Das Anti-Kommerz-Festival

Am 26., 27. und 28. Juni wurde in Arberatze-Zilhekoa (französisches Baskenland) zum 30. Mal das Euskal Herria Zuzenean Musik- und Kultur-Festival (EHZ) durchgeführt. In drei Jahrzehnten hat sich die Welt stark verändert, ebenso die Festivals, die baskische Musikszene sowie die Art und Weise, wie Musik konsumiert wird. Das EHZ hat sich kaum verändert. Mattin Olzomendi ist seit Langem im Programmteam tätig und hat seine Gedanken zu diesen Entwicklungen mitgeteilt. Alle vier Jahre wird der Standort gewechselt.

Der Name Euskal Herria Zuzenean (EHZ), bedeutet Euskal Herria Live. Interessierte aus dem ganzen Baskenland verbringen hier drei Tage, die in ihrer Stimmung leise an Woodstock erinnern.

Eigentlich sollten noch ein paar mehr Kolleg*innen aus der Arbeitsgruppe EHZ am Interview teilnehmen, doch aufgrund kurzfristiger Planänderungen konnten sie den Termin nicht wahrnehmen. Eigentlich war es für das Team wichtig, ein Gruppeninterview zu führen, um den Eindruck einer gemeinsamen Reflexion zu vermitteln. Doch das Kommen und Gehen im EHZ-Büro während des Interviews machte deutlich: An der Organisation ist eine Vielzahl von Personen beteiligt, alle guten Willens und alle ehrenamtlich. In seiner Geschichte wurde das Festival EHZ an sechs verschiedenen Orten organisiert: Arrosa, Idauze-Mendi, Heleta, Lekorne, Irisarri und Arberatze. EHZ findet teilweise im Zentrum der Ortschaften statt, dabei wird die vorhandene Infrastruktur genutzt (Fronton, Sportplatz, Kulturhaus, Kirche), dazu kommt jeweils ein großes Gelände mit ein oder zwei Bühnen. Das Festival findet immer in Iparralde statt, dem französischen Teil des Baskenlandes. Interview mit Mattin Olzomendi wenige Tage vor dem Festival 2026. (1)

Wie war deine persönliche Entwicklung bei EHZ?

In den ersten Jahren, ab 1996, besuchte ich das Festival, damals in Arrosa. Meine Tante wohnte in Ortzaize, ganz in der Nähe, ein paar Freunde und ich übernachteten bei ihr zu Hause. Die ersten drei Jahre war ich Festivalbesucher, danach arbeitete ich als Helfer mit. In meinem zweiten Jahr bei Idauze-Mendi wurde mir eine Festanstellung angeboten. In Heleta war ich nur ein Jahr lang tätig, als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde (ein Jahr Knast wegen einer Protest-Aktion gegen ein Immobilien-Unternehmen), schloss ich mich dem Programm-Team an. Seitdem bin ich kontinuierlich dabei. Jetzt arbeite ich mit vielen jungen Leuten zusammen. Ich habe versucht, mich etwas zurückzuziehen, aber gleichzeitig ist es weiterhin sinnvoll und mache weiter. Ich versuche, nicht zu viel Raum einzunehmen, weil ich weiß, dass meine Stimme ein anderes Gewicht hat als die von anderen.

Was bedeutet Musik für dich?

Musik höre ich jeden Tag. Im Auto, bei der Arbeit, morgens, immer. Das ist für mich eine Notwendigkeit. Ich spüre, dass mir etwas fehlt, wenn ich zwei oder drei Tage lang keine Musik höre. Es ist wie eine Abhängigkeit. Außerdem mache ich schon seit meinem 15. Lebensjahr mit Freunden Musik. Diese Erfahrung trägt ebenfalls zur Gestaltung des Programms bei, denn ich weiß, wie es ist, in einer Band zu spielen. Und ich weiß, dass man Dinge auch anders organisieren kann, dass es oft eine Frage der Entscheidung ist.

Was bedeutet „live“ für dich?

