Liedermacherin (1937-2005)
Lurdes Iriondo Mujika (27. März 1937 / 27. Dezember 2005) war eine Liedermacherin und Schriftstellerin aus der baskischen Provinz Gipuzkoa. Zwischen 1965 und 1978, zum Ende der Franco-Diktatur, wurde sie zu einer Referenz-Figur der baskischen Musik. Trotz Schikanen durch das Regime war sie an mehreren Projekten beteiligt. Im Jahr 2025, zwanzig Jahre nach ihrem Tod, wurde ihr in Anerkennung ihres Beitrags zur baskischen Musik und Kinderliteratur die Goldmedaille der Provinzregierung Gipuzkoa verliehen.
Lurdes Iriondo wurde geboren als die spanischen Faschisten soeben Gipuzkoa besetzt hatten. Der Franquismus und die rebellische Musik prägten das Leben der mehrfach mit Joan Baez verglichenen Baskin.
Leben
Die Iriondo-Mujikas waren elf Geschwister, von denen Lurdes die zweit-älteste war. Als sie sieben Jahre alt war, zog die ganze Familie in die Kleinstadt Urnieta (südlich von Donostia, San Sebastian), wo sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte. Baskisch war trotz Verbot durch das Regime ihre Muttersprache, die Geschwister tendierten zunehmend zur spanischen Sprache. Sie wurde von Nonnen unterrichtet, zuerst in Urnieta, dann auch in Donostia (San Sebastián). Die Nonnen waren Französinnen, in der Schule musste Französisch gesprochen werden.
Die junge Lurdes wollte bedürftigen Menschen helfen und trat daher mit neunzehn Jahren in das Ausbildungs-Haus der Weltlichen Missionarinnen von Vitoria-Gasteiz ein, um sich auf die Missionsarbeit vorzubereiten. Sie hatte jedoch keine Gelegenheit, ihren Traum zu verwirklichen, da ihr ein Jahr später eine schwere Herzkrankheit diagnostiziert wurde. Fortan musste sie sorgfältig auf ihre Gesundheit achten. Die Krankheit zwang sie, lange Zeit zu Hause zu verbringen. Sie nutzte diese Zeit, um sich in der Musik weiterzubilden, die sie seit ihrer Kindheit liebte.
Erste Schritte in der Musik
Tatsächlich hatte Lurdes schon als Kind eine Vorliebe für Musik, sie hatte eine sanfte und klare Stimme, in ihrer Familie wurden oft alte Lieder gesungen. Sie war Mitglied der Txistulari-Gruppe (1) von Urnieta und studierte sieben Jahre lang Oper und Gesang an einer Akademie in Donostia (Txistu ist eine einhändig gespielte baskische Flöte). Nachdem sie von ihrem Vater im Jahr 1964 eine Gitarre geschenkt bekam, nahm sie Unterricht bei Professor Cecilio Espada. Zuvor hatte sie bereits begonnen, eigene Lieder zu komponieren, viele von religiöser Natur oder mit Bezug zur baskischen Sprache und zur baskischen Kultur. Die meisten Lieder wurden von ihren Freunden (darunter der Priester von Urnieta, Joseba Zugasti) in die baskische Sprache adaptiert oder übersetzt, da sie selbst sich noch nicht in der Lage fühlte, baskische Texte zu schreiben.
