Deutschland verstehen
Die norddeutsche Stadt Neustadt am Rübenberge in der Region Hannover ist ein Beispiel der Aufarbeitung des Nazi-Faschismus und der “Entnazifizierung“ in der BRD nach dem “Dritten Reich“. Was die alliierten Besatzer mit hohen Ansprüchen begannen, durften die Deutschen auf erbärmliche Weise beenden: Bereits 1949, vier Jahre nach Kriegsende waren viele Nazi-Funktionäre nur noch “Mitläufer“ und machten erneut Karriere in Politik, Verwaltung und Presse. Eine deutsche Hypothek mit Langzeitwirkung.
Die Nürnberger Prozesse und die von den Siegermächten des 2. Weltkriegs begonnene Entnazifizierung gehören zu den Gründungs-Mythen der Bundesrepublik. Sie implizieren, dass mit der NS-Diktatur und den Tätern aufgeräumt wurde. Nichts ist weiter von der Realität entfernt.
Das Buch “NS-Täter in Neustadt am Rübenberge - Gescheiterte Entnazifizierung und die Folgen“ beschreibt den Ablauf und die Hintergründe einer versuchten Aufarbeitung des NS-Regimes am Beispiel einer deutschen Kleinstadt. In Neustadt hieß es bis in die 1980er Jahre, während der NS-Diktatur sei im Städtchen alles ruhig gewesen, Opfer habe es nicht gegeben, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde hätten sich retten können, seien in Südamerika und anderen Ländern “reich geworden“, altbekannte antisemitische Klischees lebten unwidersprochen fort. Und wo waren die Verschwundenen geblieben? Niemand wollte Genaues wissen. (1)
Die Studie des Arbeitskreises Regionalgeschichte beschäftigt sich mit diesem gescheiterten Versuch der Aufarbeitung und kommt zu erschreckenden Ergebnissen. “Die historischen Recherchen des Arbeitskreises konzentrierten sich (wie an vielen anderen Orten der Nazi-Gräuel) zunächst darauf, die Schicksale der Opfer des NS-Regimes aufzuklären und öffentlich bekannt zu machen. Die umlaufenden Geschichts-Erzählungen der Täter, die auch in der ‘Heimat-Geschichtsschreibung‘ aktiv waren, konnten widerlegt werden.“
Zum Verstehen der NS-Diktatur war es nicht nur notwendig, sich mit der völkisch-rassistischen Ideologie und den Hintergründen des Nationalsozialismus und dessen bekannten Protagonisten zu befassen, sondern auch mit den Hunderttausenden von namenlosen Tätern. Namenlos auf der großen Bühne der Geschichte, aber keineswegs namenlos in den Orten, aus denen sie stammten und in denen sie ihr Unwesen trieben. Wer waren die kleinen Protagonisten des mörderischen Regimes? Woher kamen sie? Waren sie an Verbrechen beteiligt? Welche Funktionen bekleideten sie? Und vor allem: Was machten sie nach 1945?
Neustadt am Rübenberge, Kleinstadt 25 Kilometer nordwestlich von Hannover. Am Beispiel der Lebensläufe von sieben Neustädter NS-Aktivisten werden exemplarisch Voraussetzungen, Funktionsweise und Folgen der Diktatur dargestellt, aus den Bereichen Politik, Verwaltung und Presse. Es wird untersucht, wie diese Nazis in der Nachkriegszeit agierten, wie sie Prüfer der Entnazifizierungs-Verfahren austricksten und wie sie ihre Karrieren fast bruchlos fortsetzten in einer deutschen Gesellschaft, die alles andere als entnazifiziert war, in der alte antisemitische und völkische Überzeugungen weiter existierten und das Alltagsleben prägten.
