Ein Pokal zum Glück
Dass Fußball Opium fürs Volk ist, wurde 2024 in Bilbo erneut unter Beweis gestellt. Einen Fußball-Titel zu gewinnen, schweißt Reiche und Arme zu einem roten Meer zusammen, vergessen sind die Unterdrückung am Arbeitsplatz, das fehlende Geld am Monatsende, der Klassenkampf – die Fahnen von Athletic und Euskal Herria verleihen Identität, die anderswo fehlt. Und sonst? Viel Kampf um Wohnungen und würdige Renten, gegen Klimawandel, Völkermord, Guggenheim, Rassismus, Faschismus und Massen-Tourismus.
Baskultur.Info Jahresrückblick Baskenland 2025: Seenot-Rettung / Euskara / Feminismus / Fußball / Gesundheit / Gewerkschaften / Großevents / Guggenheim Urdaibai / Hochgeschwindigkeitszug / Iparralde / Kino / Klima / Memoria / Metropolen / Migration / Museen / Musik / Palästina / Gefangene / Pressefreiheit / Renten / Sport / Tourismus / Waffenindustrie / Wahlen / Wein / Wohnungsnot / Worte des Jahres / 2025 Ausblick
Aita Mari Seenot-Rettung
Aita Mari ist der Name eines zur See-Notrettung umgebauten Fischkutters, der in der Flüchtlingsfrage zum Stolz der Bask*innen geworden ist. Regelmäßig fährt das Schiff durch das Mittelmeer, hat hunderte von afrikanischen Schiffbrüchigen gerettet und sich ganz nebenbei dicke Feinde gemacht. Zum einen die italienischen Behörden, die alles tun, um die Geretteten nicht in ihren Häfen aufzunehmen, umso mehr nach dem Amtsantritt der faschistischen Meloni-Regierung. Die dortigen Hafenbehörden nutzen schmutzige Tricks, werfen den Verantwortlichen technische Defekte und formale Vergehen vor, die mit hohen Bußgeldern belegt werden. In eine ähnliche Kerbe hauen die Behörden im spanischen Valencia. Den Hafen nutzte das Schiff jeweils als Ausgangspunkt für die Rettungs-Kampagnen, als gemeinnützige Organisation war es von Liegegebühren befreit. Das hat sich nach dem Regierungswechsel zu einer ultrarechten-neofaschistischen Regional-Regierung (PP-VOX) geändert. Rückwirkend werden jetzt Tausende von Euro nachgefordert. Weil die Rettung nicht verboten werden kann, wird die Aktion, in Italien wie in Valencia, mit allen Mitteln verhindert. Wer Flüchtlinge ins Land bringt wird zum öffentlichen Feind erklärt.
Euskara
Um das Erlernen der baskischen Sprache zu fördern, hat die baskische Regierung die Entscheidung getroffen, dass die Grundstufe A1 in allen Euskaltegis (Baskisch-Schulen für Erwachsene) kostenlos sein soll. Diese Regelung gilt seit September 2024. Bisher musste die Anmeldung vor Kursbeginn bezahlt werden und diejenigen, die den Kurs erfolgreich bestanden, erhielten einen Teil der Kursgebühr zurück, jetzt ist das Lernen von Anfang an gratis. Ein notwendiger Schritt, von dem zu hoffen ist, dass er der Euskara-Alphabetisierung einen Impuls gibt, denn das Euskara stagniert in seiner realen Anwendung auf der Straße und in Büros seit Jahren. 2024 war, wie alle zwei Jahre, die Korrika angesagt, ein 10-tägiger Solidaritätslauf ohne nächtliche Unterbrechung durch das gesamte Baskenland nördlich und südlich der Pyrenäen. In diesem Fall über 2.700 Kilometer von Irun in Gipuzkoa bis Baiona (Bayonne) in Iparralde. Zu den Widrigkeiten der Entwicklung der baskischen Sprache folgende Anekdote: Bei der Pressekonferenz nach einem Fussball-Erstliga-Spiel wird dem aus Berritsua stammenden Mallorca-Trainer Jagoba Arrasate von einem Journalisten eine Frage auf Baskisch gestellt, die er in derselben Sprache beantwortet. Die empörte Reaktion spanischer Journalisten ist zwischen peinlich und skandalös, der spanische Mainstream hat auch 50 Jahre nach dem Ende des franquistischen Verbots der “Regionalsprachen“ keine selbstverständlich-respektable Haltung entwickelt. Wäre die Frage auf Englisch gestellt worden, hätten dies alle Anwesenden kommentarlos zur Kenntnis genommen. Euskara bleibt feindliches Territorium. Arrasate ist zu einem der wichtigsten Botschafter des Euskara geworden.
Feminismus
Nach der Großmobilisierung am 30. November 2023 zum Feministischen Generalstreik war 2024 eher “ruhig“, mit den üblichen Demonstrationen am 8. März und am 25. November und einer Mobilisierung zum Jahrestag des Generalstreiks. Leider bilden Femizide und Vergewaltigungen regelmäßig Anlässe zu spontanen Protesten gegen patriarchale Strukturen. Allein zwischen Juli und September 2024 wurden im Süd-Baskenland 2.704 Anzeigen wegen sexistischer Gewalt gezählt. Viele sprechen von einem Besorgnis erregenden Aufschwung von Sexismus und Machismus seit der Pandemie.
