gazacaust1Israels moralische Legitimität

Der Holocaust als politischer Kredit Israels. Das Recht als Ausnahme von den Regeln. Ein Volk am Rande der Auslöschung konnte nicht wie andere Nationen beurteilt werden. Wandel von einer verarmten Flüchtlings-Gemeinschaft in eine wirtschaftliche, akademische, kulturelle und militärische Macht, Wandel zum Kolonialstaat der westlichen Hemisphäre, zum Täter unsäglicher Verbrechen in Gaza. Deutschlands Gefangenschaft in der eigenen Schuld erlaubt Israel einen wiederholten Völkermord. (Avrum Burg)

Avrum Burg ist ein israelischer Autor und ehemaliger hochrangiger Politiker. Er setzt sich für die Trennung von Staat und Religion ein und ist ein scharfer Kritiker der israelischen Siedlungspolitik. Mitgründer der linken Partei Chadasch.

Von seiner Gründung an verfügte Israel über eine Art politisches “Konto“, das ihm unbegrenzten, unkontrollierten Kredit gewährte: den Holocaust. Unsere verblassende Vergangenheit definierte Israel als Ausnahme von den Regeln, als ein Land, dem erlaubt war, was anderen verwehrt blieb. “Weil wir den Holocaust hatten.“ Die Welt verstand, dass ein Volk, das einst am Rande der Auslöschung stand, nicht nach denselben Maßstäben beurteilt werden konnte wie andere Nationen. Das nutzten wir aus. Manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten. Aufgrund des Holocausts – unter anderem – wurde der Staat Israel gegründet. Aufgrund dessen verwandelten wir uns von einer verarmten Flüchtlingsgemeinschaft in eine wirtschaftliche, akademische, kulturelle und militärische Macht. Aufgrund dessen wurden wir zum letzten Kolonialstaat der demokratischen Hemisphäre, zum Täter unsäglicher Verbrechen in Gaza. Aufgrund dessen hat die Welt uns bisher nicht gestoppt.

Diese Kreditlinie war nicht einfach nur die Frucht internationaler Empathie. Sie war Teil eines komplexen historischen Deals. Deutschland, das die größte Verantwortung für den Holocaust trug, nahm eine doppelte Mission auf sich: sich selbst zu erlösen und die Juden zu schützen. Israel wurde zum Prüfstein für beides. Solange die Juden als ewige Opfer gesehen wurden, konnte Deutschland sich als ewig verantwortlich definieren – das genaue Gegenteil dessen, was es im Zweiten Weltkrieg gewesen war.

Der große Deal mit Deutschland

Es war ein bequemer Handel für beide Seiten. Israel erhielt Wiedergutmachung, Waffen, Technologie und vor allem endlose Legitimität. Deutschland erhielt im Gegenzug ein “Entlassungs-Zertifikat“: den Beweis, dass es nicht mehr das Dritte Reich war, dass es seine Lektion gelernt hatte und seine Schuld abtrug. Israel baute seine internationale Identität auf dem Opferstatus auf. Deutschland baute seine neue Identität auf Verantwortung, kombiniert mit Schuldgefühlen. Eine verzerrte Symbiose entstand: Der Jude musste Opfer bleiben, damit der Deutsche erlöst bleiben konnte. Und solange der Deutsche die Verantwortung trug, konnte der israelische Jude das Opfer bleiben, dem alles erlaubt und verziehen war.

gazacaust2Gaza hat die Regeln verändert

Der Krieg in Gaza hat diese Ordnung zerstört. Es gibt keinen glaubwürdigen Weg mehr, Israel heute als verfolgten Staat zu beschreiben. Abgesehen von der fiebrigen deutschen Einbildungskraft und der kultivierten israelischen Blindheit war Israel das seit Jahrzehnten nicht mehr. Es ist eine wohlhabende Nation, militärisch schlagkräftig, mit hochentwickelten Verteidigungs- und Offensiv-Fähigkeiten, einer florierenden Hightech-Wirtschaft und breiten diplomatischen Beziehungen. Nur Deutschlands Gefangenschaft in seiner eigenen Schuld erlaubte es Israel, sich zu verhalten, als stünde es noch immer unter existenzieller Belagerung. Doch nicht mehr lange.

Die Welt sieht jetzt, was Israelis sich weigern zu sehen: bombardierte Flüchtlingslager, Kinder, die unter Trümmern begraben sind, Hungersnot, die sich in Gaza ausbreitet, ganze ausgelöschte Stadtviertel, zerstörte Gesundheits- und Bildungs-Systeme, systematisch getötete Journalisten. Angesichts dieser Realität kann niemand mehr den Mythos vom ewigen Opfer aufrechterhalten. Auschwitz rechtfertigt nicht Rafah. Das Warschauer Ghetto kann das Gesicht des achtjährigen palästinensischen Jungen, der unter israelischen Bomben starb, nicht verbergen. In dem Moment, in dem Israel zum Erzeuger solch massenhaften Leidens wurde, war sein moralisches Guthaben erloschen. Und das zu Recht.

