lufthansa1Die erste Luftbrücke

“Cielo despejado en España“ (Über Spanien wolkenloser Himmel): Mit diesem Spruch eröffnete der General Francisco Franco in der Nacht zum 18. Juli 1936 im Rundfunk-Sender Ceuta den Putsch gegen die spanische Volksfrontregierung. Der knappe Wahlsieg des Bündnisses von liberalen und sozialistischen Parteien am 16. Februar war ein letztes Aufbäumen gegen den Rechtstrend in der seit 1931 von Putschversuchen und blutig niedergeschlagenen Aufständen erschütterten Zweiten Spanischen Republik.

Vor 100 Jahren wurde die “Deutsche Luft Hansa AG“ gegründet. Ihre Flugzeuge organisierten ab 1936 die rettende Hilfe für die Franco-Faschisten in Spanien.

Die Großgrundbesitzer, Industriebosse und katholischen Geistlichen stemmten sich gegen Bodenreform, Verstaatlichung und Machtverlust. Dadurch wurde das Elend der landlosen Bauern festgeschrieben, zugleich wuchs die Furcht vor einer kommunistischen Machtübernahme in Offizierskreisen aber stetig. Schon vier Wochen nach dem Wahlsieg der Volksfront gab es erste Hilfeersuchen um deutsche Waffenlieferungen, vor allem durch die General Franco nahestehenden und in der Kolonie Spanisch-Marokko stationierten Truppen und Fremden-Legionäre. Sie hatten über ein Vierteljahrhundert Erfahrungen gesammelt in der Bekämpfung aufsässiger Bevölkerungsgruppen in Nord-Afrika. (1)

Doch nach ersten Siegen in Navarra, Sevilla und auf den Balearen drohte der faschistische Putsch zu scheitern, auch weil sich große Teile der Armee und der Polizei nicht den Putschisten anschlossen. Deshalb musste das “Afrika-Heer“ schnellstens auf die Halbinsel gebracht werden. Doch die Volksfront-Regierung erfuhr davon, und Marineminister José Giral ließ die Straße von Gibraltar für eine Überfahrt der Söldner blockieren. Es wurde klar: Franco und dessen Chefplaner General Emilio Mola konnten Spanien ohne die Hilfe Italiens und Deutschlands nicht unter ihre Kontrolle bringen.

Ein unerwarteter Helfer

lufthansa2Am 21. Juli lernte Franco bei einer Veranstaltung in der marokkanischen Stadt Tetouan den Generalvertreter von Mannesmann in Spanisch-Marokko, Johannes E. Bernhardt, kennen. Franco schilderte ihm die Situation. Als guter Geschäftsmann fragte Bernhard, wieviel Geld bereitgestellt werden könnte. Franco nannte eine Summe von zwölf Millionen Pesetas, etwa vier Millionen Reichsmark. Bernhard begriff, dass dies nicht reichen würde und politische Hilfe nötig wäre.

Als Mitglied der NSDAP-Auslands-Organisation AO bat er deren Chef in Tetouan, Adolf Langenheim, um Hilfe. Franco schrieb Hitler einen Brief und schickte eine Lageskizze seiner Truppen in Marokko. Am 23. Juli flogen Francos Technikspezialist, Francisco Arranz, Bernhardt und Langenheim mit der dreimotorigen Junkers Ju 52/3m “Max von Müller“ der Lufthansa, die der franco-treue General Luis Orgaz auf Gran Canaria irrtümlich beschlagnahmt hatte, nach Deutschland. Nach Auftank-Stopps in Marseille und Stuttgart landeten sie am 24. Juli nachts in Berlin.

Als AO-Chef Langenheim am nächsten Tag erfuhr, dass Franco Hitler kein Begriff war und sich das Reichs-Außenministerium deshalb nicht in den Spanischen Krieg einmischen wollte, ließ er auf eigene Faust Rudolf Hess anrufen, Hitlers Stellvertreter. Sein Argument: Wenn es gelänge, Franco zu einem Sieg zu verhelfen, hätte Deutschland einen Verbündeten im Rücken Frankreichs. Hess vermittelte, ließ Hitler eigens bei einer “Siegfried“-Aufführung in Bayreuth stören und stellte sein Privatflugzeug zur Verfügung. Von Nürnberg ging es per Auto weiter bis Bayreuth. Noch am selben Abend um 22.30 Uhr traf man sich mit Hitler diskret im “Siegfried-Wagner-Haus“.

