Gegen Meeres-Überfischung
Dass Forellen nicht mehr aus Gebirgsbächen stammen, sondern aus Zucht-Anlagen, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist, dass Hochsee-Fische ebenfalls nicht mehr im großen weiten Meer gefangen werden, sondern in Käfiganlagen in Küstennähe, wo sie auch gemästet werden. Zum Beispiel der Rote Thunfisch, der ansonsten im Atlantik zu finden ist. Ein entsprechendes schwimmendes Käfigbecken existiert nur weniger Kilometer von der baskischen Küste entfernt, vor dem Fischer-Ort Getaria in Gipuzkoa.
Fischzucht soll eine Lösung für die Überfischung der Meere sein. Greenpeace widerspricht, nachdem Aktivisten abgetaucht sind und sich Gehege großer Farmen angesehen haben.
Getaria, baskische Küste: Kurz nach Sonnenaufgang tauchten vier Taucher aus dem katalanischen Fischer- und Tourismus-Ort L'Ametla de Mar in das große schwimmende Käfigbecken, das 3,7 Meilen vor der Küste von Getaria ausgelegt wurde, um mit Schlachtung von Rotem Thunfisch zu beginnen, die in den letzten zweieinhalb Monaten in diesen Anlagen gemästet wurden.
Bewaffnet mit "Lanzen", die spezielle Geschosse abfeuern, näherten sich die Taucher einem Schwarm von 80 Roten Thunfischen (auf Spanisch Cimarrón genannt) und lösten die Zündstifte ihrer "Pfeile" an den Köpfen der Fische aus, die auf der Stelle getötet werden. Damit soll vermieden werden, dass die Fische beim Schlachten gestresst werden und sich in ihren Muskeln Milchsäure bildet, die einen unerwünschten Geschmack von "verbranntem Fleisch" verursachen würde, auf Japanisch “yake“ genannt. (1)
Anschließend wurden die Thunfische an die Seite des Fischkutters Marcelina Lecue geschwemmt. Die Matrosen an Deck zogen eine Nylonschnur aus, die die Taucher durch den Schwanz führten, um sie mit Hilfe eines Krans an Bord zu hieven. Dort wurde das erste Exemplar gewogen: "110 Kilo", verkündete Expeditions-Chef Pere Vicent Balfegó einer Gruppe von Zuschauer*innen, die die Aktion vom Aitona Julián IV Schiff aus beobachtete. 108, 110 und 115 Kilo lauteten die ersten digitalen Zahlen auf der Waage.
Der Rote Thun (Thunnus thynnus), auch Großer Thun, Nordatlantischer Thun oder Blauflossen-Thunfisch genannt, ist eine Thunfischart und ein bedeutender Speisefisch. Mit einer Maximallänge von 4,5 Metern und einem Maximal-Gewicht von über 650 Kilogramm ist er einer der größten Knochenfische und kann bis zu 30 Jahre leben. Der Rote Thun lebt im Atlantik, zumeist nördlich des Äquators, im Mittelmeer, in der Karibik und im Golf von Mexiko. Auch an der Küste Südafrikas gibt es eine Population. Rote Thunfische werden für gewöhnlich drei Meter lang und erreichen in einem Alter von 15 Jahren ein Gewicht von 300 Kilogramm. Der größte gefangene Fisch war 4,58 Meter lang und der schwerste hatte ein Gewicht von 684 Kilogramm. Der Rote Thunfisch hat einen von der Seite gesehen spindelförmigen Körper, der seine größte Höhe in der Mitte der ersten Rückenflosse erreicht.
Ein historischer Moment
Zum ersten Mal wurden somit Rote Thunfische geschlachtet, die in einem Käfigbecken im Golf von Bizkaia gefangen waren und in diesen schwimmenden Becken gemästet wurden. Dahinter steht ein Joint Venture zwischen dem baskischen Forschungs-Projekt Itsas-Balfegó und einem katalanischen Fisch-Unternehmen aus Tarragona, das auf die Aufzucht von Thunfischen in Gefangenschaft spezialisiert ist.