Schweigen und erinnern. Von Opfern zu Tätern
Nach dem Untergang des “Dritten Reiches“ wurde in Neustadt, einer ganz normalen deutschen Kleinstadt, deren Name durch Hunderte andere Namen ersetzt werden könnte, über die NS-Verbrechen jahrzehntelang geschwiegen. Dabei kannten die meisten Alteingesessenen das damalige Nazi-Personal. Fast alle wussten, was geschehen war, denn Repression und Gewalttaten hatten sich teilweise in aller Öffentlichkeit abgespielt. Doch viele identifizierten sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mit den überlebenden Opfern, sondern mit den Tätern, die bald wieder wichtige gesellschaftliche Funktionen bekleideten.
Der an Faschismus-Aufarbeitung interessierte Blick ging von den Opfern der Diktatur auf die Täter und ihr soziales Umfeld. Die Täter übten sich in Ausreden, lokale NSDAP- und SA-Führer definierten sich nach dem Krieg als “Mitläufer“, bis hin zu Nazi-Gegnern. Dass diese “Entschuldigungen“ teilweise auf weiterhin existierenden antisemitischen Vorurteilen basierten, fiel in der ersten Stunde den wenigsten auf. Zu den realen Ereignissen schwiegen die Täter. Die traumatisierten Opfer schwiegen ebenfalls, sie wollten nie wieder erinnert werden. Oder sie hatten die Erfahrung gemacht, dass sie von ihren Leiden erzählten und dabei nicht ernst genommen wurden.
Das Buch hat nicht den Anspruch einer kompletten Bestandsaufnahme zum Thema Entnazifizierung. Untersucht werden exemplarisch einige lokale NS-Größen, die großen Einfluss hatten in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen der Neustädter Nachkriegszeit. Daraus folgt eine thematische Unterteilung der Täter-Geschichten: 1. Wirtschaft und Politik, 2. Verwaltung, und 3. Presse und Propaganda. Jeweils zwei maßgebliche Nazis werden vorgestellt, die erst in der Weimarer Republik, dann im “Dritten Reich“ und schließlich in der Nachkriegs-BRD eine Rolle spielten.
Die Entnazifizierung
“Es ist unser unbeugsamer Wille, den deutschen Militarismus und Nationalsozialismus zu zerstören und dafür Sorge zu tragen, dass Deutschland nie wieder imstande ist, den Weltfrieden zu stören“. So formulierten Großbritannien, die Sowjetunion und die USA auf der Jalta-Konferenz Anfang 1945 ihr Ziel nach dem militärischen Sieg. Dafür müssten die Kriegsverbrecher “zum Zwecke ihrer Bestrafung verhaftet werden, zudem müsse eine “industrielle Abrüstung und Entmilitarisierung“ durchgesetzt und das deutsche Kriegspotential langfristig kontrolliert werden. Verantwortlich für die Entnazifizierung waren die Befehlshaber der Siegermächte, die Regelungen waren jedoch sehr unterschiedlich.
In den Westzonen lief der Prozess in drei Phasen ab. Die 1. Phase (bis Frühjahr 1946) wurde allein von den Alliierten durchgeführt. Die Bevölkerung wurde in fünf Gruppen aufgeteilt: Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Jene aus Gruppe 1 sollten aus ihren Positionen entlassen, G2 und G3 zur Entlassung empfohlen werden. Gegen die Einstellung von Leuten aus G4 gab es keine Einwände, die aus G5 sollten bevorzugt eingestellt werden.
Im März 1946 begann die zweite Phase, in den mit Laien besetzten Spruchkammern waren auch Deutsche beteiligt. Alle Deutschen ab 18 Jahren mussten per Fragebogen über ihre Geschichte Auskunft geben, schwere Fälle behielten sich die Besatzer vor. Der beginnende Kalte Krieg führte zu einer Liberalisierung der Entnazifizierungs-Prozesse, führende Nazis wurden als “unverzichtbare Fachleute“ entlastet und wieder eingestellt. Entlastungs-Zeugnisse zur Weißwaschung ehemaliger Täter hielten Einzug, die Ausschüsse wurden zur “Mitläufer-Fabrik“ und so zur Farce.