Bernhardt übersetzte Francos Brief, erklärte die beigefügte Skizze und beruhigte Hitler, Franco würde die entstehenden Kosten später bezahlen. Schließlich stimmte Hitler zu und rief Luftwaffenchef Hermann Göring und Kriegsminister Werner von Blomberg an. Längst gab es vitale Interessen an Spanien: Der “Hort des Bolschewismus“ sollte niedergeworfen werden. Zudem brauchten die Rüstungs-Wirtschaft und die Flugzeug-Industrie Wolfram, Zink, Blei und Kupfer. Schon seit 1935 versuchten Konzerne wie die Vereinigten Stahlwerke AG und die Krupp AG, Zugriff auf die reichen Schwefelkies- und Eisenerz-Vorkommen Spaniens zu erlangen, um so von England, Frankreich und Schweden unabhängig zu werden. Ende Juli 1936 wurde die deutsch-spanische Firma für Rohstoff-Einfuhren Rowak (Rohstoff- und Waren-Einkaufs-Gesellschaft mbH) gegründet.

Operation “Feuerzauber“

Am 27. Juli 1936 entstand unter Hermann Göring der “Sonderstab W“. Sein erstes Projekt, eine Luftbrücke für Francos Truppen, erhielt den Namen “Feuerzauber“ – nach dem dritten Akt der Siegfried-Aufführung, die Hitler gesehen hatte. Die Leitung übernahmen Luftwaffen-General Helmut Wilberg und der General-Inspekteur der Luftwaffe, Erhard Milch. Milch war seit ihrer Gründung 1926 Technischer Direktor und Vorstands-Mitglied der “Deutschen Luft Hansa AG“, seit 1933 zugleich Görings Staatssekretär und für den Aufbau einer militärisch tauglichen Luftflotte “zur Abschreckung und Friedenssicherung“ zuständig. Er verabredete mit Junkers einen Großauftrag für über 400 Maschinen vom Langstreckentyp “Ju 52“ bis Oktober 1935 – das größte Beschaffungs-Programm seit dem Ersten Weltkrieg.

Die Luftbrücke begann Ende Juli 1936 mit 20 solcher an die Franquisten geschickten Flugzeuge. Der entscheidende Vorteil der Ju 52 war, dass sie ohne Umbau als Bombenflugzeug eingesetzt werden konnte: Das geteilte Fahrwerk ließ eine Bombenaufhängung unter dem Rumpf zu, auf die Ladeluke hinten auf dem Rumpf konnte ohne Umbau ein Maschinengewehr-Kranz aufgesetzt werden. Zu den getarnten Mannschaften gehörten Offiziere, Unteroffiziere, Soldaten und Techniker. Dazu kamen neun dreimotorige Bombenflugzeuge des Typs Savoia-Marchetti S.M.81 aus Italien. Mit dieser ersten Luftbrücke der Geschichte wurden bis Ende Oktober 1936 ca. 13.000 Soldaten und Söldner über die Straße von Gibraltar auf die Iberische Halbinsel transportiert, pro Maschine etwa 30.

Zur Verschleierung gründete Bernhardt am 31. Juli 1936 im Auftrag der NSDAP und mit der Genehmigung Francos in der marokkanischen Enklave die “Compania Hispano-Marroqui de Transportes“ (HISMA), ein Konglomerat aus über 300 Unternehmen, darunter die Lufthansa, das die Versendung von Vorräten und Materialien an die Putsch-Armee erleichterte.

Legion Condor

lufthansa3Als im Oktober 1936 der Vormarsch der Putschisten unter anderem durch den Einsatz der Internationalen Brigaden (2) ins Stocken geriet, entschloss sich Hitler, Franco mit irregulären Luftwaffen-Einheiten zu unterstützen und direkt in den Krieg einzusteigen. Bei der “Aktion Rügen“ wurde unter Leitung des Luftwaffen-Generals Helmuth Wilberg bis Dezember 1936 ein Expeditionskorps aufgestellt. Für die “Legion Condor“ suchte er Freiwillige. Mit dem Dienst in Spanien konnten Soldaten ihre Wehrdienst-Zeit verringern und erhielten als fliegendes Personal zusätzlichen Sold.

