jaialai1Das fröhliche Spiel

Mit alten Traditionen zu brechen, ist nicht einfach. Das gilt auch für den Sport, insbesondere, wenn es sich um eine legendäre Version wie das Jai-Alai-Spiel handelt, auf Spanisch: Cesta Punta, eine der urbaskischen Sportarten, die in Europa wenig bekannt ist. Gespielt wird Jai Alai mit gekrümmten Schlägern, die aus Schilf produziert werden. Von Hand – und genau das ist zum Problem geworden. Es fehlen die Korbflechter, die solche Cesta-Schläger herstellen können. Nun droht der Kunststoff-Ersatz.

Die aus Weidenruten handgefertigten Schläger des traditionellen baskischen Jai-Alai-Spiels durch solche aus Aluminium oder Kohlefasern zu ersetzen, kommt einem Stilbruch gleich. Doch fehlten zuletzt die Handwerker, um die Nachfrage zu befriedigen.

Baskisches Pelota –euskal pilota oder pelota vasca – ist eine der traditionellen baskischen Sportarten, das nur in Euskal Herria gespielt wird oder in Ländern mit baskischer Einwanderung. Doch gibt es nicht nur eine Version von Pelota, sondern eine ganze Reihe: gespielt per Hand, mit Holzschläger oder Korb, in unterschiedlichen Fronton-Spielfeldern und mit unterschiedlicher Beteiligung. An dieser Stelle soll es um Jai Alai gehen, das “fröhliche Spiel“, wie es auf Baskisch heißt (spanisch: Cesta Punta, deutsch: Spitzkorb). Wegen der notwendigen Spielgeräte ist es das aufwendigste unter den Pelota-Spielarten, zudem sind besonders lange Frontons zur Austragung notwendig.

Spielplatz

jaialai2Gespielt wird Jai-Alai in einer langen Wettkampfhalle mit Namen Fronton, mit 50 Metern Länge und 10 Metern Breite. Drei Wände gehören zum Spielfeld: Frontis, die vordere Spielwand, die lange linke Seitenwand und Rebote, die Rückwand. An der in Spielrichtung rechten Seite der Anlage befindet sich das betonierte Spielfeld, die Cancha. Rechts davon schließt sich die Tribüne an, die durch ein Stahlnetz vor eventuellen Querschlägen geschützt sind. Weil immer auf die vordere Wand gespielt wird, ist diese nicht nur wie die beiden anderen aus Beton, sondern die Oberfläche noch mit Granitblöcken verstärkt.

Das Spielprinzip beruht auf dem Schlagen des Balles gegen die Frontis-Wand, wobei der zurückspringende Ball nur einmal den Boden berühren darf, bevor er vom gegnerischen Spieler gefangen und seinerseits wieder gegen die Wand geschleudert wird. Die Spielweise ist am ehesten noch mit Squash zu vergleichen, wenngleich die rechte Außenwand fehlt.

Spielgeräte

Der charakteristischste Teil der Ausrüstung ist der gekrümmte Schlag- oder Wurf-Korb, baskisch Xistera genannt, spanisch Cesta Punta (deutsch: Spitzkorb). Das Auffangen des Spielballs, eine elegante Drehung des Spielers und die Bewegung des Balls im Korb ermöglicht die rasanten Geschwindigkeiten des Spiels. Der rinnenförmige und gebogene Korb läuft zum einen Ende flach aus und wird am anderen Ende durch eine handschuhartige Lederscheide und mit Riemen an der rechten Hand und dem Unterarm des Spielers befestigt. Aus Sicherheitsgründen wird ausschließlich mit der rechten Hand gespielt, damit der Ball nicht direkt Richtung Zuschauer geschleudert werden kann. Für Profispieler fertigen spezialisierte Handwerker die Xisteras aus geflochtenem Schilf oder Weiden und Kastanien Holz an. (1)