Im April 1947 übertrugen die Alliierten die Verantwortung vollends an die Deutschen, die Kreisverwaltungen sollten diese dritte Phase durchführen. Zu Beginn der Verfahren wurden in die Gruppen 1 und 2 eingeordnete Nazis in die Gruppen 4 oder 5 befördert und wundersam entlastet. Nach Verabschiedung des Grundgesetzes wurden entlassene Beamte wieder eingestellt, die alten Nazis kehrten in die Verwaltungen zurück. “Für die weitere Geschichte der BRD hatte das langfristig fatale Folgen“. Das Ziel der Alliierten, Deutschland zu entnazifizieren und zu entmilitarisieren, scheiterte. Die Folgen sind bis heute spürbar.
Um die Bedeutung der Entnazifizierung und ihres Scheiterns zu verstehen ist die Kenntnis der historischen Abläufe wichtig. Die Akten aus den Entnazifizierungs-Verfahren nach dem 2. WK waren jahrzehntelang für die Öffentlichkeit gesperrt und wurden erst viel später eingeschränkt zugänglich gemacht. Erst in diesem Moment erfuhren die Autor*innen des hier rezensierten Buches, “dass einige der bekannten NS-Opfer in den Verfahren gegen die Täter ausgesagt hatten. Doch ihre Aussagen spielten im Laufe dieser Verfahren, nachdem die Entnazifizierung in deutsche Hände gelegt worden war, eine immer geringere Rolle und blieben weitgehend unberücksichtigt“. Die Folge: “Die Opfer sollten nie wieder über das, was ihnen angetan wurde, öffentlich sprechen“. Die Täter stellten sich als “Getriebene, Gezwungene und kleine Befehlsempfänger“ dar und wurden alle rehabilitiert. Die Jahrzehnte lange Unzugänglichkeit dieser Akten “brachte die Aussagen der Opfer zum Verschwinden und diente dem Schutz der Täter. Diese waren nie gezwungen, sich mit den Konsequenzen ihrer Handlungen und der von ihnen vertretenen völkisch-rassistischen Ideologie auseinanderzusetzen“. Denn selbst “zentrale antisemitische Propaganda-Begriffe wurden nach dem Krieg hemmungslos weiter verwendet“.
1. Protagonisten in Wirtschaft und Politik
Wilhelms Rahlfs (1905-1983) war seit 1930 eines der ersten NSDAP-Mitglieder, trat wenig später der SA bei und schaffte es zum SA-Führer, der für Aktionen mit Schlägertrupps bekannt wurde. Nach der Machtergreifung Hitlers widmete er sich dem Kampf gegen Linke und Juden. Die familiäre Baufirma profitierte vor dem Krieg vom Bauboom der Nazis und im Krieg vom Einsatz von Zwangsarbeitern. Auf diesen Nazi ging die Meldung "der letzten Jüdin der Stadt" zurück, die ins KZ gebracht wurde, überlebte und zu einer Zeugin gegen ihn wurde. In der Nachkriegs-Zeit weiter Bauunternehmer, den viele “aufgrund seiner wieder erlangten Macht fürchteten“. Besondere Verdienste im Schützenverein, wo Traditionspflege und Militarismus wie im Faschismus gefragt waren. Höhepunkt zweifellos sein Bürgermeister-Amt: Neustadt hatte wieder einen NSDAP-Vorsteher.
Robert Kemmerich (1893-??) war Bäcker, SA-Mann, NSDAP-Ortsgruppenleiter und gab sich nach dem Krieg als Mitläufer. In der Weimarer Republik hatte er den Kampf gegen Juden und Linke aufgenommen, nach der Machtergreifung wurde dieser Kampf zur entfesselten Gewalt. Über seine Rolle in der Reichs-Progrom-Nacht gab es belastende Zeugenaussagen. Von Zwangsarbeiter-Einsatz wusste er angeblich nichts, bis herauskam, dass in seiner Bäckerei Kriegsgefangene schufteten. Eine weitere Zeugin bestätigte seine Beteiligung an einer öffentlichen Misshandlung 1941. Das war zu wenig, 1949 war der SA-Mann voll rehabilitiert.
