Der letzte Messi-Nachruf

Das größte Fußball-Spektakel des Planeten ist vorbei. Die einen feiern ihre Erfolge, die andern lecken ihre Wunden, die einen entlassen Trainer, die andern bauen ihnen Denkmäler. Die Kicker steigern ihren Marktwert und Infantino vom Veranstalter-Verband taucht im Geld umher wie einst Dagobert Duck. Faschisten-Präsident verbucht seinen PR-Erfolg, der alle zwischenzeitlichen ICE-Morde in den Schatten stellt, und bereitet sich auf das nächste Highlight seiner Amtszeit vor: die Olympischen Spiele in Los Angeles.

Nach 50 Tagen Nationalismus-Extase und 104 Einsätzen im Ersatz-Krieg endete das Turnier des gierigsten Sportverbandes der Welt unerwartet mit der Demütigung des besten Spielers aller Zeiten. Ein Nachruf.

(2026-07-27)

WENN FASCHISTEN DIE WM FEIERN

Viele rechte Medien haben im spanischen Staat einen Skandal inszeniert, weil das WM-Finale nicht im gesamten Baskenland oder in Katalonien auf Großbildschirmen übertragen wurde und weil der Weltmeister-Titel dort nicht mit genügend Patriotismus gefeiert wurde. Der folgende Kurz-Artikel macht einmal mehr deutlich, warum es notwendig ist, diesen ganzen Fußballrummel zu verurteilen und ihn als das zu bezeichnen, was er wirklich ist: eine ultra-nationalistische Psychose, die auf dem franquistischen National-Katholizismus beruht und ihn wiederbelebt. Denn:

Vier junge Menschen, die antifaschistische Symbole trugen, wurden mit Nazi-Grüßen und Parolen wie „Es lebe Franco!“ und „Es lebe Spanien!“ beschimpft, bevor sie zusammengeschlagen wurden. Eine Gruppe von vier 18-Jährigen wurde in der Nacht zum Sonntag in Salou (Tarragona) körperlich angegriffen, während der Sieg der spanischen Nationalauswahl bei der Fußball-WM der Männer gefeiert wurde. Die Vorfälle ereigneten sich zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens. Während der „Feiern“ nach dem WM-Finale griff eine Gruppe von Fans, die den Sieg der spanischen Auswahl inszenierten, eine Gruppe junger Menschen an, die antifaschistische Symbole trugen. Als sie die Calle de l’Ebre entlanggingen, begann eine Gruppe von fünf bis zehn Personen, die sich auf der anderen Straßenseite befand, sie mit Beleidigungen zu beschimpfen. Sie näherten sich mit dem Hitlergruß und riefen Franco- und spanien-freundliche Parolen.

Nach einigen Minuten, als es so aussah, als hätte sich die angreifende Gruppe zurückgezogen, näherten sich zwei ihrer Mitglieder erneut der Gruppe junger Leute. Nach Angaben von Zeugen taten sie zunächst so, als wollten sie sich versöhnen, stürzten sich dann aber sofort auf zwei der Jugendlichen und schlugen ihnen wiederholt auf den Kopf. Einer von ihnen erhielt einen Faustschlag ins Auge, der zu einem vorübergehenden Sehverlust führte, während der andere Verletzungen am Ohr und im Mund davontrug und mehrere Minuten lang blutete.

Anschließend richteten sich die Angreifer gegen die beiden anderen Jugendlichen der Gruppe, die weiter hinten geblieben waren. Unter Beleidigungen wie „Arschlutscher“ verprügelten sie einen der beiden Jugendlichen, der zurückgeblieben war. Dieser Fall ist kein Einzelfall, denn in den sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Videos von Menschen, die berichten, während der WM-Feiern rassistische und faschistische Belästigungen oder Übergriffe erlitten zu haben – in Vorfällen, bei denen die Verherrlichung des spanischen Nationalismus dazu diente, reaktionäre Ideen zu verbreiten und Übergriffe zu begehen. Noch Fragen? (diariosocialista-baskultur)

