Widerstand durch Kunst
Eine soziale Theaterinitiative im West-Jordanland versucht, dem Trauma der Besatzung und der Gewalt der israelischen Armee mit Kunst zu begegnen und das Erlebte zu verarbeiten, in palästinensischen Kinder-, Frauen- und Jugendgruppen. Das Projekt “Freedom Theatre“ inmitten der israelischen Besatzung und bewaffneten Übergriffe im Westjordanland. Vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein, denn ein in Echtzeit erlebter Genozid am eigenen Volk hinterlässt tiefe psychologische und seelische Spuren.
Das Freedom Theatre ist ein palästinensisches Theater- und Kulturzentrum im Flüchtlingslager Dschenin. Das Projekt will durch Populärkultur und Kunst kulturellen Widerstand als Katalysator für sozialen Wandel in den besetzten palästinensischen Gebieten schaffen. Ziel des Theaters ist es, "eine lebendige und kreative künstlerische Gemeinschaft zu entwickeln, die Kinder und junge Erwachsene befähigt, sich frei und gleichberechtigt durch Kunst auszudrücken".
Zerbrochenes Glas am Eingang der Büros des “Freedom Theatre“ zeugt noch immer von einem der Angriffe, denen die Einrichtung ausgesetzt war, als israelische Streitkräfte einen bewaffneten Überfall auf das Flüchtlingslager und andere Teile der Stadt Jenin unternahmen. Bei der Razzia, die am 12. Dezember 2023 begann und drei Tage dauerte, wurden Hunderte von Palästinensern verhaftet, darunter Ahmed Tobasi, der künstlerische Leiter des Theaters, der einige Tage später wieder freigelassen wurde. Auch Mustafa Sheta, der Generaldirektor, der weiterhin in israelischen Staatsgefängnissen inhaftiert ist.
Zusätzlich zu den Schäden, die die israelische Armee bei dieser Razzia anrichtete, wurden Davidsterne an die Wände des Theaters gemalt, Türen aufgebrochen und Glas zerschlagen. Es war nicht das erste Mal, dass das Freedom Theatre angegriffen wurde. Die Angriffe sind so alt wie die Gründung des Theaters selbst.
Vom Steintheater zum Freedom Theatre
Das 1987 von der israelischen Aktivistin Arna Mer Khamis gegründete Freedom Theatre entstand in der Zeit der ersten Intifada als Projekt zur Schaffung sicherer Räume und zur Sozialisierung der unter der Besatzung lebenden palästinensischen Kinder. Während der ersten Intifada, auch Intifada der Steine genannt, konfrontierten palästinensische Kinder die israelischen Panzertruppen mit Steinen. Daher auch der erste Name des Projekts: Stein-Theater.
Während der zweiten Intifada im Jahr 2002 griff die israelische Armee das Lager mit Panzern an und zerstörte Hunderte von Häusern, darunter auch das Stein-Theater. Das Freedom Theatre wurde als Ort innerhalb des Lagers eingerichtet, an dem Kinder, Jugendliche und Frauengruppen, die von der Besatzung und der Gewalt betroffen und traumatisiert sind, durch Kunst unterstützt werden können.
Juliano Mer-Khamis, der Sohn von Arna Mer Khamis, gründete 2006 das Freedom Theatre, das auch als Kulturzentrum für die Gemeinschaft fungiert. Juliano wurde 2011 im Flüchtlingslager von Dschenin ermordet. Tat und Motiv sind noch immer unklar. Das Freedom Theatre ist auch ein Ort, an dem verschiedene künstlerische und kulturelle Ausdrucksformen gefördert werden, um die palästinensische Identität zu bewahren. Wie Mustafa in einem Interview vor seiner Verhaftung sagte: “Wir leisten kulturellen Widerstand“.
In der Ungewissheit zurechtkommen
“Wir sind am Leben, vorerst“, sagt Adnan Naghnaghiye, der Mustafa bei der Leitung des Freedom Theatre ablöste. Für Naghnaghiye ist die Planung der Aktivitäten des Theaters eine Herausforderung: “Wir planen nicht viel, weil wir nicht wissen, was passieren könnte“. Die immer häufigeren Übergriffe der israelischen Armee auf das Flüchtlingslager, die sich auch auf andere Teile der Stadt ausgeweitet haben, legen alle Aktivitäten der Menschen im Lager lahm.
Der Raum, den das Freedom Theatre zur Verfügung stellt und die Aktivitäten, die es durchführt, sind für den Koordinator wichtig. Denn es gibt nur wenige Räume, die für die verarmten Bewohner des Lagers zugänglich sind. Diese Bewohner*innen sind nicht nur mit den israelischen Angriffen konfrontiert, sondern auch mit einer immer prekäreren wirtschaftlichen und sozialen Situation, die sich durch die Einschränkung der Mobilität und bei der Arbeit verschlechtert.
Für Naghnaghiye ist die Planung der Aktivitäten des Theaters eine Herausforderung: “Wir planen nicht viel, weil wir nicht wissen, was passieren könnte. Die Angriffe der israelischen Armee werden immer häufiger.
