danval1Kritischer Blick auf die Ursachen

Die Aufräumarbeiten nach der Unwetter-Katastrophe in Valencia werden noch Wochen dauern, die Toten sind noch lange nicht alle geborgen. Statt Krisen-Management übt sich die spanische Politik in parteipolitischem Gezänk zwischen PP und PSOE – spanische politische Kultur auf dem Tiefpunkt. Nicht nur die Betroffenen, auch andere haben es satt. Faschistische Helfer sammeln Geld und Material, aber nur für weiße Spanier. Nur wenige trauen sich, eine nüchterne, aber notwendige Ursachen-Suche zu beginnen.

Längst ist klar, dass krasse Trockenheit, heftige Überschwemmungen, riesige Waldbrände, schmelzende Gletscher keine unglücklichen Schicksalsschläge der Menschheit sind, sondern hausgemacht, menschengemacht. Wer die Ursachen erkennt, hat wirksame Gegenmaßnahmen in der Hand. Politischer Wille ist der Knackpunkt.

Nach einer Woche der empathischen Anteilnahme für die von der DANA-Katastrophe am schlimmsten Betroffenen geht es nun darum, grundlegende Fragen zu stellen, die nach der ersten Phase des Schocks gestellt werden können und müssen. Das Ausmaß der Tragödie, die durch ein DANA-Unwetter (Kaltlufttropfen) im westlichen Mittelmeer und insbesondere im País Valencià (Region Valencia) verursacht wurde, macht solche Fragen notwendig. Nach der Zurückhaltung, der Solidarität und Unterstützung geht es um die Frage nach den Ursachen der Tragödie und darum, wie solche Ereignisse in der Zukunft zwar nicht verhindert aber in ihrem Ausmaß begrenzt werden können. Verantwortung und Gedenken zwingen dazu, ernsthafte Grundlagen und eine klare Perspektive zu schaffen, damit angesichts des Unvermeidlichen das Vorhersehbare nicht der Faktor ist, der die Katastrophe vervielfacht.

Negationismus bekämpfen

danval2Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass im Zusammenhang mit dem Klimanotstand und der globalen Erwärmung Naturphänomene wie DANA (Depresión Aislada en Niveles Altos – Isoliertes Tiefdruck-Gebiet in hohen Sphären, zu Deutsch: Kaltlufttropfen) oder Überschwemmungen oder Brände immer häufiger und heftiger auftreten, mit einer immer zerstörerischen Wirkung. Das kapitalistische und anti-ökologische Entwicklungsmodell ist in der Natur schon längst an seine Grenzen gestoßen und untergräbt ihr Gleichgewicht.

Dieses Modell erzeugt Risiken, die in kritischen Situationen Wirklichkeit werden und die Folgen multiplizieren. Es stellt sich die Aufgabe, die in der Vergangenheit gemachten Fehler rückgängig zu machen oder zu korrigieren. Dazu müssen ernsthafte öffentliche Maßnahmen ergriffen und Entscheidungen getroffen werden, die nicht von der neoliberalen Erpressung beeinflusst werden.

Vor allem muss der Negationismus reaktionärer Kräfte bekämpft werden. Rechte und ultrarechte Politiker wie Trump, Bolsonaro oder die Faschisten-Partei Vox leugnen und negieren bis heute die aufkommende Klimakatastrophe und setzen ungebremst auf die kapitalistische Produktions- und Verwertungslogik.

Selbstmörderisches sozio-ökonomisches Modell

Angesichts der Bilder vom Ground Zero Katastrophen-Gebiet in Valencia ist es dringend geboten, über die verheerende Raumplanung nachzudenken, über die Urbanisierung in überschwemmungs-gefährdeten Gebieten, über schlecht durchdachte und schlechter gebaute Infrastrukturen, über das mit Hypermärkten verbundene Logistik- und Konsum-Modell (und die damit verbundene Notwendigkeit von Straßenverbindungen), oder ganz generell über die zentrale Funktion des Autos. Dieses Muster wiederholt sich endlos.

Die Tatsache, dass die Wirtschaftstätigkeit über alles andere gestellt wird, muss endlich in Frage gestellt werden, was in der Konsequenz bedeutet, dass das Kapital über das Leben gestellt wird. Diese Gier zusammen mit all ihren Folgen ist grausam und tödlich.

Die PP an der Regierung ist eine Gefahr

danval3Die Verwaltung von Katastrophen durch die PP kommt dem Wahnsinn gleich. Sie folgt privaten Interessen von umweltverschmutzenden Unternehmern und einer kriminellen Ideologie der Negation der Klimagefahren. Nur so ist vieles zu verstehen, was bei Ereignissen wie dem 11M (Anschläge von Madrid 2004), in den Madrider Residenzen während der Pandemie und jetzt bei der DANA passiert ist. Nur so ist zu begreifen, dass eine der ersten Maßnahmen der PP-VOX-Koalition nach der Regierungs-Übernahme im vergangenen Jahr die Auflösung der Katastrophen-Einheit war, die jetzt so dringend wie nie zuvor gebraucht worden wäre. Teuer bezahlte Sparpolitik.