(2026-07-25)

FUSSBALL-SPRACHE

„Die Fußballsprache ist genauso alt wie der Fußball selbst“, sagt der Linguist Simon Meier-Vieracker, er analysiert Fußball-Sprache und Fußball-Phrasen. Simon Meier-Vieracker ist Jahrgang 1980 und seit 2020 Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden. Er forscht unter anderem zur Wissenschafts-Kommunikation, zu Sprache und Medizin, und zur Sprache des Fußballs. Für seinen Social-Media-Kanal „fussballinguist“ wurde er 2023 zum „Goldenen Blogger“ in der Kategorie „TikTok“ ausgezeichnet. 2024 veröffentlichte er das Buch „Reingegrätscht: Eine kleine Linguistik des Fußballs“. Ein Gespräch über Militärmetaphern, Traditionspflege und Veränderungen. (Dokumentation TAZ, 28.6.2026)

taz: Herr Meier-Vieracker, ein Sprachwissenschaftler, der sich mit Fußball beschäftigt. Wie passt das zusammen?

Simon Meier-Vieracker: Nun ja, über Fußball wird ja auch gesprochen und geschrieben, und zwar ausdauernd und ausführlich. Wenn man schaut, wie viel Prozent der Pressetexte im deutschsprachigen Raum von Fußball handeln, kommt man auf erstaunliche acht bis zehn Prozent. Allein die Menge, die der Fußball zum Gegenwartsdeutschen beiträgt, macht es in meinen Augen erforderlich, dass die Wissenschaft das auch in den Blick nimmt. Außerdem ist die Fußballsprache auch als Fachsprache, emotionaler Jargon oder als Metaphern-Spender und Methaphern-Empfänger ein hochinteressantes Phänomen.

taz: Fußball schaut oder spielt man doch. Warum sollte man sich die Sprache anschauen?

Meier-Vieracker: Natürlich ist die reine Bewegung, die den Fußball als Sport ausmacht, etwas, was ohne Sprache funktioniert. Aber schon die Organisation des Sports braucht ein Regelwerk und das besteht aus Sprache. Coaching im Training, im Spiel oder in der Halbzeitpause funktioniert im Wesentlichen über Sprache. Und auch die Berichterstattung, ohne die der Fußball als Geschäft nicht funktionieren könnte, bedient sich der Sprache. Ohne Sprache würde dieser riesige Markt mit Milliardenumsätzen, den der Fußball ja bedeutet, nicht funktionieren.

taz: Wie kam es eigentlich zu der Fußballsprache, die wir heute sprechen?

Meier-Vieracker: Die Fußballsprache ist genauso alt wie der Fußball selbst. Als der Fußball erfunden wurde, mussten zumindest rudimentär Regeln formuliert werden und dazu musste man sich erst einmal auf ein paar Begriffe einigen, wie „Tor“ beispielsweise. Da der Fußball in England erfunden wurde, waren das zunächst englische Begriffe.

taz: Und wie entstanden dann die deutschen Begriffe?

Meier-Vieracker: Auf das europäische Festland kam der Sport durch englische Studierende, die in der Schweiz, in der Nähe von Genf, einen Auslandsaufenthalt hatten. Von dort aus hat sich der Sport dann zunächst in Gemeinschaften etabliert, die dem Englischen zugewandt waren. In Dresden gründete sich 1873 beispielsweise der Dresden English Football Club. Weil er ein englisches Kulturgut war, wurde er im nationalistisch gestimmten Kaiserreich nicht gern gesehen. Er wurde immer wieder als „englische Fußkrankheit“ abgelehnt. Für den deutschen Fußball und seine Sprache war schließlich Konrad Koch, ein Gymnasiallehrer aus Braunschweig, von entscheidender Bedeutung. Er wollte den Fußball populär machen und versuchte, seinen Kritikern zumindest sprachlich den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er gezielt zur Image-Aufbesserung die Fußballsprache eindeutschte.

taz: Wie genau?