Wenn du Musik machst, möchtest du bestimmte Emotionen hervorrufen, und bei einem Live-Auftritt suchst du genau diese Emotionen – du willst diese Verbindung zum Publikum herstellen. Ich habe die Gruppe Portishead beim Rock-en-Seine-Festival gesehen, wir waren 40.000 Leute und es herrschte Stille, sogar zwischen den Songs. Das ist das Größte, was du erreichen kannst. Dabei gibt es verschiedene Emotionen. Kürzlich waren wir bei einem Kneecap-Konzert, die Atmosphäre war eher politisch geprägt, es weckte andere Emotionen. Vielleicht schlichtere? Genau darum geht es bei Live-Musik, um die Verbindung zwischen Gruppe und Publikum.

Das EHZ steht vor der Tür

Das Festival feiert sein 30-jähriges Jubiläum, und wir wollten ein besonderes Programm auf die Beine stellen. Früher als je zuvor haben wir mit der Arbeit begonnen, ein tolles Team, wir verstehen uns gut. Aber es stimmt auch, dass wir mehr Hindernisse als je zuvor hatten und letztlich ein wenig frustriert sind – oder ich zumindest, weil wir nicht alles geschafft haben, was wir uns vorgenommen hatten. Aber das ändert nichts daran, dass es eine großartige Ausgabe werden wird und dass wir trotzdem zufrieden sind.

Habt ihr nicht alles erreicht, was ihr wolltet?

Beispielsweise versuchen wir schon seit drei Jahren, die Gruppe Kneecap zu engagieren, aber es ist uns noch nicht gelungen.

Was ist das Hindernis?

Sie treffen andere Entscheidungen. Sie sind letztes Jahr beim BBK Live Festival (2) aufgetreten. Wir hatten ihnen ebenfalls ein Angebot gemacht. Wenn sie gewollt hätten, hätten sie bei EHZ spielen können. Aber sie trafen andere Entscheidungen, sie denken an ihre Karriere. Sie sind auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und wahrscheinlich mittlerweile zu groß für uns.

Lass uns dieses Beispiel verfolgen. Bietet ihr dasselbe wie das BBK Live?

Nein, überhaupt nicht! Wir können uns nicht leisten, das zu zahlen, was die vom BBK Live zahlen. Sie treten dieses Jahr beim Primavera Sound auf, und das Festival hat eine Exklusivitäts-Klausel festgelegt. Zusätzlich zum Honorar haben sie eine stattliche Summe extra gezahlt, damit sie nirgendwo anders in Spanien auftreten können. Wir müssen andere Wege gehen und sind uns wohl bewusst, dass wir das Geld nicht haben.

Politisches Taktieren also

Eigentlich ganz normal. So haben wir 2009 Manu Chao an Land gezogen. Über den Preis zu sprechen ist schwierig, denn eine Band kann eigentlich nicht 150.000 Euro verlangen und bei einem zweiten Auftritt nur 10.000 Euro nehmen. Das dürfte die Öffentlichkeit eigentlich gar nicht wissen. Aber so ist es nun mal, und es ist möglich. Wenn die Band es will, wird es auch gemacht. Manu Chao sagte uns, er würde alleine kommen. Dann kam der Gitarrist dazu und schließlich die ganze Band. Alles ist möglich, die Band entscheidet. Darum geht es uns: wir geben der Band, was wir können, aber es ist schwierig. Manchmal ist es schwer, mit der Band in Kontakt zu treten, geschweige denn mit dem Manager. Wenn wir sie erreichen, unterbreiten wir ihnen ein Angebot. In den meisten Fällen ist es ein lächerliches Angebot, und sie antworten nicht einmal darauf.

Daher die erwähnte Frustration

Ja, ein bisschen. Was Kneecap angeht, so waren Kattina und Joana, zwei Frauen aus dem Programm-Team, in Paris, um sie zu sehen. Sie haben sich nach dem Auftritt getroffen und ihnen von EHZ erzählt. Ich selbst bin mit zwei anderen aus dem Programm-Team nach Belfast gefahren, wir waren auf einem ihrer Konzerte, ich habe ihnen eine Nachricht auf Gälisch hinterlassen, wir haben ein Foto mit einem ihrer Techniker gemacht. Erst neulich waren wir beim Konzert in Bilbao. Wir hatten vier Banner mit der Aufschrift „Kneecap-EHZ“ angefertigt, die sie sogar auf der Bühne des Veranstaltungs-Saales zeigten. So machen wir das häufig, aber es gelingt uns selten. Ich glaube nicht, dass das beim BBK Live Festival akzeptiert werden würde. Frustration auch darüber, wie manche Bands aus dem Baskenland vorgehen. In diesem Jahr sind ein paar Dinge passiert, die uns erschöpft haben. Es ist anstrengend zu sehen, was aus dieser Branche wird, anstrengend zu sehen, dass sie keine Verbindung zu EHZ haben und dass die kommerzielle Fiesta in Baiona und EHZ für sie letztendlich dasselbe sind, dass es ihnen einfach egal ist. Das macht mich ein bisschen traurig.

