leonard80a47 Jahre in US-Haft

Leonard Peltier (* 12. September 1944 in Grand Forks, North Dakota) ist ein indianischer Aktivist des American Indian Movement (AIM) in den Vereinigten Staaten. Er wurde 1977 trotz umstrittener Beweislage zuerst wegen Mord ersten Grades verurteilt. Nachträglich wurde das Urteil zu zweifach lebenslanger Haft wegen Beihilfe zum Mord revidiert. Peltier sitzt seit 47 Jahren in verschiedenen Gefängnissen in den USA ein. Amnesty International USA hat Präsident Biden aufgefordert, Peltier zu begnadigen.

Bei verschiedenen juristischen Anhörungen, bei denen eine mögliche Freilassung von Leonard Peltier auf der Tagesordnung stand, wurden entsprechende Anträge der Verteidigung abgewiesen, weil Leonard sich weigerte, die Morde, die er nicht begangen hat, anzuerkennen. Letzte Anhörung 2023.

Leonard Peltier

1975 war er im Auftrag des American Indian Movement (AIM) wegen der inner-indianischen Konflikte um Dick Wilson in der Pine Ridge Reservation unterwegs. Zu jener Zeit wurde Peltier bereits wegen eines später ausgeräumten Mordverdachts polizeilich mit Haftbefehl gesucht. In der Pine Ridge Reservation kam es zur exekutions-artigen Ermordung zweier FBI-Agenten nach einer Schießerei mit einem weiteren Toten. Peltier wurde nach seiner Flucht nach Kanada in einem komplexen und umstrittenen Verfahren ausgeliefert, für schuldig befunden, verurteilt und inhaftiert. Seit 47 Jahren ist er in Haft, zuletzt war er in Florida eingesperrt. Die US-Justiz setzt darauf, dass er im Gefängnis stirbt. (1)

Das American Indian Movement, Incomindios Schweiz und die Gesellschaft für bedrohte Völker sehen Leonard Peltier als Prisoner of Conscience (Gewissens-Gefangenen) bzw. als politischen Häftling. Amnesty International teilt diese Einstufung nicht, sieht aber Zweifel am Verfahren wie auch politische Einflussfaktoren bei dem Prozess und hat sich, wie auch andere Menschenrechts-Organisationen, wiederholt für seine Freilassung eingesetzt. Vor dem Hintergrund seiner Covid-19-Infektion im Jahr 2022 und der Tatsache, dass Peltier an mehreren, teils schweren chronischen Erkrankungen leidet, erneuerte Amnesty Anfang 2023 die Forderung nach Begnadigung.

Die amerikanische Justiz hat den Schuldspruch mehrfach bestätigt. 2009 fand eine Anhörung der United States Parole Commission (Bewährungs-Kommission) statt, bei der eine Begnadigung abgelehnt wurde. Die folgende Anhörung zu einer vorzeitigen Freilassung fand 2023 statt, mit demselben Ergebnis. Am 2. Juli 2024 lehnte die Bewährungskommission eine Haftentlassung auf Bewährung zum wiederholten Male ab. Die nächste Möglichkeit einer Anhörung besteht erst 2039. Leonard Peltier wäre dann 95 Jahre alt und 62 Jahre hinter Gittern.

Kindheit und Jugendzeit

leonard80bAls elftes von 13 Kindern geboren, wuchs er nach der Scheidung seiner Eltern bei den Großeltern väterlicherseits auf. Die Schule brach er nach der 9. Klasse ab. Peltier wuchs als Mitglied der Lakota und Anishinabe bei seinen Großeltern in der Turtle-Mountain-Chippewa-Reservation in North Dakota auf. Mit neun Jahren besuchte er für drei Jahre die vom Bureau of Indian Affairs (BIA) betriebene Schule in Wahpeton. Er kehrte 1957 in die Turtle-Mountain-Reservation zurück, nachdem er seinen Hauptschulabschluss in Flandreau, South Dakota nachgeholt hatte. Als Zuschauer nahm er an einem damals verbotenen Sonnentanz teil. Er wurde von BIA-Polizisten festgenommen. Einige Zeit später wurde er ein zweites Mal verhaftet, diesmal, weil er versucht hatte, von einem Vorratstruck der Army Dieselöl abzuzapfen, um das Haus seiner Großmutter zu heizen. Peltier wurde zunehmend politisiert.

