Folge des Klimawandels
Das heftige Unwetter, das soeben in der spanischen Region Valencia an der Mittelmeer-Küste vorbeigezogen ist, wird als das schlimmste dieses noch kurzen Jahrhunderts bezeichnet. Verschlimmert wurde dieses DANA genannte Phänomen durch die Folgen des Klimawandels. Deutlich mehr als 100 Personen sind bei den verheerenden Verwüstungen und Überschwem-mungen ums Leben gekommen. Betroffen war die Umgebung der Hauptstadt Valencia. Jetzt die Frage: Was ist passiert und warum? Was hätte vermieden werden können?
Was in der Gegend Valencia geschah, wird auf Spanisch als Gota Fría oder DANA bezeichnet, zu Deutsch: Kaltlufttropfen. Die unberechenbare Konstellation wird verschärft durch ein Mittelmeer, so warm wie nie in der Geschichte.
“Eine Albtraumnacht“ erlebten die Bewohner*innen von País Valencià, dem seit dem 29. Oktober 2024 am stärksten vom DANA-Phänomen betroffenen Gebiet. Es wurden bereits mehr als 100 Todesopfer gezählt, diese Zahl wird steigen, weil es eine lange Vermisstenliste gibt. Die Provinz Valencia wachte gestern mit Bildern auf, die kaum in Worte gefasst werden können. Zahllose übereinander getürmte Fahrzeuge, die von den Wassermassen überlaufender Flüsse mitgerissen wurden, eilige Rettungs-Aktionen und die Flucht durch brusthohes Wasser waren einige der Szenen, die sich an vielen Orten abspielten. (1) (2)
In den sozialen Netzwerken kursierten danteske Bilder, auf denen zu sehen war, wie die Fluten Autos mitsamt Menschen mit sich rissen, wie Brücken zum Einsturz gebracht wurden, wie Menschen in extremen Gefahren-Situationen gerettet wurden und wie Schäden in Milliardenhöhe entstanden sind. Die Mess-Zahlen des Unwetters stellen nach Angaben der Staatlichen Meteorologischen Agentur historische Rekorde dar. Dieser Kälteeinbruch ist der schlimmste im 21. Jahrhundert und übertrifft die beiden Katastrophen von 1987 und 1982, so die erste Bilanz von AEMET.
Die gesamten Niederschläge waren mit mehr als 250 bis 300 Litern pro Quadratmeter außergewöhnlich hoch. In Gemeinden wie Chiva fielen in acht Stunden fast 500 Liter pro Quadratmeter, was in etwa der Regenmenge eines ganzen Jahres entspricht. Im 700 Kilometer entfernten Bilbao wurden Erinnerungen wachgerufen an den 26. August 1983, als die Stadt mitten im Sommer von einer ähnlichen Regenmasse überrascht wurde, die Hänge rutschten ab und die Altstadt stand vier Meter unter Wasser – nach damaligen Kriterien eine Jahrhundert-Überschwemmung.
Angesichts des Ausmaßes der Ereignisse in Valencia erinnerten verschiedene Stimmen daran, dass die Regierung der reaktionären PP zusammen mit ihrem faschistischen Koalitionspartner Vox erst kürzlich die valencianische Notstands-Einheit geschlossen hatte. Andere Stimmen beklagten, dass die Unwetter-Warnungen viel zu spät kamen. Der Alarm des Zivilschutzes ging erst nach 20 Uhr ein, als bereits Dörfer überflutet und Menschen in Todesgefahr waren. Und das, obwohl die staatliche Agentur AEMET bereits am Morgen vor der “Stufe rot“ des Sturms gewarnt hatte. Der Präsident der Generalitat Valenciana, Carlos Mazón (PP), verteidigte dennoch das Unerklärbare, das Timing der Warnung und die Bewältigung der Katastrophe hätten funktioniert. Die Wirklichkeit erzählt eine andere Geschichte. Mit der Kürzungs-Politik wurde die Notstand-Einheit weggespart.
Zur Weiterarbeit gezwungen
Doch nicht nur die valencianische Regierung bekam ihr Fett ab. Als die Katastrophe hereinbrach, zwangen mehrere Unternehmen ihre Belegschaften, an ihren Arbeitsplätzen zu bleiben, während DANA bereits das Land erschütterte. Dies betraf zwei Mercadona-Mitarbeiter, die aufgrund dieser Entscheidung in einem Lieferwagen eingeschlossen wurden; auch Ikea-Mitarbeiter, die wegen der sintflutartigen Regenfälle und überlaufenden Flüsse ihr Lager nicht verlassen konnten. Viele der Betroffenen erlebten an ihrem Arbeitsplatz die Hölle, da ihre Unternehmen sich weigerten, die Geschäftsräume zu räumen und ihre Mitarbeiter zwangen, ihre Arbeitszeiten einzuhalten. Sogar während des Sturms arbeiteten einige Lieferfirmen weiter. Soll jemand behaupten, kapitalistische Logik sei nicht mörderisch.
