Francisco Letamendia (1944-2026)
Am 26. April 2026, dem 89. Jahrestag der Vernichtung der baskischen Stadt Gernika durch die nazideutschen Legion Condor, ist Francisco Letamendia „Ortzi“ im Alter von 82 Jahren verstorben, nachdem sich sein Gesundheitszustand aufgrund einer Erkrankung verschlechtert hatte. Er war ein angesehener Anwalt, Universitäts-Professor, Schriftsteller und Politiker aus Donostia (San Sebastián). Nach dem Jurastudium in Barcelona arbeitete er als Anwalt für Arbeitsrecht und Verteidiger baskischer politischer Gefangener.
Francisco Letamendia Belzunce (Donostia, 05/02/1944 – 26/04/2026), bekannt unter dem Spitznamen Ortzi, war ein links-nationalistischer Anwalt, Dozent, Schriftsteller und Politiker aus dem gipuzkoanischen Donostia (San Sebastian).
Wer die Jahre des sogenannten demokratischen Übergangs (Transition, 1975-1981) im spanischen Staat miterlebt oder studiert hat, wird den Namen Francisco Letamendia und den Spitznamen Ortzi sicherlich mit einem Bild aus dem Jahr 1978 in Verbindung bringen, auf dem ein baskischer Abgeordneter im spanischen Kongress mit erhobener Faust „Gora Euskadi askatuta!“ rief – Es lebe das befreite Baskenland. (1)
Anwalt, Universitäts-Professor, Schriftsteller und Politiker – in all diesen Bereichen zeichnete er sich aus. In den frühen Jahren franquistischer Repression in Donostia geboren, studierte er Rechtswissenschaften in Barcelona und begann bald darauf als Anwalt für Arbeitsrecht zu arbeiten und als juristischer Begleiter von baskischen politischen Gefangenen. Er war der jüngste der Verteidiger im Prozess von Burgos (2) (3), mit nur 26 Jahren übernahm er die Verteidigung der Angeklagten Itziar Aizpurua. Später veröffentlichte er zusammen mit Miguel Castells , einem weiteren abertzale Anwalt unter einem Pseudonym das Buch „El proceso de Euskadi en Burgos“ über diese Erfahrung (Der Prozess gegen das Baskenland in Burgos). Nach diesem Prozess floh er wegen politischer Verfolgung nach Ipar Euskal Herria (französisches Baskenland) und später nach Paris. Kurz vor Francos Tod im November 1975 kehrte nach Süd-Euskal Herria zurück, in jenem Jahr veröffentlichte er sein Werk „Historia de Euskadi: el nacionalismo vasco y ETA“ (Geschichte des Baskenlandes: Der baskische Nationalismus und die ETA).
Vom Exil in den spanischen Kongress
Als Mitglied der Partei Euskal Iraultzarako Alderdia (EIA – Revolutionäre Baskische Partei) war Ortzi bei den ersten Parlamentswahlen nach Francos Tod Spitzenkandidat für Gipuzkoa der Koalition Euskadiko Ezkerra (EE – Baskische Linke), die sich aus EIA und der marxistisch-maoistischen Partei EMK zusammen setzte. Er wurde gewählt und blieb nicht unbemerkt. Er sprach sich gegen das Amnestie-Gesetz von 1977 aus, da es Straffreiheit für die Verbrechen des Franco-Regimes gewährte – eine breite poitische Bewegung hatte zwei Jahre lang für die Amnestie aller politischen Gefangenen des Franquismus gekämpft. Auch stimmte Letamendi gegen die spanische Verfassung, weil diese das Recht auf Selbstbestimmung der Regionen nicht berücksichtigte, wie er beharrlich gefordert hatte und wofür er Morddrohungen erhielt. Gleichzeitig war er im Abgeordnetenhaus sehr aktiv und forderte stets die Freilassung aller baskischen politischen Gefangenen.
1978 verließ Letamendi die Partei EIA, weil er nicht damit einverstanden war, dass die Koalition Euskadiko Ezkerra (EE, Baskische Linke) am Baskischen Generalrat teilnahm (Consejo General Vasco). Stattdessen schloss er sich der neu gegründeten Wahlplattform Herri Batasuna (Volkseinheit) (4) an und trat mit erhobener Faust vor Ablauf der Legislaturperiode von seinem Amt zurück. Bei den folgenden Parlamentswahlen 1979 kandidierte er für Herri Batasuna als Spitzenkandidat in Bizkaia und wurde erneut gewählt, trat jedoch sein Abgeordneten-Mandat gar nicht erst an, eine wiederholte Taktik der baskischen Linken. Noch vor Jahresende wurde er wegen „Verherrlichung des Terrorismus“ vor Gericht gestellt. 1980 wurde er zum Abgeordneten im baskischen Regional-Parlament in Gasteiz gewählt, ein Parlament, an dem seine politische Formation ebenfalls nicht teilnehmen sollte.