Zweites Spielgerät ist ein tennisballgroßer, zunächst mit Wolle, später Nylon umwickelter und mit Ziegenleder bezogener 130 g schwerer Vollgummiball (baskisch: pilota, spanisch: pelota). Die Bälle lassen sich nur in Handarbeit herstellen und sind daher teuer, dabei sind sie nur 15 bis 20 Minuten spielbar, bevor sie repariert werden müssen, infolge der enormen Geschwindigkeit und der Gewalt, mit der diese Bälle gegen die Granitoberfläche der Betonmauer geschleudert werden. Im Guinness-Buch der Rekorde war die Höchstgeschwindigkeit mit 302,5 km/h angegeben. Die persönliche Ausrüstung der Spieler*innen besteht aus langen weißen Hosen und zur Unterscheidung farbige T-Shirts, oder wenigstens blau und rote Gürtel. Aus Gründen der Sicherheit schreibt das Reglement das Tragen von Helmen vor, da in der Vergangenheit durch die Wucht der Pelota-Bälle immer wieder schwere Unfälle und sogar Tote zu beklagen waren. (1)

Exportschlager

Baskische Auswanderer brachten ihren Nationalsport Pelota in jene Länder, in die sie im 19. und 20. Jahrhundert auswanderten: Mexiko, Kolumbien, Venezuela, Philippinen. Auch in die USA, wo das Spiel dank der Wettleidenschaft einen ganz besonderen Aufschwung erlebte. Generell waren Wetten verboten, sofern sie nicht mit einem konkreten Sport in Verbindung standen. Pelota eignete sich dafür hervorragend. In vielen größeren Städten – allen voran in Miami – wurden große Spielhallen gebaut, Generationen von Xistera-Pelotaris wanderten in die USA aus, um dort gutes Geld zu verdienen. Insbesondere in Florida wurde das professionelle Jai-Alai-Spiel zur Grundlage eines Systems von Sportwetten, als Alternative zu Wetten bei Pferde- und Hunderennen.

Im Baskenland selbst verlor Jai Alai an Bedeutung, sicher auch deshalb, weil es nur wenige ausreichend große Spielfelder gab und Jai Alai im Freien so gut wie gar nicht gespielt werden kann. Esku Pilota, Pelota Mano (Hand-Pelota) wurde in den vergangenen Jahrzehnten zum Lieblings-Spiel im Baskenland, in Iparralde ist es das Trinkete, das in kleineren geschlossenen Räumen gespielt wird.

Nachdem 1988 in Florida eine Lotterie eingeführt wurde, die der Wettleidenschaft der Bevölkerung eine billigere und einfachere Methode zu Glücksspielen ermöglichte, brach die Popularität von Jai Alai ein. Ausschlaggebend war zudem, dass die Pelotaris im gleichen Jahr in einen dreijährigen Streik für bessere Verträge traten.

Wetten dass …

jaialai3Wo sich früher tausende von Zuschauer*innen an den Spielen erfreut und gewettet hatten, sah man vor 15 Jahren weniger Zuschauer auf den Sitzplätzen als Spieler auf dem Feld. Für die Betreiber der Hallen wurden die Frontons zum einkalkulierten Verlust, weil Floridas Gesetz für die Lizenz von Kasinos neben Glücksspiel auch eine Wettsportart vorschreibt – ohne Sport keine Wette. Da viele Frontons geschlossen wurden und die besten Athleten in der Folge jeden Tag gegeneinander antreten mussten, gingen Experten ironischerweise davon aus, dass das damals in Florida gespielte Jai-Alai sowohl in technischer, als auch in athletischer Hinsicht das qualitativ hochwertigste aller Zeiten war. So drückte es jedenfalls eine US-Zeitung im Jahr 2013 aus. Es wurde von einem “sterbenden Sport“ gesprochen, die Fronton-Anlagen verwaisten, einige Spieler kehrten zurück in die baskische Heimat.

Doch leben Totgesagte bekanntlich länger. Findige Pelota-Funktionäre in Zusammenarbeit mit bereitwilligen Sponsoren und dem öffentlich baskischen Fernsehen starteten nach der Pandemie eine Kampagne mit dem Namen Xistera zur Neu-Belebung von Jai Alai. Die in der Folgezeit in Szene gesetzten Turniere – allen voran in den großen Frontons von Gernika und der “Pelota-Universität“ in Markina-Xemein – wurden vom Publikum bestens aufgenommen. Jai Alai stieg in der Beliebtheits-Skala der baskischen Bevölkerung sprunghaft, die Turniere waren qualitativ von erster Güte, das Publikum begeistert. Die direkten Folgen waren jeden Montag eine Live-Übertragung, hunderte von Jugendlichen, die den Sport erlernen wollten und die Etablierung von Mädchen- und Frauen-Turnieren.

