goldmann1Der Tod von Pierre Goldman

Der Geschichts-Spielfilm "Le Procès Goldman" (Der Goldmann-Prozess) von Cédric Kahn wurde im Mai 2023 in Cannes vorgestellt. Nun ist er in den französischen Kinos angelaufen: es geht um den ungeklärten und ungesühnten Mord am politischen Aktivisten Pierre Goldman. Er wurde 1979 bei einem Anschlag getötet, für den die Polizei Söldner der rechtsradikalen spanischen Killergruppe BVE verantwortlich machte, die später in den Todesschwadronen der GAL weiter gegen linke baskische Aktivisten vorgingen.

Pierre Goldman (Lyon 1944 / Paris 1979) war ein französischer Intellektueller, Schriftsteller und Journalist. Er arbeitete u.a. für Libération und Les Temps Modernes. Im September 1979 wurde er in Paris ermordet, angeblich von der rechtsextremen Gruppe “Honneur de la Police“, real stecken spanische Neofaschisten dahinter.

goldmann2Für diejenigen, die mit dem Werdegang von Pierre Goldman nicht vertraut sind, ein paar kurze Hinweise. Goldmann war die Ikone der französischen revolutionären Linken in den Jahren, als die Träume von einem gesellschaftlichen Wandel noch von jenem mythischen Mai 1968 geprägt waren. In jenem Jahr war Goldman (im Alter von 24 Jahren) weit weg vom Paris der Barrikaden und kämpfte in der kommunistischen Guerilla der venezolanischen FALN, nachdem er zuvor im von Fidel Castro Kuba gelebt hatte. Sein Weggefährte Régis Debray hatte sich damals mit Che Guevara nach Bolivien abgesetzt, um die revolutionäre Brennpunkt-Theorie von "ein, zwei, mehreren Vietnams" zu verbreiten. An dieser Strategie orientiert ging Goldman nach Venezuela. (1)

Der 1944 in Lyon geborene Sohn einer Familie polnisch-jüdischer Widerstandskämpfer kehrte im September 1969 aus Venezuela nach Frankreich zurück, wo er nach Angaben eines Polizei-Spitzels an drei Raubüberfällen beteiligt gewesen sein soll, bei denen zwei Angestellte einer Apotheke nach einer Schießerei starben. Der Angeklagte wurde 1974 vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt, Goldman beteuerte seine Unschuld. Seine Verurteilung löste einen großen Skandal und die Mobilisierung eines großen Teils der französischen Links-Intelligenz zu seinen Gunsten aus, das Urteil wurde für eine Erfindung der französischen Polizei gehalten.

Verteidigt wurde Goldman von Georges Kiejman, ein Anwalt, der auch den libanesischen Kommunisten Georges Abdallah verteidigt hat, der seit 39 Jahren im Gefängnis sitzt, der am längsten in Europa inhaftierte Gefangene, derzeit mit baskischen Gefangenen im Gefängnis von Lannemezan. In der Berufung wurde Goldmann freigesprochen und war im Untergrund weiterhin aktiv zur Unterstützung kommunistischer, anarchistischer und nationaler Befreiungsgruppen. In einem Interview mit Le Monde erklärte er 1979, er sei "zutiefst libertär", anti-stalinistisch und behaupte, ein heterodoxer Jude zu sein, der den gesellschaftlichen und religiösen Normen widerspreche. Goldmann betonte seine Überzeugung als "kommunistischer Jude" im Gegensatz zu den "kapitalistischen Juden".

Pierre Goldmann wurde zum Autor mehrerer Bestseller, in denen er autobiografisch seinen Werdegang schilderte. Unter anderem erzählte er, dass seine Eltern bereits in seiner Wiege Waffen versteckt hatten für den Kampf gegen die Nazi-Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Er stellte auch eine Verbindung zu seiner Mutter Janine Sochaczewska her, sie war Witwe eines Kämpfers, der als Brigadier im Spanienkrieg 1936 gefallen war, und Tochter eines Mannes, der von Hitlers Gestapo hingerichtet worden war.

goldmann3Sochaczewska, die auch "Jüdische Passionsblume" genannt wurde, in Anlehnung an die baskische Kommunistin Dolores Ibárruri (1895-1989) (2), hatte ein Liebesverhältnis mit Alter Mojsze Goldman, einem anderen Partisanen, dem Vater von Pierre. In einer späteren Beziehung war Alter Mojsze auch der Vater von Jean-Jacques Goldman, einem der erfolgreichsten Komponisten und Interpreten in Frankreich, der zu einem der eifrigsten Unterstützer seines Stiefbruders wurde. Gleichzeitig wurde Pierre Goldman nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Kolumnist für die von Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründete Zeitschrift "Les Temps Modernes" und die Tageszeitung "Libération".