Fußball
Real Sociedad San Sebastian gewann vor drei Jahren den spanischen Fußball-Pokal – Athletic Bilbao hat den Erfolg 2024 wiederholt. Die Jubelbilder waren dennoch nicht zu vergleichen: der RSSS-Erfolg wurde in der Covid-Tiefkühltruhe eingespielt, Athletic feierte seinen Gewinn mit einer Million Menschen bei einer Schiffs-Abfahrt am Fluss. 40 Jahre ohne große Titel hatten ein Vakuum erzeugt, das sich in einer andalusischen Nacht mit Emotionen füllte und explodierte. Tausende Geschichten, alle sehr persönlich, ließen die Übel der Welt für einen Moment (oder zwei oder zehn) vergessen, ein Unentschieden mit Elfmeterschießen half positive Erinnerungen anzustauen, die womöglich für die nächsten 40 Jahre ausreichen müssen. Das Massen-Phänomen Fußball (Opium fürs Volk) hinterließ weitere Highlights. Für das zweite sorgte der aus Tolosa stammende Neu-Trainer Xabi Alonso, der bei seinem ersten Job auf höchster Ebene den ewigen Zweiten Leverkusen zum Meister und Cupsieger gleichzeitig machte. Das Triple Europa scheiterte im Finale. Alonso hat alles gewonnen, was jener Sport hergibt, auf dem Rasen oder am Rand.
Das dritte Highlight trug eigentlich kein baskisches, sondern spanisches Trikot: die Europa-Meisterschaft. Üblicherweise hinterlassen derartige Welt-Ereignisse im Baskenland wenig Spuren – wären nicht in diesem Fall gleich acht baskische Kicker entscheidend am Erfolg beteiligt gewesen. Kritische Beobachter haben umgehend eine auffällige Zunahme von spanischen Trikots auf Kinderrücken festgestellt, Nico Williams wird nicht mehr mit Athletic und Oyarzabal nicht mehr mit La Real identifiziert: alles ist La Roja, die Rote, wie die spanische Auswahl genannt wird. Eher anekdotisch wirkt dabei das Ergebnis der baskischen Fußball-Auswahl, die in ihrem “Länderspiel“ gegen Uruguay ein Unentschieden erzielte.
Gesundheit
Die Sinne bleiben geschärft: der Blick auf die Situation im baskischen Gesundheits-Bereich Osakidetza lässt weiterhin keine Qualitäts-Verschlechterung ohne Reaktion. Die Erfahrung der Pandemie hat keine Verfallszeit, jeden Monat gehen alle Stadtteile und Kleinstädte auf die Straße, um öffentliche Versorgung, neue Investitionen und Personal-Aufbau zu fordern. Die Klagen über Hunderte von Mängeln, Unzulänglichkeiten, Wartezeiten und Schlechtbehandlung nehmen kein Ende. Daran haben auch die Versuche des neuen Ministerpräsidenten Pradales, Korrekturen vorzunehmen, wenig geändert. Bei Osakidetza wird bereits als Erfolg gefeiert, wenn sich die Wartezeit bei Operationen oder Spezialbehandlungen von sieben auf sechs Monate reduziert, eine traurige Bilanz. Das Damoklesschwert von Kürzung und Privatisierung hängt weiter über allen. Im Februar wird es deshalb eine nationale Demonstration geben, mit der die gemeinsame Forderung von Personal und Bevölkerung unterstrichen werden soll.
Gewerkschaften
Der auffälligste und wirkungsvollste Streik im abgelaufenen Jahr war das Werk der Fahrer*innen von Bilbobus, den roten Fahrgast-Würmern in Bilbo. Nach 79 Tagen Ausstand kehrten die Angestellten an ihre Arbeitsplätze zurück, nachdem die Ergebnisse der Verhandlungen mit Biobide, dem Sub-Unternehmen der städtischen Dienste, mehrheitlich akzeptiert wurden. 332 Personen stimmten zu, 186 lehnten das Ergebnis ab, welches eine deutliche Verbesserung der Arbeitsbedingungen vorsah. Die Gewerkschaften UGT, CCOO und USO unterschrieben die Einigung mit Biobide, während die abertzalen Gewerkschaften ELA, ESK und LAB sich von der Vereinbarung distanzierten.
Dauerthema für die Gewerkschaften sind tödliche Arbeitsunfälle. Nach 59 Toten im Jahr 2023 waren es im vergangenen Jahr 63. Die Umstände sind dieselben geblieben, viele Unfälle ereignen sich im ländlichen Bereich, mit Traktoren oder bei Waldarbeiten, daneben im Baugewerbe und in Fabriken. Stürze aus großer Höhe sind ein Klassiker, ebenso, dass es sich bei den “verursachenden Unternehmen“ häufig um Subunternehmen handelt, die besonders billig wirtschaften und zuerst bei der Arbeitssicherheit sparen. “Kapitalismus tötet“ ist keine leere Parole. Unternehmen, rechte Parteien und bürgerliche Medien haben im vergangenen Jahr zudem eines ihrer wirtschaftlichen Lieblingsthemen zum Dauerbrenner gemacht: den Absentismus, die Abwesenheit bei der Arbeit. Diese Abwesenheit hat viele Gründe: Krankheit, schlechte Arbeitsbedingungen, Kindererziehung oder das legendäre Blaumachen. Die Rate im Baskenland ist die höchste im Staat, in diese Kerbe wird gehauen. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Arbeitsbedingungen hier schlechter sind als im Reststaat. So bleibt die Erklärung, dass die baskischen Arbeitnehmer*innen selbstbewusster sind, sich weniger gefallen lassen und Arbeit mehr als das sehen, was sie ist: notwendiges Übel zum häufig prekären Überleben, anders ausgedrückt: es gibt mehr Klassenbewusstsein.