Ihr erster öffentlicher Auftritt fand 1964 in Andoain (20 km von Donostia entfernt) statt, bei einem Konzert zugunsten der Ikastola, einer von Eltern ins Leben gerufenen halblegalen Schule, die den Kindern das vom Aussterben bedrohte Euskera beibringen sollte. Mit großem Erfolg sang sie anschließend in Tolosa und Villabona. 1965 sang sie am Tag der Jugend in Aizarna, wo sie ebenfalls Begeisterung entfachte. Unmittelbar danach nahm sie zusammen mit ihrem Cousin und Journalisten Joxemari Iriondo mehrere Lieder für das Radio der Stadt Loiola (Loiolako Herri Irratia – Loiola Volks-Radio) auf, die auch ausgestrahlt wurden. Trotz der Kritik von einem Teil des Publikums – “man kann mit der spanischen Gitarre begleitet nicht baskische Lieder singen” – wurden die Stimme und die Melodien von Lurdes Iriondo überaus beliebt. In der Folgezeit sang sie in allen Ecken des Baskenlandes. Im Jahr 1965 gab sie fast vierzig Konzerte, im Jahr 1967 waren es etwa 170. Zu dieser Zeit hatte sie ihre ersten Probleme mit der Zensur. “Ez gaude konforme” (Wir sind nicht einverstanden), “Libertad para qué” (Freiheit wofür), “Nire erria” (Mein Land) – das ging den franquistischen Zensoren gegen den Strich. Mehrfach musste sie Genehmigungen einholen, um auftreten zu dürfen, immer wieder musste sie neue Arrangements und Änderungen vornehmen. (2)
Ez Dok Amairu
Im damaligen Baskenland war es völlig ungewöhnlich, dass eine Frau mit einer Gitarre in der Hand alleine auf der Bühne stand. Bald tauchten Spitznamen für die neue Sängerin auf: Euskal Herriaren nobia (die Braut des Baskenlandes), Euskal Herriko Joan Baez (die baskische Joan Baez) und Ez Dok Amairuko musa (die Muse von EDA). Dem baskischen Schriftsteller und Dichter Jose Angel Irigarai zufolge “wissen die Leute gar nicht, was Lurdes Iriondo in den 60er Jahren bedeutete. Auf der Bühne verwandelte sie sich, sie war beeindruckend, die Leute waren fasziniert”. Lurdes war 1965 Gründungsmitglied von der Musik- und Kultur-Gruppe Ez Dok Amairu (Wir sind keine dreizehn) und war von Anfang an Teil der Treffen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Gruppenmitgliedern (sie war noch keine dreißig Jahre alt) war sie zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits eine bekannte Sängerin. Für Ez Dok Amairu fungierte sie als Managerin und nahm zusammen mit der Gruppe an zahlreichen Konzerten teil.
1967 veröffentlichte sie ihre ersten beiden kleinen Alben bei der Plattenfirma Belter. Es handelte sich um alte Lieder: “Kantu zaitut, jauna” (Ich singe für dich), “Loa”, “Kitarratxo ta euskara”, “Ain urruti ta ain urbil” (so fern und so nah). Ihre Lieder wurden von Jahr zu Jahr engagierter. Sie selbst erklärte ihre Entwicklung so: “Früher wurden Lieder vielleicht als etwas Schönes angesehen. Als etwas Leichtes, ohne große Aussagekraft. Heute hingegen enthalten die Lieder, die für das Volk gesungen werden, bedeutungsvolle Texte. Sie werden heute mit einem anderen Bewusstsein gesungen. Sie handeln von den Problemen der einfachen Leute.”
1968 veröffentlichte sie bei derselben Plattenfirma eine weitere kurze Scheibe. Die vier Lieder darauf zeigten deutlich die Entwicklung der Sängerin aus Urnieta: “Lin-Pan mendia”, “Askatasuna zertarako”, “Nire erria” und vor allem das Lied, das zur Hymne dieser Zeit wurde: “Ez gaude konforme” (Wir sind nicht einverstanden). Das war aber nicht ihre einzige Veröffentlichung im Jahr 1968. Zusätzlich publizierte sie ein umfangreiches Album namens Kanta zaharrak (Alte Lieder) mit ausgewählten alten Werken aus dem von Resurrección María Azkue zusammengestellten Liederbuch (3). Im selben Jahr heiratete sie den Dichter und Musiker Xabier Lete (1944-2010) (4). Im folgenden Jahr veröffentlichte sie mit ihm als Duo eine kleine Platte. 1969 veröffentlichte Iriondo zwei weitere kleine Alben, eines davon mit Kinderliedern: “Haur kantak“.
