Die Stimme der Stimmlosen
Der afro-amerikanische politische Gefangene Mumia Abu-Jamal wird 70 und erfährt Solidarität aus der ganzen Welt. Mumia Abu-Jamal sitzt seit über 42 Jahren im Knast in den USA und erfährt nach wie vor solidarische Unterstützung in vielen Teilen der Welt. Sein Gesundheitszustand ist schlecht, sein Verfahren vor 43 Jahren war ein rassistisches Tribunal und eine juristische Farce. Abu-Jamal hat den Mordvorwurf immer zurückgewiesen. Das Einzige, was ihm erspart wurde, ist trotz Todesstrafe die Hinrichtung.
Seit dem 9. Dezember 1981 sitzt der afro-amerikanische Journalist und Black-Panther-Aktivist Mumia Abu-Jamal im US-Bundesstaat Pennsylvania in Haft – als politischer Gefangener der USA. Wegen eines angeblichen Polizistenmordes, mit gekauften Zeugen und einer konstruierten Anklage.
1982 wurde Mumia Abu-Jamal zum Tode verurteilt. Die Menschenrechts-Organisation Amnesty International kam zum Schluss: “Sicher ist, dass der Prozess nicht den internationalen Standards für ein faires Verfahren entsprach. Zeugen wurden unter Druck gesetzt und widerriefen ihre zuvor gemachten Aussagen später vor Gericht.“
Am 8. Dezember 1981 war der damalige Black-Panther-Aktivist Mumia Abu-Jamal wegen angeblichen Polizistenmordes verhaftet worden. Im Juni 1982 wurde er in einem manipulierten Prozess dafür zum Tode verurteilt. Erst 2011 wurde die Todesstrafe endgültig in lebenslange Haft umgewandelt. Dass die Gegenseite, die Bezirks-Staatsanwaltschaft Philadelphia, auf die letzte rechtliche Möglichkeit verzichtete, die Exekution doch durchzusetzen, wurde von vielen als Eingeständnis seiner Unschuld gewertet. Denn dafür hätte es eines Geschworenen-Prozesses bedurft, in dem alle Fakten hätten neu bewertet werden müssen. Das Risiko, dass die Geschworenen zu der Überzeugung kommen könnten, Abu-Jamal sei unschuldig, war offenbar zu groß.
Unterm Strich bleibt: Das Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA, in dem festgeschrieben wurde, dass er ein Polizistenmörder sei, ist unanfechtbar – trotz aller Fakten und Indizien, die dagegen sprechen. (1)
Widerstand als höchste Vernunft
Im aktuellen Aufruf des Berliner Free Mumia!-Bündnisses heißt es: Als Radiojournalist, dessen Beiträge auch aus dem Knast tausendfach verbreitet wurden, und als Buchautor habe Mumia Abu-Jamal “nicht nur viele Menschen gegen die Masseninhaftierungen in den USA motiviert“, sondern gehöre einer Bewegung zur Abschaffung der Knäste an, die der “seit der Sklaverei anhaltenden weißen Vorherrschaft“ ein Ende setzen will. Abu-Jamal habe sich weder durch Hinrichtungsbefehle noch durch 29 Jahre Isolationshaft oder die völlig unzureichende Gesundheitsversorgung davon abbringen lassen, “an einem der grausamsten Orte des sozialen Krieges der Reichen gegen die Armen laut und deutlich die Stimme der Unterdrückten zu sein“.
In den USA begeht der politische Gefangene Mumia Abu-Jamal am 24. April seinen 70. Geburtstag. Diesen wichtigen Moment im Leben des Bürgerrechtlers und Ex-Black-Panthers wird die Solidaritätsbewegung in vielen Regionen der Welt und mit zentralen Veranstaltungen in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania nutzen, um auf das Unrecht seiner nun schon 42 Jahre andauernden Haft aufmerksam zu machen.