“Unsere Arbeit konzentriert sich fast immer auf die Probleme der Gesellschaft, deshalb sind wir ein soziales Theater“, sagt Ranin Odeh, Programm-Koordinatorin für Kinder und Jugendliche beim Freedom Theatre. Sie fügt hinzu: “Hier in Palästina leben wir in einem ständigen Kampf gegen die Besatzung. Es ist eine tägliche Erfahrung, als ob wir uns mitten in einem Strudel befinden, in einer Flut, die ständig steigt und fällt. Es gibt keinen Platz für Frieden und Stabilität in unserem Land. Es gibt keine Freiheit, keine Sicherheit, keine Möglichkeit, ein normales, authentisches Leben zu führen, ohne abgestempelt oder etikettiert zu werden. Wir leben in Käfigen, und wir kämpfen darum, da herauszukommen.“
Die Razzien können Stunden bis Tage dauern, und seit Juli 2023 haben sie an Intensität und Häufigkeit zugenommen. Während der Angriffe ist es nicht ungewöhnlich, dass die israelische Armee die Infrastruktur mit Bulldozern zerstört, Luftangriffe mit Drohnen durchführt und Kämpfe mit Truppen in und um das Lager führt. Jetzt, wo die Kinder in den Ferien sind, organisiert das Freedom Theatre ein Sommercamp.
Das Trauma des Krieges
Malek hat in den kurzen fünf Jahren seines Lebens mehr akkumulierte Gewalt erlebt und überlebt als viele Erwachsene in ihrem ganzen Leben. Sein Körper spiegelt dies wider: Seit dem letzten Überfall im Mai zeigt seine Mutter Bilder von Nesselsucht, die seine Haut befiel. Die Mutter erzählt auch, wie bei einer Razzia ein israelischer Soldat in das Haus eindrang und Malek durchsuchte, bevor er das Haus während der Razzia als militärische Stellung übernahm.
Die dunklen Ringe unter den müden Augen eines Kindes, das vor lauter Albträumen nicht mehr schlafen kann, die Realität der Geräusche israelischer Panzerfahrzeuge, die das Flüchtlingslager überfallen, die Luftangriffe von Drohnen, die auf die Häuser im Lager fallen, die Gewehrsalven der Kämpfe in den Straßen der Heimat.
“Es gibt keine Freiheit, keine Sicherheit, keine Möglichkeit, ein normales, authentisches Leben zu führen, ohne immer wieder abgestempelt, zu werden. Wir leben in Käfigen, und kämpfen um das Herauszukommen“
Das Theater ist zu einem Zufluchtsort geworden, zumindest im emotionalen Bereich. Eher aufgrund dessen, was es repräsentiert, denn ein sicherer Ort vor den Übergriffen der israelischen Armee ist es nicht: “Kein Ort im Lager ist sicher, wenn es einen Übergriff gibt“, sagt Adnan.
Ranin koordiniert jetzt ein Sommerlager für Mädchen und Jungen aus dem Flüchtlingslager Dschenin und für Kinder aus anderen Gebieten. Das Camp findet außerhalb des Lagers statt, um das Risiko eines israelischen Militärangriffs zu verringern.
“Die Kinder malen, was sie sehen: Waffen, Gewalt, Tod“, sagt Adnan. Das Theater bietet den Kindern einen Raum und Aktivitäten, mit denen sie versuchen können, ihr Trauma zu bearbeiten oder zumindest zu spielen, um vollwertige Kinder zu sein. Adnan ist sich aber auch bewusst, dass zu den gewalttätigen Übergriffen, dem Mangel an Arbeitsplätzen und der Unsicherheit, von der die Familien und damit auch die Kinder betroffen sind, soziale Schwierigkeiten hinzukommen. Die kapitalistische Logik und Ungleichheit in Palästina sind auch in seiner Gesellschaft präsent.
Wie kann man das Trauma einer Situation bearbeiten, die sich wiederholt und fortsetzt und die zu einem generationen-übergreifenden Trauma führt?
Vielleicht ist es die tiefe Überzeugung von der Arbeit am Freedom Theatre die Ranin zu den folgenden Worten bringt: “Im Freiheits-Theater versuchen wir fast immer, über die vorherrschende Realität hinauszugehen. Wir versuchen, neue Welten kennenzulernen, Neues zu erleben. Wir gehen zwangsläufig vom Prinzip der Evolution aus, wir denken, dass sich die Menschheit in ständiger Entwicklung befindet, nicht nur in Bezug auf die Umstände und die Realität, die uns umgeben, sondern auch in uns selbst. Auf diese Weise versuchen wir, den Menschen Werkzeuge an die Hand zu geben, die ihnen helfen, sich weiter zu entwickeln, authentisch und im Einklang mit ihrer eigenen Natur zu sein, sich mit ihrem eigenen Selbst zu versöhnen. Mit anderen Worten: persönliche Befreiung und Selbstverbesserung.“
ANMERKUNGEN:
(1) “El teatro de la libertad de Yenín: resistencia a través del arte” (Das Freiheits-Theater in Dschenin: Widerstand über Kunst). Tageszeitung El Diario, Autor: Mauricio Morales. Dschenin (Westjordanland), Übersetzung: baskultur.info, 2024-07-23 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Freiheits-Thater (elsalto)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-07-30)
