zinemaldi25aNichts geht ohne Palästina

Zinemaldia, das Internationale Filmfestival von San Sebastian (Donostia) geht in seine 73. Ausgabe. Im Vorfeld versprach der Direktor Rebordinos einen rebellischen Geist der international vielbeachteten Veranstaltung: “Das diesjährige Festival bietet mehr Konflikt-Filme denn je.“ Gemeint ist nicht zuletzt das Thema Palästina, im Baskenland geht nichts mehr ohne die Anklage des zionistischen Völkermords gegen die palästinensische Bevölkerung. Die Festival-Leitung bekennt sich dazu ohne Wenn und Aber.

Wenige Stunden vor Beginn der 73. Ausgabe von Zinemaldia stellte sich José Luis Rebordinos einem Iterview. Nach der Programm-Vorstellung lässt der Direktor die Höhepunkte Revue passieren, die 2025 in Donostia erwartet werden.

Zinemaldia startete am 19. September 2025 in eine neue Ausgabe, die stark von aktuellen internationalen Ereignissen geprägt ist. Der Völkermord in Gaza, der Aufstieg rechtsextremer Bewegungen, und Filme mit klarer sozialer Ausrichtung prägen das Programm, das dieses Jahr beim Festival in San Sebastián gezeigt wird. Auch das baskische Kino ist in dieser Ausgabe überall und insbesondere in der offiziellen Sektion stark vertreten, wo die Moriarti mit dem baskisch-sprachigen Film “Maspalomas” in den Wettbewerb zurückkehren und um den Festival-Preis der Concha de Oro (Goldene Muschel) kämpfen, die auch Alauda Ruiz de Azúa aus Bizkaia mit “Los domingos” (Die Sonntage) anstrebt. Am Abend wurde der rote Teppich für die bekannte spanische Regisseurin Esther García ausgerollt, die den ersten Donostia-Preis erhält, am kommenden Freitag wird die Schauspielerin Jennifer Lawrence ihre Nachfolge antreten.

zinemaldi25bDas Festival begann in untypischer Form, mit schwarzen Kleidern und Palästina Fahnen: ein "Glamour" der Solidarität. Juliette Binoche war die erste Star-Person, die eintraf an einem heißen Tag, an dem mehrere tausend Menschen gegen den Völkermord in Gaza protestierten. Es war eine andere Art von rotem Teppich, zwischen dem Glamour der Stars und der Solidarität mit Palästina. Eine große Demonstration brachte gestern Abend Tausende vor dem Kursaal zusammen, viele der geladenen Gäste trugen Aufkleber "gegen Völkermord". Die Schauspielerin María Isasi, Tochter der am Vortag geehrten Marisa Peredes, trug ein Kleid in den Farben der Palästina-Flagge, viele Gäste zeigten ihre Unterstützung für die Demonstranten. Wie Najwa Nimri: "Ich weiß Bescheid, denn ich bin die Tochter einer Jordanierin und eines Basken". Der spanische Minister Óscar López sagte, er sei "zufrieden", dass die Solidarität mit dem Gazastreifen sichtbar werde.

Neben den Stars waren fast noch mehr Politiker anwesend. Von der Zentralregierung die Vizepräsidentin Yolanda Díaz und Kulturminister Ernest Urtasun. Auch die baskische Regierung zeigte Präsenz, bis hin zu der linken Formation EH Bildu. Das Foto wollte niemand verpassen. (*) Am zweiten Festival-Tag erhielt der Schauspieler Eduard Fernández den Nationalen Filmpreis, bei seiner Dankresrede trug er ein Palästina-Tuch. Die Gruppe "Kino für Palästina" hat einen offiziellen Stand beim Filmfestival und verteilt Pins und Aufkleber, auf der Tribüne waren Palästina-Fahnen zu sehen, die Hälfte des Publikums trug solidarische Symbole wie die aufgeschnittene Melone. Der berühmte andalusische Regisseur Pedro Almodovar grüßte die Versammlung mit "Viva Palestina libre".

INTERWIEW MIT JOSÉ LUIS REBORDINOS

Erzählen Sie uns, wie sich die diesjährige Ausgabe präsentiert.

Ich denke, sie stellt sich ähnlich dar wie in den letzten Jahren. Wir haben ein Festival-Konzept, das funktioniert. Es geht darum, mit der Vielfalt und Qualität zu spielen, aber vor allem Vielfalt. Ich erinnere mich, dass der Filmkritiker Diego Galán vor vielen Jahren sagte, dass jeder Zuschauer seinen Film finden müsse. Es ist ein vielfältiges, heterogenes Festival, dessen Ziel es ist, unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen.

Sprechen wir über das Publikum, das Unterscheidungs-Merkmal dieses Wettbewerbs.

