Wölfe im Schafspelz
Präsidentschafts-Wahlen in den USA: wer gegen wen und mit welchen Folgen? “Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe“, heißt es in der Bibel, Matthäus 7, Vers 15. So warnt die Heilige Schrift die Gläubigen davor, sich von lügnerischen Reden täuschen zu lassen. Außerdem weist sie darauf hin, dass das Hauptproblem der Menschheit gerade diejenigen sind, die sich als das tarnen, was sie nicht sind, weil sie die Menschen überrumpeln.
USA: Im Herzen des Imperialismus wird gewählt: Präsidentin oder Präsident Nummer 47, ein Ultrarechter oder eine Sozialdemokratin. Eine Wahl zwischen Himmel und Hölle? Oder sind die Unterschiede vielleicht gar nicht so bedeutend?
Kommentar des uruguayischen Journalisten Raul Zibechi (*1952 Montevideo) angesichts der Präsidentschafts-Wahlen in den USA: “Ich denke, dies ist eine gute Grundlage, um uns in der heutigen Politik und insbesondere bei den US-Wahlen zurechtzufinden. Dort konkurrieren ein Wolf im Wolfspelz und eine Wölfin im Schafspelz.
Trump ist der, den wir kennen: ein hartgesottener Rechter oder Rechtsextremer, ein Gegner des Rechtsstaats, der Abtreibung, des Feminismus; ein Kriegstreiber, der bereit ist, die Verbrechen zu unterstützen, die Israel im Gazastreifen, im Westjordanland und im Libanon begeht und die sich auf die gesamte Region auszuweiten drohen.
Die Demokratische Partei mit ihrer Kandidatin Harris präsentiert sich in einem freundlicheren Licht, setzt sich für die Rechte von Minderheiten, Frauen, Schwarzen und Latinos ein, engagiert sich – zumindest verbal – für Harmonie und gute internationale Beziehungen sowie für viele andere Versprechen, die aufgrund ihrer politischen Tradition die Einbeziehung der Interessen der arbeitenden Bevölkerung miteinbeziehen.
In den vier Jahren seiner Amtszeit (von 2017 bis 2021) hat der Ultrarechte Trump keinen einzigen Krieg begonnen. Der Demokrat Biden unterstützt den Krieg und die Ausrottung des palästinensischen Volkes. Die Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama haben den Arabischen Frühling niedergeschlagen, den Krieg gegen Jemen, den Bürgerkrieg in Libyen und Syrien unterstützt, um nur einige Beispiele zu nennen. Sie haben enorme Anstrengungen unternommen, um “bunte Revolutionen“ zu fördern, Regimewechsel wie den, der jetzt in Georgien versucht wird.
Am gravierendsten in der letzten Ära der Demokraten war vielleicht die Förderung eines Staatsstreichs in der Ukraine im Jahr 2014, als mit Millionen von Dollar gewalttätige Demonstrationen gegen die gewählte, korrupte und russlandfreundliche Regierung von Viktor Janukowitsch unterstützt wurde. Es handelte sich um einen illegitimen Putsch, bei dem das von den Demokraten geführte Weiße Haus unter Obama die rechtsextremen, antidemokratischen Putschisten finanzierte. Jene sozialdemokratische Regierung unterstützte auch die “Guarimbas“ in Venezuela gegen die Regierung von Nicolás Maduro, um sie gewaltsam zu stürzen.
Was etwas schwer zu verstehen ist: dass ein Großteil der Linken sich Kamala Harris, Joe Biden, Barak Obama, Bill Clinton näher fühlt als Donald Trump. Warum in aller Welt sollten wir uns für eine dieser Seiten entscheiden, wenn beide Menschen angreifen, Kriege führen und Regierungen stürzen? Sollten wir einen palästinensischen Jungen oder ein Mädchen fragen, ob sie Bomben der Republikaner oder der Demokraten bevorzugen?
Die Linken in aller Welt haben Obama mit Freude und sogar Euphorie begrüßt. Das Seltsame daran ist, dass sie ihn immer noch für besser als Trump halten, obwohl er den Einmarsch in Libyen und Syrien veranlasste und den Arabischen Frühling niederschlagen ließ. Wir könnten stattdessen auch zu dem Schluss kommen, dass es an der Zeit ist, sich von diesem zweigeteilten und bequemen Denken zu lösen und laut zu sagen, wie es um die Welt und insbesondere um die Vereinigten Staaten bestellt ist.