Nach der Auflösung von Ez Dok Amairu
Noch während des Franquismus löste sich Ez Dok Amairu 1972 auf. Danach startete Lurdes zusammen mit Xabier Lete und Benito Lertxundi ein weiteres Projekt von kurzer Dauer: die Musik Show Zazpiribai (5). Dabei traten auch andere Musiker aus Iparralde auf (wörtliche Übersetzung: der nördliche Teil, gemeint ist das französische Baskenland): Pantxoa eta Peio, Ugutz Robles-Arangiz, Manex Pagola, Patxika Erramuspe. Ihre letzten Aufnahmen waren das Album Lurdes Iriondo (Artezi), das 1974 veröffentlicht wurde, und eine Zusammenstellung mit Xabier Lete im Jahr 1976. Erst nach ihrem Tod veröffentlichte das Plattenlabel Elkar 2006 die Kompilation “Antologia”.
Letzter Auftritt
Lurdes Iriondos letzter Auftritt war ein Konzert im Jahr 1978 im Frontón Galarreta in Hernani zusammen mit Xabier Lete, Antton Valverde und Pantxoa eta Peio. Zu dieser Zeit (Franco war im November 1975 im Bett gestorben) fanden im spanischen Staat große soziale und kulturelle Veränderungen statt, sie fühlte sich damit nicht sehr wohl. Außerdem war ihre Gesundheit zu sehr angeschlagen, um von Konzert zu Konzert zu reisen. Fortan widmete sie sich hauptsächlich der Literatur, dem Unterricht und der Stadtteilarbeit.
Werke für Kinder und Literatur
Lurdes hatte eine besondere Vorliebe für Kinder, für die sie mehrere Bücher veröffentlichte: “Martin arotza eta jaun deabrua“ (Schreiner Martin und Herr Teufel; Toribio-Altzaga-Preis), “Sendagile maltzurra“ (Der böse Heiler; Gero 1973), “Asto baten malura“ (Die Schlechtigkeit des Esels; Gero 1975) und Buruntza azpian (Gero, 1975). Außerdem veröffentlichte sie zwei Erzählbände: “Hegohaizearen ipuinak“ (Geschichten vom Südwind) und “Lotara joateko ipuinak“ (Geschichten zum Einschlafen). Sie gründete in Urnieta die Theatergruppe “Haur Buruntza“, sie schrieb und inszenierte mehrere Theaterstücke. Eines davon, “Fabrika berria“ (Die neue Fabrik), wurde 1977 uraufgeführt. Außerdem engagierte sie sich in all diesen Jahren stark in der Gemeinde.
Im Rahmen einer Reihe von Arbeiten für Kinder, die darauf abzielten, die baskische Sprache unter Kindern zu fördern, produzierte die baskische Regierung 1982 unter der Leitung von Lurdes Iriondo und Imanol Urbieta eine didaktische Videoserie mit dem Titel Kontu kontari. In den Videos kamen verschiedene Elemente zum Einsatz, um die baskische Sprache zu vermitteln: Geschichten, Zeichnungen, Puppen, Lieder, Motorik. Sie starb am 27. Dezember 2005 im Alter von 68 Jahren. Nach ihrem Tod wurden ihr mehrere Ehrungen zuteil.
Anerkennung
Im Jahr 2008 wurde in Urnieta ein Park nach Lurdes Iriondo benannt. Zu ihren Ehren wurde eine Skulptur des Künstlers José Ramón Anda aufgestellt. Im Jahr 2020 wurde das Buch “Baginen. Euskal Herriko historia emakumeen bitartez“ veröffentlicht (Die Geschichte des Baskenlandes aus Sicht der Frauen). Eine der Frauen, die für das Buch ausgewählt wurden, war Lurdes Iriondo. Im Jahr 2025 wurde ihr die Goldmedaille der Provinzregierung Gipuzkoa verliehen. Im Dezember 2025, zum 20. Jahrestag ihres Todes, wurde Lurdes Iriondo für ihren Beitrag zur baskischen Sprache und Kultur die Goldmedaille der Provinzregierung von Gipuzkoa verliehen. Bei der Zeremonie verlas die Schriftstellerin Mariasun Landa die Laudatio.
