Konzentrationslager 2.0
Der israelische Kriegsminister Katz hat eine Idee: Er will (im Einvernehmen mit dem Premierminister) eine “humanitäre Stadt” im Gazastreifen errichten. Es handelt sich um ein Gelände im Rafah-Bezirk des Gazastreifens, auf welchem rund 600.000 Palästinenserinnen und Palästinenser in Zelten “konzentriert” werden und “humanitäre Hilfe” erhalten sollen. Die Hamas wird an dieser Versorgung nicht beteiligt sein, womit sie die Kontrolle über die Versorgung verlieren würde. Ein krasser Euphemismus.
Euphemistische Beschönigung nach israelischer Art: Von der Umbenennung eines geplanten Konzentrationslagers in eine “humanitäre Stadt”. (Moshe Zuckermann)
Parallel zu dieser “humanitären Stadt” im Gazastreifen soll ein “Mechanismus zur Förderung der Emigration aus dem Gazastreifen” errichtet werden. Die in diese “humanitäre Stadt” einziehenden Menschen sollen strengstens untersucht werden; danach wird ihnen das Verlassen der “Stadt” versagt bleiben, es sei denn, sie wollen “freiwillig” emigrieren.
Menschenrechtsorganisationen haben darauf hingewiesen, dass es sich um eine “aufoktroyierte Evakuierung” handeln könnte, die dem Völkerrecht widerspreche. Juristen haben zu bedenken gegeben, dass eine solche Anweisung zur Konzentration der Gaza-Bevölkerung einen eindeutig rechtswidrigen Befehl darstelle, dessen Verwirklichung als Kriegsverbrechen bzw. Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen sei; sie könnte unter gewissen Umständen zum Völkermord ausarten.
Ist die “humanitäre Stadt“ ein Konzentrationslager?
Man ist in der Tat an einen Orwellschen Neusprech gemahnt, bei dem “humanitäre Stadt” die Realität eines Ghettos im noch besten, Konzentrationslager im wirklichkeitsnäheren Fall verdecken soll. Aber nichts kann mehr wirklich verdeckt werden. Israels politische Klasse, seine Armee (man erinnere sich: “die moralischste Armee der Welt”), aber auch der allergrößte Teil der israelischen Bevölkerung haben mit humanem Gefühl den Palästinensern gegenüber, geschweige denn mit humanitärer Hilfe, ungefähr so viel gemein, wie Netanjahus Neigung, nicht zu lügen, oder das Streben der Kahanisten nach Frieden mit Arabern.
Die Regierungskoalition will den “totalen Sieg”, was letztlich auf nichts anderes hinaus läuft als auf die Verwüstung aller Lebensgrundlagen des Gazastreifens und die systematische Verwandlung seines Territoriums in einen “Parkplatz” (zumindest ein Teil der Koalition mit der alt-neuen Ambition einer jüdischen Neubesiedlung des Landstrichs). Die Armee vollstreckt die Pläne der Regierung (die primär auf den Zweck schieren Machterhalts ausgerichtet sind) mit solch lustvoller Verve, dass sie jetzt schon eine Unmasse an Kriegsverbrechen angehäuft hat, von denen zu erwarten steht, dass sie den Internationalen Gerichtshof künftig massiv beschäftigen werden.
Das Gros der israelischen Bevölkerung ist zwar kriegsmüde, auch besorgt um das Schicksal der Geiseln in Gaza (deren grauenvolles Schicksal längst zum politisch-taktischen Spielball Netanjahus deterioriert ist), aber für die katastrophale Lage im Gazastreifen bringt es keinen Deut des Mitgefühls auf, ist mithin für die palästinensische Leiderfahrung blind und möchte auch blind bleiben. Daher gibt es auch keine Demonstrationen gegen den Krieg, keinen Protest gegen das unmenschliche Vorgehen des Militärs gegen die Zivilbevölkerung Gazas, kein Anzeichen des Schocks über eine Praxis, die ja immerhin im Namen der israelischen Bürger und Bürgerinnen vollzogen wird. Von der Rolle, die die parlamentarische Opposition und die Medien in dieser finsteren Wirklichkeit spielen, sei hier geschwiegen. Mit winzigen Ausnahmen gehört sie zum zivilgesellschaftlich Schändlichsten, was dieser Krieg gezeitigt hat.
