Tore und Märtyrer

Als offiziell anerkannter Fußball-Verband hätten sich die Palästinenser für die Fußball-WM qualifizieren können. Es reichte nicht. Im Völkermord gegen Gaza verlor das Land Tausende von Sportler*innen. Das Leben unter Bomben und in Ruinen scheint Lichtjahre entfernt von der aktuell stattfindenden WM. Doch die Palästinenser trotzen den israelischen Angriffen und Stromausfällen, um das größte Fußballturnier der Welt zu verfolgen. Auch wenn viele befürchten, dass die Welt sie im Stich gelassen hat.

„Sie feiern Tore, wir zählen Märtyrer: Die Weltmeisterschaft in Gaza“ – Englisches Original: „They celebrate goals, we count martyrs: Watching the World Cup in Gaza“. Ein Beitrag von 972-Magazin zur Art und Weise, wie die Fußball-WM entgegen allen Widrigkeiten in Gaza verfolgt wird.

In Gaza ist die FIFA-Weltmeisterschaft schon lange viel mehr als nur ein vorübergehendes Sportereignis. Die Palästinenser werden sagen, dass es ein Ereignis ist, auf das sie sich alle vier Jahre sehnsüchtig freuen, da es seltene Momente der Freude und eine vorübergehende Atempause von den Strapazen eines Lebens bietet, das von israelischen Bombardements und der Belagerung geprägt ist. Während sich die aktuelle Ausgabe des Turniers zum Ende neigt, wird deutlich, dass selbst drei Jahre Völkermord die Leidenschaft der Bewohner Gazas für den Fußball nicht ausgelöscht haben. Trotz der weitreichenden Zerstörung von Häusern und Stadtvierteln, der knappen Stromversorgung und der unzuverlässigen Internetverbindung haben sich die Palästinenser im Gazastreifen bemüht, Orte zu finden, an denen sie sich vor einem Bildschirm versammeln können, um das Geschehen zu verfolgen und sogar ein wenig zu träumen – auch wenn sich das eigene Nationalteam nicht qualifiziert hat.

Einer dieser Fans ist selbst Fußballer. Abdallah Shaqfa, ein 35-Jähriger, der aus der zerstörten südlichen Stadt Rafah vertrieben wurde, lebt in einem Zelt im Al-Mawasi-Viertel von Khan Younis. Als Torwart bei Shabab Rafah konnte er seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 nicht mehr spielen, als alle organisierten sportlichen Aktivitäten abrupt zum Erliegen kamen. Wie die meisten Menschen in Gaza hat er kein Zuhause mehr, in dem er mit seiner Familie zusammen sitzen und die WM-Spiele im Fernsehen verfolgen kann, wie er es in den vergangenen Jahren getan hat. Jetzt verfolgt er jedes Spiel in kurzen Ausschnitten auf seinem Handy, wann immer eine Internetverbindung verfügbar ist, und klammert sich an diese flüchtigen Momente, die ihn wieder mit dem Leben verbinden, das er einst hatte. „Fußball ist für uns mehr als nur ein Spiel“, sagt er. „Er ist ein Ort, an dem wir durchatmen und – wenn auch nur für wenige Augenblicke – alles vergessen können, was wir gerade durchleben. Gaza mag seine Stadien und Häuser verlieren, aber niemand kann den Menschen ihre Leidenschaft für den Sport nehmen.“

Shaqfa, der früher für die palästinensische Auswahl spielte und 2021 am Arab Cup in Katar teilnahm, erhielt später das Angebot, bei Markaz Shabab Balata im besetzten Westjordanland zu unterschreiben. Er sagt, der Krieg habe ihm nicht nur diese Chance auf eine berufliche Weiterentwicklung geraubt, sondern auch jeden Anschein eines normalen Lebens. „Wenn ich die jubelnden Menschenmengen in den Stadien sehe und beobachte, wie Menschen auf der ganzen Welt die Spiele genießen, habe ich das Gefühl, dass wir völlig von der Welt abgeschnitten sind“, beklagt Shaqfa. „Sie feiern Tore, während wir die Märtyrer zählen und hoffen, die Nacht sicher zu überstehen“.

