militarisierung zurück zum Portal baskultur.info. Die neue Rubrik Militarisierung ist nicht die erste Ergänzung, vor drei Jahren wurde eine ganze Kategorie mit sieben Unter-Kategorien eingefügt: Politik.
Klaus: Richtig, das war ein bedeutsamer Schritt, aber es war nicht der erste. Vorher waren es eher kleine thematische Ergänzungen, um Leerstellen zu füllen, wie Wirtschaft, Gesellschaft, Architektur. Eine quantitativ kleine, aber qualitativ wichtige Erneuerung war hingegen unsere Kolumne, die wir 2017 eingeführt haben. Damit haben wir einen großen Schritt in die Welt der aktuellen Berichtserstattung gemacht, die vorher eher ein Schattendasein geführt hatte. Die Erfahrung war so positiv, dass es mittlerweile sechs thematische Kolumnen gibt, die, wenn sie einmal publiziert sind, mehr oder weniger regelmäßig erneuert werden. Nicht täglich, wie es die Kräfte eben zulassen.
Die Kategorie Politik – wie der Name schon sagt, bedeutete eine Politisierung des Portals. Die schlimmen Erfahrungen der Pandemie haben dabei eine große Rolle gespielt. Wir konnten das Kultur-Portal von vorher nicht mehr einfach in der Form weiterführen.
Amaia: Sechs thematische Kolumnen?
Klaus: Der baskischen Kolumne, die wir mittlerweile “Baskische Ansichten“ nennen, folgten regelmäßige Kurznachrichten zu International, Tourismus-Kritik, Antifaschismus und die Ibero-Nachrichten zum Thema Spanien. Zuletzt kam die Kolumne zu Militarisierung dazu. Die Baskischen Ansichten werden jeden Tag aktualisiert, die anderen im Wechsel – die Zahl der Besuche bestätigt, dass diese Kolumnen von Interesse sind. Zugegeben, mit unseren Hintergrund-Berichten sind wir manchmal etwas schwer verdaulich, Kolumnen sind dagegen ein angenehmer Ausgleich.
Amaia: Ist das Portal politik-lastig geworden?
Klaus: Wenn wir die Zahlen der Publikationen in den verschiedenen Kategorien vergleichen – eindeutig ja. Bei International haben wir kürzlich den 100. Artikel veröffentlicht, in anderen Rubriken sind wir noch bei einem Dutzend seit Beginn. Gleichzeitig hat sich unser Publikum geändert. Anfangs waren wir sehr stark von der allgemeinen Dynamik des Internets abhängig, Suchmaschinen. Dann haben wir uns stärker um die sozialen Medien bemüht, das hat deutliche Konsequenzen. Eine Publikation bei Bluesky oder anderen Plattformen führt innerhalb von Minuten zu 20 Besuchen. Kleine Portale wie wir, die sich keine Ranglistenplätze bei Google einkaufen, müssen auf soziale Medien und persönliche Kontakte setzen.
Amaia: Ihr habt euch dem X-Boykott noch nicht angeschlossen?
Klaus: Nein, haben wir nicht. Wir haben beschlossen, zu bleiben, bis wir wegen unserer Inhalte rausgeschmissen werden. Die Sache ist ziemlich pervers. Bis vor einem Jahr wurden wir bei X und Facebook inhaltlich und wegen unserer Bilder häufig zensiert. Einmal bekamen wir eine zeitliche Sperre. Nach deren Änderung der legendären Algorithmen haben wir diesbezüglich keine Probleme mehr, die wollen nur kein nacktes Fleisch sehen. Bei X haben wir eine ganz aktive linke Gemeinde, englisch, baskisch, spanisch, deutsch. Dazu kamen kürzlich Bluesky und Mastodon. Die Plattform Bluesky ist eine positive Erfahrung, kostet eben viel Zeit, nicht nur zu publizieren, sondern auch andere besuchen, Kontakte pflegen. Bei Mastodon tut sich nicht besonders viel, noch nicht, hoffen wir. Viel Mehrarbeit ist es nicht, mehrere Plattformen zu bedienen. Ob wir unsere Publikation zwei Mal oder vier Mal einsetzen, macht keinen großen Unterschied.
Amaia: Von anfangs 25 Rubriken seid ihr auf 41 “angeschwollen“ – ist das überhaupt machbar, ohne Bezahlung ein so umfassendes Portal aufrecht zu erhalten? 41 Rubriken wollen ja erst einmal gefüllt werden.