Der AIM-Aktivist

1968 wurde in Minneapolis das American Indian Movement (AIM) gegründet. Nach der Aufsehen erregenden Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz schloss sich Peltier der Widerstandsbewegung an. Am 8. März 1970 besetzte er mit anderen Aktivisten das leerstehende Fort Lawton bei Seattle. Die Besetzung endete mit der Inhaftierung der Beteiligten. Später wurde das Fort jedoch den Aktivisten übergeben und dort ein kulturelles Zentrum eingerichtet.

1972 nahm Peltier am Marsch der gebrochenen Verträge (Trail of broken Treaties) nach Washington D.C. teil. AIM-Mitglieder besetzten und verwüsteten das BIA-Gebäude. Sie vernichteten zudem Belege und Unterlagen, die den jahrhundertelangen Diebstahl des indianischen Grundeigentums sanktionierten. Bei der Besetzung koordinierte Peltier das militante Vorgehen. Anhänger Peltiers wie Ward Churchill vermuten spätestens seitdem eine systematische Kampagne des FBI, etwa im Rahmen einer Fortsetzung des COINTELPRO-Programms. Das Pine Ridge Reservat gehört zu den ärmsten Gegenden der USA. Während der Amtszeit des gewählten Reservats-Vorstands mit Richard A. “Dick“ Wilson im Pine-Ridge-Reservat von 1972 bis 1976 kam es zu erheblichen Auseinandersetzungen. Etwa 60 AIM-Mitglieder und Sympathisanten wurden ermordet. Wilson hatte die gewalttätige Schutztruppe Guardians of the Oglala Nation (GOONs) aufgebaut. Trotz erheblicher Korruptions- und Erpressungs-Vorwürfe scheiterten mehrere Absetzungsverfahren. Proteste dagegen führten zur Besetzung von Wounded Knee. Das AIM wie die Protestbewegung, deren Mitglieder weniger aus den Reservaten als aus den Großstädten kamen, wurden von den bedrängten Traditionalisten in Pine Ridge wiederholt zur Hilfe gerufen.

Zwei tote Polizisten

Im Juni 1975 war Peltier aufgrund eines Haftbefehls wegen Mordverdacht an einem Polizisten untergetaucht. Von diesem Verdacht wurde er später freigesprochen. Am 26. Juni 1975 suchten die FBI-Agenten Jack R. Coler und Ronald A. Williams den Pine-Ridge-Bewohner Jimmy Eagle, der verdächtigt wurde, zwei Landwirtschafts-Helfer überfallen und beraubt zu haben.

Unter dem Vorwand, den Diebstahl von Cowboystiefeln aufklären zu müssen, drang das FBI auf das Jumping-Bull-Gelände in der Pine Ridge Reservation ein. Williams und Coler fuhren in zwei unterschiedlichen zivilen Fahrzeugen und verfolgten einen roten Pick-up, der dem Fahrzeug Eagles ähnelte und zur Jumping Bull Ranch fuhr. In der Nähe der Ranch gerieten die Beamten unter heftigen Beschuss aus unterschiedlichen Richtungen, unter anderem mit automatischen Waffen. Laut AIM waren die Beamten unbefugt auf das Farmgelände gefahren, die etwa 20 Aktivisten auf der Farm hätten deshalb in Selbstverteidigung gehandelt. Der FBI Special Agent Gary Adams kam an den Tatort und wurde ebenfalls beschossen.

Das FBI, indianische Sicherheitskräfte des Bureau of Indian Affairs (BIA) und die lokale Polizei verbrachten geraume Zeit im Umfeld der US Route 18, bis weitere Verstärkung eintraf. Gegen 14:30 Uhr erschossen die BIA-Kräfte den AIM-Aktivisten Joe Stuntz. Um 16:31 Uhr wurden die Leichen von Williams und Coler bei einem ihrer Fahrzeuge gefunden. Beide waren von Schüssen tödlich getroffen worden. Insgesamt wiesen die Fahrzeuge der Beamten 125 Durchschüsse auf, die meisten von einem Remington-(5.56 mm)-Gewehr. Um 18:00 Uhr wurde die Farm nach massivem Einsatz von Tränengas gestürmt. Die Leiche von Joe Stuntz wurde mit der Jacke von Coler bekleidet aufgefunden. Den anderen Personen im Haus gelang die Flucht, die Fahndung nach ihnen dauerte über acht Monate.

leonard80cNach der Konfrontation

Im September 1975 explodierte ein Auto in der Nähe von Wichita, Kansas. Das Fahrzeug war mit Schusswaffen und Sprengstoff beladen gewesen, letzterer so dicht an der durchgerosteten Auspuffanlage, dass es zur Explosion kam. Im Wagen saßen Robert Robideau, der Cousin Peltiers, sowie Norman Charles und Michael Anderson, zwei Bekannte Peltiers. Ein verkohltes und verbogenes Sturmgewehr vom Typ AR-15 bzw. dessen Verschluss wurden später in einem umstrittenen Indizienbefund als Tatwaffe der Schießerei am Pine Ridge identifiziert und Peltier zugeordnet. Ebenso wurde Colers Revolver in dem Fahrzeug aufgefunden.

