aymane1aÜber Schweden nach Bilbao

Aymane Jelbat wurde in der marokkanischen Großstadt Casablanca geboren. Sein Traum war, der familiären Armut zu entfliehen und im feindlichen Europa ein besseres Leben suchen. Bei einem Trainingslager in Schweden flüchtete er mit einigen Freunden und schlug sich durch bis in den spanischen Staat, bevor er im Baskenland landete, in Vitoria-Gasteiz, Barakaldo und schließlich in Bilbao. Zufall war, dass er mit seinem aktuellen galicischen Club Ourense im Pokal gegen Athletic Bilbao spielte.

Aymane Jelbat erzählt die Geschichte seiner Flucht, seiner Aufnahme im Baskenland und dem einzigen Spiel bei seinem Traumclub Athletic Bilbao.

Aymane Jelbat, 25 Jahre alt, geboren in Casablanca, Marokko, ist Innenverteidiger bei Ourense, das am 18. Dezember 2025 im spanischen Pokal gegen Athletic Bilbao antrat. Er blickt zurück auf die beschwerliche Reise, die ihn mit einer Gruppe von 15-jährigen Landsleuten ohne Papiere durch halb Europa führte. Diese Reise von Nord nach Süd endete für ihn in einem Aufnahmezentrum für unbegleitete Minderjährige in Vitoria-Gasteiz. “Wir haben viel Leid erfahren.“

Seine Geschichte beginnt in einem armen Viertel von Casablanca. Er ist der einzige Sohn eines Ehepaares: Vater Redouane, einem ehemaligen Spieler von Raja Casablanca, der mit 25 Jahren wegen einer Verletzung seine Karriere beenden musste und als Jugendtrainer des Vereins arbeitete, und Mutter Farida, einer Friseurin. Der kleine Aymane Jelbat trat im Alter von vier Jahren ins Jugendteam des Clubs von Casablanca ein, wo er bis zu seinem 12. Lebensjahr spielte, bevor er von der Akademie Mohamed VI (Name des marokkanischen Königs) in Rabat rekrutiert wurde. Dorthin werden die vielversprechendsten marokkanischen Jugendlichen gebracht. Aymane begegnete dort den heute prominenten Fußballstars En-Nesery von Fenerbahce Istanbul und Ounahi, aktuell bei Girona.

Im August 2015 reiste er mit 15 Jahren mit einer Jugendauswahl der Akademie zu einem Turnier nach Göteborg (Schweden). Sieben Jungen, darunter auch er, machten sich aus dem Staub, um in Europa zu bleiben. Der Wunsch, der Armut zu entkommen, spornte sie zu diesem Schritt an. In Schweden waren sie ohne Geld und ohne ihre Pässe, die sich im Besitz des Delegierten der marokkanischen Expedition befanden. “Mein Traum war es, nach Spanien zu kommen, um Fußball zu spielen. Ich musste ihn verwirklichen”, erklärt Amane in einem Interview in Ourense. In Schweden begann eine 3.200 Kilometer lange Reise, die ihn ins südspanische Almería führte. Der erste Teil dieser Reise mit dem Zug: Göteborg-Malmö-Kopenhagen-Hamburg.

Schwierigkeiten in Deutschland

aymane2a“Zum Glück hatte einer von uns einen Pass und konnte manchmal Fahrkarten kaufen, aber auf anderen Strecken wurde ihm das nicht erlaubt“, erinnert er sich. Sie reisten als blinde Passagiere. In Deutschland hatten sie es am schwersten. Die Kontrollen waren strenger und es war nicht einfach, ohne Ausweispapiere in die Züge zu gelangen. “Wir schliefen zwei Wochen lang zwischen dem Bahnhof und einer Moschee. Wir versuchten es jeden Tag. Bis sich die Sicherheits-Vorkehrungen endlich lockerten und wir eine Chance hatten. Wir schlichen uns in einen Zug in die Niederlande“.

Von dort ging es weiter nach Belgien. Die Gruppe trennte sich. Einige fuhren nach Paris, drei andere, darunter Aymane, nach Almería, mit Busfahrkarten, die sie mit dem Geld gekauft hatten, das die Familie eines seiner jugendlichen Begleiter geschickt hatte. “Es waren Tausende von Kilometern, viele Entbehrungen und Strapazen“, fasst er zusammen. In Andalusien arbeitete er einige Wochen illegal bei der Gurkenernte.