„Meine Träume vom Profifußball und von einer weiteren Karriere im palästinensischen Nationalteam wurden durch den Krieg und die Schließung der Grenzübergänge zunichte gemacht, obwohl ich für mehrere sportliche Angebote außerhalb des Gazastreifens nominiert worden war“, fährt er fort. „Ich spiele zwar immer noch für Shabab Rafah, aber die Leidenschaft, die mich vor dem Krieg erfüllt hat, ist nicht mehr dieselbe.“ Shaqfas Verluste reichen weit über seine Fußballkarriere hinaus. Am 21. Juni letzten Jahres wurde seine Frau durch Splitter eines israelischen Luftangriffs auf ein nahegelegenes Zelt getötet, als sie ihre Familie besuchte, sodass Shaqfa nun ihre beiden Töchter allein großziehen muss.

„Nachdem meine Frau getötet wurde, habe ich versucht, sowohl Vater als auch Mutter zu sein“, sagt er. „Jeden Tag denke ich darüber nach, wie ich meine Töchter mit Essen und Wasser versorgen und wie ich sie vor der harten Realität um uns herum schützen kann. Diese Verantwortlichkeiten haben das Training zur Nebensache gemacht, obwohl Fußball einst mein ganzes Leben war.“ „Wenn die Leute ein Spiel gesehen haben, gehen sie nach Hause, um zu feiern oder über das Ergebnis zu diskutieren“, fügt er seufzend hinzu. „Wir legen unsere Handys beiseite und kehren in eine von Angst geprägte Realität zurück. Es fühlt sich an, als würden wir in einer Welt leben, während der Rest der Welt in einer anderen lebt.“

DAS ENDE EINES FAMILIENRITUALS

Eine weitere begeisterte Fußball-Anhängerin ist Ne’ma Basal, eine 35-jährige Mutter von vier Kindern, die aus dem Stadtteil Sheikh Radwan im Westen von Gaza-Stadt nach Deir Al-Balah im Zentrum von Gaza vertrieben wurde. Für Basal war Fußball einst eine willkommene Abwechslung vom Druck des Alltags. Sie erinnert sich, wie sie vor jedem Spiel dieselben kleinen Rituale vollzog, um daraus ein besonderes Fest zu machen: eine Tasse Instant-Kaffee und eine Schüssel mit Nuss-Mischung zubereiten, dann vor dem Bildschirm Platz nehmen, um das Spiel anzuschauen.

„Mein Mann war kein Fußballfan, aber nachdem wir geheiratet hatten, fing er an, die Spiele mit mir anzuschauen“, erzählt Basal. „Im Laufe der Jahre wurden diese Abende zu Familienritualen, die uns zusammenbrachten. Sie waren voller Lachen, lebhafter Diskussionen und Spannung und verschafften uns eine kurze Atempause von den Anforderungen des Alltags.“ Doch der Krieg habe alles verändert, sagt Basal und hält kurz inne, um Luft zu holen, während sie an einer Feuerstelle im Freien eine Mahlzeit zubereitet. „Es gibt keinen Strom und keinen Internetzugang mehr, um die Spiele zu verfolgen. Es bleibt nicht einmal mehr Zeit, vor einem Bildschirm zu sitzen. Alles, was ich über das Turnier weiß, erfahre ich aus den Nachrichten oder von anderen Leuten.“

Für Basal haben Vertreibung und die tägliche Suche nach Wasser, Nahrung und Unterkunft die Bedeutung des Fußballs in den Hintergrund gedrängt, zumal sie ihre Zeit ganz der Betreuung ihrer Kinder widmet. „Wir wurden in eine Realität gezwungen, in der die Sicherung unserer Grundbedürfnisse unsere gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt und uns keinen Raum lässt, an etwas anderes zu denken“, sagt sie. „Selbst die einfachen Dinge, die uns einst Freude bereiteten, scheinen nun unerreichbar. Fußball war etwas, das es mir ermöglichte, mich zu entspannen und all die Erschöpfung hinter mir zu lassen, aber jetzt gibt es so etwas wie Ruhe nicht mehr. Wir denken nur noch daran, wie wir überleben und unsere Kinder in Sicherheit bringen können.“