Die ersten Proben, die ersten Konzerte, das erste kleine Publikum – damit fängt bei den Gruppen alles an. Haben Sie das Gefühl, dass diese Grundlagen heute schneller in Vergessenheit geraten als früher?

Ich würde sagen: Ja, und zwar aus einem einfachen Grund. Die politische Lage hat sich verändert (3). Es stimmt zwar, dass sich alles verändert, denn alles ist ständig in Bewegung. Aber ich glaube dennoch, dass das politische Klima früher eine bremsende Wirkung auf dieses Verhalten hatte. Einige der heutigen Bands sind in erster Linie Unternehmen, und obendrein nehmen sie öffentliche Gelder in Anspruch. Das ist beschämend. Aber nicht alle Bands agieren so.

Die Musikbranche hat sich in den letzten 30 Jahren stark verändert. Wie würdest du die Entwicklung des musikalischen Angebots des EHZ zusammenfassen?

Alles ist interaktiv. Die Welt hat sich in den letzten 30 Jahren verändert, und wir mussten unser Angebot anpassen. Wir führen unter uns immer wieder eine Debatte. Finanziell gesehen haben wir bestimmte Kosten und benötigen eine Mindestsumme, damit das Festival die Kosten deckt. Bei der Diskussion geht es also um diese Abwägung: Entscheiden wir uns für eine bekannte Band, die das Publikum anzieht, auch wenn sie vielleicht etwas weit von unseren Werten entfernt ist, oder wählen wir eher Nischenbands, die weniger Menschen kennen. Was die Entwicklung betrifft: In der „Pink“-Ära (1996–2003) hatten wir die größten Bands des Baskenlandes sowie politisch engagierte Bands von europäischer Dimension. Die allgemeine Situation war anders, es gab nicht viele andere große Angebote, die Festival-Komitees waren nicht so schnell, es gab nicht so viele Festivals. Dann ging es weiter nach Idauze-Mendi (2004–2008), und ich würde sagen, dass dies die politisch intensivste Phase war, die wir innerhalb des EHZ erlebt haben (die Spaltung der baskischen Linken aus Iparralde, Abertzaleen Batasuna, und Hegoalde, Batasuna) (4). Das wirkte sich auch auf das musikalische Angebot aus, denn letztendlich waren wir uns mit dem Publikum, das wir anziehen wollten, nicht einig. Man kommuniziert nicht auf dieselbe Weise mit Leuten aus Donostia oder Bordeaux, auch das Programm ist nicht dasselbe. Wir machten dann in Heleta weiter (2009–2012), und damals hatten wir unsere bekanntesten, kommerziellsten und damit auch teuersten Bands. Danach, in Lekorne 2013 bis 2016, Irisarri 2019 bis 2023 und seitdem Arberatze-Zilhekoa, haben wir eine Wende vollzogen: wir arbeiten mehr mit lokalen Bands zusammen, mit denen, die uns interessieren. „Für eine Band ist es schwierig zu sagen: ‚Wir gehen nicht zum BBK Live.‘ Das sind Entscheidungen, die Bands treffen müssen, sie sind nicht einfach.“

Warum wurde diese Wende eingeleitet?

Das ist noch keine eindeutige Wende. Wir könnten es mit dichtem Nebel vergleichen: wir schlagen den Weg ein, aber er wird nicht sofort deutlich. In diesem Jahr werden am Sonntag mehrere sehr gute Bands auftreten, die die meisten Leute nicht kennen. Unsere Absicht ist, dass die Leute sie entdecken und sich an das Konzert erinnern. Warum wurde diese Wende eingeleitet? Ich könnte sagen, wir hatten keine große Wahl. Doch es ist eben auch unsere Philosophie, die Konsequenz: gegen den Kapitalismus zu kämpfen – so weit es geht natürlich. Diese Ideen zu verbreiten und gleichzeitig teure Bands zu engagieren, das wäre ein großer Widerspruch.