Darin ähneln wir dem Filmfest in Berlin. Letztes Jahr hatten wir 178.000 Zuschauer und Zuschauerinnen in neun Tagen, das ist Wahnsinn. Wir sind eines der Festivals, bei denen das Publikum am meisten zählt, das ist eines unserer Merkmale. Es gibt Produzenten, die gerne nach San Sebastián kommen, weil sie die Reaktion des Publikums auf ihren Film sehen wollen, bevor sie ihn veröffentlichen können.

Was würden Sie aus dem diesjährigen Programm besonders hervorheben?

Die große Vielfalt an Filmen. Das Kino spiegelt wider, was in der Welt passiert, also ist es sozusagen ein Festival mit mehr Konflikt-Filmen als je zuvor, weil es um die Welt sehr schlecht steht. Es gibt Filme zu vielen verschiedenen Themen, sogar ein Thriller wie “Los tigres” ist ein Film, der eine soziale Lesart von Armut und Ausgrenzung beinhaltet. Daneben den Film über Palästina (The Voice of Hind Rajab), der in Venedig für so viel Aufsehen gesorgt hat; wir haben einen chinesischen Film (Her Heart Beats in its Cage) über eine Frau, die ihren Mann tötet, der sie misshandelt; wir haben den Film von Lucrecia Martel (Nuestra tierra – Unsere Erde) über einen indigenen Anführer, der von Großgrund-Besitzern ermordet wird. Es gibt eine Linie des sozialen Kinos, die es in San Sebastián immer gibt, aber vielleicht ist sie dieses Jahr stärker als sonst.

Jemand fragte mich: Was ist die Linie des Festivals? Ich denke, die Linie des Festivals ist es, keine Linie zu haben, oder alle Linien auf einmal und zu versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten alle Formen und Tendenzen zu zeigen, die es derzeit in der audiovisuellen Welt gibt.

zinemaldi25cDie Präsenz des baskischen Kinos im offiziellen Wettbewerb ist dieses Jahr besonders auffällig.

Wir geben keinerlei Quoten vor, weder nach Geschlecht noch nach Ländern, aber wir erleben gerade einen Moment, in dem das spanische Kino im Allgemeinen und das baskische Kino im Besonderen eine unglaubliche Blütezeit erleben. Wir haben Jahre hinter uns, in denen es schwierig war, Filme in baskischer Sprache zu finden, es gab ein starkes baskisches Kino, und in diesem Jahr haben wir großartige Filme. Wir sprechen von “Karmele”, wir sprechen von einer Serie wie “Zeru ahoak” (Himmelsstimmen), für mich die stärkste Serie, die ETB (das öffentliche baskische Fernsehen) bisher produziert hat, wir sprechen von “Maspalomas” und von “Aro berria” (Neue Epoche, in der Rubrik neue RegisseurInnen). Das heißt, es handelt sich um Filme, die bereits eine gewisse Produktionsqualität haben und auf Baskisch sind. Das ist eine gute Nachricht, denn vor nicht allzu langer Zeit war es undenkbar, einen baskisch-sprachigen Film einer bedeutenden Produktion im offiziellen Wettbewerb zu haben. Es scheint, dass das baskische Kino gerade eine sehr gute Zeit erlebt.

Dieses Jahr wurde während der offiziellen Präsentation ein Manifest gegen den Völkermord in Gaza verlesen, Sie haben auch Filme mit sozialem und politischem Hintergrund erwähnt. Denken Sie, dass dies die kämpferischste Ausgabe der letzten Jahre werden könnte?

Wahrscheinlich wird es so sein. Bei Zinemaldia haben immer mehr diejenigen ein Gewicht, die ihre Stimme hören lassen wollen und die Orte nutzen, an denen sie die größte Wirkung erzielen können, solange dies mit Respekt geschieht. Ich gehe davon aus, dass der Tag, an dem der palästinensische Film gezeigt wird, zu einem großen Aufschrei gegen den Völkermord der Regierung Netanjahu werden wird.

Wir haben uns nie gegen soziale Bewegungen auf dem Festival ausgesprochen, sondern immer um Respekt gegenüber den Besucher*innen gebeten, die oft nicht wissen, was gerade passiert, um Respekt gegenüber den Filmen. Wir haben bereits eine Festival-Sektion für Gedanken und Debatten eingerichtet, weil wir es für wichtig halten, Räume zum Nachdenken und Diskutieren zu schaffen. Wir haben immer gesagt, dass hier alle willkommen sind, von konservativ bis progressiv, unter einer Bedingung: dass die Meinung anderer respektiert werden. Deshalb sind rechtsextreme Bewegungen wie Vox nicht willkommen, weil sie den Faschismus unterstützen und weil viele ihrer Mitglieder das Franco-Regime für gut heißen. Solche Leute können in einer Demokratie nicht willkommen sein. Wir dürfen bei der Verurteilung von Diktaturen keinen Schritt zurückweichen. Ein Festival muss das widerspiegeln, was das Kino widerspiegelt. Es stimmt, dass es in der heutigen turbulenten Welt viel mehr Filme über die ernsten Probleme gibt, mit denen wir konfrontiert sind, und das Festival muss dies widerspiegeln.