Verwundern kann das freilich nicht: Es ist integraler Bestandteil des Untergangs der letzten Reste der israelischen Demokratie, der mittlerweile einem kollektiven politischen Selbstmord gleichkommt. Es werden noch Jahre vergehen, ehe man in der Lage sein wird, sich darüber historische Rechenschaft abzulegen, inwieweit das aktuell Kollabierende das Resultat von Strukturen ist, die schon sehr lange in Israels Gesellschaft und Politik angelegt waren.
Aber die eklatante Lüge der “humanitären Stadt” birgt noch eine weitere Dimension israelischer Realität in sich. Als ich vor rund 25 Jahren darüber zu sprechen begann, dass sich der Zionismus in eine Sackgasse manövriert habe, wurde ich stets von Leuten aus dem Publikum gefragt, ob abgesehen von der verunmöglichten Zweistaatenlösung und der von keiner Seite gewollten Einstaatenlösung es nicht auch die reale Möglichkeit gebe, dass Israel einen massiven Transfer der palästinensischen Bevölkerung in Gang setzen werde, um so das “palästinensische Problem” endgültig zu “lösen”. Vorschläge dieser Art hatte es ja in der Vergangenheit gegeben, und zwar nicht nur in Form der schäumend-echauffierten Androhung Meir Kahanes, sondern auch in der “moderateren” Form des Angebots zum “freiwilligen Bevölkerungstransfer” des Führers der Moledet-Partei, Rehavam Ze’evi, bzw. Avigdor Liebermans, Vorsitzender der Partei Yisrael Beiteinu.
Ich pflegte damals stets zu antworten, ich sehe diese Möglichkeit nicht, weil sie die arabischen Staaten und die UNO auf keinen Fall zulassen werden, vor allem aber, weil ich der unumstößlichen Überzeugung war, dass wenn es dazu käme, die meisten BürgerInnen Israels sich massiv dagegen stellen werden (“Notfalls wird man sich vor die Lastwagen legen”, war damals das pathoserfüllte Bild, das ich heraufbeschwor). Ich habe mich geirrt, muss meine damalige Einschätzung korrigieren. Die Apathie, mit der heute die Idee der “humanitären Stadt” samt der ihr innewohnenden Möglichkeit des Bevölkerungstransfers und der ethnischen Säuberung wahrgenommen wird, indiziert die realere Möglichkeit eines entgegengesetzten Bildes.
Der israelische Rassismus und die Dehumanisierung der Palästinenser
Dieser Eindruck beruht nicht nur auf Spekulation. Schon heute werden in Gaza täglich Dutzende von Zivilisten getötet, teilweise gerade solche, die gekommen sind, um nötige humanitäre Hilfe zu empfangen. Dies gesellt sich zur Gleichgültigkeit, mit der in Israel die Politik des Aushungerns der Gaza-Bevölkerung, mithin der Tod von unzähligen Kindern und deren Mütter, registriert wird. Gängiger Spruch: “Das haben sie sich am 7. Oktober selbst eingehandelt” und “In Gaza gibt es keine Unbeteiligte – alle sind Terroristen, einschließlich der Kinder, die ja allesamt potentielle Terroristen sind”. Die Regierung reitet auf der israelischen “Höhe der Zeit” – vieles wird zwar an ihr kritisiert, viele hassen Netanjahu, aber was in Gaza verbrochen wird und was gegen die dortigen Menschen an völkerrechtswidrigen Verbrechen geplant wird, lässt die allermeisten Israelis kalt. Das Bedürfnis nach Rache und der Durst nach Vergeltung sind offenbar noch nicht versiegt. Der israelische Rassismus und die ihr verschwisterte übergreifende Dehumanisierung der Palästinenser feiern Urständ.
Zurück zur “humanitären Stadt”, die eben nicht das ist, was sie benennt, sondern ein Ghetto bzw. ein Konzentrationslager. Das Problem besteht für die meisten jüdischen Israelis nicht darin, dass man so etwas überhaupt als Idee aufbringt oder auch schon plant, sondern dass man diese als solche hingenommene Realität so benennt. Ein Problem der Nomenklatur. Denn Ghettos und Konzentrationslager kodieren in Israel etwas, das sich jeglichem Vergleich entzieht. KZs gehören zur Gedenkerbschaft der Shoah, und diese ist singulär, darf mit nichts verglichen werden.