Aufgrund dieser Realität hat Basal gemischte Gefühle, wenn sie sieht, wie Menschen auf der ganzen Welt das Turnier genießen. „Wenn ich sehe, wie sie die Weltmeisterschaft verfolgen, während uns das vorenthalten wird, habe ich das Gefühl, dass die Welt uns im Stich gelassen hat“, sagt sie. „Die Menschen haben ihr Leben wie gewohnt weitergelebt, und niemand war bereit, für Gaza auf irgendetwas zu verzichten. Letztendlich sind wir für die Welt nur ein flüchtiger Moment des Mitgefühls, nach dem jeder wieder sein Leben in Sicherheit weiterlebt. Aber wir sind es, die mit dem Schmerz leben müssen, und niemand spürt wirklich, was wir durchmachen.“

„Ich möchte, dass die Welt uns mit derselben Aufmerksamkeit begegnet, die sie den Stadien und Turnieren schenkt“, fügte sie hinzu. „Warum kennen die Menschen die Namen von Fußballspielern und ihre Statistiken, aber nicht die Namen unserer Kinder oder der Familien, die alles verloren haben? Hinter jedem Zelt und jedem zerstörten Haus verbirgt sich die Geschichte von jemandem, der einst ein ganz normales Leben führte, einfache Träume hatte und Momente des Glücks erlebte, bevor der Krieg ihm all das nahm.“

EINE VORZEITIG BEENDETE KARRIERE

Die Karriere von Mohammed Barakat, einst ein aufstrebender Star des palästinensischen Beach-Soccer-Nationalteams, wurde vorzeitig beendet – nicht aufgrund seines Alters oder einer Verletzung, sondern durch einen israelischen Luftangriff, der ihn am 11. März 2024 in der Stadt Khan Younis das Leben kostete. Barakat, unter Fußballfans in Gaza als „Der Löwe“ bekannt, gehörte zu den erfolgreichsten Spielern Palästinas. Er war Mitglied der ersten palästinensischen Fußball- und Beach-Soccer-Nationalauswahl und hinterließ seine Spuren bei Shabab Khan Younis, wo er als erster Spieler in Gaza 100 Tore für einen einzigen Verein erzielte. Im Laufe seiner Karriere spielte er außerdem für den Al-Sadaqa Club, Ittihad Khan Younis, den Al-Ahli Club und den Khadamat Al-Shati Club.

Für Barakats Familie ist Fußball zu einer ständigen Erinnerung an den Bruder und Sohn geworden, der im Alter von 40 Jahren sein Leben verlor. Sein 45 Jahre alter Bruder Yousef sagt, wenn Barakat noch am Leben wäre, wäre er der Erste, der sich auf die WM-Spiele freuen, sie analysieren und jedes Detail verfolgen würde. „Fußball war sein Leben, und er konnte sich ein Leben ohne ihn nicht vorstellen“. Jedes große Fußballturnier sei für die Familie nun mit einem schweren Gefühl des Verlusts verbunden, fügt er hinzu. „Wenn wir die Spieler auf den Platz laufen sehen, stellen wir uns vor, dass Mohammed unter ihnen ist. Wann immer das palästinensische Nationalteam erwähnt wird, empfinden wir nicht nur Stolz – wir empfinden auch Traurigkeit, denn einer der Spieler, der einst ihr Trikot trug, ist nicht mehr unter uns.“

„Immer wenn ich mir ein großes Turnier anschaue, frage ich mich: Wie viele Spieler auf der ganzen Welt bereiten sich auf ihr nächstes Spiel vor, während unsere Spieler in Gaza im Krieg getötet werden? Mohammed träumte davon, auf dem Platz zu bleiben, aber der Krieg hat seinen Traum beendet. Sein Name lebt in den Erinnerungen der Fußballfans weiter. Doch für uns wird sein Platz auf dem Platz immer leer bleiben, genauso wie die Lücke, die er in unserem Zuhause hinterlassen hat, niemals gefüllt werden kann.“

