gaza0001Krieg auf Kosten des Volkes

Die palästinensisch-islamistische Organisation Hamas führt Krieg gegen den Staat Israel – der Staat Israel führt Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung. So wird der Krieg im Oktober 2023 in Palästina in der baskischen Politik und in den Medien beschrieben. Denn Gaza ohne Strom, Wasser, Benzin und Lebensmittel zu lassen, trifft nicht Hamas, sondern die Ärmsten der Armen, die Krankenhäuser, die elementarste Versorgung. Woher kommt die islamistische Hamas und wohin geht der zionistische Staat Israel?

Mit dem Überraschungsangriff auf grenznahe Militärbasen, Kibbuz-Gemeinden und ein Drogen-Festival hat die islamistische Bewegung Hamas im Oktober 2023 eine neue Etappe in einem bereits lang andauernden Krieg in Palästina eröffnet.

Hamas und die Palästinenser*innen

Die Brutalität des militärischen Angriffs von Hamas macht einmal mehr den Unterschied zwischen der islamistischen Bewegung und dem palästinensischen Volk deutlich. Hamas ist ein Teil des palästinensischen Volkes, ist aber nicht das Volk. Westliche Außenministerien, von den USA bis zur spanischen Regierung, dazu viele Meinungsmacher, ob links oder rechts, sind sich einig: " Hamas ist nicht das palästinensische Volk". (1)

gaza0002Aus der Sicht von humanitären Hilfsorganisationen und Organisationen der Palästina-Solidarität mag diese Unterscheidung nach den schrecklichen Bildern von Überfällen und Hinrichtungen von Zivilisten durch die islamistische Organisation lobenswert sein. Doch aus dem Munde dieser Politiker und Analytiker ist sie bestenfalls ein Ausdruck von Paternalismus, der in einigen Fällen zu Sarkasmus wird.

Hamas ist keine Erscheinung, die der Geschichte und der Entwicklung der arabischen und damit der palästinensischen Welt fremd wäre. Hamas steht für “Harakat al-Muqawawa al-Islamiya“ (Islamische Widerstands-Bewegung) und wurde 1987 im Rahmen der ersten Intifada als "ein Zweig der palästinensischen Muslim-Bruderschaft (MB)" gegründet. Die Gesellschaft der Muslim-Bruderschaft (Al Ikwan), die um die Jahrhundert-Wende in Ägypten von Hassan al Banna gegründet wurde, entstand aus der Formulierung reformistischer Theorien im muslimischen Bereich, die für islamische Konzepte in allen Lebensbereichen eintreten, auch in der Politik.

Herkunft von Hamas

Die Muslim-Bruderschaft, die Palästina als unveräußerlichen Teil des Islams ansieht, landete bald im damaligen britischen Protektorat und gewann die Unterstützung des Großmufti, dem geistlichen Oberhaupt der Muslime von Jerusalem, der in den 1930er Jahren die Opposition gegen den wachsenden Zustrom jüdischer Einwanderer aus Europa und deren Erwerb palästinensischen Landes anführte.

Die Muslim-Bruderschaft beteiligte sich in den arabischen Armeen im Krieg, der auf die Unabhängigkeits-Erklärung Israels im Jahr 1948 folgte, für die Palästinenser die Naqba - Katastrophe. Etwa zu dieser Zeit wurden die “Izz al-Din al-Qassam“-Brigaden gegründet, von einem in Syrien geborenen Scheich, der in den 1930er Jahren die militärische Rekrutierung von Bauern und Einwanderern für den Kampf gegen die Briten und Israelis anführte. Von Anfang an waren die Muslim-Bruderschaften in einen radikalen und einen eher pragmatischen Zweig gespalten, in den 1960er und 1970er Jahren spielten sie eine eher zweitrangige Rolle.

Linker Niedergang

Ihr großer Moment kam in den 1990er Jahren. Durch den Verlust der Referenz der linken palästinensischen Widerstands-Gruppen (insbesondere PFLP, PDLP) inmitten des Zusammenbruchs der UdSSR, durch das Abdriften und die zunehmende Diskreditierung der PLO im Zusammenhang mit ihren Zugeständnissen bei den Verhandlungen mit Israel und durch die zunehmende Korruption. Alles zusammen ermöglichte es der bereits gegründeten Hamas, Anhänger zu gewinnen. Der Tod des historischen PLO-Führers Jassir Arafat im Jahr 2004 – sein Nachfolger wurde der korrupte Geschäftsmann Mahmoud Abbas – und die Auflösung von Fatahs historischer Miliz mit der Verhaftung ihres populären Anführers Marwan Barghouti machten den Weg frei.