Sie haben vorhin einige Filmemacherinnen erwähnt, die Donostia-Preise gehen dieses Jahr an zwei Frauen. Wie sehen Sie die Entwicklung von Frauen in der Welt des Kinos?

Wir sind keine Befürworter von Quoten beim Festival, aber wir müssen erreichen, dass es Filme von Männern und Frauen auf gleichem Niveau gibt. Wir versuchen, alles zu sehen, was Frauen gemacht haben, es ist eine verrückte Suche nach Vorschlägen, und ich denke, wir sind auf dem richtigen Weg. Aber es gibt ein Thema, das uns Festival-Direktoren beschäftigt. Ich höre nächstes Jahr auf und komme zu spät, aber es gibt eine notwendige Debatte darüber, wie wir es schaffen können, dass diejenigen, die kein Geld haben, die Unsichtbaren, einen Film über sich selbst drehen können. Wir werden einen Film über die Cañada Real zeigen, “Ciudad sin sueño” (Stadt ohne Schlaf), den ich wunderbar finde, aber ideal wäre es, wenn aus dem Gebiet der Cañada Real selbst Filme über ihre Realität gedreht würden. Wie können wir das erreichen?

zinemaldi25dLetzte Frage. Welchen Eindruck hinterlässt das Festival Ihrer Meinung nach?

Ich würde eher vom Eindruck sprechen, den das Team in diesen vierzehn Jahren hinterlassen hat. Ich bin der Sprecher, aber ich arbeite mit einem großen Team zusammen. Wir sind vierzig Personen das ganze Jahr über. Ich glaube, eines der Dinge, die das Festival in den letzten Jahren am meisten geprägt haben, ist das Engagement für die Industrie. Dieses Festival hatte praktisch keine Industrie, und vor fünfzehn Jahren kamen wir zu dem Schluss, dass wir entweder auf eine Film-Industrie setzen oder untergehen würden.

Früher gab es viel Geld in der Welt des Kinos, und die Leute kamen, um ein paar Tage in San Sebastián zu verbringen. Das ist vorbei. Wer nach San Sebastián kommt, kommt zum Arbeiten, nur wenige können es sich leisten, einfach ein paar Tage hier zu verbringen. Selbst die großen multi-nationalen Unternehmen schicken ihre Leute nicht mehr wie früher zu den Festivals, sondern nur noch, wenn sie Filme haben, wenn sie konkrete Interessen haben, wenn sie kaufen oder verkaufen können. Dieses Engagement für die Branche mit der Schaffung des Ko-Produktions-Forums Europa-Lateinamerika und das Engagement für das Investoren-Treffen haben das Festival verändert. Als wir vor 15 Jahren zum Festival kamen, gab es nicht einmal 600 akkreditierte Branchen-Vertreter*innen, und dieses Jahr sind es 2.300. Es gibt industrielle Bewegung auf dem Festival.

Das zweite wichtige Thema, das viel mehr von einer der stellvertretenden Direktorinnen, Maialen Beloki, entworfen, durchdacht und umgesetzt wurde als von mir, ist das Thema des Festivals während des ganzen Jahres. Die Gründung der Filmschule Elías Querejeta, Ikusmira Berriak, Noka, die Filmvorführungen ... all das bedeutet eine Veränderung. Wir sind kein neuntägiges Festival mehr, sondern ein ganz-jähriges Festival.

Was noch? Ich denke, dass das Engagement für das spanische Kino im Allgemeinen und für das baskische Kino im Besonderen ebenfalls sehr stark war. Wir sind mit der Zeit gegangen, alle gemeinsam. Das sind drei klare Punkte, in denen wir uns verändert haben und jetzt stärker sind. Eine Aufgabe, die wir noch zu bewältigen haben, ist die Präsenz der internationalen Presse zu erhöhen. Wir stehen nicht schlecht da, wir haben über tausend Journalisten, über fünfhundert Medien, das ist gut. Aber mit dem Festival, das wir jetzt sind, sollten wir versuchen, mehr internationale Presse anzusprechen.

ANMERKUNGEN:

(*) “El de este año es un festival con más películas de combate que nunca” (Das diesjährige Festival ist ein Festival mit mehr Konflikt-Filmen als je zuvor). Interview mit José Luis Rebordinos, dem Direktor von Zinemaldia, dem internationalen Filmfestival San Sebastian, Tageszeitung Gara, 2025-09-19 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Zinemaldia 2025

(2) Rebordinos (naiz)

(3) Palästina-Zinemaldia (elcorreo)

(4) Ehrung Zinemaldia (elcorreo)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2025-09-20)

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