Barakat ist bei weitem nicht der einzige Verlust, den die Fußballgemeinschaft in Gaza infolge der israelischen Angriffe erlitten hat. Mustafa Siyam, Generalsekretär der Palestinian Sports Media Association, sagt, dass Sportstätten und Spieler gezielt angegriffen worden seien. „Israelische Streitkräfte haben 1.015 palästinensische Sportler getötet, darunter 560 Fußballspieler und Trainer“, erklärt er. „Unter ihnen sind Hani Al-Masdar, Cheftrainer des palästinensischen Olympia-Teams; Mohammed Barakat, ein ehemaliges Mitglied des palästinensischen Fußball-Nationalteams; Shadi Abu Al-Araj, Torwart der palästinensischen Beach-Soccer-Auswahl; und Mohammad Khalifa, ein Mitglied der palästinensischen Jugend-Auswahl.“ Das gleiche Schicksal ereilte „viele andere Spieler, junge Talente und Kinder, die in Sportakademien trainierten“, fügt er hinzu.

Nach Angaben des Palästinensischen Olympischen Komitees (POC) und des Palästinensischen Fußball-Verbands (PFA) hat Israel fast 90 Prozent der Sportinfrastruktur im Gazastreifen zerstört, darunter Stadien, Vereine und Verwaltungszentralen – insgesamt rund 265 Einrichtungen, von denen einige nun als provisorische Unterkünfte für vertriebene Familien dienen. Auch die meisten Sportvereine und Akademien wurden zerstört, ebenso wie die Hauptsitze des Hohen Rates für Jugend und Sport, des POC und des PFA, die nach internationalem Recht sowie den Vorschriften des Internationalen Olympischen Komitees und der FIFA geschützt sind.

Siyam sagt, dass die meisten Sportler, die während des Krieges die Möglichkeit hatten, den Gazastreifen zu verlassen, dies taten, um ihre sportliche Karriere anderswo in der arabischen Welt fortzusetzen, insbesondere in Ägypten. Angesichts des Ausmaßes der Schäden wird es viele Jahre dauern, bis der organisierte Sport im Gazastreifen wieder aufgenommen und Stadien sowie andere Einrichtungen wieder aufgebaut werden können – und dies wird unmöglich bleiben, solange Israel seine Angriffe fortsetzt und die Einfuhr von Baumaterialien weiterhin stark einschränkt.

Angesichts dieser schmerzhaften Realität versuchen die Sportbehörden im Gazastreifen, Israel zur Rechenschaft zu ziehen. „Der PFA hat internationale Gremien kontaktiert und strebt an, Israel aus der FIFA auszuschließen und seine Mitgliedschaft auszusetzen“, sagt Siyam. „Doch dieser Antrag wurde wiederholt an verschiedene Ausschüsse verwiesen, und die FIFA hat noch nicht darüber entschieden, obwohl die Organisation im Zusammenhang mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine rasch gehandelt hat, um russische Nationalteams und Vereine von europäischen Wettbewerben auszuschließen.“

„WIR SIND IN DEN HERZEN DES ARABISCHEN VOLKES PRÄSENT“

Raed Afaneh, 36, trägt ein Laptop durch die Klassenzimmer der Tal-Al-Hawa-Grundschule für Jungen und sucht nach einem Internetsignal, das stark genug ist, um das Spiel Ägypten gegen Australien mit Freunden zu verfolgen. Die westlich von Gaza-Stadt gelegene Schule war in eine Notunterkunft für Menschen umgewandelt worden, die durch israelische Militärschläge und Zwangsevakuierungen vertrieben worden waren. „Ich zögere, in ein Café zu gehen, um das Spiel zu sehen – israelische Drohnen kreisen ständig über uns, und sie könnten jeden Moment zuschlagen“, sagt er. „Deshalb schaue ich mir die Spiele hier in der Schule an, aber die Internetverbindung ist instabil, und der Akku meines Laptops könnte leer sein, bevor das Spiel vorbei ist. Wenn das passiert, kann ich ihn nicht aufladen, weil es keinen Strom gibt.“