Mit dem Budget, das ihr habt, wäre das ohnehin unmöglich.

Klar. Wir haben 100.000 Euro für das gesamte Programm, und eine Band wie Kneecap verlangt wahrscheinlich 150.000 Euro. Bruce Springsteen hat in Donostia-San Sebastián eine Million bekommen. Wir brauchen etwa 30 Bands für drei Tage, und 10.000 Euro ist das Maximum, das wir zahlen können.

Angesichts dieser Realität stellt sich die Frage: Wie kommt es, dass ihr nicht schon längst verschwunden seid? Welchen Aspekt würdet ihr besonders hervorheben?

Wir sind alle ehrenamtlich tätig, und genau darin liegt unsere Stärke. Wir tun, was wir können, mit gutem Willen, sogar die Anstecker stellen wir selbst her. Das Festival existiert nur dank der Freiwilligen. Andere Festivals haben das nicht. Andere müssen für alles bezahlen, für die Freiwilligen, den Sicherheitsdienst. Wir versuchen, konsequent voranzugehen. Wir sind nicht hier, um Geld zu verdienen, und genau das unterscheidet uns von anderen. Für mich persönlich ist das der Grund, warum ich das EHZ für sinnvoll halte. Das Streben nach Konsequenz – das ist mir wichtig.

Würdest du sagen, dass ihr ein treues Publikum gewonnen habt?

Ja. Die Leser von ARGIA (er lacht). Nicht so viele, wie ich mir wünschen würde, aber ja, wir haben ein treues Publikum gewonnen. Viele kommen aus Gipuzkoa und Bizkaia, weil sie uns vertrauen. Sie kennen zwar nicht das gesamte Programm, wissen aber, wofür sie kommen. Sie kommen nicht nur, um Musik zu konsumieren. Ich persönlich fände es toll, wenn die Überraschung noch größer wäre: wenn du das Programm siehst und keinen einzigen Namen kennst.

Aber zu EHZ kommen die Leute trotzdem, weil sie wissen, dass sie dort Bands von garantierter Qualität entdecken werden.

Das ist es. Sie kommen zum EHZ in der Gewissheit, dass sie die Tage hier genießen werden. Und das liegt daran, dass sie dem Festival vertrauen. Aber das erreicht man nicht von heute auf morgen. Vertrauen muss man sich verdienen, das braucht Zeit.

Genau wie beim Festival „Les Trans Musicales“ in Rennes.

Das ist das Yiel. Sie haben es geschafft. Man muss sich nur vorstellen: Die Medien reisen dorthin, um die Nachwuchsbands zu entdecken, die ein paar Jahre später Erfolg haben werden.

Die 150 größten Festivals in Europa liegen in den Händen von vier multinationalen Konzernen. Das ist die Realität. Was bedeutet das für euch in eurer täglichen Arbeit?

Ich habe dir ja zu Beginn erzählt, dass manche Bands wie Unternehmen agieren. Konkret bedeutet das: Sie buchen einen Veranstaltungsort in Madrid, gehen ein riesiges finanzielles Risiko ein und verkaufen Tickets dafür. Wenn sie den Saal füllen: Hauptgewinn! So ganz nebenbei haben sie zugestimmt haben, beim EHZ aufzutreten, uns aber gebeten haben, das nicht bekannt zu geben, weil sie gerade damit beschäftigt waren, Tickets für den Auftritt in Madrid zu verkaufen. Das ist keine Überraschung. Bei uns bekamen sie 10.000 Euro, während es dort, hätten sie den Veranstaltungsort gefüllt, Hunderttausend Euro gewesen wären. So etwas ist uns noch nie zuvor passiert! Als ob das noch nicht genug wäre, erhielten sie 300.000 Euro an öffentlichen Fördermitteln dafür, die baskische Sprache nach Madrid zu bringen. Das ist eine Veruntreuung öffentlicher Gelder zugunsten eines privaten Unternehmens. Es ist beschämend. Gleichzeitig haben viele Bands keinen Proberaum oder müssen 400 Euro im Monat dafür bezahlen. Das ist das Phänomen der Megakonzerte, und es schmerzt, weil es sich um lokale Bands handelt.