2. Protagonisten in der Verwaltung
Johannes Specht (1888-1985) wurde kurz nach seinem NSDAP-Parteieintritt im Jahr 1933 zum Landrat ernannt und trat der SA bei. Als Landrat ließ er zur Förderung der völkischen Nazi-Ideologie ein Heimatmuseum einrichten, bei der “Arisierung“ jüdischer Geschäfte ging nichts an ihm vorbei. Im städtischen Krankenhaus wurde die Lehre von der “Überlegenheit der arischen Rasse“ praktisch umgesetzt, “Minderwertige“ durften keine Kinder bekommen, wurden zwangssterilisiert, die Verantwortlichen wurden nach 1945 nie zur Rechenschaft gezogen. Nach zwei Jahren Kriegsgefangenschaft wurde er erst als “Mitläufer“ und später als “unbelastet“ eingestuft. Dass er “die bürokratischen Voraussetzungen für die Erfassung der jüdischen Bevölkerung“ und so die Voraussetzung ihrer Vernichtung geschaffen hatte, war so wenig von Interesse wie seine übrigen leitenden Funktionen in der NS-Diktatur. Ein Schreibtischtäter.
Willi Hellwig (1896-??) war seit 1933 Parteimitglied und brachte es zwei Mal zum Bürgermeister: 1934 in Neustadt, ab 1940 in der Kleinstadt Dabrovice (dt: Dommstätt) im besetzten Polen. In Neustadt führte er “robust“ den Kampf gegen die jüdische Gemeinde: “Handwerker, Geschäftsleute und Volksgenossen, die noch mit Juden Verkehr pflegen, oder bei Juden kaufen, erhalten keine Gemeindeaufträge“. Um dies zu garantieren, wurde eine “Prangertafel“ aufgestellt mit den Namen derer, die der Ausgrenzung nicht folgten. Dennoch wollte er mit der Pogromnacht (8.11.1938) “nichts zu tun gehabt“ haben. Im Amtsbezirk Warthegau war er an der Vernichtung von Juden und Polen beteiligt. Das Gebiet sollte zum “Exerzierplatz des Nationalsozialismus“ gemacht werden, dazu wurde die Bevölkerung in “Herren- und Unter-Menschen“ aufgeteilt, Juden und Zigeuner am untersten Ende der Hierarchie. 10.000 Polen wurden erschossen, viele in KZs gebracht. Insgesamt wurden in der Gegend 70.000 Polen ermordet, Hellwig mittendrin. “Als führender NS-Funktionär war er in der Verwaltung nicht mehr tragbar, dennoch wurde er 1949 zum Mitläufer erklärt und kehrte zur beruflichen Normalität zurück."
3. Protagonisten in Presse und Propaganda
Dietrich Redecker (1911-1979), brachte es vom Fachjournalisten für Rassen-Fragen zum Heimatschriftsteller und Stadtchronisten mit auffälligen Gedächtnislücken. “In seiner Geburtsstadt als vielseitiger Medienmann und als Kommunalpolitiker hoch geehrt – ein Vorbild für die junge Generation“. (2) Er trat 1930 der NSDAP bei und schrieb 1937 in Berlin seine Doktorarbeit über die koloniale deutschsprachige Presse in Deutsch-Ostafrika. “Der Neger“, schrieb er, “arbeitet im Allgemeinen ungern, tut jedenfalls nur so viel, um nur eben nicht zu verhungern“. Es sei schwer, “ihn zur Mehrarbeit zu erziehen“. Er müsse durch Prügel zur Arbeit und zum Gehorsam erzogen werden. Von “der Wahrung der durch Blut und Schweiß erworbenen Rechte der Deutschen“ ist da die Rede und von der “Tatsache der höheren Kulturstufe der weißen Rasse gegenüber den Angehörigen der farbigen Rassen“ – Grundlage für Gewalt und Terror. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen schrieb er für die deutschsprachige Krakauer Zeitung wüste antisemitische Artikel und rechtfertigte die Gewalt-Maßnahmen gegen polnische Juden. Nach dem Krieg wurde Redecker SPD-Mitglied und verlängerte seine Journalisten-Karriere. Für die Neustädter Heimatgeschichte wurde er mit dem Kapitel über das 20. Jahrhundert beauftragt, um die “Fülle der Geschehnisse“ zu dokumentieren. Ergebnis: Die Jahre 1933 bis 1945 fehlen, bis auf einzelne Anekdoten.