Vor dem Rathaus von Philadelphia und dem Amtssitz von Bezirksstaatsanwalt Lawrence Krasner begannen Abu-Jamals Unterstützer ihren Protest mit einer Kundgebung. Eine Delegation der französischen Freiheitskampagne “Libérons Mumia“ übergaben eine Petition an die örtliche Vertretung des Gouverneurs von Pennsylvania, Joshua Shapiro. In ihr fordern tausend Unterzeichner aus Frankreich, darunter Künstler, Schriftsteller, Sportler, Abgeordnete und Gewerkschaftsvertreter, die Regierungs- und Justizbehörden in Pennsylvania auf, die rechtswidrige Leugnung der Unschuld Abu-Jamals zu beenden und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Gouverneur und der Bezirksstaatsanwalt hätten die gesetzliche Befugnis, dem Unrecht ein Ende zu setzen, wie es in jüngster Vergangenheit in zahlreichen Fällen manipulierter und korrupter Gerichtsverfahren bereits geschehen sei. Doch was Abu-Jamal angeht, gilt nach wie vor die vorrangig von der ultrarechten Polizeibruderschaft “Fraternal Order of Police“ (FOP) durchgesetzte “Mumia-Ausnahme“.
Seit 1981 in Haft
In der Tageszeitung Junge Welt wurden in den vergangenen Jahren unzählige vom Anwaltsteam vorgetragene Gründe genannt, die nur einen Schluss zulassen: Es ist höchste Zeit für Abu-Jamals sofortige und bedingungslose Freilassung und die Rückkehr zu seiner Familie. Nur in ihrer Obhut und in Freiheit kann der durch die unmenschlich lange Haft und die medizinische Unterversorgung im Knast seit fast zehn Jahren ernsthaft erkrankte Journalist und Autor die notwendige medizinische Versorgung erhalten, die sein Leben garantiert.
Nach der Kundgebung und Demonstration im Zentrum Philadelphias fand am Abend eine Veranstaltung von Abu-Jamals Unterstützern mit Rede- und Musikbeiträgen in der geschichtsträchtigen Waters Memorial African Methodist Episcopal Church statt. Dabei wurde die Lebensleistung des Kämpfers gegen Rassismus, Unterdrückung und Krieg gewürdigt und die Entschlossenheit der Versammelten zu seiner Befreiung durch vielfältige Stimmen der Solidaritätsbewegung zum Ausdruck gebracht.
Fast 28 Jahre hatte Abu-Jamal in der Todeszelle zugebracht, bevor sein Urteil 2011 in lebenslange Haft ohne Bewährung umgewandelt wurde. Er ist ein Veteran der Black Panther Party of Philadelphia, Vater und Großvater und “einer der bedeutendsten revolutionären Denker und Schriftsteller“, wie Workers World am 17. April schrieb. Die Zeitung nannte ihn “einen liebevollen Ältesten der Bewegung, der mit seiner kraftvollen Stimme und seinen Schriften den Kämpfen auf der ganzen Welt neuen Schwung verleiht“. Mit 15 Jahren war er Journalist der Parteizeitung The Black Panther, bis zu seiner Verhaftung arbeitete er als preisgekrönter Radiojournalist.
Als Knastkorrespondent hat Abu-Jamal seit den 1980er Jahren Tausende Kolumnen verfasst, die seit Dezember 2000 auch wöchentlich in der Jungen Welt erscheinen. Gerade seine Leser in der BRD liegen ihm am Herzen, weil er aus dem deutschsprachigen Raum seit 1988 beharrliche Unterstützung erhält. Das hob er in einem Interview hervor, das anlässlich seiner 400. Kolumne am 16./17. August 2008 erschien: “Es berührt mich sehr, dass Leute sich die Zeit nehmen, meine Artikel zu lesen.“
Einblicke in den Todestrakt
In seiner Zelle schrieb er mehr als ein Dutzend Bücher oder war als Koautor an ihnen beteiligt. “Aus der Todeszelle. Live from Death Row“ erschien 1995 in den USA und in der BRD und bot einen Einblick in das Schreckensregime des US-Gefängnis- und Todesstrafen-Systems, dem er fast 30 Jahre später immer noch ausgeliefert war. Doch trotz aller Ablehnungen seiner Berufungsanträge geht auch der juristische Kampf weiter. Seine Anwälte warten derzeit auf Entscheidungen höherer Gerichte über weitere Rechtsmittel in seinem Fall.
Das Verhältnis zum beharrlichen Kampf um sein Leben und seine Freiheit hat Mumia Abu-Jamal kurz und bündig auf den Punkt gebracht: “Die höchste Form der Vernunft, die ein jeder Mensch ausüben kann, ist der Widerstand gegen die Kräfte, die versuchen, den menschlichen Geist zu unterdrücken, zu knechten und mit Gewalt niederzuhalten.“ (2)
“Freiheit ist das einzige Heilmittel“
Mumia Abu-Jamals Leben ist in Gefahr. Umso wichtiger sind koordinierte Aktionen zur Einforderung seiner Entlassung. Jennifer Black, Researcherin beim Prison Radio in San Francisco, verfasste ihren Aufruf kurz vor Abu-Jamals 70. Geburtstag am 24. April 2024.