Großevents
Nach dem Jahr der Tour de France (2023) mit drei Startetappen durch das Baskenland ragten 2024 das Finale der Frauen-Champions-League und die Pokalfeier von Athletic (beides in Bilbo) heraus – der erste Event für die touristischen, der zweite für die einheimischen Massen. Dazu kam die “übliche“ Massen-Belästigung durch das Kobetamendi-Rock-Festival mit 120.000 Besucher*innen an einem Wochenende. Gleichzeitig spricht die Sport-Welt davon, mit Donostia und Bilbo gleich zwei Standorte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 im Spielplan festzuschreiben. Für das laufende Jahr ist das Finale der Europa-League im Fußball vorgesehen, mit dem Sahnehäubchen, dass Athletic oder La Real sich dafür qualifizieren könnten. Großevents gehören neben dem Individual-Tourismus und der Eröffnung möglichst vieler neuer Hotels weiterhin zur Basis baskischer Wirtschaftspolitik.
Guggenheim Urdaibai
Ob wohl der Gegenwind stärker wird, halten die neoliberalen Behörden in Bizkaia und die baskische Regierung am Plan fest, im Biosphären-Reservat Urdaibai (zwischen Bermeo und Gernika) ein neues Doppel-Museum für die Guggenheim-Stiftung zu bauen. Die Argumente liegen auf dem Tisch. Die Befürworter wollen das “strukturschwache Gebiet aufmöbeln“ und ohne dies direkt zuzugeben, einen neuen Tourismus-Hotspot schaffen. Für die Gegner*innen sind beide Kriterien in einem ausgewiesenen Natur- und Vogelschutzgebiet ein krasser Widerspruch. Der Protest in Form von Info-Veranstaltungen, Demonstrationen und spektakulären Aktionen formiert sich, der Eingang des Bilbao-Museums wurde mit blutroter Farbe begossen: ein Bild das um die Welt ging. Die neue baskische Regierung tritt offiziell auf die Bremse, um angeblich die Verträglichkeit des Projekts prüfen zu lassen und die Meinung der örtlichen Bevölkerung einzuholen. Doch hinter den Kulissen wird weiter am Plan gearbeitet, Bauplätze leergeräumt, ein Werftgelände wird gekauft, einschränkende Naturschutz-Bestimmungen werden gelockert, von der spanischen Regierung wurden Millionen-Zusagen ergattert. Ein Konflikt mit Zukunftsperspektiven.
Hochgeschwindigkeitszug
Der Bau des Schnellzugs AHT-TAV durch das Baskenland geht in sein 21. Baujahr, ein Großteil der Strecke des wegen seines Verlaufs “baskischen Ypsilon“ genannten Projekts ist fertiggestellt, doch die Premieren-Fahrt steht noch in den Sternen. Nach Milliarden-Investitionen fehlen noch die Bahnhöfe. In Donostia und Gasteiz sollen bestehende Bahnhofs-Installationen dafür genutzt und ausgebaut werden. In Bilbao hingegen steht ein Gentrifizierungs-Projekt erster Klasse bevor. Der bisherige Abando-Bahnhof, der zusammen mit der Schienen-Schneise die Arbeiterviertel im ehemaligen Minengebiet von San Francisco von den bürgerlichen Stadtteilen der Neustadt abgrenzte, soll zugeschüttet und mit Luxuswohnungen überbaut werden, darunter soll der Schnellzug halten. Für die historischen Barrios wird dies der Todesstoß sein, denn wo heute noch viele Arme und Migrantinnen leben, werden die Wohnungspreise durch Spekulation in die Höhe schießen und zu einer für Gentrifizierung üblichen Verdrängung führen. Gestritten wird auch über die künftige Verbindung der AHT-Strecke nach Nafarroa, hier liegen die baskischen Provinzen Araba und Gipuzkoa im Clinch um die damit verbundenen Investitionen, am Ende entscheidet die spanische Regierung. Der Widerstand gegen das gigantomanische, anti-ökologische und völlig unwirtschaftliche Projekt hat sich nach verschiedenen Spaltungen der Bewegung auf einen Haufen Unentwegter reduziert.
Iparralde
Drei Mal pro Jahr schaut die baskische Gesellschaft ins französische Baskenland, nach Iparralde (baskisch: der Nord-Teil). Am ersten Mai-Sonntag, wenn die Euskara-Gemeinde in sechsstelliger Zahl zum Stausee Sempere (Saint-Pée-sur-Nivelle) pilgert, um dort einen der fünf großen Euskara-Tage zur Förderung baskischer Schulen zu feiern. Ende Juni findet an wechselnden Orten das Musik- und Kultur-Festival Euskal Herria Zuzenean statt (EHZ), seit fast 30 Jahren organisiert von einer Gruppe junger Leute. Dieses einzig alternative und nicht-kommerzielle Festival fand 2024 im nördlichen Arberatze-Zilhekoa (frz: Arbérats-Sillègue) statt, das musikalische Angebot ist erstklassig und zieht ein Publikum aus dem ganzen Baskenland an. Im August und September finden (ebenfalls an wechselnden Orten) drei Pastoral-Theater-Vorstellungen statt, bei denen eine Dorfgemeinschaft ein Stück auf die Bühne bringt, das ein Jahr lang eingeübt wurde.
Ein vierter Grund war 2024 die vorgezogene Wahl zur französischen National-Versammlung. Nach einer verheerenden Niederlage gegen die Faschisten von Rassemblement National bei den Europa-Wahlen zog Präsident Macron die Notbremse. In einer historisch einmaligen Anstrengung gründeten Linke, Sozialdemokraten und Grüne die Nouveau Front Populaire, um den faschistischen Vormarsch zu stoppen. In diese NFP integrierten sich auch baskische Kandidaten, dass dies (zähneknirschend) von der chauvinistischen französischen Linken akzeptiert wurde, war besonderer Grund zur Freude. Unerwartet wurde die NFP-Großkoalition stärkste Kraft im neuen französischen Parlament, doch der Freude über den Erfolg folgte eine derbe Ernüchterung, als die Sozialdemokraten alle Kandidatur-Vorschläge für das Amt des Ministerpräsidenten ablehnten. Das Experiment muss als gescheitert begriffen werden.