Nur schwer zu begreifen ist, dass die Regional-Regierung die frühmorgendliche Alarm-Warnung der Zentral-Regierung ignorierte und Tausende von Bewohner*innen auf den Straßen und in Arbeitsstellen ins offene Messer laufen ließ. Absolut verwerflich ist, dass einige Unternehmer und PP-Freunde (Mercadona zum Beispiel), nachdem der Alarm endlich doch verbreitet wurde, ihre Angestellten zum Verbleiben am Arbeitsplatz zwangen, anstatt ihnen die Möglichkeit zu geben, sich frühzeitig in Sicherheit zu bringen: Kapitalinteresse, das über Leichen geht.

Das Verschweigen von Informationen, das Ignorieren von Warnungen, das Leugnen von Beweisen, die Weigerung, Fehler zu korrigieren, die Förderung unfähiger Leute, die Nichtverantwortung, die Liste der Inkompetenz und Korruption in PP-Kreisen kennt keine Grenzen. Momentan ist diese Frage nicht die Wichtigste, aber Verantwortungsträger wie der valencianische Ministerpräsident Carlos Mazón sollten sich für ihr Handeln verantworten müssen (obwohl zu befürchten ist, dass dies nie geschieht).

“Wie das Training, so das Spiel“

Das Klima-Risiko nimmt zu und wird immer unvorhersehbarer und schwerwiegender werden. Deshalb muss der Prävention Vorrang eingeräumt werden. Eine gut ausgebildete Zivilgesellschaft, ein organisiertes Freiwilligen-Korps und gut koordinierte Berufsverbände sind notwendig, um damit umzugehen. Notfall-Mechanismen müssen vorhanden sein, lange bevor es zu Katastrophen kommt. Die Vorbereitung auf den Ernstfall muss hervorragend sein, sonst ist es zu spät, wenn es wirklich darauf ankommt.

Das beste Beispiel weltweit ist Kuba, das trotz all seiner durch den US-Boykott provozierten Probleme ausreichend Protokolle und eine Kultur entwickelt hat, die der Rettung von Menschenleben im Katastrophenfall Vorrang einräumt. Ausgeprägte Notfall-Strukturen vermeiden die Tendenz zum Militarismus, das heißt, wenn die Katastrophe bereits im Zimmer steht, wird das per se unnütze Militär zur Hilfe gerufen, weil sonst niemand mehr zur Verfügung steht. In der Epoche der Klima-Katastrophen existieren nur zwei Alternativen: ein Land zu sein, das mit eingeübten Feuerwehr-Routinen auf Katastrophen reagiert, oder eines, das sich einem militärischen Nothilfe-Management unterordnet.

Relevante Fragen für das Handeln

Wie viele Menschen haben sich in diesen Tagen die Frage gestellt, was sie angesichts einer Situation wie der im País Valencià tun würden. Würden sich Überschwemmungen wie die von 1983 in Bizkaia wiederholen, wären dann die Hilfs-Strukturen und die Gesellschaft besser oder schlechter vorbereitet? In einigen Bereichen mit Sicherheit besser, in anderen aber schlechter. Ohne ein klares Bild davon zu haben, wo Fortschritte gemacht wurden und wo nicht. Euskal Herria als Land kokettiert zu sehr mit der Selbstzufriedenheit unter dem Motto „Wir werden das schon schaffen“.

Neben der Solidarität VON Nicht-Betroffenen gegenüber Katastrophen-Opfern sollten die Auswirkungen der DANA in Valencia dazu führen, dass ernsthaft geprüft wird, wie gut die Notfall-Strukturen funktionieren, wie gut die Instrumente zur Katastrophen-Bekämpfung vorbereitet sind. Selbstkritisch und so ehrlich wie möglich, mit dem Ziel, Maßnahmen zu ergreifen und eine Kultur zu schaffen, die Katastrophenfolgen reduziert und Menschenleben sichert. Wie gesagt, entgegen neoliberaler Logik, mit dem Blick auf Vermeidung und Schadensbegrenzung, im Bewusstsein, dass kurzfristig ein Damm als Schutz vor Überschwemmung reichen kann, langfristig aber die Erderwärmung gestoppt werden muss. Zur Diskussion steht das kapitalistische Gesellschafts-Modell.