Klaus: Wenn es heute fast doppelt so viele Rubriken sind, heißt das nicht, dass es doppelt so viel Arbeit ist. Mehr auf jeden Fall. Aber mittlerweile gibt es mehr Hilfsmittel, auf die wir zurückgreifen können. Zum Beispiel Übersetzungs-Programme. 2014 haben wir alles selbst geschrieben oder übersetzt, der Publikations-Rhythmus lag bei 4 bis 5 Tagen. Heute machen wir zwischen drei und sechs Publikationen. Erstens ist der Umfang geringer, weil Tagesbeiträge in Kolumnen nicht so ausufernd sind. Zweitens liefern die Übersetzungs-Hilfen gute Vorlagen, die nur überarbeitet und ergänzt werden müssen, das spart viel Zeit. Drittens bedienen wir uns auch bei anderen deutschen Portalen wie Junge Welt, Neues Deutschland, Overton-Magazin, Amerika21, weil unsere Themen über das Baskenland hinaus gehen. Ein Artikel pro Tag und drei Kolumnen sind realistisch geworden. Dazu die dokumentierten Berichte in unserem Baskinfo-Blog, macht locker 10 Beiträge in den sozialen Medien, einige davon werden mittags publiziert und nachts noch einmal. Im vergangenen Jahr kamen wir auf insgesamt 600 Publikation bei baskultur.info, 200 Artikel und 400 Kolumnen-Beiträge. In diesem Jahr wir jetzt schon bei 300, Aktualität ist also keine Frage mehr.
Amaia: Das klingt nach viel Arbeit.
Klaus: Eine Menge, zweifellos. Aber wir sind zufrieden. Wir sind keine Überflieger, vielmehr ist die Arbeit am Portal ein Teil unseres Engagements in der baskischen Gesellschaft, in den sozialen Bewegungen. Ohne diese Basis würde das Ganze deutlich weniger Sinn machen. Wir sind bei der Mobilisierung, bei der Demo, beim Generalstreik und dann berichten wir darüber. Nicht unbedingt in Form von Reportagen, auch Fotoreportagen. Manchmal werden wir als Foto-Archiv-Txeng direkt damit beauftragt, schon ganze Dok-Filme sind dabei zustande gekommen, zum Beispiel von Vorträgen über baskische Sozialgeschichte. Auf Urlaub im herkömmlichen Sinn verzichten wir, das ist ein überkommenes Konzept.
Amaia: Dann konzentriert sich eure Arbeit auf Bilbo und Bizkaia?
Klaus: Wenn wir von unserer Arbeit sprechen, dann meinen wir nicht nur das Portal baskultur.info, sondern auch die vielfältige Arbeit des Kulturvereins Baskale. Das ist weit mehr als Publikations-Arbeit am Computer, es ist Arbeit auf der Straße, zusammen mit anderen Aktivistinnen und Gruppen. Die konkrete Arbeit spielt sich vor allem im Barrio und in Bizkaia ab, doch zu Reportagen und Mobilisierungen sind wir gelegentlich auch im ganzen Baskenland unterwegs, von Muskiz und Tutera bis Hendaia. Neulich haben wir in Baiona ein Konzentrationslager aus den 1940er Jahren entdeckt, von dem hier im Süden fast niemand weiß. Da waren erst spanisch-baskische Republikaner, dann in Frankreich Unerwünschte und schließlich Nazi-Kriegsgefangene eingesperrt. Wo Baskisch gesprochen wird, sind wir zu Hause.
Amaia: Ist baskultur.info denn überhaupt noch ein baskisches Informations-Portal?
Klaus: Unbedingt! Vielleicht etwas weniger als noch vor drei Jahren. Aber mit Qualitätszuwachs. Über USA oder Argentinien zu berichten, heißt nicht unbedingt, das Baskenland rechts liegen zu lassen. Über Massentourismus zu berichten, heißt, von Bilbo, Urdaibai und Donostia zu schreiben. Wir versuchen, Bezüge zu finden, historische, geografische, persönliche … ein Bericht über den afro-amerikanischen politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal ist nicht nur ein Bericht über die Repressions-Misere in den USA, es ist auch ein Spiegelbild dessen, dass dieser Aktivist in unserem Barrio auf einem Wandgemälde dargestellt ist. Der Völkermord in Palästina könnte als internationales Thema verstanden werden, doch für uns ist es ein ur-baskisches Thema, weil jeden Tag in irgendeinem Ort von Euskal Herria eine Solidaritäts-Aktion für dieses geschundene Volk stattfindet. Diese Solidarität ist nicht aufgesetzt, sie ist Teil einer kollektiven Erfahrung von Unterdrückung, durch spanische Kolonisatoren, Polizisten, Folterer oder Militärs, durch Franquisten, Chauvinisten oder Richter, die die Entwicklung der baskischen Sprache blockieren. Wenn wir von Volk sprechen, meinen wir das Übrigens nicht im Sinne von Nation, sondern im Sinne der Klassen-Gesellschaft, im Fanon’schen Sinne der Unterdrückten dieser Erde. Für uns ist klar, auf welcher Seite wir stehen.
ABBILDUNGEN:
(*) baskultur.info (FAT)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-04-12)