Kino
Filme über Details der Geschichte der Untergrund-Organisation ETA sind in den letzten Jahren in Mode gekommen. Einen regelrechten Hit landete dabei die baskische Regisseurin Arantxa Echevarría (*1968 Bilbao) mit dem Streifen “La Infiltrada“ (Die Eingeschleuste). Der im Baskenland gedrehte Thriller über eine "Maulwurf"-Agentin bei ETA übertrifft alle Kino-Prognosen und bricht Rekorde. An einem Wochenende hat der Film die Marke von 8,2 Millionen Euro überschritten, somit ist Echevarría mit ihrem fünften Film die umsatzstärkste Regisseurin der spanischen Kino-Geschichte (bisher María Ripoll mit ihrem Film "Ahora o nunca", Jetzt oder nie, aus dem Jahr 2015).
Der Film basiert auf der wahren Geschichte einer Agentin, die in den 1990er Jahren bei ETA infiltriert war, er wurde vollständig in Donostia gedreht und wurde seltsamerweise nicht für das renommierte Zinemaldia-Filmfestival dieser Stadt ausgewählt. Zweieinhalb Monate nach seiner Premiere ist er immer noch in den Kinos zu sehen. Der Sprung in die Film-Plattformen wurde noch nicht konkretisiert. Echevarría hat bereits 2019 einen Goya für "Carmen y Lola" erhalten. Geschätzt wird der Film nicht nur vom Kino-Publikum, Film-Profis haben den Spielfilm in 13 Kategorien für de Goya-Filmpreise nominiert, nur eine weniger als den Hauptfavoriten "El 47". Somit wird "Die Eingeschleuste" im Februar 2025 um den Titel des besten spanischen Films 2024 sowie um den Preis für die beste Regie konkurrieren.
“La infiltrada" hat es geschafft, so die rechte Presse, mit dem Klischee aufzuräumen, dass das Thema ETA und Gewalt im Baskenland das Publikum von den Kinokassen fernhält und eine Produktion zum Scheitern verurteilt. Es ist unbestreitbar, dass die Geschichte der Agentin der Nationalpolizei, die acht Jahre lang bei ETA war, das Publikum in ihren Bann gezogen hat und zum großen Erfolg des spanischen Kinos im letzten Jahr wurde. Der Thriller bringt unter anderem den Schauplatz der Ermordung des PP-Politikers Gregorio Ordóñez durch das ETA-Mitglied Xabier García Gaztelu, "Txapote", im Jahr 1995 auf die Leinwand, in der Bar La Cepa in der Altstadt der Hauptstadt von Gipuzkoa, dort wurden die meisten Szenen des Films gedreht.
Klimakatastrophe
DANA … könnte ein Frauen-Vorname sein, doch was tatsächlich hinter dieser wissenschaftlichen Abkürzung steckt, wussten bis November 2024 die Allerwenigsten: Depresión Aislada en Niveles Altos – zu Deutsch: Kaltlufttropfen. Mit der Katastrophe um Valencia hat sich das gründlich geändert. Auch im Baskenland waren die 211 Toten ausreichend Grund, die defizitären Katastrophen-Pläne zu überarbeiten. In Bilbo erinnerten sich viele an die Flut von 1983, die weniger Tote aber ebenso viel Schaden verursachte. Angesichts von Erderwärmung und der drohenden Klimakatastrophe stehen alle Signale auf Rot.
Memoria Historica
... wird die Aufarbeitung von Krieg und faschistischer Diktatur genannt, die bis heute (fast 89 Jahre danach) noch immer nicht abgeschlossen ist. Die mit der Exhumierung von Kriegsopfern beauftragte Wissenschafts-Gesellschaft Aranzadi klappert dafür die baskischen Friedhöfe ab. Nach Bilbo-Begoña und Urduña war 2024 der Gräbergrund von Zornotza-Amorebieta an der Reihe. Dabei konnte erneut zwei unbekannt verscharrten Leichen ihr menschlicher Name zurückgegeben werden – dank DNA-Vergleichen mit Nachkommen. Nach wie vor und trotz Progre-Regierung in Madrid sind die baskischen Fortschritte auf diesem Gebiet beispielhaft. Die neue sozialdemokratische Ära mit Billigung der baskischen Linken hat der Aufarbeitung des Franquismus in Navarra ebenfalls eine neue Dynamik gegeben, Folter wird erforscht und behördlich anerkannt, Orte von Verbrechen werden als Orte der Erinnerung definiert.
Metropolen
Wenig Bewegung in den baskischen Metropolen. Baiona und Vitoria-Gasteiz verzeichnen business as usual. In der Iparralde-Stadt geht der 72-jährige Jean-René Etchegaray in sein 11. Amtsjahr als Bürgermeister und in sein 8. Jahr als Vorsitzender des Verbandes baskischer Gemeinden im französischen Staat (Euskal Hirigune Elkargoa, EHE). Die Araba- und Euskadi-Hauptstadt hat mit der Sozialdemokratin Maider Etxebarria die erste Frau an der Spitze. Bilbo und Donostia arbeiten weiter fleißig an ihrem Weltruhm als Top-Tourismus-Ziele und sind auf dem besten Weg, ihren alten Charakter zu verlieren, gegen Gentrifizierung wächst der Widerstand. In Iruñea-Pamplona tobt die Diskussion um den Abriss eines historischen Gebäudes. Die Franquisten hatten für die Faschisten-Generäle Emilio Mola und José Sanjurjo 1942 ein Mausoleum mit dem Namen “Monument für die Gefallenen“ bauen lassen, das der linke Alt- und Neu-Bürgermeister Asiron nach delikaten Verhandlungen leeren lassen konnte. Das prächtige Gebäude könnte nun einem anderen Zweck zugeführt werden, zur Erinnerung an die Schrecken des Faschismus zum Beispiel. Doch um jegliches Symbol der alten Herrschaft zu tilgen, fordert ein Teil der Memoria-Bewegung den kompletten Abriss, um künftige Reminiszenzen zu vermeiden.