Francisco Letamendia wurde gerichtlich verfolgt, gegen ihn liefen mehrere Verfahren, darunter ein Amtshilfe-Ersuchen, mit dem man ihn vor Gericht stellen wollte, weil er ein Jahr zuvor im Parlaments-Haus in Gernika (Casa de Juntas) beim Besuch des spanischen Königs angeblich das Lied „Eusko gudariak“ (5) gesungen haben sollte (die baskische Nationalhymne) – obwohl er bei dieser Veranstaltung gar nicht anwesend war. Die Repression trieb Letamendia 1982 erneut nach Paris, ab 1983 distanzierte er sich von Herri Batasuna und der aktiven Politik, auch wenn seine politischen Überzeugungen weiterhin im linken Nationalismus (abertzalismo) verankert blieben. Mit Beginn des neuen politischen Zyklus nach dem Ende von ETA im Baskenland schloss er sich Euskal Herria Bildu an und nahm an Wahl-Veranstaltungen der Souveränitäts-Koalition teil.
Bedeutendes schriftliches Werk
In der ersten Hälfte der 80er Jahre unterrichtete er baskische Geschichte an der Universität Paris VIII und arbeitete an seiner Dissertation über Nationalismus und Gewalt, mit der er an dieser Universität in Sozialgeschichte promovierte. Nach seiner Rückkehr ins Baskenland widmete er sich der Lehre als Professor für Politik-Wissenschaft an der baskischen Universität EHU der Forschung und dem Schreiben. Sein Werk umfasst fast 40 Bücher über Geschichte und Politik-Wissenschaft, wobei der Nationalismus immer wieder eine wesentliche Rolle spielt. Über diese Forschungstätigkeit, seine „Sucht“, sprach er ausführlich in einem Interview mit Fermin Munarriz von der baskischen Tageszeitung Gara. Aus diesem Interview hob der Journalist folgenden Satz hervor: „Politik muss die Glückseligkeit suchen.“
Im Februar 2002 war er in eine kontroverse Auseinandersetzung mit Edurne Uriarte verwickelt, ebenfalls Professorin für Politikwissenschaft an der UPV und Gründerin des rechtsgerichteten antibaskischen Foro de Ermua (6), bei der es um den Lehrstuhl ging, um den sich beide im Vorjahr beworben hatten. Dieser wurde Uriarte zugesprochen, woraufhin Letamendia Einspruch einlegte; dieser Einspruch wurde von der Beschwerde-Kommission der EHU angenommen, die Kontroverse gelangte als Konflikt zwischen spanientreuen Españolistas und Baskennationalismus oder „zwischen Lizarra-Garazi (7) und dem Geist von Ermua“ in die Medien. Der Streit wurde vor Gericht ausgetragen, das, wie zu erwarten war, der polemischen Ultra-Professorin Uriarte, die in leeren Aulen dozierte, Recht gab.
Neben den genannten Büchern veröffentlichte Ortzi weitere Werke von großem Interesse, wie „Die Basken: gestern, heute und morgen“ im Jahr 1976, „Anklage im Parlament“ zwei Jahre später und 1979 „Das Nein der Basken zur Reform“. Sein letztes Werk, sein aus vier Bänden bestehendes Hauptwerk, ist „Politische Kultur im Westen. Kunst, Religion und Wissenschaft“. Paco Letamendia erinnerte sich mit Stolz an seine Zeit in der Politik, sein wichtigster Beitrag für das Baskenland war jedoch seine Arbeit als Denker und Wissenschaftler, wofür dieses letzte Werk ein gutes Beispiel ist. „Ortzi ist gestorben, ein Abertzaler (8), der sein ganzes Leben und sein Wissen seinem Land gewidmet hat.“
ANMERKUNGEN:
(1) Information aus der Publikation “Francisco Letamendia Ortzi, ein langjähriger Vertreter der baskischen Unabhängigkeits-Bewegung, ist gestorben” (Original-Titel: Fallece Francisco Letamendia ‘Ortzi’, abertzale de largo recorrido), Tageszeitung Gara, 2026-04-26, der Text wurde verändert und ergänzt (LINK)
(2) Publikation Baskultur.info: „Der Burgos-Prozess. ETA / Franquismus 1970“ (LINK)
(3) Publikation Baskultur.info: Der Burgos-Prozess 1970. WDR-Podcast“, Dokumentation einer Radiosendung des WDR über den Burgos-Prozess von Dezember 2025 (LINK)
(4) Herri Batasuna – baskisch: Volkseinheit: Wahlkoalition der baskischen Linken, stand der bewaffneten Organisation ETA nahe
(5) Eusko Gudariak (baskisch: Baskische Soldaten) ist die inoffizielle baskische Nationalhymne; das Lied wurde 1932 von einem PNV-Politiker komponiert, das baskische Soldaten sangen es an der Front im Spanienkrieg nach 1936.
(6) Nach der Entführung und Tötung des Politikers Miguel Angel Blanco aus Ermua durch ETA wurde das Ermua-Forum gegründet, das sich aus rechten Politikern und intellektuellen aus dem Baskenland und Spanien zusammensetzte und regelmäßig in die baskische Politik eingriff.
(7) Lizarra-Garazi war ein Pakt aller baskischen Parteien und Gewerkschaften, plus Sozialbewegungen aus dem Jahr 1998, ein Klärungsversuch des Konflikts zwischen dem Baskenland und dem spanischen Staat.
(8) abertzal: baskischer Begriff für „patriotisch“, die baskische Linke nennt sich abertzale Linke.
ABBILDUNGEN:
(*) Francisco Letamendia Ortzi (gara)
(PUBLIKATION BASKULTUR.IONFO 2026-04-26)