Am 20. September 1979, als sich Goldman auf einem kleinen Platz im 13. Arrondissement von Paris in der Nähe der Porte d'Italie aufhielt, schossen zwei bezahlte Killer mit unverhüllten Gesichtern neun Mal auf ihn und töteten ihn sofort. Ein dritter Söldner deckte ihren Rückzug. Zeugen sagten später aus, dass die drei Täter mehrere Sätze auf Spanisch sagten, bevor sie ihr Opfer identifizierten. Der Tod von Goldman, an dessen Untersuchung Richter, Polizei und Geheimdienste beteiligt waren, blieb ungestraft. Der Fall wurde nie aufgeklärt, er wurde eingestellt.

Scharfer Kritiker des Mai 68, Befürworter bewaffneter Aktion

An seiner Beerdigung auf dem Friedhof Père-Lachaise nahmen 15.000 Menschen teil, darunter Jean-Paul Sartre, Jean-Pierre Chevènement, Louis Aragon, Simone de Beauvoir, Yves Montand, Simone Signoret und Costa-Gavras. Gegnerische Genossen aus jenem Mai 1968, bei dem er nicht teilgenommen hatte, schmeichelten seiner Persönlichkeit. Daniel Cohn-Bendit sagte: "Er war ein Mann der Linken, untypisch und problematisch". Alain Krivine: "Er hat es vermasselt, aber er gehörte zur Familie".

Als Verfechter der bewaffneten Aktion hatte Goldman den Mai '68 äußerst kritisch betrachtet: "Die Kunst des Regimes bestand darin, die Konfrontation in friedlichen Grenzen zu halten, über die hinaus der Einsatz von Waffen verboten war, während die Aufständischen sich inmitten eines Aufstands wähnten und so ihre Träume von der Revolution fiktiv erfüllten".

Die Polizei hüllte sich in einen Mantel des Schweigens. Es dauerte bis 1997, als Jean-Paul Dollé in einem bei Gallimard erschienenen Buch die ersten Informationen über Goldmans Tod enthüllte: seine Verbindung zur ETA und die Beteiligung von Söldnern des neofaschistischen Batallón Vasco Español (BVE) an dem tödlichen Anschlag. Einige Jahre später publizierte Silvia Braibant in Le Monde Diplomatique weitere Berichte, die die These von Dollé stützten. Im Jahr 2010 enthüllte ein nicht identifizierter ehemaliger Söldner in einer Dokumentation bei Canal+, dass ein gewisser Pierre Debizet im Untergrund des französischen Staates eine geheime Gruppe leitete, deren Aufgabe es war, Anschläge auf Ziele zu verüben, die die Sicherheit und Einheit Frankreichs in Frage stellten. Diese Gruppe setzte sich aus Polizeibeamten und Mitgliedern des Französischen Geheimdienstes OAS zusammen (Organisation de l'Armée Secrète). Nach Angaben des anonymen Gesprächspartners hatte Debizet den Anschlag auf Goldman organisiert.

goldmann4Bereits 2006 hatte Lucien Aimé-Blanc, ein ehemaliger Polizist, der die OCRB (Zentralstelle zur Bekämpfung des Banditentums) leitete, in seiner Biografie "L'Indic et le Commissaire" festgehalten, dass "ein Kommando der Todesschwadronen GAL, einer Gruppe spanischer Attentäter, unter der Leitung von Jean-Pierre Maïone" Goldman getötet hatte (3). Dem Polizisten zufolge "gehörte Maïone zu einer Gruppe von Söldnern, die von Südfrankreich aus operierten, um ETA-Mitglieder zu ermorden" und war Aimé-Blancs Vertrauter, ebenfalls vom DST, einer ehemaligen Abteilung des französischen Geheimdienstes (Direction de la Surveillance du territoire – Direktion der Landesüberwachung).