Georg Niffka (1898-1975) kämpfte als Soldat im 1. Weltkrieg, in ultrarechten Freikorps, als SS-Führer, Journalist und Vertriebenenfunktionär gegen Rote, Juden und Polen “für die Rettung des Vaterlandes und gegen die Rote Gefahr“, dafür waren alle Mittel recht. Im besetzten Polen agierte er als Redner und Propagandist für die NSDAP und qualifizierte sich in diesem Vernichtungskrieg “für höhere Aufgaben“. Nach 1945 stilisierte er sich “zum Gegner der NS-Herrschaft“, wurde dennoch in ein Arbeitslager geschickt, aber schon 1948 als “Mitläufer“ rehabilitiert, um seine Karriere als Journalist und Vertriebenen-Funktionär fortsetzen zu können. 1968 zeigte er sich “beunruhigt über unsere heutige akademische Jugend“ und schwärmte in SA-Manier von den Methoden aus alten Zeiten: “Zu meiner Zeit hätten wir die ganze SDS-Bande an einem Tag atomisiert.“
FAZIT
Über die Biografien der beschriebenen Täter wird nicht nur deren Wirken im deutschen Faschismus beschrieben. Der Autor Hubert Brieden nimmt die Karrieren auch zum Ausgangspunkt für Rückblicke in die völkisch-rassistische und antisemitische Welt der NS-Ideologie: den kolonialen Rassismus, die Vorstellungen von Arisierung und die “Rassenlehre“ der Nazis mit ihren tödlichen Folgen für die Opfer. Skizziert wird im Buch der Umgang mit der NS-Diktatur in einer “ganz normalen“ deutschen Kleinstadt. Das bedeutet: die Ergebnisse dieser Untersuchung können bedenkenlos auf viele andere Kleinstädte hochgerechnet werden. Denn die Entnazifizierung ist nicht nur im beschriebenen Ort gescheitert, sondern in der ganzen Republik. Was in der DDR geschah, ist eine andere Geschichte.
“Es dauerte Jahrzehnte, bis die Meinungshoheit von NS-Tätern, Militaristen und deren Sympathisanten in der regionalen Geschichts-Schreibung gebrochen war, die seit 1945 auf Verschweigen, Vertuschen und Relativieren der Massen-Verbrechen beruhte.“ Bis in die 1980er Jahre gab es zu vielen wesentlichen Aspekten des Faschismus keine kritische Auseinandersetzung. Das hatte zur Folge, dass “Teilstücke dieses Weltbildes vollständig erhalten blieben“. Im Unterbewusstsein der deutschen Bevölkerung blieben “der jüdische und der bolschewistische Untermensch nahe Verwandte“. Dies stellt keinen Widerspruch dar zur heute praktizierten kritiklosen Unterstützung der wesentlichen Funktionsträger des deutschen Staates für das zionistische Regime in Israel und dessen Völkermord an den Palästinensern.