Itsas-Balfegó ist ein Projekt von AZTI, auf Baskisch “Arrantzuarekiko Zientzia eta Teknika Ikaskundea“, eines privaten Instituts für Fischerei-Wissenschaft und -Technologie. AZTI wurde 1981 mit der Einrichtung des Ozeanographischen Forschungs-Dienstes (SIO) in Donostia (San Sebastián) gegründet, im Rahmen der Übertragung von Befugnissen im Bereich der wissenschaftlichen und technischen Forschung durch die Autonome Gemeinschaft Baskenland. 1984 genehmigte der Provinzialrat Bizkaia die Gründung des von AZTI Bizkaia, mit Sitz in Sukarrieta. (2)
https://es.wikipedia.org/wiki/AZTI
In Ermangelung genauer Analysen des Fettanteils der Cimarrones, des Aussehens und des Geschmacks ihres Fleisches zeigte die Anzeige der Waage, dass die Fütterung mit japanischen Makrelen, Sardinen, Goldsardinen und anderen Blaufischen effizient war. In wenigen Monaten haben die Thunfische ihr Gewicht um 30 bis 40 Kilo erhöht. "In den ersten Tagen nach dem Fang fressen sie nicht, weil sie gestresst sind; dann erholen sie sich", erklärt Rogelio Pozo, Geschäftsführer von AZTI. "Sie sind in der Lage, bis zu 10% ihres Körpergewichts an Fisch pro Tag zu fressen und sind sehr aktiv. Sie hören nicht auf zu schwimmen und haben einen Kreislauf, der es ihnen ermöglicht, dass ihr Blut einige Grad über der Temperatur des Meerwassers liegt", erklärte Pere Vicent Balfegó den Anwesenden, darunter die baskische Ministerin für Ernährung, ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Fischerei, in Begleitung von Vertretern und Schiffseignern der Fischergilden sowie bekannte Gastronom*innen aus Gipuzkoa und Bizkaia.
An Deck des Fangschiffes führte ein anderer Arbeiter einen langen Metallstab in das Rückgrat der Roten Thunfische ein, eine japanische Technik namens “ikejime“, um einen Stress-Prozess bei den bereits toten Fischen zu vermeiden. Jeder Cimarrón wurde gewogen, vermessen und ausgenommen. Die Anwesenden zeigten sich begeistert. Jeder Fisch wurde dann am Schwanz auf seinen Fettanteil untersucht und als "Einzelexemplar“ gekennzeichnet, bevor er in den Laderaum hinabgelassen und bei minus 2 Grad Celsius in Wasser und Eis getaucht wurde.
Anfang Oktober 2025 wurden insgesamt 38 Exemplare für kommerzielle Zwecke gefangen und geschlachtet. Vier von ihnen, so Juanjo Navarro vom Projekt Balfegó, wurden von Getaria sofort nach Amettla de Mar in der katalanischen Provinz Tarragona gebracht, um dort präpariert zu werden, bevor sie frisch nach Japan geschickt werden. Dort werden Chefköche und Köche, die auf Roten Thun spezialisiert sind, sowie Kunden von Balfegó den Roten Thun aus dem Golf von Bizkaia probieren.
Ein weiteres Exemplar wird am Montagnachmittag am Sitz von Itxas Bidea in Donostia in Stücke geschnitten. Weitere dreizehn Thunfische werden in den Einrichtungen von AZTI analysiert, um Daten über ihr Verhalten während der Mastmonate zu sammeln. Marina Santurtún, eine Ozeanografin aus Barakaldo, erklärte, dass jedes der Exemplare zu Beginn der Gefangenschaft mit einem "Biologger" im Körper ausgestattet worden war, einem Sensor, der es ermöglicht, Daten über die Aktivität der Roten Thunfische, ihre Bewegungs- und Fress-Gewohnheiten, Momente von möglichem Stress und andere Daten zu erhalten.
AZTI-Geschäftsführer Rogelio Pozo kündigte an, dass man bei den europäischen Behörden und der “Internationalen Kommission für die Erhaltung der Thunfisch-Bestände im Atlantik“ (ICCAT) eine Genehmigung für den Fang von 200.000 Kilo Rotem Thun (Thunnus thynnus) in den Gewässern der Kantabrischen See in Fangkäfigen (Ringwaden) (3) beantragen werde, wenn sich die ersten Eindrücke über Qualität und Quantität der Dickhornschafmast bestätigen.