Letztendlich tritt diese Band also nicht auf dem EHZ auf.

Nein. Ob uns ein größerer Name auf dem Plakat fehlt? Das wird sich zeigen, wenn wir Bilanz ziehen. Die Bedingung der Nichtnennung haben wir nicht akzeptiert, über alles andere hatten wir uns geeinigt. Letztendlich haben sie sich entschieden, nicht zu kommen. So ist das. Was unsere Werte angeht, finde ich, dass wir diese Situation nicht akzeptieren können. Sie haben ihren Schritt gemacht, gut, aber wir müssen auch unsere Tickets verkaufen. Wir wollen uns nicht verarschen lassen.

Ohne nach Madrid zu schauen, es gibt da noch das BEC-Phänomen. (5)

Ja, das ist erstaunlich. Wie sich die alten Bands in den letzten Jahren wieder zurückgemeldet haben!

Peio und Pantxoa zum Beispiel.

Wenn man wieder auf die Bühne will, gut, aber doch nicht im BEC (Bilbao Exhibition Center, Bilbao Messe)! Was macht es schon für einen Spaß, im BEC zu spielen? Ich habe Hertzainak gesehen, und ehrlich gesagt ist der Ort äußerst unangenehm. Mir scheint, sie machen das nur des Geldes wegen. Punkt. Sie sagen, sie lieben Musik. Ja, ihr habt Musik geliebt, ihr wart auch in besonderen politischen Zeiten aktiv, und was ihr geleistet habt, war brillant. Aber das BEC? Das BEC dient dazu, Geld zu machen. Für mich ist das eine Schande, aber alle müssen selbst abwägen, worauf sie sich einlassen.

Gleichzeitig ist es heutzutage nicht mehr überraschend, dass eine Band, die in Jugendzentren oder bei EHZ auftritt, auch beim BBK Live spielt. Die Grenze zwischen den beiden Bühnen ist nicht so klar gezogen, oder?

Erinnerst du dich an die Kontroverse, als Berri Txarrak beim MTV-Festival in Bilbao auftrat? Es ist schwierig für eine Band zu sagen: „Ich gehe nicht zum BBK Live“ oder „Ich gehe nicht zu MTV-Awards“. Berri Txarrak sagten auch, sie würden damit die baskische Sprache in die MTV Welt bringen. Natürlich. Aber siehst du, wo sie dort auftraten? Wann bist du am wirkungsvollsten – wenn du auftrittst oder wenn du nicht auftrittst? Ich weiß es nicht. Das erinnert mich daran, wie Gojira bei der Eröffnung der Olympischen Spiele waren. Das sind Entscheidungen, die Bands treffen müssen, und sie sind nicht einfach, nicht zuletzt, weil es um den Lebensunterhalt geht.

Bekommt ihr denn mittlerweile mehr Absagen von Bands?

Es gibt heutzutage mehr Auftrittsmöglichkeiten, das könnte einer der Gründe für die Absagen sein. Ich bin wirklich beeindruckt von den Festkomitees der Städte. Letztes Jahr traten beim Makea-Fest in der Iparralde-Provinz Niedernavarra Zetak und Gatibu auf. Die kommen für uns jetzt nicht mehr in Frage. Es gibt mehr Möglichkeiten für Konzerte. Und weißt du, wo diese Band, die nicht zum EHZ kommt, letztendlich auftritt? Beim Stadtfest in Baiona (frz. Bayonne). Dieses Stadtfest ist die hässlichste Art von Fiesta! Das Baiona Stadtfest steht für alles, wogegen wir sind. Daraus ergibt sich: Es kann vorkommen, dass eine Band aus dem Baskenland absolut keine Bindung zum EHZ hat. Das ist kein Problem. Wir müssen einfach akzeptieren, dass es so ist.

Könnte es sein, dass der Kontext es einfacher macht, „Nein“ zu sagen? Ist es mittlerweile einfacher, Dinge abzulehnen, ohne so große Bedenken zu haben – Dinge, die man sich früher nicht getraut hätte?