Sein Vater hatte einen guten Freund in Vitoria-Gasteiz, der Hauptstadt der baskischen Provinz Araba, und der junge Jelbat tauchte im November 2015 dort auf. Von ihm und seiner Frau, einem kinderlosen Ehepaar, wurde er aufgenommen. Der Marokkaner empfahl ihm, sich zur Regularisierung seiner Situation am besten in einem Aufnahmezentrum für unbegleitete Minderjährige zu melden. Das tat Aymane. Anfang 2016 kam er nach Bideberri, wo er fast zwei Jahre lang untergebracht war, bis er volljährig wurde.

Aymane hat gute Erinnerungen an das Zentrum, das können leider sicher nicht alle sagen, die solche von der baskischen Bevölkerung häufig kritisierten Aufnahme-Zentren durchlaufen. Offenbar hatte er Glück. Er hat nur Worte des Dankes für die Mitarbeiter*innen, die sich um sie gekümmert haben. “Es gibt dort sehr nette Leute. Das vergesse ich nicht. Ich war glücklich. Sie haben mir sehr geholfen. Wenn ich nach Vitoria-Gasteiz komme, besuche ich sie. Es gab zwei Erzieherinnen, Teresa und Arantxa, die mir Kleidung brachten und mir bei allem halfen, zum Beispiel beim Ausfüllen von Formularen und bei der Wohnungssuche. Sie waren wie meine Mütter. Einige der Jungen, die mit mir dort waren, sind jetzt Erzieher“, erzählt er.

Handwerks-Kurse

Aymane machte Kurse zum Thema Gipskarton und arbeitete schließlich auch mit diesen Wand-Platten. Vom Zentrum aus ging er zum nahe gelegenen Fußballplatz von Adurtzabal, um dort zu kicken. Ein brasilianischer Betreuer, Marco, verschaffte ihm ein Probetraining beim Jugendverein CD Vitoria, für den er dann drei Spielzeiten lang kickte. Von dort wechselte er zum Club in Amurrio, mit dem er in die dritte Liga aufstieg, und anschließend zu San Ignacio, dem Nachwuchs-Verein von Deportivo Alavés, dem Proficlub in Vitoria-Gasteiz.

Zu dieser Zeit lernte er im Aufnahme-Zentrum Maroan Sannadi kennen, der im Frühjahr 2025 zu den Profis von Athletic Bilbao wechselte und als Mittelstürmer im Erstliga-Team spielt. “Wenn ich zum Spielen ging, war er immer auf den Plätzen, auf denen ich spielte. Wir wurden enge Freunde und wurden beide bei Alavés unter Vertrag genommen. Seine Familie und er haben mir sehr geholfen. Sie brachten mir marokkanisches Essen mit. Für mich ist er nicht nur ein Freund, sondern auch ein Bruder, von dem ich weiß, dass er alles für mich tun würde.“

2022 kam Aymane nach Barakaldo. “Sie haben mich wunderbar aufgenommen. Von Imanol de la Sota habe ich viel gelernt. Ich bin aus Barakaldo und Fan von Athletic. Tatsächlich fühle ich mich wie ein Baske.“ Durch seinen Vertrag bei Barakaldo konnte er beginnen, seinen Eltern, die nicht mehr arbeiten, Geld zu schicken, er unternahm Schritte, um sie ins Baskenland zu holen. Seine Leistungen bei Barakaldo weckten das Interesse von Athletic, das im Januar 2023 über eine Verpflichtung nachdachte, diesen Schritt aber schließlich erst im Sommer desselben Jahres vollzog. Ein großer Schritt in seinem Leben. Bei Athletic Bilbao spielen bekanntlich nur im Baskenland geborene Fußballerinnen und Fußballer, aber auch solche, die in Euskal Herri das Kicken gelernt haben, egal wo geboren.