Nun weiß man ja: Der Holocaust, der einen weltgeschichtlichen Maßstab für die Kennzeichnung des permanenten Potentials eines menschlichen Rückfalls in die Barbarei im Sinne einer durch Erinnerung gewährleisteten Mahnung setzen sollte, erfüllt diese Funktion längst nicht mehr. Es ist schwer bestimmbar, inwiefern diese Entwicklung mit dem objektiven Unvermögen, eine gültige Repräsentation der Shoah herzustellen, zusammenhängt, aber es dürfte klar sein, dass die nun mal entstandenen Repräsentationen, besonders aber die Kontexte, in denen und für die sie entstanden sind, sich vornehmlich ideologisch auswirken. Die Frage, die sich hier stellt, ist daher nicht, ob die “humanitäre Stadt” Israels dem deutschen KZ in der Shoah gleichzustellen sei, sondern wie es überhaupt dazu kommt, dass sich eine derartige Assoziation einstellt.
Von selbst versteht sich, dass trotz des Paradigmas eines “Jahrhunderts der Lager” (Zygmunt Bauman) nicht jedes Lager gleich KZ-Charakter trägt. Aber die unwillkürlich sich einstellende Assoziation des KZs bei “humanitärer Stadt” hat in erster Linie damit zu tun, dass jene, die sich diese “Stadt” ausgedacht haben, und deren Idee sich zumindest im Hinblick auf ihr eigentliches Ziel durchaus mit der KZ-Assoziation vereinbaren lässt, Juden sind. Und zwar im Fall des israelischen Ministers Israel Katz sogar der Sohn von Shoah-Überlebenden.
Über Jahrzehnte hat sich die Schutzbehauptung ideologisch aufgebaut, dass Juden nicht zu dem fähig seien, was ihnen durch die Nazis widerfahren ist. Das stimmt, aber nur bedingt. Wohl wahr, Israelis haben keine Vernichtungslager im NS-Maßstab errichtet, in denen industrieller Völkermord betrieben wird; aber einen vergleichbaren Vernichtungswillen haben sie sehr wohl artikuliert, und zwar nicht nur in den Massenmedien, sondern auch im israelischen Parlament. Die Idee des Aushungerns und der totalen Vernichtung sowie die systematisch prästabilisierte Dehumanisierung der Auszurottenden entstand nicht im luftleeren Raum; der fruchtbare Boden dafür stand schon bereit.
Aber selbst, wenn man den Vergleich mit den Nazis scheut, stellt sich immer wieder die verstörende Frage: Was ist es, das die Israelis immer wieder zu Praktiken treibt, die die Assoziationen zum historisch Monströsen aufkommen lassen? Die israelische Antwort darauf, derzufolge die Behauptung als solche nicht stimme und auf Antisemitismus beruhe, hat noch nie ausgereicht, aber mittlerweile hat sie ihre ehemals vielleicht noch vertretbare Berechtigung endgültig verwirkt. Auch die Behauptung, dass die israelische Radikalisierung mit der ideologischen Verdinglichung des Sicherheitsproblems und der Fetischisierung der militärischen Überlegenheit zusammenhänge, reicht nicht zur Erklärung besagter Maßlosigkeit aus.
Die gesteigerte Lust an der Zerstörung und am Töten unter dem Vorwand des “Rechts auf Selbstverteidigung”, wobei man sich der Dehumanisierung jener befleißigt, vor denen man sich zu “verteidigen” gezwungen sieht, indiziert eher, dass man etwas an sich selbst zu verschleiern trachtet, so eben, wie man etwas zu verdecken intendiert, indem man ein Konzentrationslager zur “humanitären Stadt” werden lässt. Eine eindeutige Antwort auf obige Frage gibt es nicht.
Indes, auch hier bietet sich (wie schon einmal an dieser Stelle) Heinrich Heines Gedicht “An Edom!” als poetisch suggestive Deutung (oder gar Entschlüsselung) dessen an, worum es hier offenbar geht: “Ein Jahrtausend schon und länger / Dulden wir uns brüderlich / Du, du duldest / dass ich atme / Dass du rasest, dulde Ich. / Manchmal nur, in dunkeln Zeiten / Ward dir wunderlich zu Mut / Und die liebefrommen Tätzchen / Färbtest du mit meinem Blut! / Jetzt wird unsre Freundschaft fester / Und noch täglich nimmt sie zu / Denn ich selbst begann zu rasen / Und ich werde fast wie Du.“
ANMERKUNGEN:
(*) “Orwell in Israel“, Overton-Magazin, Autor: Moshe Zuckermann (MZ wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert), 2025-07-19 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Gaza (times of gaza)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-07-25)