Klimawandel
In Erwartung einer detaillierten Studie über die Ursachen des Valencia-DANA liegen inzwischen dennoch genügend wissenschaftliche Beweise vor, um bestimmte Ereignisse zumindest teilweise dem Klimawandel zuzuschreiben. Dies ist der Fall beim DANA und seiner Intensität, die durch die Rekordtemperatur des Mittelmeers noch verschärft wurde. “Es wird erwartet, dass der Klimawandel diese Phänomene aufgrund des Anstiegs der Meerwasser-Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit intensiviert“, erklärte ein Experte der Welt-Organisation für Meteorologie (WMO) gegenüber der Nachrichten-Agentur Efe.
“Ein isoliertes Höhentief (DANA) ist ein von der allgemeinen Zirkulation isoliertes Kältetief, das normalerweise von Osten nach Westen zieht“, erklärte der baskische Meteorologe Iker Ibarluzea. “Was ist passiert: ein Kaltluftloch hat sich losgelöst und ist genau auf der vertikalen Seite des Mittelmeers stehen geblieben“.
Der DANA braucht Treibstoff
Allerdings ist der DANA “allein“ nicht in der Lage, sintflutartige Regenfälle von solchem Ausmaß zu erzeugen, “er braucht Treibstoff“, fügt Ibarluzea hinzu. Diesen Treibstoff erhält er aus dem Mittelmeer. “Zu dieser Jahreszeit hat das Meer noch eine hohe Temperatur, zwischen 20 und 21 Grad. Und diese gemäßigte Luftfeuchtigkeit wurde in Richtung der valencianischen Küste transportiert, wo es eine hohe Bergkette gibt. Die warme Luft ist aufgestiegen, hat sich mit der Kälte vermischt und vertikale Gewitterwolken erzeugt, die zu stundenlangem Regen in denselben Gebieten geführt haben“, erklärt er.
In letzter Zeit hat die Zahl der Stürme im Mittelmeerraum abgenommen. Allerdings werden die verbleibenden Stürme immer intensiver. “Früher war die Mittelmeerküste stärker bewaldet, die Stürme nutzten bei ihrer Entstehung nicht nur das Meerwasser, sondern auch den in den Wäldern gespeicherten Wasserdampf“, erklärt Ibarluzea. Das Land war also “etwas mehr daran gewöhnt“, Regenwasser aufzunehmen. Aber durch die Abholzung für Bauzwecke hat sich die Häufigkeit der Stürme verringert. Wenn ein kalter Tropfen wie diese Woche eintrifft, kommt es zu Katastrophen.
Einer von vielen
Ibarluzea hält es für “schwierig“, dass die Temperatur im Mittelmeerraum sinkt, was zu “intensiveren meteorologischen Phänomenen“ führen könnte. Er schließt nicht aus, dass “irgendwann“ ein Medicane (eine neue Wortschöpfung) entstehen könnte, ein Wirbelsturm im Mittelmeer, der allerdings eine nicht so große Reichweite wie die Hurrikane in der Karibik hätte. Wenn sich die Atmosphäre weiter “erwärmt“ und das Klima “tropischer wird“, könnten auch tropische Stürme auftreten.
In jedem Fall handelt es sich bei den Ereignissen in Valencia um ein weiteres extremes Wetterphänomen, von denen es in diesem Jahr mehrere gegeben hat. Mitte September verursachte der Sturm Boris beispiellose Regenfälle, die schwere Überschwemmungen in Mittel- und Osteuropa verursachten und 20 Menschen das Leben kosteten. Eine kürzlich durchgeführte Studie bestätigt, dass der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit solcher Regenfälle verdoppelt und ihre Intensität um 7% erhöht hat.
Überschwemmungen, Hurrikane: 1,3 Mal häufiger
Die Überschwemmungen im Süden Brasiliens haben in 469 Gemeinden 170 Tote, 806 Verletzte, 56 Vermisste und 2,3 Millionen Betroffene verursacht. China steht im Jahr 2024 vor der Rekordzahl von 25 größeren Überschwemmungen, die höchste Zahl seit 1988, wobei extreme Wetterereignisse und überdurchschnittliche jährliche Niederschläge durch den Taifun Gaemi noch verschärft werden. Gleichzeitig hat der Hurrikan Milton den südöstlichen US-Bundesstaat Florida im Oktober schwer getroffen, die Regierung sprach vom schlimmsten Hurrikan der Geschichte. “Die Gewässer am Äquator und in der Karibik erwärmen sich, das gibt den Hurrikanen schließlich Auftrieb, so dass sie stärker werden oder sich in höheren Breitengraden bewegen“, erklärt Ibarluzea.