Migration
Um die 15% der Bevölkerung von Hegoalde, dem Süd-Baskenland, bestehend aus den Provinzen Nafarroa, Gipuzkoa, Bizkaia und Araba, wurde nicht im spanischen Staat geboren – ein Ergebnis des spanischen Statistik-Instituts (INE). In den Küstengebieten (Gipuzkoa, Bizkaia) liegt der Anteil mit 9,9% niedriger als in Araba mit 17% und Nafarroa mit 20%. Grund dafür sind höhere Mietkosten (G + B) und bessere Möglichkeiten (N + A), in der Landwirtschaft eine irreguläre Arbeit zu finden.
Demgegenüber stellt das staatliche Observatorium für Rassismus und Xenophobie fest, dass 30% der im Internet verbreiteten Hass-Botschaften sich gegen Migration wenden. “Bevorzugte“ Hassobjekte sind Menschen aus Afrika (34%), Migrantinnen allgemein (25%), Islam-Gläubige (23%) und Leute afrikanischer Abstammung. Solche Botschaften werden verbreitet über Instagram und Facebook (je 60%), weniger bei X (25%), sowie bei YouTube und Tik-Tok (je 8%). Dabei wird viel mit Lügen und Fake News gearbeitet. Das baskische Institut Eustat teilt mit, dass eine Mehrheit der Bevölkerung von Euskadi davon ausgeht, dass 40% der Migrantinnen arbeitslos sind, real sind es 13%. Viele denken, dass 50% der Eingewanderten staatliche Unterstützungs-Zahlungen erhält, dabei sind es nur 10%.
Die politische Polarisierung im spanischen Staat hat direkte Auswirkungen auf die Haltung der Bevölkerung zum Thema Migration. Die große Mehrheit der Immigrantinnen ohne Papiere kommt in Andalusien und auf den Kanaren an. Diese Personen anteilmäßig auf alle Regionen im Staat aufzuteilen, scheitert am Rassismus der postfranquistischen PP und vor allem an der neofaschistischen Vox-Partei. Die Regierung der Kanarischen Inseln beklagt die daraus entstehende wirtschaftliche und strukturelle Überlastung. Für Euskadi hat dies zur Folge, dass relativ viele unbegleitete Minderjährige (Menas) versorgt werden. Obwohl es in Euskadi von Seiten des baskischen Parteien-Spektrums (Ausnahme PP und Vox) bislang keine offen rassistischen Diskurse gab, hat die PNV mit der Klage über die Menas begonnen, was in xenophoben Kreisen gerne aufgenommen wird.
Der baskischen Polizei wird seit der Pandemie offener Rassismus nachgesagt, das bezeugen verschiedene NGOs, SOS Rassismus und Nachbarschafts-Verbände, häufig ist es öffentlich zu beobachten: Razzien nach ethnischen Kriterien, Personen-Check mit Schlägen und Drohungen. Über einen Stimmendeal mit der PSOE in Madrid hat sich die baskische Regierung die Kompetenz an Land gezogen, Arbeitsgenehmigungen an Migrant*innen auszugeben. Bleibt abzuwarten, wie die PNV-PSOE mit diesem Recht umgeht.
Museen
Die Etablierung eines zweiten Mega-Museums in Bilbo geht in die Verlängerung. Die von Star-Architekt und Pritzker-Preisträger Norman Foster entworfene umstrittene Erweiterung des Museums der Schönen Künste (Bellas Artes) hat einen Rückschlag der typischen Art erlitten: eines der Unternehmen, die Sub-Verträge eingeheimst hatten, ging pleite und hat ein Loch in den Konstruktions-Kalender gerissen, der die Neueröffnung um wenigstens ein Jahr verschiebt.
Unterdessen hat das Guggenheim-Museum Bilbao das zweitbeste Besuchs-Ergebnis seiner Geschichte eingefahren. Im 28. Jahr seiner Existenz steht der Titan-Schüssel ein wichtiger Personalwechsel bevor. Der bisherige Chef Juan Ignacio Vidarte geht in Rente und macht Platz für Miren Arzalluz, die sich über eine komplizierte Bewerbung den Platz erkämpft hat. Nicht ohne Polemik, ist die Nachfolgerin doch die Tochter des historischen PNV-Vorsitzenden Xabier Arzalluz (1932-2019), derartige Entscheidungen riechen immer nach irregulärer Einflussnahme. Der neuen Vorsteherin steht mit dem Plan eines zusätzlichen Doppel-Museums nahe Gernika hausgemachtes Ungemach bevor, solange das in der Bevölkerung nach wie vor unbeliebte Mega-Museum am Plan festhält.
Neben so viel Stress über unsinnige Pläne hier wie da geriet ein doppeltes Künstler-Jubiläum etwas in den Schatten. Nestor Basterretxea und Eduardo Chillida hätten beide ihren 100. Geburtstag feiern können, wenn sie nicht 2014 bzw. 2003 gestorben wären. An den als universeller Künstler betrachteten Chillida, rund um den Planeten mit Skulpturen vertreten, wurde in Menorca, Rom, Österreich und San Diego erinnert und selbstverständlich in seinem selbstgemachten Mausoleum Chillida-Leku in Hernani (Gipuzkoa). Basterretxea, weniger universell, dafür facettenreicher (Film, Architektur, Design) erhielt seine Hommage im umbau-geprägten Museum der Schönen Künste Bilbao. 86 Jahre alt wurde Richard Serra, dessen gigantische geschwungene Eisenwände eine riesige Halle des Guggenheim-Museums Bilbao füllen, bevor er im März das Zeitliche segnete.