Meier-Vieracker: Er überlegte damals systematisch: Wie können wir „offside“, „kickoff“ oder „corner kick“ auf Deutsch am besten nennen? Von ihm kommen die Vorschläge, von „Abseits“, „Anstoß“ oder „Eckstoß“ zu sprechen. Neben der Fachsprache war auch die Militärmetaphorik von Anfang an sehr prägend. Wir sprechen vom „Angriff“, „Sturm“, von „Flanken“, wir „schießen“. Das liegt nahe: Fußball ist ein Wettkampf von zwei Teams, die sich auf einem „Schlachtfeld“ gegenüberstehen, es geht um „Raumgewinne“. Der Fußball wurde im Kaiserreich, und damit in einer hoch militarisierten Gesellschaft, schließlich doch noch populär. Das Militär genoss allerhöchstes Ansehen und deswegen waren diese Metaphern auch besonders anschlussfähig.

taz: Ist das immer noch so?

Meier-Vieracker: Unsere heutige Sprache über Fußball ist im Vergleich zu früher weniger militärisch und martialisch. Noch in den 1950er Jahren finden wir regelmäßig in den Berichten, dass die „Abwehr mit schweren Geschützen zusammengeschossen“ wurde und der „Gegner niedergemetzelt“ wird und „dauernd Bomben und Granaten fliegen“. Mit neuen Entwicklungen sind dafür andere Metaphern wichtiger geworden: Heute sprechen wir beispielsweise vom „Sieger-Gen“ oder der „Schaltzentrale“. Solche technischen Metaphern setzen sich immer mehr durch. In Deutschland gibt es außerdem einen gewissen Trend zu Anglizismen. Es ist unter Kommentatoren populär geworden, nicht mehr vom „Strafraum“, sondern von der „Box“ zu sprechen. In der Schweiz war das Englische nie verschwunden: Wie erwähnt kam der Fußball in Europa zuerst in die Schweiz, aber seit jeher spricht man dort von „corner“, „offside“, „match“ und „penalty“. Das klingt dann für Deutsche manchmal so, als würden die Schweizer neumodische Anglizismen verwenden, aber eigentlich sind sie die Konservativen.

taz: Gibt es heute neue Phrasen und Vokabeln?

Meier-Vieracker: Ich finde die Fußballsprache erstaunlich stabil. Es gibt natürlich immer wieder einmal technische und taktische Innovationen, die dafür sorgen, dass Begriffe wie „Gegenpressing“ bekannt werden. Um 2010 wurde dieser Stil mit Jürgen Klopp populär. An sich ist die Fußballsprache aber sehr auf Traditionspflege ausgerichtet.

taz: In den vergangenen Jahrzehnten ist der Fußball immer monetarisierter und machtpolitischer geworden. Spiegelt sich das auch in der Sprache wider?

Meier-Vieracker: Eher nicht. Ich stimme natürlich völlig zu, mit jeder WM wird die Schraube noch einmal ein paar Umdrehungen weitergedreht. Der neue „Hydration Break“ ist offiziell als Maßnahme zum Schutz der Gesundheit der Spieler eingeführt worden. Sie ist aber eben auch eine Gelegenheit, noch mehr Werbung auszuspielen. Für die Fußballsprache ist aber das Relevante, was die Reporter aus den Bildern machen. Diesbezüglich sehe ich keine großen Veränderungen. Im Gegenteil: Die Traditionspflege wird dazu genutzt, sich eine Insel der Glückseligen zu schaffen.

taz: Sagt die Fußballsprache auch etwas über die Gesellschaft, die sie spricht?