Der Haken

Mit einem hatten die Pelota-Werbetrommler allerdings offenbar nicht gerechnet. Die neue Popularität von Jai Alai führte selbstverständlich zu einer großen Nachfrage an Spielgeräten, Xisteras und Pelota-Bällen. Doch weil die alle von Hand angefertigt werden müssen, entstand ein Lieferstau. Jai Alai drohte am eigenen Erfolg zu ersticken. Das brachte einen der letzten übrigen Xistera-Korbflechter auf eine “umwerfende“ Idee: Iñigo Kalzakorta, 53 Jahre alt und ehemaliger Cesta-Profi, tüftelte an einem Xistera aus künstlichem Material. Der von ihm entwickelte Prototyp besteht aus Aluminium, Kohlefaser und Aramiden. Er wird demnächst zum ersten Mal bei einem semi-professionellen Turnier getestet. Dabei soll geprüft werden, ob das neue Material den Korb aus Weide ersetzen kann.

Das neue Spielgerät soll das wachsende Problem der stagnierenden Korb-Produktion lösen, das sich in naher Zukunft verschärfen könnte. Der Mangel an Handwerkern, die die traditionell geflochtenen Geräte herstellen, hat die Alarmglocken läuten lassen. Es gibt eine Warteliste für neue Körbe, weil die wenigen verbliebenen Korbmacher nicht in der Lage sind, mit der Nachfrage Schritt zu halten. Die Situation wird sich kaum verbessern. Das ist besonders schmerzhaft in einer Zeit, in der die Sportvariante, nachdem sie praktisch den Tiefpunkt erreicht hatte, einen Aufschwung erlebt, der die Frontons wieder füllt und den Nachwuchs motiviert. Deutliches Beispiel sind die 250 Jugendlichen im Alter von 7 bis 12 Jahren, die an den kürzlich in Biarritz (baskisch: Miarritze) abgehaltenen Spielen teilgenommen haben.

Der künstliche Korb

Vor diesem Hintergrund hat sich der Pelota-Verband entschlossen, einen Schritt nach vorn zu machen. Auch wenn dies einen Bruch mit der Tradition bedeutet und den Puristen möglicherweise die Haare zu Berge stehen, ungefähr wie einst der Kunstrasen beim Fußball. Der neue, bahnbrechende Korb 3.0 steht zur Verfügung. Er wird eingesetzt, um seine Widerstandsfähigkeit zu testen und um zu sehen, wie die Spieler das neue Material aufnehmen. Iñigo Kalzakortas bisher durchgeführte Tests stimmen ihn optimistisch. (2)

Dabei war Kalzakortas ursprüngliche Idee eine ganz andere. Die Entwicklung des künstlichen Korbs begann als Projekt für den Breitensport und die Freizeit-Gestaltung: "Für einen etwas kürzeren Fronton von 36 Metern, von dem ich immer das Gefühl hatte, dass das in diesem Sport fehlt", so der Entwickler. Das vorliegende Ergebnis könnte nach verschiedenen Entwicklungs-Schritten nun sogar eine Option für Profis werden. Ein weniger ausgereiftes Modell als das jetzige wurde bereits vor einigen Jahren im Glasfronton des Magic City Casino in Miami getestet, auch einige baskische Profis haben es ausprobiert, um Eindrücke zu bekommen. Die waren nicht schlecht.

Mit den erzielten Ergebnissen setzte Kalzakorta seine Verbesserungs-Arbeiten fort, mit dem Ziel, den Prototyp zu optimieren. "Es hat Jahre gedauert, weil ich in kleinen Schritten vorgegangen bin und keine Eile hatte. Die Änderungen sind das Ergebnis von Versuch und Irrtum. Es gab Tage, an denen ich bis zu fünf Mal zum nächstgelegenen Fronton gefahren bin, um Veränderungen auszuprobieren. Dies ist die dritte Generation."