Als Pennsylvanias früherer Gouverneur Thomas Ridge 1995 und 1999 jeweils sein ruchloses “Versprechen“ einlöste, den Hinrichtungsbefehl gegen Mumia zu unterzeichnen, machten sich Menschen in aller Welt an die Arbeit. Mumias Leben war in akuter Gefahr. Die Antwort auf Ridge war, in Frankreich, Deutschland, Italien, England, Brasilien, Südafrika, Ghana, Mexiko und anderen Ländern auf der ganzen Welt Proteste zu organisierten, die so laut und eindringlich waren, dass sie nicht ignoriert werden konnten. Zweimal wurde so Mumias Leben gerettet.
Auch in Philadelphia, San Francisco, New York City, Portland, Seattle und kleineren Orten wie Eugene in Oregon und sogar im winzigen State College von Pennsylvania – nahe dem Todestrakt des SCI Huntingdon gelegen, in dem Mumia seit 1982 einsaß – verkündeten viele Menschen kollektiv: “Wir werden Mumia nicht sterben lassen!“ Gewerkschaften und Universitäten zeigten ihre Unterstützung, Musiker veranstalteten Benefizkonzerte, Menschen demonstrierten vor US-Botschaften. Bürger vieler Länder forderten ihre Politiker auf, für Gerechtigkeit einzutreten. Unterschiedlichste Bürgergruppen setzten sich für Mumias Freiheit ein, darunter Journalisten, Juristen, Kulturorganisationen von Schwarzen, Künstler und Schriftsteller.
2024 ist Mumias Leben noch immer in Gefahr. Nicht wegen des Todesurteils, sondern wegen der Umstände der lebenslangen Haft. Der Freund und Genosse, der weiterhin eine wichtige »Stimme der Unterdrückten« ist, wird nun 70 Jahre alt. Die letzten Jahre waren hart für ihn, doch sein Geist, sein kritischer Scharfsinn und sein liebevolles Herz sind unbeugsam geblieben. “Wir rufen alle auf, nah und fern, diesen Moment zu nutzen, so wie wir es bereits 1995 und 1999 taten, und mutig zu handeln, um Mumias Leben zu verteidigen.“
Damals wie heute gibt es keine zentralisierte globale Strategie für Mumias Befreiung. Brasilianische Arbeiter, die Streiks für Mumia organisierten, baten nicht um Erlaubnis. Aktivisten, die 1995 überall in London Mahnwachen abhielten, bis zehn Tage vor Mumias geplanter Hinrichtung ein Aufschub gewährt wurde, handelten spontan. Inspirierend waren auch die legendären Streikaktionen der ILWU-Hafenarbeiter in den kalifornischen Häfen, die im Kampf für Mumias Freiheit ihrem eigenen moralischen Kompass folgten.
2008 fragten afroamerikanische Studierende der Ohio State University Mumia: “Wie können wir die Freiheitsbewegung für Sie voranbringen?“ Er antwortete: “Indem ihr vor allem jungen Menschen sagt, dass meine Freiheit nicht von eurer Freiheit zu trennen ist. Denn wenn meine Grundrechte geraubt werden, werden auch eure geschwächt und bei Bedarf ignoriert.“
Mumia gehört nun zu den älteren Gefangenen. “Wir müssen seine Gesundheit schützen. Freiheit ist das einzig wirksame Heilmittel. Unsere weltweiten Aktionen haben Mumias Leben zweimal vor der Todesstrafe gerettet, deswegen müssen wir uns erneut erheben und beharrlich kämpfen – bis er frei ist! Handelt jetzt, wo immer ihr seid – und wie immer ihr könnt! Lasst uns alle gemeinsam zeigen, was ein geeintes Volk bewegen kann!“ (3)
ANMERKUNGEN:
(1) “Die Stimme der Stimmlosen”, Junge Welt, 2024-04-24 (LINK)
(2) “Widerstand als höchste Vernunft“, Junge Welt, 2024-04-24 (LINK)
(3) “Freiheit ist das einzige Heilmittel“, Junge Welt, 2024-04-24 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Mumia (junge welt)
(2) Mumia (junge welt)
(3) Mumia (junge welt)
(4) Mumia (junge welt)
(5) Mumia (medios libres)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-04-26)