Aimé-Blanc schrieb auch, dass Goldman sich mit ETA-Aktivisten in der Brasserie Bofinger am Place des Vosges in Paris traf und dass sie eine Gruppe vorbereiteten, um die BVE-Söldner anzugreifen: "Goldman wurde ein gefährlicher Mann, weil er von künftigen Aktionen gegen die GAL sprach" (GAL: Grupos Antiterroristas de Liberación, Antiterroristische Befreiungs-Gruppen). Die journalistische Untersuchung von Silvia Braibant fügte hinzu, dass Goldman den Kauf von Kriegsmaterial für die Untergrund-Organisation ETA vermittelte. Diese These wurde von dem Journalisten Fred Guilledoux unterstützt, der sogar darauf hinwies, dass Goldmann Waffen von der Marseiller Unterwelt-Gruppe unter der Führung von Tany Zampa kaufen wollte.

Sowohl damalige ETA-PM-Kämpfer als auch die Mitglieder von Goldmans Gruppe haben bestätigt, dass es "logistische" Beziehungen zwischen den beiden gab (ETA war gespalten in ETA-Militar und ETA-Político-Militar). Die Polimilis (ETA-PM) nutzten verschiedene Infrastrukturen in Paris und Brüssel für ihren Nachschub, der über Sympathisanten oder aktive Mitglieder europäischer bewaffneter Organisationen erfolgte. Sie wurden unter anderem von dem navarrischen Anarchisten Lucio Urtubia unterstützt, der ebenfalls in Paris lebte. (4) (5)

Nach Ansicht verschiedener Ermittler des “schmutzigen Krieges“ gegen baskische Aktivisten war 1979 das Jahr mit dem Wechsel an der Spitze der verdeckten und paramilitärischen Verschwörungen. Diese Änderungen wurden wahrscheinlich von Kommissar Roberto Conesa und seinem Nachfolger, dem ebenfalls in Paris lebenden Kommissar Manuel Ballesteros, vorangetrieben. In jenem Jahr verließ Ballesteros (1936-2008) das Polizeirevier von Bilbo und wurde zum Direktor des General-Kommissariats für Information ernannt. Er reaktivierte nach der Pensionierung von Conesa die illegalen Untergrund-Aktivitäten.

Die Beziehung dieser beiden Zivilgardisten zu den Söldnern, darunter Jean-Pierre Chérid, wurde in dem Buch "Chérid: un sicario en las cloacas del Estado" von Ana María Pascual ausführlich geschildert (Chérid: ein Auftragskiller in den staatlichen Abwässerkanälen). Diese Biografie wird von Teresa Rilo, der Witwe von Chérid, in der ersten Person erzählt. Die Kontakte zum französischen Geheimdienst OAS und zur Unterwelt von Marseille, die zur Gründung der Terrorgruppen BVE und der GAL geführt haben, werden auch in einem anderen aktuellen Buch aus dem Jahr 2019 ausführlich beschrieben, in dem Ramón García del Pomar den Werdegang von Jorge González Bellier beschreibt, spanischer Herkunft und einer der ehemaligen obersten militärischen Führer der OAS in Algerien. Der rekrutierte im Auftrag spanischer Polizisten damals von Paris aus Söldner für den schmutzigen Krieg.

Tödliche Anschläge in Ipar Euskal Herria

goldmann5Im selben Jahr, in dem Goldman starb, kam es in Ipar Euskal Herria (Nord-Baskenland) zu drei tödlichen Anschlägen auf baskische Flüchtlinge, nachdem die Gruppe BVE ein halbes Jahr lang nicht aktiv gewesen war, was mit Amts-Übergabe von Conesa zu Ballesteros zusammenfiel. Die Opfer waren Enrique Gómez (im Juni in Baiona), Juan José Lopategi (im August in Angelu) und Justo Elizaran (im Oktober in Biarritz). Ermordet wurden sie wahrscheinlich von Maxime Szonek, Marc Obadia, Jacques Debesa, Jean-Claude Ruiz und Henri Berges. Alle fünf wurden verurteilt für den Anschlag, bei dem im Oktober Elizaran getötet wurde.