Der Traum von Athletic

Aymane erinnert sich an diesen aufregenden Moment: “Ich war mit meiner Familie in Marokko, als sie mir davon erzählten. Ich war total begeistert. Ein Junge wie ich, der aus Marokko geflohen ist, würde nie daran denken, dass er ins Athletic-Trainings-Zentrum nach Lezama gehen, mit dem ersten Team trainieren und sogar ein Spiel bestreiten würde.“

aymane3aEr zog zu den Nachwuchs-Spielern Izeta und Padilla, aber als Maroan nach Barakaldo kam, zogen die beiden “Brüder“ gemeinsam in eine Mietwohnung in Basauri, in der Maroan noch einige Monate nach seinem Wechsel zu Athletic im Januar 2024 wohnte. “Sein Vater ist Metzger, er schickte uns Koteletts, die wir nach unseren Spielen in Barakaldo aßen. Ich liebe Maroan, ich würde alles für ihn tun. Ich spreche fast jeden Tag mit ihm. Es ist schade, dass er wegen einer Verletzung nicht spielen kann, denn ich hätte gerne ein Tor gegen ihn geschossen.“ Dabei bezieht sich Aymane auf das Pokalspiel, das er im Dezember 2025 mit dem galicischen Club Ourense gegen Athletic bestritt.

An den Tag seines Auftritts mit Athletic erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen. Es war im August 2023 in Sestao, ein Freundschaftsspiel gegen Eibar, das 1:1 endete und in dem er 26 Minuten spielte. “Es war ein Traum, bei Athletic zu debütieren und die Umkleidekabine mit Weltstars zu teilen.“

Er bedauert, dass er nicht weiter machen konnte. Nach einem Jahr in Lezama kehrte er 2024 nach Barakaldo zurück. Dennoch gibt er die Hoffnung auf eine Rückkehr nicht auf. “Ich war am Tag des Abschieds von Oscar De Marcos im Stadion San Mamés. Er sagte: ‘Es gibt Leute auf der Tribüne, die eines Tages hier spielen werden.‘ Das hat mich sehr berührt. Ich dachte mir: Ich werde alles tun, damit ich das sein kann.“

“Ich fühle mich wie ein Baske. Seit meiner Ankunft wurde ich sehr gut aufgenommen. Ich habe nie ein böses Gesicht gesehen oder eine unfreundliche Geste erlebt. Bei Athletic zu spielen hat mir sehr geholfen“, betont er. Er ist ein so überzeugter rot-weißer Fan, dass er sich noch immer begeistert an die Gabarra erinnert, das Lastschiff, mit dem Athletic auf dem Nervion-Fluss seinen Pokalsieg 2025 feierte. “Ich war mit meinen Freunden dort, um ausgelassen zu feiern. Wir haben uns in der Gegend um das Guggenheim aufgehalten. Das war ein Tag, den ich nie vergessen werde.“

Aktuell spielt Aymane Jelbat beim Drittliga-Club Ourense aus Galicien. Gleich zwei Erstligisten konnte Ourense in den ersten beiden Pokalrunden ausschalten. Und wie es der Zufall wollte, wurde in der dritten Runde ausgerechnet sein Lieblingsclub Athletic Bilbao zugelost. Er gibt zu, dass dies die Paarung war, die er sich am meisten gewünscht hatte. Während seine Teamkollegen in der Umkleidekabine von Real Madrid oder Barcelona träumten, war für ihn klar: “Ich wollte gegen Athletic spielen. Ich freue mich sehr darauf, gegen meine Freunde anzutreten, mich mit ihnen und mit Weltstars wie Nico oder Iñaki Williams zu messen.“

Aymane Jelbat träumte von einer Sensation. “Der schlechte Rasen hilft uns sicherlich. Man kann dort eigentlich nicht spielen. Außerdem hat das keinen Einfluss auf uns in unserer Liga. Wir müssen alles geben, um einen weiteren Erstligisten auszuschalten, auch wenn das sehr schwierig ist.“ Dazu kam es am Ende nicht. Erst in der Verlängerung erzielte Athletic das entscheidende eins zu null. Dennoch ein großes Erlebnis für Aymane Jelbat, den marokkanischen Flüchtling, dessen Lebensreise in Casablanca begann und über Göteborg und Bilbo nach Galicien führte. Dort ist sie nach der heutigen Dynamik des Profi-Fußballs sicher noch nicht zu Ende.

ANMERKUNGEN:

(*) “El ‘hermano’ de Maroan que juega en el Ourense, huyó de Marruecos y debutó con el Athletic” (Maroans ‘Bruder’, der bei Ourense spielt, floh aus Marokko und debütierte bei Athletic), Tageszeitung El Correo, 2025-12-16 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Aymane Jelbat (elcorreo)

(2) Aymane Jelbat (elcorreo)

(3) Aymane Jelbat (as)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-12-20)

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