Musik
Fermin Muguruza, bekannt aus der Kulturbewegung Rock Radikal Vasco, als Frontman von Kortatu, Negu Gorriak und zuletzt als Filmemacher, begeht sein 40. Bühnenjubiläum. Grund genug für eine “Welt-Tournee“, die an Weihnachten in Bilbo mit einem Doppelkonzert begann und 2025 in Donostia enden wird. Eine andere Legende baskischer Musik hat seinen Abgang auf etwas stillere Art angekündigt: Benito Lertxundi, Liedermacher, der bereits im Franquismus gegen die Zensur kämpfen musste, verabschiedet sich ohne Konzert mit einer letzten Scheibe.
Palästina
Keine Woche ist seit Beginn des zionistischen Krieges gegen die palästinensische Bevölkerung vergangen, in der das Baskenland nicht zumindest einen Ausdruck von Solidarität mit jenem Volk gesehen hätte. Diese Solidarität hat Geschichte, Jahrzehnte lang fuhren regelmäßig Brigaden in den Nahen Osten, um sich über die Situation zu informieren. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern ist es in Euskal Herria selbstverständlich, den Satz “Vom Fluss bis zum Meer“ auf dem Transparent zu tragen. Die unsäglich und häufig verlogene Antisemitismus-Debatte existiert nicht, Zionismus wird als Version von Kolonialismus und Imperialismus verstanden und abgelehnt, der Begriff “Völkermord“ wird als adäquate Beschreibung dessen begriffen, was sich in Gaza und im West-Jordanland abspielt. Solange sich dies nicht ändert, hängen an baskischen Balkonen mehr palästinensische als baskische Flaggen.
Politische Gefangene
Die Zahl der baskischen politischen Gefangenen, in der Mehrheit ehemalige ETA-Aktivist*innen, nimmt nur langsam ab. Ein Teil sitzt seine Strafe bis zum letzten Tag ab, einigen stehen dabei noch Jahrzehnte von Knast bevor. Andere versuchen, gegenüber den Behörden ihre Reue zu bezeugen, was nach einer Art von Gewissens-Prüfung zur Akzeptanz oder zur Ablehnung führt. Die als glaubwürdig eingestuft werden, kommen in den so genannten 3. Grad und werden zu Freigängern, seit die baskische Regierung die Gefängnis-Verwaltung übernommen hat. Nur eine Minderheit der Gefangenen lehnt Reue-Bezeugungen ab, weil sie als Gehirnwäsche begriffen werden und angesichts der politischen Motivation der ETA-Aktionen de facto einen Unsinn darstellt.
Die Hafterleichterungen einerseits schließen andererseits nicht aus, dass von der spanischen Justiz neue Verfahren angestrengt werden, um ehemals als Verantwortliche von ETA ausgemachte Personen erneut vor Gericht zu stellen. Die von einer Reihe von ultrarechten Juristen durchsetzte spanische Justiz (“Rachejustiz“) hat mit einer Gesetzes-Änderung allerdings einen Rückschlag erlitten. Europäisches Recht sieht vor, dass in Frankreich abgesessene Strafen auf solche in Spanien angerechnet werden, die spanische Justiz hat dies jedoch bislang negiert. Dies wurde durch eine scheinbar unwesentliche Gesetz-Änderung korrigiert, die im spanischen Parlament einstimmig (!) beschlossen wurde. Doch als die Tragweite der Änderung deutlich wurde – nicht wenige baskische Gefangene müssten demnächst entlassen werden – lief die spanische Ultrarechte Sturm und beschuldigte die Regierung der Täuschung. Am zweiten Samstag im Januar gehen in Bilbao Zehntausende auf die Straße, um ein Ende der Sonderjustiz gegen baskische Gefangene zu fordern.
Pressefreiheit
Mehr als zwei Jahre verbrachte der baskische Journalist Pablo Gonzalez aus einem Dorf bei Gernika, in Russland geboren, in polnischer Isolationshaft. Vorgeworfen wurde ihm Spionage ohne Beweise. Schließlich kam er frei über einen groß angelegten Gefangenen-Austausch zwischen den USA und Russland. Seit er Putin nach der Ankunft auf dem Flughafen die Hand gab, gibt es keine Lebenszeichen mehr. Die bürgerliche Presse spekuliert, er sei tatsächlich Spion gewesen und könne deshalb nicht zu seiner Familie ins Baskenland zurück.
Renten
Die soziale Bewegung der baskischen Rentnerinnen und Rentner ging in das sechste Jahr ihrer Existenz. Als Jahres-Höhepunkt wurde im Mai ein internationaler Kongress in Bilbo organisiert, bei dem auch eine deutsche Botschaft verlesen wurde. Vertreten waren Delegationen aus Galicien, Asturien, Andalusien und Iparralde sowie verschiedene linke und anarchistische Gewerkschaften. Für das siebte Jahr ist eine außerparlamentarische Gesetzes-Initiative in Arbeit, mit der die Forderungen der Bewegung nach mehr Rente und dem Ende der Diskriminierung der Rentnerinnen erreicht werden soll.