Hochlastbespannung

jaialai4Das Ergebnis ist ein Korb, der zum einen aus Aluminium besteht und zum andern Teil aus Kohlefasern "für die Balldrehung". Die Rippen werden durch eine gewölbte Kohlefaser-Platte ersetzt, die beim Wurf die gesamte Energie des Arms überträgt. In ihrem Inneren befindet sich ein Stück aus aromatischen Polyamiden (Aramide), eine Kunstfaser, die den Ball abfedert. Dieses Teil kann ohne großen Aufwand ausgetauscht werden, falls es bricht. An der Außenseite befindet sich eine hochbelastbare Schnur, damit die Pelotaris das Gerät nach ihrem Geschmack festschnallen können. "Wie bei den traditionellen Xisteras ist der Handschuh aus Leder, aber die Finger sind nicht fest vernäht, sondern lassen sich durch ein System von Schnüren an die Hand anpassen", erklärt er. Das Modell ist eine Weiterentwicklung des Korbs, mit dem der Pelotari Goikoetxea vor vier Jahren (2020) auf der Rennstrecke Motorland Aragon den Geschwindigkeits-Rekord von 313 Stundenkilometern aufstellte.

Kalzakorta denkt bereits über das nächste Modell nach, auch wenn die Änderungen vorerst nur Details betreffen. Der Test im Wettbewerb ist wichtig, um herauszufinden, wie lange der Korb durchhält und ob er Probleme am Arm oder am Handgelenk verursacht. Wenn er dem Test standhält, könnte er die häufigen Reparaturen reduzieren, denen Xisteras aus Weiden unterzogen werden müssen, seine Lebensdauer wäre länger. "Die Körbe würden dann industriell hergestellt und wären alle identisch, das trifft auf die handgefertigten Körbe bisher natürlich nicht zu. Der Wartungsaufwand wäre geringer und der Preis niedriger als bei den derzeitigen Körben, die je nach Größe zwischen 500 und 600 Euro kosten.“

Derzeit stellt der aus Etxebarria in Bizkaia stammende Iñigo Kalzakorta auch zwanzig Schläger-Prototypen für den Pelota-Platz in Magic City Florida her, den einzigen in den Vereinigten Staaten, der noch durchgehend geöffnet ist. Denn dort hat man das gleiche Problem erkannt und ist bereit, die Neuentwicklung zu nutzen. Wenn das Ergebnis positiv ist, kann es ein wenig länger dauern, bis der neue Korb hier eingeführt wird. Aber die Not zwingt zu neuen Überlegungen, und mögliche Lösungen sind zu Hause zu finden.

Übrigens

Der kastilische Konquistador und Völkermörder Hernán Cortés soll es gewesen sein, der das Ballspiel 1528 nach seiner Schlacht gegen die Azteken nach Europa brachte. Ursprünglich soll es bei jenem Indigena-Spiel um Leben und Tod gegangen sein. In Europa wurde es nach Abwandlung der Regeln unter dem Namen Pelota zum baskischen Nationalsport. Dies zumindest behauptet das deutsche Wochen-Magazin Spiegel in einem Artikel von 1969 (3). Im Laufe der Jahrzehnte entwickelten sich verschiedene Spiel-Varianten: eine mit Holzschläger, eine weitere mit der bloßen Hand und eine mit Spitzkorb. Den baskischen Namen für “Fröhliches Fest“ Jai Alai erhielt das Spiel, da hauptsächlich an Sonn- und Feiertagen gegen Kirchenwände gespielt wurde. (1)

Nicht verwechselt werden darf Jai Alai mit der ganz ähnlich wirkenden Pelota-Version Remonte (baskisch: Erremontea) Der Unterschied besteht darin, dass der Ball nicht gefangen und erst nach einer dynamischen Drehung an den Frontis zurückgeschleudert, sondern direkt geschlagen wird. Auch diese Variante hat eine lange Tradition. (4)

ANMERKUNGEN:

(1) Jai Alai, Wikipedia (LINK)

(2) “Una cesta que rompe con la tradición” (Ein Korb, der mit der Tradition bricht), Tageszeitung El Correo, Autor: Juan Pablo Martín, 17. Mai 2024 (LINK).

(3) “Furcht vor dem Schuß“, Spiegel-Magazin, 1969-03-23 (LINK)

(4) Remonte / Erremontea, Wikipedia (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Jai Alai (elcorreo)

(2) Jai Alai (ufepv)

(3) Jai Alai (elcorreo)

(4) Jai Alai (antena3)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-05-17)

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