Im selben Jahr 2025 wurde der Dokumentarfilm Lurdes Iriondo veröffentlicht, der ihr Leben und Werk beschreibt. Für die Regisseurin Inge Mendioroz Ibáñez war der Film ein Anlass, verschiedene Themen zu behandeln: “die Rolle der Frau in unserer Geschichte, die Notwendigkeit von weiblichen Vorbildern, um eine eigene Identität zu schaffen”. Bei den Preisen, die von der Gesellschaft für Baskische Studien (Eusko Ikaskuntza) in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung von Baiona (franz: Bayonne) vergeben werden, gewann dieser Dokumentarfilm den Preis für Videokunst 2025. Der Preis wurde der Regisseurin Inge Mendioroz Ibáñez und der Drehbuch-Autorin Idoia Garzes Aldazabal im Rahmen einer Veranstaltung am 22. November im Rathaus von Baiona verliehen. Die Jury begründete die Auszeichnung des Dokumentarfilms wie folgt: “Für die Bewahrung des baskischen Gedächtnisses und die Würdigung des Beitrags der Frauen zur Entwicklung der Kultur“.
Publikationen
Kinder- und Jugendliteratur: “Martin arotza eta Jaun deabrua”, Gero, 1973 (Zimmermann Martin und Herr Teufel). “Sendagile maltzurra“, Gero, 1973 (Der böse Arzt). “Asto baten malura”, Verlag Gero 1975 (Die Boshaftigkeit eines Esels). “Buruntza azpian“, Verlag Gero 1975 (Unter Buruntza). Erzählungen: “Hego-haizearen ipuinak“, Verlag Gero, 1973 (Geschichten vom Südwind). “Lotara joateko ipuinak“, Verlag Erein 1983 (Geschichten zum Einschlafen).
ANMERKUNGEN:
(1) Die Txistu ist ein im Baskenland weit verbreitetes Blasinstrument. Eine Art Fippelflöte, deren Name möglicherweise von dem baskischen Wort ziztu (pfeifen) stammt. Es handelt sich um eine Dreilochpfeife, die mit einer Hand gespielt wird, so dass die andere Hand frei bleibt, um ein Schlaginstrument zu spielen.
(2) Alle Zitate und ein Großteil der Information dieses Artikels, stammen aus der baskischen Seite von Wikipedia über Lurdes Iriondo (LINK)
(3) Resurrección María Azkue Aberasturi (Lekeitio 1864 – Bilbao 1951) war ein baskischer Priester, Linguist, Lexikograf, Ethnograf, Musiker, Schriftsteller, Journalist und Verleger. Im Bereich der Musik veröffentlichte er ein bedeutendes Werk: “Cancionero Popular Vasco“ (Baskisches Volksliedbuch), eine Sammlung von 1.000 Musikstücken und Liedern (1918-1921). (LINK)
(4) Xabier Lete Bergaretxe (Oiartzun 1944 – Donostia 2010) war ein bekannter baskischer Dichter und Liedermacher. Ab 1965 stand er regelmäßig auf der Bühne, sowohl alleine als auch mit anderen Musiker:innen. Im April 2009 wurde er zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Künste und Literatur, Jakiunde, ernannt. Er verstarb am 4. Dezember 2010 im Alter von 66 Jahren an den Folgen einer schweren Krankheit, die 1985 bei ihm diagnostiziert worden war. (LINK)
(5) Zazpiribai oder Zazpiri war sowohl 1971 als auch 1972 eine Musik-Show in baskischer Sprache im Baskenland. Der Name bedeutet “Ja zu den sieben Provinzen, ja zum Baskenland”. Hintergrund: das historische Baskenland besteht aus sieben Provinzen, vier auf spanischem Territorium, drei auf französischem Gebiet; zazpi = sieben auf Baskisch, bai = ja auf Baskisch. Die Gruppe hatte großen Erfolg und trat insgesamt neun Mal an verschiedenen Orten im Baskenland auf, an einigen Orten zweimal. “Wir wussten, dass die baskische Kultur einen wunderschönen Schatz birgt. Wir wollten den Menschen diese baskische Schönheit mit unseren Liedern näherbringen. Wir haben weder die Vergangenheit noch die Gegenwart abgelehnt“, sagte Pagola. (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Lurdes Iriondo (durangon)
(2) Lurdes Iriondo (bertsolaritza)
(3) Ez Dok Amairu (eitb)
(4) Lurdes Iriondo (disko)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-12-29)