Trotz der einfachen Ausstattung versammelten sich am 3. Juli Dutzende Menschen um Afanehs Laptop, um das Spiel zu verfolgen. „Die Stimmung war elektrisierend“, sagt er. „Jedes ägyptische Tor oder jede Torchance wurde von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Applaus und Jubel begrüßt. Als das Spiel mit einem Sieg Ägyptens endete, breitete sich Freude in der Schule aus.“ Ägypten feierte seinen Sieg über Australien – der nach einem 1:1-Unentschieden im Elfmeterschießen entschieden wurde – mit einer Solidaritäts-Bekundung für Palästina. Trainer Hossam Hassan lief mit einer palästinensischen Flagge in der Hand um das Spielfeld und widmete den Sieg sowohl den Palästinensern als auch den Ägyptern. Ägypten schied später gegen Titelverteidiger Argentinien aus dem Turnier aus, nachdem es Geschichte geschrieben und zum ersten Mal das Achtelfinale erreicht hatte.

„Was alle am meisten freute, war, den Sieg dem palästinensischen Volk zu widmen“, sagt Afaneh. „Diese Geste hatte eine tiefgreifende Wirkung: Sie schenkte den Menschen einen Moment der Freude und das Gefühl, dass ihre Sache in den Herzen anderer noch immer lebendig ist und dass Sport – wenn auch nur für kurze Zeit – Menschen um eine Botschaft der Solidarität und Hoffnung vereinen kann.“ Osama Omar, Vorsitzender des Al-Ahli-Fanclubs in Gaza, verfolgte dasselbe Spiel in einem Café, umgeben von Dutzenden Fans. „Sobald der Schiedsrichter das Spiel abpfiff und den Sieg Ägyptens verkündete, brach der ganze Raum in Applaus und Jubel aus, alle umarmten sich wie eine große Familie“, sagt er. „Als der ägyptische Trainer den Sieg dem palästinensischen Volk widmete, verwandelte sich mein Gefühl von bloßer Freude über einen sportlichen Triumph in das tiefe Bewusstsein, dass wir in den Herzen der arabischen Bevölkerung präsent sind. Ich sah Tränen in den Augen einiger Anwesender. Es war eine Szene voller Liebe und Solidarität, und sie ließ – wenn auch nur für wenige Sekunden – das Gefühl wieder aufleben, dass wir nicht allein sind.“

„EINE ANDERE FORM DES WIDERSTANDS“

Am 30. Juni letzten Jahres saß Kifah Al-Fakhouri, eine 30-jährige Fußball-Anhängerin, mit Freunden im Al-Baqa-Café in Gaza-Stadt und versuchte, sich inmitten des Krieges ein paar Momente der Freude zu gönnen. Augenblicke später traf eine israelische Rakete das Café am Meer und tötete vier ihrer Freunde. Sie überlebte, musste sich jedoch ein Bein amputieren lassen. Trotz ihres persönlichen Verlusts und ihrer Trauer um den Tod ihrer Freunde fand Al-Fakhouri die Kraft, sich einem Frauen-Fußballteam für Amputierte anzuschließen. Auf dem Spielfeld fand sie einen Ort, an dem sie einen Teil von sich selbst zurückgewinnen und dem Gefühl der Hilflosigkeit, das ihr der Krieg auferlegt hatte, die Stirn bieten konnte.