Ich würde sagen, dass es heutzutage einfacher ist, nein zu sagen. Aber nicht alle Gruppen sind so, und man muss vorsichtig sein, wenn man darüber spricht. Außerdem sagen manche, dass sie Baskisch sprechen und damit vielen Menschen den Zugang zu dieser Sprache ermöglichen. Für sie ist es etwas heikel, darüber zu sprechen, denn nichts ist schwarz-weiß. Auch die Beziehungen zu den Managern haben sich verändert, das ist ebenfalls zu berücksichtigen. Vor zwanzig Jahren gab es mehr Austausch, wir wurden nach Veranstaltungsorten gefragt, um kleinere Bands herzuholen, und wir fragten ebenfalls nach Bands, und am Ende einigten wir uns. So war es auch bei der Band Berri Txarrak. Heutzutage steht das Label Baga Biga als Unternehmen im Mittelpunkt, und diese alte Beziehung ist meiner Meinung nach zerbrochen. Und zwar ohne viel Respekt, wobei der Weg, den wir in der Vergangenheit gegangen sind, vergessen wurde. Letztes Jahr haben wir um Gorka Urbizu gekämpft, so sehr, dass wir den Manager anrufen mussten: „Erinnerst du dich noch daran, woher wir kommen? Müssen wir euch an die alten Beziehungen erinnern?“ Das ist der Vorteil, wenn man Veteranen im Booking-Team hat: Wir erinnern uns an den Weg, den wir zurückgelegt haben. Letztendlich sind es die Manager, die heute als Vermittler fungieren, und das ist auch eine Entscheidung, die die Band trifft. Anestesia zum Beispiel hat keinen, und man ruft Mikel Anestesia direkt an. Sie sind nicht die Einzigen.

Es wird alle möglichen Arten von Vermittlern geben.

Ganz normale, und mit den meisten von ihnen kommen wir gut zurecht. Mit einigen pflegen wir schon seit Langem Beziehungen. Sie helfen uns und machen Vorschläge. Schau mal, mit „Last Tour“ zum Beispiel verstehen wir uns ganz gut. (6)

Was meinst du damit, wenn du sagst, ihr versteht euch gut?

Dass wir miteinander reden und gehört werden. Wir können selbstbewusst und ungezwungen sagen: „Das funktioniert bei uns nicht“ oder „Was ist das für ein Preis? Machst du Witze?“. Ich erinnere mich an eine neue Band, die zwar noch wenige Auftritte hatte, aber dank einer Vorgängerband bereits einen Namen hatte. Sie standen noch ganz am Anfang und verlangten 6.000 bis 8.000 Euro. Wir haben ihnen 1.500 angeboten. Das sind großartige Bedingungen, sie spielen hier in Iparralde, das Publikum ist garantiert, eine tolle Bühne für die Gruppe. Ich muss zugeben, dass mich manche Preisverhandlungen immer noch überraschen. Aber nicht alles läuft nach dem selben Schema. Mikel Abrego von Negu Gorriak, der mit Anari spielt, einer der besten Schlagzeuger im Baskenland, er kommt, spielt und reist dann wieder ab. Das ist möglich, vor allem auf baskischer Ebene.

Alles entwickelt sich in rasendem Tempo. Wird diese von Profitgier getriebene Maschine alles ruinieren?

Ja, wir stehen vor einer großen Herausforderung: Wir müssen uns wehren, sonst wird sie alles zermalmen. Wir müssen uns organisieren, wir müssen zeigen, dass es auch anders gehen kann. Aber es ist klar, dass diese Maschine nicht von selbst anhalten wird, wir müssen so lange gegen sie vorgehen, bis wir sie zum Stillstand bringen.

Du hast mir neulich erzählt, dass ihr euch nicht darauf beschränken wollt, nur zu klagen.

Wir werden 30 Jahre alt, wir sind das älteste Festival im Baskenland, und obwohl wir in dieser kapitalistischen Welt und inmitten von Haien leben, sind wir immer noch am Leben. Es ist wunderbar zu sehen, wie diejenigen, die das EHZ durchlaufen haben, weiterhin mit ihm verbunden bleiben. Neue Generationen haben das Ruder übernommen, aber wir, die wir von Anfang an dabei waren, sind immer noch damit verbunden. Wir hatten unsere Meinungsverschiedenheiten, mehr oder weniger, aber der Kern ist immer noch da.