1,5-Grad-Marke erreicht

Eine ergänzende Analyse der Situation liefert ein etwas allgemeiner gehaltener Beitrag aus der Jungen Welt: “Mörderische Hitzewellen und dramatische Hochwasser sind nur der Anfang. Das EU-Klimaprogramm Copernicus präsentiert alarmierende Zahlen: 15.633 Hektar überflutetes Gebiet. Aufräumarbeiten im spanischen Paiporta nahe Valencia nach dem Hochwasser.” (2)

danval4Die erste Latte ist fast gerissen. Die globale Erwärmung solle “möglichst” auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau beschränkt werden. So hat es die internationale Staaten-Gemeinschaft 2015 in Paris vereinbart. Nahezu alle UN-Mitglieder haben das unterschrieben und ratifiziert. Nun ist dieses Niveau beinahe erreicht, wie das EU-Klima-Programm Copernicus am Donnerstag mitteilte. In den vergangenen zwölf Monaten von November 2023 bis Oktober 2024 war die globale Durchschnitts-Temperatur sogar bereits 1,62 Grad Celsius höher als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die allgemein als Maßstab gilt. Das laufende Jahr wird, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihre Analysen auf Milliarden Wetterdaten aus aller Welt stützen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das erste sein, in dem die im Pariser Klimaabkommen aufgelegte Marge überschritten wird. Allerdings gibt es natürliche Schwankungen der globalen Temperatur um 0,1 bis 0,2 Grad Celsius von Jahr zu Jahr. Es ist daher davon auszugehen, dass 2025 wieder etwas kühler ausfallen wird. Darum könnte es vermutlich noch ein paar Jahre dauern, bis die Schwelle dauerhaft überschritten ist.

Dennoch sind die Nachrichten alarmierend. Die vergangenen Monate haben einmal mehr einen Eindruck davon vermittelt, was mit dem Klimawandel auf uns zukommt: mörderische Hitzewellen – in Thailand kletterte das Thermometer bereits im April auf 52 Grad Celsius – und dramatische Regenereignisse, die schwere Überschwemmungen auslösen.

Weit überdurchschnittlich warme Meere sorgten 2024 rund um den Globus für katastrophale Niederschläge – im März in Uruguay, im Juni in Bayern, im Juli in Pakistan, Nord- und Südkorea, Äthiopien, auf den Philippinen, dem chinesischen Festland und auf Taiwan, im August im Jemen, in Japan, Bangladesch und in weiten Teilen Westdeutschlands, im September in Nepal, Südkorea, Marokko, Mali, Niger, Nigeria, Vietnam, Südchina, auf den Philippinen, in den USA und in Mittel- sowie Südosteuropa und im Oktober in Bosnien, Italien, den USA, Marokko, Frankreich und auf Kuba. Oft gab es Dutzende, in einigen Fällen gar Hunderte Tote, vielfach war von den schlimmsten Wetterereignissen oder einem der schlimmsten je beobachteten Wetterereignis die Rede. Die Gesamtsumme der Schäden dürfte weit über 100 Milliarden Euro liegen.

Zuletzt haben die Hochwasser an der spanischen Mittelmeerküste gezeigt, was bei einer Mischung aus schlecht vorbereiteten Behörden und Klimakatastrophe herauskommen kann. Dort ist die Zahl der offiziell gemeldeten Todesopfer inzwischen auf 217 gestiegen. Mindestens 89 Menschen werden nach Angaben der britischen Zeitung Guardian noch vermisst. Satellitenaufnahmen der Europäischen Raumfahrtagentur ESA vom 31. Oktober zeigen ein überflutetes Gebiet von 15.633 Hektar (156,33 Quadratkilometer) südlich von Valencia, in dem etwa 190.000 Menschen leben. Provinzregierung und nationale Behörden in Madrid werfen sich gegenseitig vor, nicht rechtzeitig vor dem Unwetter gewarnt zu haben.

Derweil zeigen die Copernicus-Daten, dass auch im Oktober viele Meere noch für die Jahreszeit viel zu warm sind. Einige Gebiete in den Subtropen, aber auch vor der kanadischen Atlantikküste und nördlich Skandinaviens zeigen sogar die höchsten zu dieser Jahreszeit gemessenen Temperaturen. Samantha Burgess, stellvertretende Direktorin des Copernicus Climate Change Service, spricht von einem “neuen Meilenstein in den Temperaturaufzeichnungen, der zu verstärkten Anstrengungen auf der UN-Klimakonferenz führen sollte”. Die soll in der nächsten Woche beginnen. (2)

ANMERKUNGEN:

(1) Information aus: “DANA de València: Cuestiones básicas que se pueden y deben decir a estas alturas de shock” (DANA in Valencia: Grundlegende Fragen, die in diesem Stadium des Schocks gestellt werden können und sollten), Tageszeitung Gara, 2024-11-03, der Artikel wurde stark ergänzt (LINK)

(2) Klimakatastrophe: 1,5-Grad-Marke erreicht“, Tageszeitung Junge Welt 2024-11-08 (LINK)

ABILDUNGEN:

(*) DANA (elcorreo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-11-07)

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