Fußball ist für Al-Fakhouri mehr als nur ein Sport geworden. Er hat geholfen, ihre Seele zu heilen, ihr Selbstvertrauen wieder aufzubauen und neu anzufangen. Der Beitritt zum Frauenteam für Amputierte gab ihr zudem ein neues Lebensziel. „Im Fußball habe ich eine andere Form des Widerstands gefunden“, sagt sie. „Mit jeder Trainingseinheit, die ich absolviere, habe ich das Gefühl, dass ich gegen den Krieg gewinne, wenn auch nur ein wenig – und dass das, was mir der Krieg genommen hat, mich nicht davon abhalten wird, voranzukommen und meinen Traum zu verwirklichen.“

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza haben die Angriffe Israels dazu geführt, dass 6.000 Menschen Gliedmaßen-Amputationen erlitten haben, die dringende, langfristige Rehabilitations-Programme erfordern. Kinder machen 25 Prozent dieser Fälle aus. Al-Fakhouri liebte Fußball schon lange vor ihrer Verletzung, und sie schaut sich immer noch Spiele an, wann immer sie die Gelegenheit dazu hat, darunter auch die der aktuellen Weltmeisterschaft. Aber es ist nicht mehr dasselbe. „Immer wenn ich die jubelnden Menschenmengen in den Stadien sehe, verspüre ich einen tiefen Schmerz“, sagt sie. „Ich freue mich für den Sport, den ich liebe, aber gleichzeitig wird mir bewusst, dass ich mit nur einem Bein zusehe – aus einer Stadt, in der noch immer Krieg herrscht.“

Seit dem Inkrafttreten des sogenannten „Waffenstillstands“ im vergangenen Oktober haben einige Besitzer von im Krieg zerstörten Cafés bescheidene Ersatzlokale in Zelten in den Vertriebenen-Lagern von Gaza oder entlang der Küste wiedereröffnet. Manchmal bieten sie ihren Gästen kostenlosen Internetzugang an – trotz der explodierenden Kosten und knapper Ressourcen, und einige zeigen nun auch WM-Spiele. Da der Strommangel anhält und der Internetzugang nach wie vor unzuverlässig ist, wird jede Übertragung zu einer logistischen Herausforderung, die besondere Vorkehrungen erfordert, um die Übertragung bis zum Schlusspfiff aufrechtzuerhalten. Doch damit geben sie Fußballfans die Möglichkeit, die WM-Atmosphäre zu erleben und Momente gemeinsamer Freude zu teilen.

In einem Café von Alaa Al-Sammak in Gaza-Stadt versammeln sich Menschen jeden Alters – überwiegend Männer, aber auch einige Frauen –, um die Spiele auf den eigens für diesen Anlass aufgestellten Bildschirmen zu verfolgen. Die Übertragungen wurden vom Egyptian Relief Committee organisiert, dessen PR-Leiter am 7. Juli während des Turniers bei einem gezielten Angriff getötet wurde. Al-Sammak sagt, die Menschen in Gaza hätten sich früher „sehr auf die WM gefreut“ und seien mit ihren Familien zusammengekommen, um die Spiele zu verfolgen – sei es zu Hause oder in Cafés. Doch heute sei „das Anschauen eines Spiels zu einer Herausforderung an sich geworden – angefangen bei der Suche nach Strom und einer zuverlässigen Internet-Verbindung bis hin zum nächtlichen Ausgehen, um einen Ort zum Zuschauen zu finden“.

Mohammad Massoud, ein 45-Jähriger aus dem Flüchtlingslager Al-Shati, der nun im Gebiet Al-Shalehat westlich von Gaza-Stadt lebt, schaut sich alle WM-Spiele in Al-Sammaks Café an. Trotz der Freude, die ihm das bereitet, sagt er, dass viele Menschen in Gaza immer noch Angst haben, sich an öffentlichen Orten zu versammeln. „Das Café könnte getroffen werden. Auf meinem Heimweg nach dem Spiel könnte alles Mögliche getroffen werden, und ich könnte mein Leben verlieren. Aber trotz allem, was wir durchmachen, machen wir weiter. Wir werden uns die Spiele trotz allem weiterhin ansehen.“

ANMERKUNGEN:

(*) „They celebrate goals, we count martyrs: Watching the World Cup in Gaza“ (Sie feiern Tore, wir zählen Märtyrer: Die Weltmeisterschaft in Gaza verfolgen), 972-Magazin, Autor: Ibtisam Mahdi, 2026-07-08, Übersetzung: baskultur.info (LINK)

ABBILDUNGEN:

(*) Gaza (972-Magazin)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-07-13)

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