Sport
Das baskische Publikum kann seinen Leib- und Magen-Sport Pelota – Euskal Pilota – demnächst auch bei internationalen Wettbewerben genießen. Dafür sorgte eine von der PNV erhandelte Änderung des spanischen Sport-Gesetzes, das vorher für die Exklusivität spanischer Verbände gesorgt hatte. Die spanische Rechte und Ultrarechte laufen Sturm gegen die Aufnahme des baskischen Verbandes in die Internationale Pelota-Föderation. Dabei wird dieser Sport nirgends in der Welt so geliebt, gefördert, gespielt und live übertragen, nirgendwo gibt es so viele Clubs und Jugendarbeit, nirgendwo so viele Varianten dieses Spiels nebeneinander (Esku, Jai Alai, Remonte, Trinkete, Pala, …). Rein sportlich macht eine Handvoll Pelotaris die Meisterschaften unter sich aus, Frauen-Pelota wird insbesondere im Fernsehen gefördert. Ebenso das als Cesta Punta bekannte Jai-Alai-Spiel mit den gekrümmten Körben, in Euskal Herria stand es kurz vor dem Aussterben, seit einigen Jahren lebt es auf, mithilfe von aufeinander folgenden Turnieren. Gleiches gilt für die verwandte Version Remonte, die mit Plastikschlägern gespielt wird und einem anderen Regelwerk folgt.
Lieblingssport Nummer zwei – die Traineras – sind zu einer Domäne des Urdaibai genannten Clubs aus Bermeo geworden. Die Ruderer aus der bizkainischen Hafenstadt – Bermeotarrak – haben alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Traineras als Sport geht zurück auf die Arbeit der Walfang-Boote, dazu gehören 13 Ruderer und ein Steuermann (-frau). Saison-Höhepunkt sind die beiden ersten September-Wochenenden mit zwei Regatten in der Concha-Bucht, die von einem Volksfest erster Güte begleitet werden. Bei den Frauen dominiert derzeit Arraun Lagunak aus Donostia.
Tourismus
2024 wird als das Jahr der ersten Massen-Proteste gegen die Folgen von Massen-Tourismus in die Tourismus-Geschichte eingehen: Kanaren, Mallorca, Venedig, Amsterdam, Rom, Barcelona … Die bürgerliche Weltpresse hat dem Phänomen polemisch den Namen “Tourismus-Phobie“ verliehen, als würde es sich um eine Geisteskrankheit handeln. Wie überall auf der Welt, wo der exzessive Tourismus das Alltagsleben erstickt und den Einheimischen das Leben zur Hölle macht, wächst auch im Baskenland der Widerstand gegen zu viel Reisebesuch. Gasteiz hat das Problem nicht, in Donostia und Bilbo hingegen regt sich der Protest gegen neue Hotels, Lärmbelästigung, die Privatisierung von öffentlichem Raum, Preissteigerungen und kollateral verursachte Wohnungsnot, weil immer mehr Wohnungen an Plattformen wie Airbnb gehen.
Die Probleme sind derart offensichtlich, dass auch die Behörden nicht mehr die Augen verschließen können, zu einer Umkehr ihrer Förder-Politik sind sie jedoch nicht bereit. Die Verwaltung in Bilbao verkündete lediglich eine Auszeit bei der Erteilung von neuen Lizenzen für Tourismus-Wohnungen, nichts als ein Tropfen auf den heißen Stein. Nicht vergessen darf in diesem Zusammenhang der wachsende Widerstand gegen das zweite Guggenheim-Museum im Urdaibai-Naturschutzgebiet, der dem Biosphären-Reservat nach Regierungs-Meinung einen vernichtenden Tourismus-Schub bringen soll.
Waffenindustrie
Zusammen mit der Region Madrid stellt das kleine Baskenland die größte Ansammlung von Unternehmen der Militär-Industrie. Jeder Krieg, egal wo und gegen wen, beschert diesem Industriezweig Millionen-Gewinne. Baskisches Material mordet mit in der Ukraine und in Gaza. Dass das so bleibt, dafür sorgt die baskische Regierung mit wohlwollender Steuerpolitik und billigen Produktionskrediten. Die spanische Regierung sorgt für die notwendigen Export-Lizenzen, bevorzugt in Kriegsgebiete.
Wahlen
Die Regional-Wahlen in der Autonomen Region Baskenland (CAV) brachten im Wesentlichen zwei Resultate. Erstens wurde ein neuer Ministerpräsident gewählt (Imanol Pradales für den drögen Iñigo Urkullu), von derselben Partei (der rechten PNV), mit derselben Koalition (inklusive Sozialdemokraten), allerdings mit einem dünneren Stimmenpolster. Zweitens hat die baskische Linke, ehemals ETA-nah und in Form ihres neuen Auftretens als EH Bildu nach Abgeordneten mit der Rechten gleichgezogen (27), ein Überflügeln scheint nur noch eine Frage der Zeit, bei den Europa-Wahlen im Juni erfolgte das vor Jahren noch Undenkbare bereits einmal (26% zu 22%).
Die Unabhängigkeits-Linke mit dem Technokraten Pello Otxandiano als neues Bildu-Gesicht hat dafür den Preis eines Rechtsrucks gezahlt, denn keine Linke kann im bürgerlichen Lager mit radikalen Positionen Wähler-Stimmen ködern. Um ihren realpolitischen Schwenk weiter zu untermauern, stimmt Bildu (wie auch im spanischen Staat) nun auch neoliberalen Haushalten zu, für nicht mehr als symbolische Gegenleistungen. Der Unabhängigkeits-Forderung wird ein historisches Tief nachgesagt, die Rechte frohlockt. Weil der PNV der zweite Platz droht, hat sie mit einer Pseudo-Erneuerung ihres Leitungs-Personals begonnen. Neben einem neuen Lehendakari wurden neue Provinzfürsten gewählt, dabei wurden die Kandidat*innen der alten Garde derart gepuscht, dass das neue Panorama eine Kopie des alten ergab.