Ausweisung aus Kanada

Leonard Peltier floh nach Kanada und wurde dort festgenommen. Im Frühjahr 1976 wurde Peltier ausgeliefert, der Auslieferungs-Antrag basierte wesentlich auf der Aussage von Myrtle Poor Bear, einer Ureinwohnerin aus Pine Ridge. Die Frau hatte ausgesagt, zur Tatzeit Peltiers Freundin gewesen zu sein, und benannte ihn als Mörder. Später stellte sich heraus, dass sie zum Tatzeitpunkt nicht im Reservat war. Anderen zufolge war Myrtle Poor Bear nicht mit Peltier bekannt, sie sei vom FBI massiv unter Druck gesetzt worden.

Gerichtsverfahren und Haftstrafe

In dem folgenden umstrittenen Gerichtsverfahren wurde Peltier 1977 für schuldig befunden und wegen Mordes zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt. Neben Menschenrechts-Organisationen und Institutionen wie dem Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte (OHCHR), dem Kennedy Memorial Center for Human Rights, dem europäischen, belgischen und italienischen Parlament forderten Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, Rigoberta Menchú, der Dalai Lama, Desmond Tutu und Jesse Jackson seine Freilassung. Bei einer Anhörung zu dem Fall am 11. Februar 1986 sagte der zuständige Bundes-Berufungsrichter Gerald Heaney: “Wenn man das Für und Wider erörtert hat, bleiben einige wenige, aber wichtige Tatsachen übrig. Eine als Beweis wichtige Geschosshülse entstammte der Wichita AR-15 (Peltiers Waffe).“ Peltier habe auch zugegeben, mit auf die Beamten gefeuert, nicht aber die Schwerverletzten aus nächster Nähe erschossen zu haben.

Politische Folgen und Kontroversen

2004 wurde Peltier zusammen mit Janice Jordan im Bundesstaat Kalifornien von der Peace and Freedom Party als Kandidat für die US-Präsidentschafts-Wahl nominiert, was in den USA für Gefängnis-Insassen nicht verboten ist. Die Peace and Freedom Party erhielt mit Peltier 27.607 Stimmen, was USA-weit 0,02% ausmachte.

2007 war Peltier ein Thema im amerikanischen Präsidentschafts-Wahlkampf. Der Milliardär David Geffen, ein Anhänger Peltiers, stoppte seine Unterstützung für Hillary Clintons Kampagne und wandte sich Barack Obama zu. Im Clinton-Lager wurde dieser Schritt mit großem Widerwillen aufgenommen. Geffen zufolge wechselte er, weil Bill Clinton bei den traditionellen Begnadigungen zum Schluss der Präsidentschaft Peltier ausgelassen hatte.

Versionen und Legenden

leonard80dDer AIM-Aktivist und ehemalige Professor Ward Churchill unterstellte eine Geheimaktion des FBI gegen Peltier. Unter Peltiers Anhängern wie bei Peltier selbst gibt es zwei grundsätzliche Tatversionen wie auch wesentliche Beweggründe für die Forderung nach seiner Freilassung. Zum einen wird argumentiert, Peltier habe die Morde nicht begangen und er habe selbst nichts davon gewusst (wie er selbst in einem CNN-Interview 1999 darstellte). Oder er habe Kenntnisse der wahren Umstände, die er nie preisgeben werde, so bei Peter Matthiessens “In the Spirit of Crazy Horse“, und er habe die zwei FBI-Männer zwar beschossen, aber nicht exekutiert. Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass die Tötungen, egal wer sie beging, in einem bürgerkriegs-ähnlichen Umfeld stattfanden und damit für Peltier dasselbe zu gelten habe wie für die beiden anderen Angeklagten. Die primäre Gewalt sei dabei von systematischem Terror von FBI-Agenten und korrupten Sicherheitskräften der Stammes-Regierung ausgegangen, die die inner-indianische Konflikte angeheizt und verschärft und so den Pine-Ridge-Aufstand von 1973 mit ausgelöst hätten.