Und jungen Leuten wird ein Raum gegeben.

Das stimmt. Ich kenne praktisch niemanden aus dem Organisations-Team, und das ist gut so. Ich vergleiche das Festival mit einem Werkzeug. Wie ich bereits gesagt habe, verbinde ich mein politisches Engagement damit, so konsequent wie möglich zu sein, und genau das ist EHZ für mich: die Möglichkeit, einige unserer Ideen und Werte in die Praxis umzusetzen.

Natürlich existieren sehr unterschiedliche Werte. „Wir wollen möglichst große Veranstaltungen an Land ziehen, damit Bilbao international an Bekanntheit gewinnt und Touristen anzieht“, sagt der Bürgermeister von Bilbao, sicher auch mit Blick auf das BBK Live.

Er nutzt Musik, Tourismus und jedes andere Produkt kommerziell aus, um Profit zu erzielen.

Welche Rolle spielen deiner Meinung nach die Institutionen?

Ich möchte noch einmal auf den bereits erwähnten Zuschuss von 300.000 Euro zurückkommen. Es erstaunt mich, dass sich die Menschen in Hegoalde (baskischer Süden) nicht mehr beschweren, wenn sie von solchen Dingen hören. Öffentliche Gelder sollten für das Gemeinwohl eingesetzt werden, nicht für private Interessen. Ich halte die Arbeit eines Veranstaltungsortes wie Atabal in Biarritz für hervorragend, und genau so sollten öffentliche Gelder fließen: zur Unterstützung von Infrastruktur, nicht an private Unternehmen.

Die Festivalszene hat sich komplett verändert, aber das EHZ ist nach wie vor dasselbe geblieben.

Es ist klar, dass wir mit diesen anderen Festivals nichts zu tun haben, absolut nichts. Das sind einfach nur Unternehmen, die darauf aus sind, Gewinn zu machen. Es geht hier nicht um richtig oder falsch, aber abgesehen vom Wort Festival haben wir nichts gemeinsam.

Das sind gewinnorientierte Unternehmen. Und ihr?

Wir setzen drei Tage lang konkrete Ideen in die Tat um und zeigen, dass es möglich ist; wir zeigen, dass wir nicht in einer so elenden Gesellschaft leben müssen. Es wäre auch für uns einfacher, billiges Essen anzubieten, Fördergelder zu beantragen oder die Ticketpreise zu erhöhen. Aber das passt nicht zu EHZ. Wenn wir Gewinn machen, verteilen wir ihn wieder, denn unser Ziel ist es nicht, Geld zu verdienen. Die Absicht ist entscheidend, denn es geht darum, mit welcher Absicht Menschen eingeladen und wie sie empfangen werden. Betrachten wir die Menschen als Geldquelle oder als Teilnehmer, die wir durch andere Praktiken fördern möchten? Die Trockentoiletten, die Recycling-Becher, der antisexistische Leitfaden. Die Beispiele liegen auf der Hand. Ich erinnere mich an die Einführung der neuen Becher. Bis dahin wurden die Becher zurückgenommen und abgespült. Wir überlegten lange, wie wir das verbessern könnten. Und heute kümmern sich alle um ihre eigenen Becher. Sie werden überall verwendet. Weniger Arbeit, weniger Müll.

So fanden die nächtlichen Plastikmeere ihr Ende.

Wir hatten Berge aus Plastik, die wir nachts einsammeln mussten. Dann führten wir die Recyclingbecher ein, ein System, das wohl aus Deutschland stammte. Das erste Jahr der Umstellung verlief recht chaotisch, aber es wurde eine Bestandsaufnahme durchgeführt und es wurden Verbesserungen vorgenommen. Wichtig ist, dass sich die Praxis etabliert und verbreitet. Für mich ist das der Kern und der Sinn von EHZ.

Abschließend: Was dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, wenn wir wollen, dass die Bühnen im Baskenland weiterhin lebendig und gesund bleiben?

Es wäre gut, aus EHZ kein marktfähiges Produkt zu machen. Mir liegt viel daran, Geld so weit wie möglich von der Musik fernzuhalten. Natürlich spielt auch das Publikum eine Rolle. Wie konsumieren wir Musik?

Und wenn wir wollen, dass das EHZ weitergeht, was müssen wir dabei beachten?