Wein
Im Kampf um ein eigenes unabhängiges Qualitäts-Zertifikat mussten baskische Winzer*innen und baskische Regierung eine empfindliche Schlappe einstecken. Ein Gericht stoppte den Versuch, im Weingebiet Rioja ein ausschließlich baskisches Gütesiegel (DOC) zu gründen. Zum besseren Verständnis: zum Weingebiet Rioja gehören ein Teil der baskischen Provinz Araba (Rioja Alavesa) nördlich des Ebro und ein Teil der spanischen Provinz La Rioja südlich des Flusses. Die nördlichen, also baskischen Weinfelder sind sonnenverwöhnt und von hoher Qualität, die südlichen (nicht-baskischen) Gebiete weisen häufig Richtung Norden, sind von Bergen geprägt und ergeben einen Wein von geringerer Qualität. Jedoch sind die Süd-Winzer im DOC-Kontrollorgan in der Mehrheit und bestimmen die Politik. Um ihre Qualität stärker in die Waagschale zu werfen, versuchten die baskischen Winzer deshalb, mit Hilfe der baskischen Regierung eine eigene DOC-Marke zu gründen. Die gerichtliche Ablehnung ist für viele baskischen Kellereien ein herber Rückschlag.
Wohnungsnot
Preissteigerungen, Immobilien-Spekulation, Tourismus-Wohnungen, verfehlte Wohnbau-Politik, fehlende Sozialwohnungen, mangelhafter politischer Wille der Verantwortlichen und eine Politik, die allein auf die Interessen und die Lobby der Bauindustrie zielt, haben zusammen eine völlig unerträgliche Situation auf dem Markt für Eigentums- und Miet-Wohnungen geführt. Zahlungs-Unfähigkeit und Zwangs-Räumungen häufen sich. Ein Dach über dem Kopf ist noch lange kein Menschenrecht geworden, was alleine zählt ist der kapitalistische Profit der Bauindustrie.
Über ein Wohnungsbau-Gesetz hat die spanische Regierung die Steigerung der Mietpreise auf 2,2% beschränkt, Stadtverwaltungen haben die Kompetenz, das ganze Stadtgebiet oder Teile davon als Spannungsgebiete zu definieren, für die spezielle Maßnahmen ergriffen werden können. Weil all das keine Problem-Lösung bedeutet, wurden an vielen Orten neue autonome Miet-Gewerkschaften gegründet, die Betroffene organisieren, darunter viele Migrant*innen, und mit Besetzungen, Menschenketten und Demonstrationen das Recht auf Wohnraum verteidigen.
Worte des Jahres
Wer den Begriff Tourismus-Phobie erfunden hat, ist nicht bekannt, die bürgerliche Presse griff es jedenfalls gerne auf, um die aufkommende Kritik am Massen-Tourismus zu diffamieren. Der Begriff impliziert eine Komplett-Ablehnung – Homophobie, Arachnophobie, Xenophobie – als ob die Ablehnung des vorherrschenden Tourismus-Modells nicht vereinbar wäre mit eigenem sozialverträglichem Reisen.
Gabarra ist ein Lastkahn mit flachem Kiel, der hauptsächlich für den Transport schwerer Güter auf Flüssen und Kanälen benutzt wird. Da er keinen eigenen Motor hat, muss er von einem Schleppboot gezogen werden. In Bilbao hat die Gabarra dazu besondere Bedeutung erlangt bei den Feiern des Fußballclubs Athletic. Zuerst nach dem Gewinn der Meisterschaft 1984 wurde die Gabarra dazu benutzt, mit dem siegreichen Team eine triumphale Flussfahrt zu unternehmen und sich von Millionen Fans bejubeln zu lassen. Erst 40 Jahre später, nach dem Pokalsieg im April 2024, war es wieder so weit, den Kahn flott zu machen, für zwei Generationen von Athletizaleak wurde die Legende zur Realität. Profan gesehen ist die Gabarra ein Schiff, das 1960 in der Celaya-Werft gebaut wurde, im Auftrag des autonomen Hafens von Bilbao, Gabarra nº 1 genannt.
Ausblick 2025
Von Francos Tod 1975 bis 2025 sind 50 Jahre unvollständiger Demokratie zu vermelden, die von A bis Z von den alten Franquisten konditioniert war und ist. Daran täuscht auch die Präsenz von Podemos in der Zentralregierung nicht hinweg. Regime von 1978 ist das mittlerweile gebräuchliche Begriff für den alten Wein in neuen Schläuchen. Die Sozialdemokraten wollen den unsäglichen Jahrestag für eine Werbekampagne nutzen, die die Vorzüge des demokratischen Systems herausstreicht. Millionen Faschisten und ihre Sympathisanten im Staat werden den Jahrestag sicher in gegenteiliger Hinsicht begehen – stellen wir uns nur einmal vor: eine Gedenkveranstaltung für Franco in Madrid mit Meloni Trump, Milei, Abascal Le Pen und vielleicht von der Leyen ... auszuschließen ist heutzutage gar nichts mehr. Zu befürchten ist nicht nur das Aufleben alter Verherrlichungen, sondern auch die Zunahme der gesellschaftlichen Spaltung. Bleibt abzuwarten, ob die antifaschistische Bewegung in der Lage ist, eine kritische Note zu setzen.
Herausragender Extra-Event im Baskenland wird 2025 das Finale der Europa-League, gewürzt mit der potenziellen Teilnahme von Athletic Bilbao oder Real Sociedad San Sebastian, beide in diesem Wettbewerb vertreten.
ANMERKUNG:
Zur Mehrzahl der in diesem Rückblick angerissenen Themen hat Baskultur.Info während des Jahres 2024 (und vorher) ausführliche Artikel publiziert. Bei der thematischen Suche helfen die Schlagworte der Webseite. Mehr Berichte zu diesen Themen sind zu finden im Blog Baskinfo, viele allerdings auf Spanisch oder Baskisch, ebenfalls mit Schlagworten bzw. Etiketten.
ABBILDUNGEN:
(*) Treidlerinnen Bilbo (Foto Archiv Txeng)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-01-06)