Am 28. Juni 1979 töteten zwei bewaffnete Männer Martin Eizagirre, einen Aktivisten der Revolutionären Kommunistischen Partei PCE(r) in Paris, der aus dem Industrieort Erandio in Bizkaia stammte. Seine Organisation prangerte an, dass die spanische Presse Eizagirre zuvor als "Waffenkäufer für die GRAPO" bezeichnet hatte. Die baskische Monats-Zeitschrift "Punto y Hora" (Punkt und Stunde) hatte eine Woche zuvor über die Kampagne gegen Eizagirre berichtet. Am folgenden Tag wurde Eizagirres Kollege Aurelio Fernández Cario, ein andalusischer Emigrant in Paris, bei einem weiteren Anschlag getötet, wahrscheinlich von denselben beiden Söldnern, die am Vortag Eizagirre getötet hatten. Wie im Fall von Goldman, der drei Monate später getötet werden sollte, sei der Hintergrund ein Waffenkauf für zwei Untergrund-Organisationen gewesen, in einem Fall für die GRAPO, im anderen für die ETA-PM (die sich nur drei Jahre später auflöste).

Über journalistische Recherchen wurden die Täter der Morde von Eizagirre und Fernández Cario identifiziert, die jedoch nie zur Rechenschaft gezogen wurden: Jean Pierre Chérid und Mohamed Talbi. Beide waren weiterhin bei den GAL-Todesschwadronen tätig. Die journalistischen Ermittlungen deckten sich mit den Aussagen des Polizeichefs Aimé-Blanc in seiner Autobiographie und in späteren Erklärungen gegenüber der Zeitung "Libération" zu den Tätern des Goldman-Attentats: zwei Söldner in Begleitung von Jean-Pierre Maïone, einem DST-Spitzel und einem nicht identifizierten Kommandanten, einem ehemaligen Mitglied der SDCE, dem französischen Spionageabwehrdienst. Bei den beiden anderen handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Talbi und Chérid. Die Killergruppe Batallón Vasco Español (BVE) schwieg zum Tod von Goldman. Vielmehr bekannte sich zu diesem Attentat die sogenannte Gruppe "Honneur de la Police" (Polizei-Ehre), die überhaupt nicht existierte.

Die Gruppe BVE bekannte sich zu den Anschlägen in Paris und Ipar Euskal Herria (französisches Baskenland), alle Ermittlungen deuten jedoch darauf hin, dass sie zum Anschlage gegen Goldman schwiegen (möglicherweise, weil es sich um einen französischen Staatsbürger handelte, alle übrigen waren spanischer Nationalität). Vielleicht auch, weil dahinter andere Interessen steckten, die nicht nur mit der baskischen Frage zusammenhängen. Und weil die Zusammenarbeit zwischen den französischen Geheimdiensten und der BVE-Gruppe mehr als offensichtlich war. Aus diesem Grund wurde als Urheber des Anschlags auf Goldman lediglich eine imaginäre Gruppe "Honneur de la Police" genannt. Kein Mitglied dieser Gruppe wurde jemals identifiziert. Für Frédéric Charpier war "Honneur de la Police" der Titel, mit dem die schmutzige Unterwelt des französischen Staates auf ihre "besonderen Leistungen" hinwies.

ANMERKUNGEN:

(1) “La muerte de Pierre Goldman: tras la pista del BVE“ (Der Tod von Pierre Goldman: auf der Spur des BVE), Tageszeitung Gara, 2023-10-05 (LINK)

(2) “Dolores Ibárruri – Die leidenschaftliche Kommunistin“, 2023-08-31, Baskultur.info (LINK)

(3) GAL – Grupos Antiterroristas de Liberación: “GAL-Staatsterrorismus – Schmutziger Krieg der PSOE“, Baskultur.info, 2022-11-12 (LINK)

(4) “Lucio Urtubia (Autobiografie) –Bankraub ist eine ehrenvolle Sache“, Baskultur.info, 2020-09-18 (LINK)

(5) “Lucio Urtubia, Anarchist – Bankräuber, Fälscher und Internationalist“, Baskultur.info, 2020-08-11 (LINK)

ABBILDUNGEN:

(1) Pierre Goldmann

(2) Goldmann-Buch

(3) Goldmann (telerama)

(4) Goldmann-Buch

(5) Goldmann-Film (f.affinity)

(PUBLIKACION BASKULTUR.INFO 2023-10-05)

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