Die World Weather Attribution (WWA) weist darauf hin, dass schwere Regenfälle seit den 1950er Jahren in weiten Teilen der Welt an Häufigkeit und Schwere zugenommen haben, was hauptsächlich auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Berichten des IPCC zufolge treten Unwetter, die früher einmal in zehn Jahren auftraten, heute überall auf der Erde 1,3 Mal häufiger auf, und zwar mit 6,7% mehr Feuchtigkeit. Bei einer Erwärmung um 2 Grad würden solche Ereignisse 1,7 Mal pro Jahrzehnt auftreten und wären 14% feuchter.
Extreme Wetterereignisse werden also zwangsläufig häufiger auftreten – auch wenn ultrarechter Politiker wie Trump oder die spanische Vox-Partei dies nicht wahrhaben wollen. Wird auch das Baskenland betroffen sein? “Wie überall auf der Welt steigt auch hier die Temperatur. Das Kantabrische Meer (Golf von Bizkaia, Atlantikküste) erwärmt sich, was zu stärkeren Unwettern führen könnte. Wir können nicht einmal die Möglichkeit einer Gota-Fría-Episode (Kaltlufttropfen) wie im Jahr 1983 ausschließen. Aber damals waren die Temperaturen niedriger“, erklärt Ibarluzea.
Klimakatastrophen und Größenwahnsinn
“Manche haben es immer noch nicht begriffen“, kommentiert die ansonsten eher für ruhige Töne bekannte Mallorca-Zeitung. “Während sich die Umwelt-Katastrophen häufen, planen manche weiter gigantomanische Vorhaben“. Der Bezug ist ein vergangene Woche vorgestellter Plan eines Unternehmers der Balearen-Insel, mit großem Aufwand eine neue gigantische Yacht zu bauen, in der 133 Luxus-Wohnungen Platz haben sollen: “Auf dass die Superreichen, womöglich auch noch unbehelligt von Finanzämtern, darin um die Welt schippern können. Derlei Projekte verdeutlichen, was gerade grundsätzlich und dramatisch schiefläuft.“
“Viele haben immer noch nicht verstanden, dass es so nicht mehr weitergeht, ja, dass manches von dem, was da ersonnen wird, verboten gehört. Die 50 reichsten Milliardäre weltweit erzeugen in nur 90 Minuten so viel CO2 wie ein durchschnittlicher Mensch in seinem gesamten Leben, heißt es in einem dieser Tage vorgestellten Oxfam-Bericht. Die Superreichen befeuern damit noch mehr als alle anderen den Klimawandel, dessen Auswirkungen immer deutlicher zu Tage treten.“
ANMERKUNGEN:
(1) DANA: Depresión Aislada en Niveles Altos – Als Kaltlufttropfen bezeichnen Meteorologen ein Höhentief in der oberen Troposphäre. Er besteht aus sehr kalter Luft polaren Ursprungs, hat typischerweise eine horizontale Ausdehnung von 300 bis 1.000 km und befindet sich in 5.000 bis 10.000 Meter Höhe über dem Meeresspiegel. Ein Kaltlufttropfen ist am Boden nicht als Tiefdruckgebiet erkennbar. In Spanien verursachen Kaltlufttropfen speziell im Herbst immer wieder intensive Niederschläge und Unwetter. Wenn das Mittelmeer noch relativ warm ist und sich ein Höhentief südlich von Spanien befindet, kann viel aufsteigende Feuchtigkeit durch die gegen den Uhrzeigersinn rotierenden Luftmassen über das spanische Festland befördert werden. Wenn mehrere Faktoren zusammenwirken (Luftdruck in tieferen Lagen, Jetstreams, Orographie), entstehen Unwetter, die nach der spanischen Übersetzung für Kaltlufttropfen Gota Fría genannt werden. Da seit den 1980er-Jahren Gota Fría zunehmend als Bezeichnung für jede Art von Starkregen verwendet wird, sind spanische Meteorologen dazu übergegangen, Kaltlufttropfen als Depresión Aislada en Niveles Altos (DANA, deutsch: isoliertes Höhentief) zu bezeichnen. (LINK)
(2) “La peor DANA del siglo, agravada por el cambio climático” (Schlimmster Kaltlufttropfen des Jahrhunderts, verschärft durch den Klimawandel), Tageszeitung Gara, 2024-10-31 (LINK)
ABBIILDUNGEN:
(*) DANA Valencia (mallorca ztg)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-11-01)