Die Organisation Hamas, die "nicht das palästinensische Volk" darstellt, gewann 2006 die Wahlen im Gazastreifen und im Westjordanland. Die Weigerung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PNA) von Abbas, die Macht in Ramallah abzugeben, und ihre seitherige Weigerung, Wahlen auszurufen, hat Hamas auf eine Existenz in Gaza beschränkt.

Es ist klar, dass das "palästinensische Volk nicht mit Hamas gleichzusetzen" ist. Deren Regierung in Gaza wird wegen ihrer rigorosen Auslegung des Islam und über Proteste der Bevölkerung wegen der Lebensbedingungen im Gazastreifen kritisiert. Doch vor weniger als einem Monat waren Hamas-Vertreter bei den Universitäts-Wahlen auch im Westjordanland siegreich.

Gegner des Feindes stärken

gaza0003Es ist viel über Israels Zusammenarbeit mit dem palästinensischen politischen Islam geschrieben worden. Es stimmt, dass es seinerzeit in Israels Interesse lag, ihn zu fördern oder ihm zumindest nicht entgegenzutreten, um die panarabische Linke zu schwächen. Dies ist eine gängige Praxis von Imperien und Regierungen. Die USA und Pakistan förderten gegen die UdSSR in Afghanistan die Al-Qaida. Russland förderte islamisch-dschihadistische Strömungen im Kaukasus gegen die tschetschenischen Unabhängigkeits-Strömungen. Syrien hat das dschihadistische Hornissennest entfesselt, um den Arabischen Frühling in Schach zu halten.

Die Förderung von Gruppen, die sich zum islamistischen Essentialismus bekennen, bedeutet auch für Israel, den palästinensischen Widerstand generell zu kriminalisieren. Das soll nicht heißen, dass es diese Gruppen nicht gäbe, und, dass sie nicht nur von historischen Tendenzen, sondern auch von den Fehlern anderer genährt werden. Hamas ist ein Teil des palästinensischen Volkes.

Zionistische Kriege

Die Regierung des israelischen Premierministers Netanyahu demonstriert mit ihren Bombenanschlägen ihre Rachegelüste. Aber sie steht vor einem mehrfachen Dilemma: Bodenoperation? Aufgabe der Geiseln? Die Entscheidung wird vom israelischen Staat getroffen, der sich weiterhin nicht der Herausforderung stellt, das Lebensrecht der Palästinenser anzuerkennen. (2)

Während die Armee den Gazastreifen erbarmungslos bombardiert, versprechen der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu und seine Minister für Gaza im Chor das endgültige Ende, um mit der Hochburg von Hamas Schluss zu machen. "Nichts wird mehr so sein wie früher", drohen sie. Eine Prophezeiung, die in Gaza ohne Strom, Wasser, Lebensmittel und Benzin bereits Realität ist. Doch gilt das auch für Israel, dessen Bevölkerung einen Schock erlitten hat, der vergleichbar ist mit dem in den USA, nachdem von Al-Qaida entführte Flugzeuge die Zwillingstürme zum Einsturz brachten und das Pentagon trafen. "Es ist unser 9. September, aber noch schlimmer".

Vor diesem Hintergrund zeichnet sich das Dilemma des reaktionären und korrupten Politikers ab, der für die größte militärische Katastrophe verantwortlich ist, die Israel in seiner kurzen, aber blutigen Geschichte erlitten hat. Es kein Staat oder ein Bündnis arabischer Staaten, die mit Angriffen und Überfällen zu Lande, zu Wasser und in der Luft zugeschlagen haben, sondern eine einfache "dschihadistische Terroristen-Gruppe", die außerdem im “größten Konzentrationslager der Welt“ (Gaza) gefangen und völlig blockiert ist. Dies zwingt in der militaristischen und biblischen Logik des Zionismus (Gesetz der Vergeltung) zu einer apokalyptischen Antwort.

Was ist zu tun? Die Bombardierungen im "Gaza-Krieg" 2014, der durch einen kleinen Überfall von Hamas auf eine jüdische Siedlung ausgelöst wurde, forderten 1.500 Tote auf palästinensischer Seite. Bei der Attacke wurden drei israelische Teenager getötet, nachdem die israelische Armee zuvor während Naqba-Demonstrationen zwei palästinensische Teenager getötet hatte. Wenn die größte ungleiche militärische Konfrontation zwischen der Armee und den islamistischen Ezzedin al-Qasam-Milizen seit der Blockade des Gazastreifens im Jahr 2007 fünf israelische Zivilisten und 67 zionistische Soldaten das Leben gekostet hat, wie viele Palästinenser "müssen" dann noch auf den Altar der Rache gebracht werden, wenn die Zahl der israelischen Todesopfer nach dem letzten Hamas-Angriff bei über 1.200 liegt?

gaza0004Wird die Bombardierung des Gaza-Streifens mit Tausenden von palästinensischen zivilen Opfern – es ist zynisch, mit Zahlen zu spekulieren – Hamas und ihre logistischen und militärischen Kapazitäten vernichten? Die Realität sagt uns allen, dass dies nicht der Fall sein wird. Und wenn ja, bis wann? Bis zum nächsten 7. Oktober oder 9. September?