Als Ringwaden werden Netze zum Fischfang bezeichnet, die in der Hochsee-Fischerei bis 2.000 Meter lang sein können und bis in eine Tiefe von 200 Meter reichen. Sie werden weltweit zum Fang wertvoller Speisefische, insbesondere beim Thunfischfang eingesetzt, aber auch zum Fang von Sardinen, Heringen und Makrelen. Die Ringwade wird dabei ringförmig um einen Fischschwarm ausgelegt. Anschließend wird das Netz mit der an der Unterleine befindlichen Schnürleine zugezogen, so dass die Fische völlig vom Netz eingeschlossen sind. Ringwaden-Netze erlauben eine vergleichsweise selektive und umwelt-schonende Fischfang-Methode. Auch reduzieren die im unteren Bereich kleinen Maschenweiten Haut- und Kiemenverletzungen des Fangs. Es besteht jedoch eine spezifische Gefahr insbesondere für Delfine, die oft mit Thunfischschwärmen vergesellschaftet sind. (3)
Nicht unumstritten
Fischzucht soll eine Lösung für die Überfischung der Meere sein. Doch ist dieser Ersatz nicht unumstritten. Greenpeace widerspricht, nachdem Aktivisten abgetaucht sind und sich Gehege von großen spanischen Zucht-Farmen angesehen haben. Ihr Urteil: “Unter Wasser herrscht Horror.“ Ohnehin würde die Mehrheit der Konsument*innen frei lebenden Fisch vorziehen, wie Umfragen ergeben. Er sei gesünder und schmackhafter, so die verbreitete Meinung, die sich bei einer Blindverkostung jedoch änderte. Den meisten Befragten, die nicht wussten, welchen Fisch sie gerade probierten, schmeckte nämlich der gezüchtete besser als der wilde. Der unterschiedliche Fettgehalt macht den Geschmack aus, wie Forscher des Ozeanographischen Instituts IEO bestätigen. Die Fische aus der Zuchtstation schwimmen weniger als ihre Artgenossen im offenen Meer. Deshalb enthält ihr Fleisch mehr Fett, ist weicher und saftiger. Die Fischzucht-Betreiber argumentieren, dass das Leben ihrer Fische kontrolliert werde, vor allem die Ernährung, während bei einem Wildfisch niemand wisse, ob er in verschmutzten Gewässern gelebt oder kontaminierte Nahrung gefressen habe. (4)
Die Verbraucherschutz-Organisation OCU hat dem Zuchtfisch in einer kürzlich erschienenen Studie bescheinigt, weniger Quecksilber zu enthalten als sein frei lebender Artgenosse. Untersucht wurden 100 Produkte, darunter frische, tiefgekühlte und Konservenkost. Aus Sicht der Verbraucher hat das Zuchtexemplar einen weiteren Vorteil: Es kostet weniger und ist immer verfügbar. Das hört sich alles gut und einladend an. Doch nun kommt der Appetitverderber in Form einer Aktion der Umweltorganisation Greenpeace. Die Aktivisten tauchten hinab zu den Makro-Zuchtfarmen an der Levante-Küste, in Almería und Alicante. In den Betrieben werden Wolfsbarsche (lubina) und Goldbrassen (dorada) gemästet. Sie filmten und fotografierten die Gehege voller Fische und entnahmen Wasserproben. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Überfüllte, schmutzige Käfige, gestresste Tiere, trübes Wasser und tote Exemplare auf dem Grund der Netze, so der Bericht.
Getaria
Die Roten Thunfische im Getaria-Käfig waren erst Anfang August etwa 30 Kilometer vor der Getaria-Küste gefangen worden, etwa 200 Fische, die in jenem Moment zwischen 75 und 80 Kilo wogen. Im Becken verzehren sie jeden Tag zwischen 600 und 700 Kilo blauen Fisch. Der gefrorene blaue Fisch wird in Form eines riesigen Eisblocks in der Mitte des schwimmenden Beckens platziert, der Inhalt taut nach und nach auf und dient den gefangenen Fischen zum Fraß. AZTI analysiert die Effizienz dieser Methode im Rahmen einer Umwelt-Verträglichkeits-Studie.
Die bisher vorhandenen beiden schwimmenden Becken sind so vorbereitet, dass sie im Falle eines Sturms bis zu 20 Meter unter Wasser getaucht werden können, was bisher nicht notwendig war. In diesem Jahr haben die beiden Käfigbecken (von denen nur einer in Betrieb ist) bei einem Sturm Wellen von bis zu 10 m Höhe standgehalten. Die Käfige befinden sich in einem flachen Meeres-Gebiet von etwa 100 Metern Tiefe. Vier Anker mit einem Gewicht von je zwei Tonnen sowie eine große Menge an Ketten stützen die Vorrichtung, erklärte Manuel González, Ingenieur bei AZTI.
ANMERKUNGEN:
(1) “Los primeros cimarrones criados en la costa vasca se los comerán en Japón” (Die ersten an der baskischen Küste gezüchteten Roten Thunfische sollen in Japan verzehrt werden), Tageszeitung El Correo, 3. Oktober 2025 (LINK)
(2) AZTI (LINK)
(3) Ringwaden sind Hochsee-Fangnetze, Wikipedia (LINK)
(4) “Horror in Spaniens Fischzuchtanlagen: Überfüllte Gehege, viel Abfall und wenig Nachhaltigkeit“, Costanachrichten, 01.07.2024, Autorin: Sandra Gyurasits (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Thunfisch-Fang Getaria (elcorreo)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-10-04)