Meier-Vieracker: Ich wäre da sehr vorsichtig. Man kann sich natürlich Fußballphrasen im Sprachvergleich zwischen verschiedenen Gesellschaften anschauen. In katholisch geprägten Ländern sind oft Metaphern religiösen Ursprungs wesentlich populärer. Es gibt im Französischen das „pain béni“, das „gesegnete Brot“, wofür wir im Deutschen einfach nur „Geschenk“ sagen würden. Oder wenn wir „alle Register ziehen“, sagen die Spanier sinngemäß, „das ganze Fleisch auf den Grill legen“. Bei solch kulturellen Prägungen, die sehr allgemein sind, geht es jedoch auch leicht in die Richtung, dass man kulturelle Stereotype bedient. Um aber vielleicht noch einmal ein neueres Phänomen zu nennen: Es gibt zumindest seitens der Medienberichterstattung ein größeres Bewusstsein für potenziell diskriminierende Sprache. Ausdrücke wie „Eier haben“ (Erinnerung an das Interview mit Oliver Kahn) oder die Redewendung „Das war mal richtiger Männerfußball!“ sind in die Kritik geraten.

taz: In den sozialen Netzwerken betreiben Sie Ihren Kanal „fussballinguist“. Wie entstand die Idee?

Meier-Vieracker: Als ich angefangen habe, mich mit der Fußballsprache zu beschäftigen, waren meine ersten Ergebnisse zu klein für eine echte Publikation, aber doch zu schön, um sie in der Schublade verschwinden zu lassen, und deshalb begann ich meinen Blog. Um den zu bewerben, meldete ich mich bei Twitter an. Dort konnten Nutzernamen nur maximal 15 Zeichen lang sein, deswegen musste ich aus „fussballlinguistik“ „fussballinguist“ machen – mit zwei „l“. Ich habe später auch mit Tiktok und Instagram angefangen, habe aber dort dem Fußballthema nie besonderen Raum gegeben. Dort greife ich eher andere Videos auf, um den ein oder anderen Sprachmythos zu entkräften. Da das Zielpublikum jünger ist und die Videos in seiner Freizeit konsumiert, ist der Ton ein bisschen lockerer. Gleichwohl verzichte ich nicht auf Fachbegriffe, schließlich bin ich primär immer noch Wissenschaftler. (taz-baskultur)

(2026-07-24)

WENIG GRUND ZUM FEIERN

Mexiko und die Fußball-Weltmeisterschaft. Während der Faschist wie ein Sonnengott im Mittelpunkt stand, blieben die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum und der kanadische Premierminister Mark Carney völlig im Schatten. Man mag sich fragen, was die Mexikanerin wohl dachte, als sie da auf der Ehrungsrampe stand neben FIFA-Glatze Infantino, Melania Trump und Donald Trump, dem Verantwortlichen für den Tod von mindestens 17 mexikanischen Migrant*innen. Sie setzte ein Politik-Lächeln auf, alles wirkte wie ein Pflichttermin, auch wenn die Präsidentin dem besten Spieler den Goldenen Ball überreichen durfte. Während der WM wurden in ihrem Land drei Journalist*innen ermordet. Kurz vor dem WM-Showdown hatte Sheinbaums Regierung angekündigt, wegen der 17 toten Landsleute Anzeige gegen die berüchtigte Einwanderungs- und Zollbehörde ICE zu erstatten. Das dürfte bei Trump ebenso für Ärger gesorgt haben wie Sheinbaums Weigerung, seiner Forderung nachzukommen und den ehemaligen Gouverneur Rubén Rocha Moya an die US-Justiz auszuliefern, weil er für das kriminelle Sinaloa-Kartell gearbeitet haben soll. Eine Kolumne aus der Tageszeitung taz:

Dann sind da auch noch die regelmäßigen „Angebote“ Trumps, mit US-Truppen in Mexiko gegen die Mafia vorzugehen. Und last not least verurteilte ein US-Gericht just am Montag den Mafia-Chef Ismael „El Mayo“ Zambada zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Das könnte Sheinbaum eigentlich gutheißen. Aber El Mayo ist wegen einer Kooperation zwischen Kartellbossen und US-Geheimdienstlern auf mexikanischem Boden in die Hände der US-Fahnder geraten. Insgesamt also wenig gute Gründe für Mexikos Präsidentin, mit Familie Trump das WM-Finale zu feiern.