Ohne ernsthafte Aufarbeitung ist es kein Wunder, dass antisemitisch besetzte “Geschichten von Weltverschwörungen wieder die Runde machen, Juden und Migranten müssen als Sündenböcke für soziale Missstände herhalten“. Wie bereits in den Weltkriegen tritt in Teilen der Gesellschaft ein “ungezügelter irrationaler, rassistisch fundierter Hass auf ‘die Russen‘ zu Tage“, als Ausdruck der unverarbeiteten deutschen Kriegs- und NS-Geschichte. “Russen, Bolschewisten und Kommunisten“ waren drei gleichbedeutende Begriffe. Außerdem hatte dieses Drei-Gestirn (peinlicherweise) auch noch den Krieg gewonnen.
Bereits 1967 konstatierte Theodor W. Adorno (Philosoph der Frankfurter Schule), dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Faschismus nach wie vor bestehen. Er meinte damit “die Konzentration wirtschaftlicher Macht und die Deklassierungsängste des mittleren Bürgertums, das in Krisenzeiten immer nach rechts tendiert.“
Neustadt ist kein Einzelfall. Es gibt Orte, an denen in Bezug auf Aufarbeitung und Täterforschung bis heute nichts geschah. “Die Nachwirkungen des Jahrzehnte langen Schweigens sind überall in der deutschen Gesellschaft zu beobachten – am deutlichsten sichtbar am grassierenden Antisemitismus und Rassismus, am zunehmenden Militarismus, der damit verbundenen Kriegsbegeisterung und Empathielosigkeit, und an der erschreckenden deutschen Vorliebe für autoritäre ‘Lösungen‘ sozialer, ökologischer und politischer Probleme.“
Das Ziel der Alliierten (wenn überhaupt ernst gemeint), war die Beseitigung des deutschen Militarismus und Nationalsozialismus. Dieses Ziel wurde verfehlt. “Die katastrophalen Auswirkungen dieses Scheiterns sind allgegenwärtig: Deutschland gehört wieder zu den größten Rüstungs-Produzenten, deutsches Militär ist weltweit im Einsatz und beansprucht Führungspositionen. Gleichzeitig werden demokratische Rechte zur Disposition gestellt und Teile des gesellschaftlichen Lebens militarisiert.“
“Die bis zum Jahre 1957 ernannten 44 Generäle und Admiräle stammten sämtlich aus der Wehrmacht, überwiegend aus dem Generalstab des Heeres. Im Offizierskorps befanden sich 1959 unter 14.900 Berufssoldaten 12.360 Wehrmachts-Offiziere sowie 300 aus dem Führerkorps der SS“. Das waren die Ursprünge der “demokratischen“ Bundeswehr. Eine Bankrott-Erklärung.
Der Autor
Hubert Brieden, Jahrgang 1950, studierte Germanistik und Geschichte in Münster. Seit 1981 Mitarbeit im Arbeitskreis Regionalgeschichte (3). Arbeitsschwerpunkte: Geschichte des Antisemitismus und der Judenvernichtung, sowie Geschichte des Militarismus. Autor einer Reihe von Publikationen, Ausstellungen und Radiobeiträgen zur NS-Geschichte der Region Hannover. Ausgezeichnet mit dem Alternativen Medienpreis für das Radiofeature “Dünnes Eis – latenter Antisemitismus in einer westdeutschen Kleinstadt“.
ANMERKUNGEN:
(1) Buchtitel: “NS-Täter in Neustadt am Rübenberge - Gescheiterte Entnazifizierung und die Folgen“, Edition Region und Geschichte 2023, herausgegeben von Arbeitskreis Regionalgeschichte Neustadt am Rübenberge. Alle Zitate stammen aus dem rezensierten Buch. (LINK)
(2) Podcast Radio Flora Hannover: “Dr. Dietrich Redeker: Vom Fachjournalisten für Rassenfragen zum Heimatschriftsteller“, erstellt von Hubert Brieden, 06.09.2020 (LINK)
(3) Arbeitskreis Regionalgeschichte (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Edition Region und Geschichte
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-07-01)