Der französische Anthropologe, Demograf und Historiker Emmanuel Todd zeichnet in seinem Buch “The Defeat of the West“ (Die Niederlage des Westens) ein knappes und pathetisches Bild der USA. Er vergleicht die Realität der Supermacht mit dem deutschen Nihilismus, der zum Nationalsozialismus führte, nachdem er die Daten zur Kindersterblichkeit und zur Lebenserwartung im Detail untersucht hat. Dabei hat er feststellt, dass die erste Zahl ansteigt und die zweite Zahl fällt, was in der entwickelten kapitalistischen Welt einzigartig ist. Anschließend analysiert er Daten über Fettleibigkeit, Ungleichheit und den Intelligenz-Quotienten der Bevölkerung und kommt zu dem Schluss, dass die Vereinigten Staaten “ein besiegtes Land“ sind (S. 208).
Todd argumentiert, dass es keine Demokratie mehr gibt und dass eine Oligarchie herrscht, in der diejenigen, die an der Spitze stehen, “sich über die Nöte von 90% ihrer Mitbürger lustig machen“ (S. 211). Darüber hinaus handelt es sich um eine verfallende Wirtschaft, die gerade einmal 6,6% der weltweiten Maschinen produziert, verglichen mit 24,8% in China und 21,15% in Deutschland (der spanische Staat taucht in der Liste nicht auf und Frankreich produziert weniger als 1%).
Diese “kranke Macht“ hat eine wahnhafte Außenpolitik, die nicht mit der Realität übereinstimmt, die die Niederlage in der Ukraine oder den Völkermord in Gaza nicht akzeptieren will. “Das westliche Lager denkt und handelt weiterhin so, als sei es immer noch der Herr der Welt, und seine Medien bestehen hartnäckig darauf, dass dieses Lager allein die 'internationale Gemeinschaft' vertritt“ (S. 244). Todd kommt zu dem Schluss, dass die Eliten in Washington süchtig nach Gewalt sind.
Eine Sucht, die die Vielfalt der Welt und die Wünsche der Menschen übersieht, weil sie diese Wünsche einfach nicht sehen kann – weil die Verkommenheit der herrschenden Klasse der USA so stark ist, dass sie nicht über ihre unmittelbaren Interessen hinausschauen kann.
Dies ist die Nation, dies ist der Staat und dies ist die Art von Elite, die Harris und Trump sich zu regieren anschicken, ohne den geringsten Unterschied zwischen den einen und den anderen. Um jedes mögliche Missverständnis auszuräumen: Trump ist nicht die bessere Wahl als Harris. Auch soll nicht vorgeschlagen werden, dass sich diese Analyse ausschließlich auf die Vereinigten Staaten beschränkt, auch nicht, dass sie in keiner Weise auf andere Situationen oder Länder übertragbar sei. Ohne Zweifel gibt es zum Beispiel Unterschiede zwischen Lula und Bolsonaro oder zwischen Vox und der PSOE. Sie entsprechen keineswegs dem Zweiteiler von Trump und Harris, und es können auch nicht dieselben Kriterien auf sie angewandt werden.
Das Problem ist, dass das aktuelle Wahlszenario dazu neigt, die Dinge zu vereinfachen und die Guten auf die eine und die Bösen auf die andere Seite zu stellen. Der verehrte John Kennedy versuchte 1961, in Kuba einzumarschieren, und eskalierte den Vietnamkrieg von 1.000 Soldaten im Jahr 1959 auf 16.000 im Jahr 1963, die größte prozentuale Aufstockung in diesen Jahren.
Wölfe im Schafspelz sind gefährlicher, weil wir unsere Wachsamkeit ihnen gegenüber vernachlässigen. Das bedeutet aber nicht, dass Wölfe im Wolfspelz besser wären. In Wirklichkeit ist das Problem unser eigenes, denn wir machen uns gerne vor, dass manche dieser Kandidat*innen unseren Völkern freundlich gesinnt sind oder ihnen zumindest näher stehen.
In dieser Zeit der akuten geopolitischen Veränderungen wird es eine solche Nähe jedoch auf gar keinen Fall geben. Denn die Eliten der Welt verteidigen ihre Interessen immer unnachgiebiger und aggressiver, sie setzen sich über die demokratischen Rechte und die Existenz-Rechte der Völker der Welt hinweg. Das Positive an dieser Situation kann nur darin gesehen werden, dass die Masken fallen.
ANMERKUNGEN:
(1) “Lobos con piel de cordero” (Wölfe im Schafspelz), Tageszeitung Gara, Autor: Raul Zibechi, 2014-11-03 (LINK)
ANMERKUNGEN:
(1) US-Wahlen (collage)
(2) Harris-Trump (bbc)
(3) Harris-Trump (financial times)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-11-03)