VERSCHWINDENLASSEN VON MENSCHEN

Und zu Hause, dem „besten Austragungsort des Wettbewerbs“, wie Sheinbaum kundtat? Für jene, die zu Beginn der Meisterschaft mit Blockaden, Demos und Plakaten weltweit auf die fürchterlichen Menschenrechts-Verhältnisse in Mexiko aufmerksam machten, hat sich das Rad schlicht weitergedreht. Auch Sheinbaum weiß: Die Zahl der Verschwundenen ist weiter angestiegen und erreicht bald 135.000. Allein in den Wochen der Meisterschaft wurden in ihrem Land drei Journalist*innen ermordet: Roxana Guzmán im Bundesstaat Veracruz, Josué Martínez in Puebla und Alex Serna in Guerrero. Das massive Verschwindenlassen von Menschen und die anhaltenden teilweise tödlichen Angriffe auf Medienschaffende sind zwei der eklatantesten Verbrechen, die den Zustand der mexikanischen Gesellschaft auf den Punkt bringen. In beiden Fällen zeigen sich die Behörden bestenfalls unfähig, die potenziell Betroffenen zu schützen beziehungsweise die Verbrechen aufzuklären. Häufig sind Beamte selbst involviert. Dass Sheinbaums Regierung diesen korrupten Verhältnissen den Kampf angesagt hat, konnte bisher wenig ändern, zumal viele ihre Parteifreund*innen selbst in solche Geschäfte verstrickt sind.

Vier der acht Verdächtigen, die wegen der Ermordung der Reporterin Guzmán festgenommen wurden, waren Polizisten. Über ein Monat verging zwischen der Entführung und dem Zeitpunkt, an dem die Leiche der Journalistin gefunden wurde. Doch obwohl die Spezialeinheiten der Sicherheitsbehörden in die Suche eingebunden waren und sich Sheinbaum selbst um den Fall kümmerte, konnte Guzmán nicht gerettet werden. Wie ihre Kollegen Martínez und Serna publizierte sie lokale Nachrichten in sozialen Netzwerken – und wurde so zur Zielscheibe lokaler Akteure, die ihre Interessen mit allen Mitteln durchsetzen. Nicht selten kennen sich Opfer und Täter seit dem Kindergarten. Der Journalist Serna musste sterben, weil er über das umweltschädigende Verhalten eines Unternehmens recherchierte, das vermutlich von korrupten Beamten gedeckt wurde. Es sind diese Niederungen des Alltags, die die sich links verstehende Regierung ebenso wenig in den Griff bekommt wie ihre konservativen und wirtschafts-liberalen Vorgängerinnen. Und dann steht die Präsidentin neben einem wild gewordenen Rechtsextremen, der mit unsinnigen Militäreinsätzen droht und illegale Geheimdienst-Aktionen durchführen lässt, die rein gar nichts mit der Lösung des sogenannten Drogenproblems zu tun haben. (taz-baskultur)

(2026-07-22)

SPORT ALS PROPAGANDA

Die nächste bitte! Nach Gianni Infantino mit seiner FIFA soll nun die weißhäutige Simbabwerin IOC-Chefin Kirsty Coventry ein Superevent in den USA zu organisieren. Denn nach der Fußball-Weltmeisterschaft steht mit den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles das nächste Großevent in den USA an. Die PR-Maschine läuft widerspruchslos weiter. MAGA unter den Ringen. Ein Kommentar der Tageszeitung taz.

Karoline Leavitt, die Sprecherin des Weißen Hauses, war begeistert. „Das Dekret von Präsident Donald Trump zum Schutz von Frauensport hat gewirkt!“, schrieb sie. Gerade hatte das IOC verkündet, dass bei den kommenden Spielen in Los Angeles keine Trans-Frauen zugelassen sein werden. Zuvor hatte Trump das Komitee massiv unter Druck gesetzt: Er werde nicht zulassen, dass Trans-Frauen an Olympia 2028 teilnehmen und keine Einreisegenehmigungen erteilen. In den USA dürfen seit 2025 Trans-Frauen von Wettkämpfen an Schulen und Hochschulen ausgeschlossen werden. Das olympische und paralympische Komitee der USA schließen sie nun ebenfalls aus. Das IOC hatte gespurt. Das war schon sachlich völlig absurd, denn 2024 nahm keine einzige Trans-Frau an Olympia teil, auch diesmal hätte es keine gegeben. Es geht um reine Machtdemonstration.