Aus Anlass des 80. Geburtstags von Leonard Peltier hat Amnesty International den im Januar 2025 abtretenden US-Präsidenten Joe Biden aufgefordert, Leonard Peltier (der am 12. September 80 Jahre alt wurde) zu begnadigen. Amnesty International USA hat dazu einen Brief an Präsident Biden geschrieben, in dem dieser erneut aufgefordert wird, Leonard Peltier aus humanitären Gründen sofort freizulassen.

Populärkultur

Malcolm McLaren († 2010), Manager der Sex Pistols, soll mit seinen letzten Worten gefordert haben: “Free Leonard Peltier!“ Sowohl der Thriller “Halbblut“ (1992) als auch die von Michael Apted unter Mitwirkung von Robert Redford erstellte Dokumentation “Incident at Oglala“ (1992) haben den Fall Peltier wie auch die Vorgänge in Pine Ridge zum Gegenstand. Es gibt eine Reihe von Musiktiteln, die Peltiers Leben thematisieren, so “Freedom“ von Rage Against the Machine, “Undestroyed“ von Free Salamander Exhibit, “Sacrifice“ von Robbie Robertson, “Crazy Life“ von “Toad the Wet Sprocket“, sowie Buffy Sainte-Maries Song “Bury My Heart at Wounded Knee“, “Fight With Tools“ der Band Flobots und “Leonard Peltier“ von Steven Van Zandt.

Literatur

(*) Peter Matthiessen: In the spirit of Crazy Horse. The Viking Press, New York 1980. (*) Leonard Peltier, Ramsey Clark, Harvey Arden: Mein Leben ist mein Sonnentanz. Gefängnisaufzeichnungen. 1. Auflage. Zweitausendeins; Buch 2000, Frankfurt am Main / Affoltern a. A. 1999, ISBN 3-86150-324-7 (englisch: Prison writings. My life is my sun dance. New York 1999. Übersetzt von Katrin Ehmke). (*) Harvey Arden: Have you thought about Leonard Peltier lately? HYT Pub., Houston, TX 2004, ISBN 0-9754437-0-4. (*) Martin Ludwig Hofmann: Indian War. Der Fall des indianischen Bürgerrechtlers Leonard Peltier. Atlantik Verlag, Bremen 2005, ISBN 3-926529-69-5. (*) Jim Messerschmidt: The Trial of Leonard Peltier. South End Press, Boston 1983. (*) Joseph H. Trimbach: American Indian Mafia: An FBI Agent's True Story about Wounded Knee, Leonard Peltier, and the American Indian Movement (Aim). Outskirts Press, 2007, ISBN 0-9795855-0-3. (*) Michael Koch, Michael Schiffmann: Ein Leben für die Freiheit. Leonard Peltier und der indianische Widerstand. TraumFänger Verlag, Tuntenhausen 2016, ISBN 978-3-941485-49-5.

Freilassung

Baskultur.info berichtete bereits am 30-07-2022 über die Kindheit und Jugend von Leonard Peltier. Nicht zufällig erscheint dieser zweite Artikel heute am 12. September 2024, an Peltiers 80. Geburtstag: die Redaktion Baskultur.info schließt sich (entgegen unserer sonstigen Praxis) der Forderung nach sofortiger Freilassung von Leonard Peltier an: “Nach den Informationen, die uns vorliegen, müssen wir davon ausgehen, dass Leonard Peltier unschuldig ist, dass er nicht an der Tötung der FBI-Agenten beteiligt war; und dass Leonard Peltier eines der vielen Opfer der politischen US-Justiz geworden ist, wie dies wenige Jahre später auch dem afro-amerikanischen Journalisten und Aktivisten Mumia Abu-Jamal widerfuhr, dem ein Polizistenmord angehängt, der zum Tode verurteilt wurde und 30 Jahre in der Todeszelle verbrachte. Mit seinem Counter-Insurgency-Programm (COINTELPRO) gingen die US-Behörden in den 1960er und 1970er Jahren mit allen legalen und illegalen Mitteln gegen die damaligen revolutionären Bürgerrechts- und Befreiungs-Bewegungen vor.“

ANMERKUNGEN:

(1) Leonard Peltier, Wikipedia, mit Ergänzungen und Korrekturen (LINK)

(2) “Leonard Peltiers Kindheit. Völkermord im Umerziehungslager“, Baskultur.info, 2022-07-30 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Leonard Peltier (la marea)

(2) Leonard Peltier (imgur)

(3) Leonard Peltier (philly abc)

(4) Leonard Peltier (lakota times)

(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-09-12)

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