Eine Bodenoperation? In den täglichen Berichten der baskischen Linkspresse wurden bereits die Risiken einer Bodenoffensive für die israelische Armee im Gazastreifen beschrieben, in einem chaotisch organisierten Gebiet, in dem 2,3 Millionen Menschen leben, die einen starken Groll gegen Israel hegen, in einem Territorium, das 40 Kilometer lang und zwischen 6 und 12 Kilometer breit ist.

Kämpfe von Gebäude zu Gebäude, von der Kanalisation bis zu den Dächern, in Stadtgebieten, die von Tunneln durchzogen sind (der "Gaza-Untergrund" im israelischen Militärjargon). Mit der Organisation Hamas, die "ein Heimspiel hat" und viel Zeit, den Gaza-Streifen in eine Falle zu verwandeln. Stalingrad und Grosny (Tschetschenien) könnten als Drehbuch herhalten, es ist davon auszugehen, dass die israelische Armee bereits eine Schätzung ihrer eigenen möglichen militärischen Verluste vorgenommen hat. Stellt sich die Frage: Ist die wohlhabende und am Westen orientierte, heute aber angeschlagene und mobilisierte israelische Gesellschaft bereit, einen solchen Preis zu zahlen?

Die Geiseln

Es wartet ein zweites Dilemma: das der Geiseln. Israel ist dafür bekannt, dass es die Seinen nie zurücklässt. Vor Jahren wurden im Austausch gegen einen einzigen israelischen Soldaten, den Panzersoldaten Gilad Shalit, mehr als 1.000 palästinensische Gefangene freigelassen, darunter auch Yahya Sinwar, den Kommandeur der Hamas-Brigaden, der den islamistischen Premierminister Ismail Haniyeh als wichtigsten Machthaber in Gaza abgelöst hat.

Netanjahu weiß, wovon er spricht. Nicht umsonst starb sein Bruder Jonatan, ein Oberst der "Anti-Terror-Einheit" Sareyet, bei einer Operation zur Befreiung von hundert israelischen Flugzeug-Passagieren, die 1976 von der PFLP auf dem ugandischen Flughafen Entebbe entführt worden waren. Die Operation war ein Erfolg für Israel, nur der ältere Bruder des heutigen Premierministers wurde getötet, sei es durch das palästinensische Kommando oder durch eine verirrte Kugel eines ugandischen Soldaten. Doch gab es auch medienwirksame Rettungskatastrophen, wie die der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen in München 1972.

Doch weder Netanjahu noch seine tyrannischen ultra-zionistischen und ultra-orthodoxen Minister werden es sein, die entscheiden. Es wird Israels “tiefer Staat“ sein, der bereits eine Einheits-Regierung erzwungen hat. Ein trauriger Trost. Solange der israelische “tiefe Staat“ mit den Geheimdiensten nicht akzeptiert, sich dem wahren Dilemma zu stellen, wird alles nur eine Flucht nach vorne sein. Dieses Dilemma besteht für alle sichtbar in der Frage, ob die Palästinenser Rechte haben oder nicht. Angefangen beim Recht zu leben, über das Recht, nicht zum wirtschaftlichen Spielball eines Apartheid-Systems zu werden, bis hin zum Recht, politisches Subjekt zu sein. Sich dem nicht zu stellen bedeutet die fortgesetzte Flucht in Labyrinthe der Selbsttäuschung.

ANMERKUNGEN:

(1) “Los crueles dilemas de Netanyahu y la decisión final de Israel” (Das grausame Dilemma Netanyahus und die endgültige Entscheidung Israels), Tageszeitung Gara, Autor: Dabid Lazkanoiturburu, Redaktion internationale Angelegenheiten, 2023-10-12 (LINK)

(2) “La decisiób final de Israel (Israels endgültige Entscheidung), Tageszeitung Gara, 2023-10-12, Autor: Dabid Lazkanoiturburu (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Hamas (france24)

(2) Zerstörung Gaza (cvongd.org)

(3) USA, Israel (el español)

(4) Hamas (newtral)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2023-10-13

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