Nein, die nächste Großveranstaltung in den USA wird nicht besser als diese WM. 2028 sind mit Olympia in Los Angeles die nächsten US-Propaganda-Spiele dran. 2031 folgt wohl mit der ersten Mammut-WM der Frauen mit 48 Teams ein weiteres Großturnier. Die Co-Gastgeber Mexiko, Costa Rica und Jamaika dürften ähnlich unterwürfiges Geleit geben wie diesmal Kanada und Mexiko. Mit einer Großoffensive platzieren die USA sich ganz vorn als Gastgeber im Weltsport. Dabei geht es derzeit um eine Doppelstrategie: Die Vereinigten Staaten, die global vor allem durch die Trump-Regierung, ICE und den Völkermord in Gaza massiv an Ansehen verloren haben, wollen erstens ihr Image polieren und sich als Kulturzentrum der Welt inszenieren. Auch die Dauer-Einblendung von Influencern und Hollywoodstars auf den Tribünen sendete die Botschaft: Alles wie immer, liebe Welt. Die USA sind nicht grausam und erst recht nicht am Ende – sie sind cool. Und zweitens sind die Turniere eben Bühne für (nicht nur) Trumps Machtpolitik.

IOC-Präsidentin Kirsty Coventry steht dabei unter Druck, einerseits einen guten Draht zu Trump zu wahren, aber andererseits keinen so glühenden Draht wie Infantino, der über die Balogun-Affäre nun gar stürzen könnte. Die Frau aus Simbabwe ist weit weniger von den USA abhängig als ihr FIFA-Gegenpart Infantino. Der war ja erst ins Amt gespült worden, nachdem die US-Justiz mit ihren Korruptionsermittlungen die alte FIFA-Spitze zu Fall gebracht hatte. Pikanterweise hat jetzt die Menschenrechts-Organisation FairSquare gegen Infantino auch beim IOC Beschwerde eingelegt. Eine unangenehme Situation für das olympische Komitee, zumal vor Olympia in Los Angeles. Coventry hat Infantinos Trump-Nähe zuvor öffentlich verteidigt. Und zu den diversen US-Verbrechen und Annexions-Drohungen nur zu sagen gewusst, dass politische Konflikte „nicht in den Zuständigkeitsbereich“ des IOC fallen.

MIT EINER GROSSOFFENSIVE PLATZIEREN DIE USA SICH GANZ VORN ALS GASTGEBER IM WELTSPORT

Es dürfte 2028 also erneut keinen Gegenwind geben gegen die erwartbaren US-Einreiseverbote oder mögliche Wettbewerbs-Verzerrung bei Ländern, die nach US-Interesse lieber nichts gewinnen sollen, wie diesmal Iran. Eine umstrittene Personalie gibt es noch dazu, denn Organisations-Chef Casey Wasserman tauchte in den Epstein-Akten auf, wenngleich kein Mitwissen nachgewiesen ist. Er blieb im Amt. Von Sportverbänden ist bei alledem wenig zu erwarten. Die öffentliche Debatte in Deutschland konzentriert viel Aufmerksamkeit auf Personalfragen wie Infantino, doch im Kapitalismus sind diese „Warum ist er bloß so unethisch?“-Diskurse eine Ersatzdebatte. Denn somit muss man über Strukturen nicht sprechen. Dabei ist klar: Spitzensport will Geld. Geld gibt es vor allem für unethisches Verhalten. Und das passende Personal dafür findet sich immer.