Deutschlands Befreiung

Paradoxerweise ist Israels brutaler Krieg in Gaza auch Deutschlands Befreiungs-Krieg geworden. Das hässliche, gewalttätige Israel hat Deutschland aus seinem alten Vertrag entlassen. Deutschland darf Juden wie Ben-Gvir, Smotrich und Netanyahu nicht als Opfer betrachten. Es muss sie als gewöhnliche Menschen sehen. Zu mächtig, schuldig, verantwortlich. Keines der historischen Verbrechen Deutschlands wird ausgelöscht oder vergessen. Die Schrecken des Holocausts bleiben. Aber nichts davon darf Deutschland erlauben, eine neue Kategorie von Verbrechen zu unterstützen: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, begangen von den Kindern seiner einstigen Opfer.

Das wirft eine neue Frage auf: Wenn der neue israelische Jude nicht mehr Opfer, sondern Täter ist – wer ist dann der neue Deutsche? Zum ersten Mal seit 1945 kann Deutschland Juden retten. Nicht vor deutschen Nazis, sondern vor jüdischen Rassisten und dem israelischen Staat selbst. Israel steht nackt da. Keine historische Versicherungspolice mehr. Keine moralische Immunität mehr. Es kann sich nicht an Berlin, Brüssel oder Washington wenden und im Namen der Vergangenheit ein Auge zudrücken lassen. Von nun an wird es nicht danach beurteilt, was ihm angetan wurde, sondern danach, was es anderen antut.

Die wahre Prüfung

gazacaust3Dies ist die wahre Prüfung, der Israel sich stets verweigert hat. Es klammerte sich an den Opferstatus, selbst als es zur Regionalmacht geworden war. Es baute seine Identität auf dem Slogan “Nie wieder“ – jedoch nur für Juden. Das Ergebnis: Wenn die Welt sieht, wie Palästinenser getötet, vertrieben und ausgehungert werden, akzeptiert sie nicht länger die Ausrede, die Vernichtung entbinde Israel von moralischer Rechenschaft. Für die westliche Welt bedeutet “Nie wieder“: nie wieder für irgendjemanden. Und der Palästinenser in Gaza ist ein Mensch, der Anspruch auf den Schutz von “Nie wieder“ hat.

Der Holocaust wird für immer ein schwarzes Loch in der Menschheits-Geschichte bleiben. Aber die moralische Kreditkarte, die er Israel verschaffte, ist abgelaufen. Von nun an wird Israel gemessen wie jeder andere Staat: an seinen Taten in der Gegenwart.

Dies ist für Israel eine schmerzliche Erkenntnis. Vielleicht die schmerzlichste seit seiner Gründung. Zum ersten Mal wird es um Rechenschaft und moralische Abwägung für seine eigenen Taten und Verfehlungen gebeten. Und doch birgt dieser Moment neue Möglichkeiten. Die Verbrechen der Hamas im Oktober 2023 rechtfertigen nichts, geschweige denn gleichen sie Israels seitherige Verbrechen aus. Es muss immer wieder gesagt werden: Juden haben Deutschland nie angegriffen, und die “Endlösung“ hatte keinerlei Rechtfertigung, keine. Und dennoch: Das Israel nach 2023 muss zu Gazas Deutschland, zu Palästinas Deutschland werden. Nachdem Israel zerstört hat, muss es wieder aufbauen. Nachdem Israel verweigert hat, muss es einer ganzen Generation palästinensischen Lebens eine Zukunft sichern in Frieden und Hoffnung. Denn es gibt noch eine weitere Lehre aus “unserem Holocaust“: Nicht nur die Opfer brauchen Heilung und Reparatur. Auch der kriminelle Täter braucht sie. Dieses Mal sind das wir Israelis.

ANMERKUNGEN:

(*) ”The Holocaust is over. Gaza is the very end of The Holocaust as Israel's moral legitimacy” (englisches Original), (dt: Der Holocaust ist vorbei. Gaza ist das eigentliche Ende des Holocausts, da Israels moralische Legitimität). Beim vorliegenden Text handelt es sich um eine unautorisierte Übersetzung. 2025-08-28. (LINK). Autor: Avrum Burg: Autor, Lehrer, öffentlicher und politischet Aktivist, Gründer und Mitvorsitzender der Partei "Alle ihre Bürger", Marathonläufer, ehemaliger Sprecher der Knesset. Wikipedia: Avraham “Avrum“ Burg (*1955 in Jerusalem) ist ein israelischer Autor und ehemaliger hochrangiger Politiker der Arbeitspartei Awoda. Er setzt sich für die Trennung von Staat und Religion in Israel ein und ist ein vehementer Kritiker der israelischen Siedlungspolitik.

ABBILDUNGEN:

(1) Holocaust (bbc)

(2) Gaza (unicef)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-09-17)

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