Das Festival wird so lange weiterbestehen, wie es Unterstützer*innen gibt. Solange es Unterstützer*innen gibt und solange der Kapitalismus existiert, wird das Festival weiterleben. Solange dieses Monster des Konsumdenkens existiert, wird EHZ weiterbestehen. Wenn es keine Freiwilligen mehr gibt, bedeutet das, dass die Zeit gekommen ist, es zu beenden. Aber so weit sind wir noch nicht. Schaut euch nur an, wie viel Bewegung und Leben rund um das Festival herrscht! Ich sehe, dass auch meine Nichten und Neffen kommen. Die Älteste hilft sogar mit. Eine neue Generation übernimmt Aufgaben. Es ist ein bisschen beängstigend, meine Nichten und Neffen unter den Helfer*innen zu sehen (er lacht). Vielleicht muss ich mich eines Tages verabschieden.

BASKULTUR-Artikel zu ähnlichen Themen

„El monopolio de Last Tour – Una colonisación cultural“, 2025-07-11 (LINK)

„Last Tour, Kultur-Multi – Kapitalistische Freizeit-Industrie“, 2025-07-09 (LINK)


ANMERKUNGEN:

(1) „Auch wenn wir uns unter Haien befinden, sind wir noch am Leben“, baskischer Original-Titel: “Marrazoen artean izanik ere, oraindik bizirik gara”, baskische Wochen-Zeitschrift Argia (Licht), Autorin: Jenofa Berhokoirigoin, 2026-06-17 (LINK)
https://www.argia.eus/argia-astekaria/2968/marrazoen-artean-izanik-ere-oraindik-bizirik-gara

(2) Das Bilbao BBK Live ist ein internationales Musikfestival, das seit 2006 jährlich in Bilbao stattfindet. Das Hauptprogramm findet an drei Tagen im Juli auf zwölf verschiedenen Bühnen statt. Gemeinsam von der Stadtverwaltung von Bilbao und dem Musikveranstalter Last Tour organisiert, gehört es zu den Makro-Events, mit denen die Stadt den Wandel von der Industriestadt zur Dienstleistungsstadt und zur Touristifizierung zu unterstreichen sucht.

(3) Änderung der politischen Landschaft im Baskenland: gemeint ist das Ende des bewaffneten Kampfes von ETA, die ihre Aktionen im spanischen Staat durchführte und in Iparralde ihr Rückzugsgebiet hatte, was u.a. dazu führte, dass spanische Behörden Todesschwadronen schickten und Morde begingen. 2009 war die letzte ETA-Aktion, 2011 die Erklärung zum Gewaltverzicht, 2017 die Waffenabgabe, 2018 die Auflösung der Organisation.

(4) Spaltung: aus der baskischen Linken als politischem Umfeld von ETA spalteten sich nacheinander Gruppen ab: im Süden (Hegoalde) die Gruppe Aralar, im Norden (Iparralde) EH Bai; bei diesen Abspaltungen ging es vorwiegend um die Frage der Gewaltanwendung; beide Gruppen fanden nach dem Ende von ETA wieder Aufnahme in die neue, parlamentarisch-institutionell orientierte baskische Linke.

(5) BEC = Bilbao Exhibition Center: Nach dem Abriss des Messe-Komplexes in Bilbao (Feria de Muestras San Mames) wurde 2004 ein neues größeres Messe-Zentrum in der Nachbarstadt Barakaldo gebaut, das jedoch den Namen Bilbao Exhibition Center trägt. Dort finden Ausstellungen, Messen, Kongresse und Großkonzerte statt.

(6) Last Tour – ist der größte Konzert-Veranstalter im spanischen Staat, das Unternehmen wurde 2002 in Bilbao von Alfonso Santiago gegründet, dem derzeitigen Vorsitzenden der Gruppe. LT begann mit der Organisation kleiner Konzerte von Rock- und Punkbands im Baskenland, gewann jedoch nach und nach an Bedeutung auf nationaler Ebene und lebt trotz des finanziellen Erfolgs auch von Subventionen. Star-Produkt ist das 2006 zum ersten Mal organisierte BBK-Live-Rockfestival in Bilbo-Kobetamendi.

ABBILDUNGEN:

(*) EHZ-Konzert (FAT)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-07-01)

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