Die Sanktionen gegen Russland hat das IOC derweil pünktlich zu Olympia aufgehoben, die letzte Entscheidung obliegt den Verbänden. Es war die absehbare Wahl: Statt USA und Israel ebenfalls für Angriffskrieg und völkerrechtswidrige Besatzung zu sanktionieren, sanktioniert man keinen mehr. Sachlich lässt sich das durchaus gut begründen: Nationale Sportsanktionen wirken in Zeiten globaler Ausbeutungs-Systeme oft überholt, decken nur eine recht willkürliche Auswahl staatlicher Menschenrechts-Verbrechen ab und hatten kaum je Effekt. Aber um die Sache geht’s natürlich nicht.

Für ein moralfreies Olympia hat die WM eine eindrückliche Vorlage geliefert. Dass Gastgeber USA Krieg gegen Teilnehmer Iran führte, empörte fast niemanden. Die deutsche Debatte drehte sich darum, wie Irans Spieler verantworten, für dieses Regime anzutreten – und nicht, wie US-Spieler verantworten, für diesen Staat anzutreten. Die Einwanderungs-Behörde ICE führte derweil während des Turniers beispiellose Razzien durch, einmal wurden innerhalb von fünf Tagen bis zu 10.000 Menschen festgenommen. NGOs blieben mit ihren Protesten weitgehend allein. Und in Gaza und im Westjordanland ging während des Turniers die tägliche Ermordung und Vertreibung von Zivilist:innen weiter, finanziert maßgeblich von den USA. Ein Report der Unabhängigen Internationalen Untersuchungs-Kommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete (einschließlich Ost-Jerusalems) und Israel für die UN stellte noch während der WM fest, dass Israels Tötung palästinensischer Kinder seit dem Waffenstillstand systematisch und Beleg für fortlaufenden Genozid sei. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef spricht von 265 getöteten Kindern in den acht Monaten seit dem Waffenstillstands-Abkommen. Die WM-Soli-Proteste verhallten. Die Botschaft all dessen lautet: Ja, es geht fast alles. Solange Donald Trump nicht bei Coventry anruft, um ein Ergebnis annullieren zu lassen. Oder zumindest nicht darüber spricht. Denn sauber muss der Sport wirken. Auch daraus wird das IOC lernen. (taz-baskultur)

(2026-07-21)

ROTE KARTE FÜR FASCHISMUS UND US-KRIEG!

Einen Tag vor dem WM-Finale in New Jersey hat sich die „Antifascist Football Coalition“ mit einem Aufruf zu Wort gemeldet. Wir müssen zugeben, dass wir bis dahin noch nie von dieser „Anti-Faschistischen Fußball-Koalition“ gehört haben. Mit ihrem Aufruf wandte sich die AFFC an die Spieler des Finales und ihre Betreuer-Teams. Vorweg sei bemerkt, dass sich der Aufruf einigermaßen utopisch und weltfremd anhört. Doch nicht alles Utopische muss den Zusammenhang mit der Realität verloren haben, auch die Baskultur-Kolumne, mit der wir sechs Wochen beschäftigt waren, thematisierte das Thema „Boykott der WM“ und „Rote Karte für den Fußball“. Der AFFC-Aufruf trägt den Titel: „Lehnt es ab, die Weltmeisterschafts-Trophäe aus den blutbefleckten Händen des US-Imperiums entgegenzunehmen!“

Die Zahl der Opfer und die Kriegsverbrechen des faschistischen Kolonial- und Siedlungsstaates USA nehmen mit jedem Tag zu. Am ersten Tag der gegen den Iran gerichteten Operation „Epic Fury“ wurden 168 iranische Schülerinnen in Minab in ihren Klassenzimmern durch US-Raketen ermordet. Seitdem geht das Massaker an unschuldigen Menschen durch die imperialistischen Streitkräfte der USA unerbittlich und ohne das geringste Anzeichen von Reue weiter. Von der tödlichen Blockade gegen Kuba über die Invasion Venezuelas, den wiederaufgenommenen Krieg gegen den Iran, die US-Besetzung Haitis, die gewaltsame Ausbeutung der Ressourcen im Kongo bis hin zum andauernden Völkermord in Palästina – das Blut von Hunderttausenden Opfern des US-Imperialismus klebt an den Klauen des faschistischen Regimes der Vereinigten Staaten. Jede Woche begeht die US-amerikanische Gestapo – die ICE – neue Gräueltaten auf US-amerikanischem Boden.