Das alles wurde gut getarnt: offizielle Entlassung der Legionäre aus der Wehrmacht, Uniformen ohne Erkennungszeichen, Fahrten als Urlauber mit der “Reisegesellschaft Union“ und “Kraft durch Freude“-Schiffen sowie mit Maschinen der Lufthansa. Über 700 Maschinen der Luftwaffe waren am Ende im Einsatz. Wie Göring vor dem Internationalen Militärgerichtshof bestätigte, diente der Einsatz der “Legion Condor“ ab 1937 der Erprobung aller neuen deutschen Flugzeuge, Waffen und Einsatz-Taktiken: “Ich sandte mit Genehmigung des Führers einen großen Teil meiner Transportflotte und (…) eine Reihe von Erprobungs-Kommandos meiner Jäger, Bomber und Flakgeschütze hinunter und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuss zu erproben, ob das Material zweck-entsprechend entwickelt wurde.“ Die Bombardierung Gernika (span: Guernica) am 26. April 1937 wurde zum Höhepunkt der verbrecherischen Nazi-Intervention in Spanien.

Noch im selben Jahr begann Görings Oberst Theodor Rowehl bei der Lufthansa-Tochter “Hansa-Luftbild“ mit systematischen Aufklärungs-Flügen in großer Höhe über der Sowjetunion. Vier Spezialstaffeln entstanden. Noch nach dem Nicht-Angriffs-Pakt mit Deutschland vom August 1939 nahm die sowjetische Seite geduldig mehr als 500 illegale Überflüge hin. Auch solche, bei denen zivile Lufthansa-Maschinen mit heimlichen Kameras an Bord von der Route abwichen. Am 22. Juni 1941, als Nazideutschland die Sowjetunion überfiel, konnte die deutsche Luftwaffe präzise Angriffe auf die wichtigsten sowjetischen Flughäfen fliegen.

Arbeitskreis Regionalgeschichte

Die Mehrheit der 1936 nach Spanien geschickten Flugzeuge und Besatzungen stammten aus den niedersächsischen Orten Wunstorf und Delmenhorst, wo die Nazis in Fliegerhorsten unter dem Deckmantel ziviler Luftfahrt eine neue Luftwaffe aufbauten, das Kampfgeschwader Boelcke. Dies dokumentiert der Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt-Rübenberge auf seiner Webseite. 1926 fusionierten die Fluggesellschaften “Junkers Luftverkehr“ und “Deutscher Aero Lloyd“ zur “Deutschen Lufthansa AG“, die bei der Erprobung neuer kriegstauglicher Flugzeugtypen und der Ausbildung von Besatzungen für die Reichswehr eine zentrale Rolle spielte. Ein Ergebnis dieser Forschungs-, Konstruktions- und Erprobungs-Arbeiten war das Flugzeug Junker 52, dessen Prototyp 1930 fertig gestellt wurde.“ (3)

“1932 wurde die dreimotorige Version des Flugzeugs an die Lufthansa ausgeliefert, die sie von ihrem Tochterunternehmen Condor-Syndikat auf Langstreckenflügen in Mittel- und Süd-Amerika erproben ließ. Innerhalb der Lufthansa wurden, zunächst zivil getarnt, fünf improvisierte Bomberstaffeln aufgestellt und schrittweise erweitert. Gleichzeitig diskutierten Militärs bereits über die zu erwartenden künftigen Luftkriegs-Strategien, unter anderem Terrorangriffe gegen die Zivilbevölkerung“.

Viele der Legion-Condor-erfahrenen Piloten wurden im Zweiten Weltkrieg bei Bombardierungen in Polen, England oder Belgien eingesetzt. Nach dem Krieg wurde all das unter den Teppich der Geschichte gekehrt. Erst als eine Gruppe von Aktivist*innen des Arbeitskreises Regionalgeschichte die dunklen Kapitel erforschte, wurden die damaligen Verquickungen deutlich. Unter dem Titel “Luftwaffe, Judenvernichtung, totaler Krieg“ wurde in einem umfangreichen Buch auf 339 Seiten die “Deutsche Geschichtspolitik, Traditionspflege in der Garnisonsstadt Wunstorf, Vergessene Geschichte in Hannover-Langenhagen“ die Geschichte des Fliegerhorstes, des Spanien-Einsatzes und des Weltkriegs nachgezeichnet.

“Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.“ Diesen Satz schrieb Wolfram Freiherr von Richthofen am 30. April 1937 in sein Tagebuch. Zuvor hatte er die Bombenschäden in der baskischen Kleinstadt Gernika begutachtet. Nach Ansicht der dafür verantwortlichen Offiziere der Legion Condor war der Angriff, der vier Tage zuvor stattgefunden hatte, ein “voller Erfolg“. “Die internationale Öffentlichkeit dagegen war schockiert angesichts der Rücksichtslosigkeit, mit der die Zivilbevölkerung von deutschen Luftstreitkräften attackiert worden war. Diese hielten sich illegal in Spanien auf, um den Militärputsch unter Führung des Generals Franco zu unterstützen.“

lufthansa4Ein beachtlicher Teil der verantwortlichen Bomberbesatzungen war auf den Fliegerhorsten Wunstorf, Hannover-Langenhagen und Delmenhorst im Kampfgeschwader Boelcke ausgebildet worden. Vollbeladene Bombenflugzeuge dieses Traditionsgeschwaders starteten am 1. September 1939 zum Kampfeinsatz gegen Polen. Neben militärischen Zielen wurden auch Wohnviertel angegriffen. Besonders intensiv seien jüdische Stadtviertel bombardiert worden, berichten Zeitzeugen. Tatsächlich gab es solche Luftangriffe: zum Beispiel auf die polnische Kleinstadt Lomza, welche von NS-Bevölkerungs-Wissenschaftlern zuvor als “Judenstadt“ bezeichnet worden war.

Dem Buch folgte eine Ausstellung mit dem Titel “Die Vernichtung von Gernika-Guernica am 26. April 1937. Geschichte und Gegenwart eines deutschen Kriegsverbrechens“, die im Baskenland aufgegriffen und vom Kulturverein Baskale aus Bilbao in die baskische und spanische Sprache übersetzt wurde. Basierend auf der Ausstellung des AKR produzierte Baskale einen dreisprachigen Dokumentarfilm: Historiker*innen schildern detailliert den Verlauf sowie die militärischen und politischen Ziele des verheerenden Bombardements von Gernika. Zur Sprache kommen auch die Folgen für die weitere Entwicklung der Luftkriegs-Strategie während des Zweiten Weltkrieges. (4)

Die Wunstorf-Kaserne ist heute ein Teil der Bundeswehr, mit eigenem Flugplatz wurde sie zum Dreh- und Angelpunkt künftiger Truppen-Verschickungen und Materialtransporte der NATO, nur hier können moderne Versorgungs-Maschinen starten und landen. Vom 12. Juni bis zum 23. Juni 2023 war der Flugplatz Teil des Großmanövers Air Defender 23. Die Übung war die größte von Luftstreitkräften seit Bestehen der NATO. (5)

Geschichte verleugnet

Die Lufthansa beschäftigte während des Zweiten Weltkriegs Tausende Zwangsarbeiter, darunter viele Kinder, die für die Reparatur beschädigter Kriegsflugzeuge eingesetzt wurden. Ihre Beteiligung an den Verbrechen des deutschen Faschismus verleugnete sie lange, stets mit dem Hinweis, die heutige Lufthansa sei doch erst 1955 gegründet worden. Zwar war das Vorgänger-Unternehmen auf Anordnung der Alliierten aufgelöst worden, und die neue Lufthansa fungierte offiziell nicht als dessen Rechts-Nachfolger. Sie nutzte aber dasselbe Logo, den Kranich, und an der Spitze standen teilweise dieselben Männer, wie der Wirtschafts-Historiker Lutz Budrass betont, den die Lufthansa 1999 beauftragt hatte, den Einsatz von Zwangsarbeitern zu erforschen, und dessen Ergebnisse sie dann im Jahr 2001 zum 75. Firmen-Jubiläum aber lieber doch nicht veröffentlicht sehen wollte. Es erschien unter dem Titel “Adler und Kranich“ erst 2016 im Blessing-Verlag. Nun ist zum 100. Geburtstag ein neues Buch im Auftrag des Konzerns angekündigt: “Lufthansa, die ersten 100 Jahre“ aus der Feder der Wirtschafts-Historiker Hartmut Berghoff und Manfred Grieger. Man darf gespannt sein. (1)

ANMERKUNGEN:

(1) “100 Jahre Lufthansa. Die erste Luftbrücke“, Junge Welt, Autor: Hartmut Sommerschuh, 2026-01-07 (LINK)

(2) Internationale Brigaden, Wikipedia (LINK)

(3) “Luftwaffe, Judenvernichtung, totaler Krieg“, Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt-Rübenberge (LINK)

(4) Dokumentarfilm “Legion Condor“, Kulturverein Baskale Bilbao (LINK)

(5) Fliegerhorst Wunstorf, Wikipedia (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Spanienkrieg (baskale)

(2) Buchtitel (AK Regionalgeschichte)

(3) Spanienkrieg (junge welt)

(4) Legion Condor (baskale)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-01-07)

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