Während die Fußball-Weltmeisterschaft in die Halbfinalrunde ging, ermordeten ICE-Schläger zwei Einwanderer-Väter: Johan Sebastián Guerrero in Maine und Lorenzo Salgado Araujo in Houston, einer Stadt, in der sieben Spiele der Weltmeisterschaft ausgetragen wurden. Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit müssen Konsequenzen haben, und die Verantwortlichen müssen vor Gericht gestellt werden. Wir lehnen Straffreiheit als Reaktion auf die von den USA begangenen Kriegsverbrechen und systematischen Morde ab und sind entschlossen, jede Form der Normalisierung, Komplizenschaft oder Zusammenarbeit mit dieser offen faschistischen Agenda der globalen Vorherrschaft, die von den USA vorangetrieben wird, zu unterbinden.

Deshalb: Die Anti-Faschistische Fußball-Koalition (AFFC) fordert das Siegerteam der Weltmeisterschaft 2026 auf, die Entgegennahme des WM-Pokals aus den blutbefleckten Händen von Donald Trump und des US-Staates abzulehnen. Falls (und sobald) sich die FIFA weigert, Trump von der Zeremonie auszuschließen, fordert die AFFC sowohl das Siegerteam wie auch den Vizemeister auf, ihm die Hand zu verweigern, ihm den Rücken zuzukehren und ihn nicht am Hochhalten des Pokals teilhaben zu lassen.

Die Antifaschistische Fußballkoalition fordert, dass vor Beginn des Finales eine Schweigeminute zum Gedenken an die 168 Schülerinnen aus Minab eingelegt wird, die von US-Streitkräften ermordet wurden, sowie an die beiden Eltern mit Migrations-Hintergrund, die diese Woche von der ICE ermordet wurden. Bislang wurden während des Turniers sechs Schweigeminuten eingelegt und übertragen, um an die Opfer des Erdbebens in Venezuela, den Tod des südafrikanischen Fußballers Jayden Adams und die Opfer der Waldbrände in Südspanien zu erinnern. Die USA und die FIFA weigern sich, die Menschlichkeit der 168 Mädchen anzuerkennen, die sie selbst im Iran ermordet haben. Wir lehnen diese Geringschätzung nicht-weißen Lebens ab und fordern, dass ihr Andenken gewürdigt wird.

Die AFFC lässt sich nicht von den Taktiken der Angst, Unterdrückung und Neutralisierung einschüchtern, die die US-Regierung gegen diejenigen einsetzt, die bereit sind, dem Faschismus die Stirn zu bieten. Schließe dich dem Globalen Netzwerk an, während wir gemeinsam für menschenorientierte Menschenrechte kämpfen. (Aufruf-Ende)

Das Finale ist ebenso vorbei wie die Siegerehrung. Die Spieler haben den Rat der AFFC nicht befolgt, wahrscheinlich haben sie nie von diesem Aufruf erfahren. Doch nimmt die Ignoranz dem Aufruf nicht seine politische Richtigkeit, seine logische Konsequenz. Der Aufruf sollte eine Blaupause werden für alle kommenden gigantischen Sport- und Kultur-Events, die der Weltöffentlichkeit etwas vorgaukeln, was nicht der Wirklichkeit entspricht. Ein riesiges „LOVE“-Transparent wurde in der Halbzeitpause auf dem Rasen inszeniert – eine Unverschämtheit angesichts des täglichen Rassismus in den USA und dem Morden in aller Welt. „MAKE LOVE NOT WAR“ sangen die Hippies in den 1960er Jahren gegen den Vietnam-Krieg. Ein wenig könnten wir davon lernen. (borreruak2-baskultur)

ABBILDUNGEN:

(*) Tagespresse

(ERST-PUBLIKATION BASKUTLUR.INFO 2026-07-21)

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