Sabotage mit vielen Folgen
Der Kampf der Bevölkerung gegen den Stausee von Itoitz erreichte mit der Sabotage-Aktion am 6. April 1996 einen Meilenstein. Acht Aktivisten von „Solidarios con Itoitz“ drangen am frühen Morgen auf die Baustelle vor und durchtrennten die Kabel für den Beton-Transport am Staudamm, die Arbeiten waren für Monate lahmgelegt. Der Stausee wurde schließlich gebaut, die Saboteure mussten ins Gefängnis. Nicht alle in der Bewegung waren mit der Aktion einverstanden, doch war sie ein Wendepunkt im Umweltkampf.
Der umstrittene Stausee Itoitz (Itoiz) erstreckt sich im Norden Navarras über drei Naturschutzgebiete. Bekannt durch eine spektakuläre Sabotage-Aktion vor 30 Jahren (1996).
Acht Mitglieder von „Solidarios con Itoitz“ – „Solidarisch mit Itoitz“ (span: Itoiz) führten in den frühen Morgenstunden des 6. April 1996 eine Protestaktion durch, die einen Wendepunkt beim Bau des Itoitz-Stausees markieren sollte sowie für die weitere Entwicklung des zivilen Ungehorsams. Nach monatelanger Vorbereitung durchtrennten die Aktivisten, begleitet von Pressevertretern, die das Geschehen dokumentierten, die Stahlseile, mit denen der Beton zur Baustelle transportiert wurde. Es war ein Sabotageakt, der in die Geschichte einging und den die linke Tageszeitung EGIN mit einer Schlagzeile auf ihre Titelseite brachte: „Itoitz, gestoppt“. (1)
Ein Journalist war Zeuge des Geschehens und berichtete auf den ersten Seiten der Zeitung darüber. Die Sabotage war lange im Voraus und mit Bedacht geplant worden. Aus dem späteren Bericht geht hervor, dass unter den Anwesenden Nervosität herrschte. Und große Vorsicht, denn das Ziel war klar: die Bauarbeiten lahmzulegen, ohne Menschen zu verletzen. Dieses Ziel konnten die Solidarios erreichen.
Der Journalist selbst erinnerte sich in einem Bericht zum Jahrestag detailliert an die Ereignisse. Kälte und Dunkelheit in einer bergigen Gegend in der Nähe der Baustelle. Eine Gruppe von acht Aktivisten, gekleidet in Overalls und weißen Kapuzen, führte die Journalisten zu dem Ort, von dem aus sie Zeugen der Sabotage wurden. Sie sahen, wie dder Wachmann außer Gefecht gesetzt und ihm seine Dienstwaffe abgenommen wurde, um sich anschließend der Aktion zuzuwenden: den Seilen.
Mit einer Säge in der Hand und mit Schutzbrillen vor den Augen durchtrennten die „Solidarios“ die Seile, mit denen täglich etwa 4.200 Kubikmeter Beton transportiert wurden, um den Staudamm aufzufüllen. Die Protagonisten erinnern sich noch genau, einschließlich der genauen Eigenschaften der Kabel, die sie durchtrennten. Sechs spiralförmige Stahlseile mit einem Durchmesser von 6,25 cm und einer Länge von 800 Metern, die Lasten von bis zu 140 Tonnen tragen konnten. Nach einigen Minuten voller Lärm, Feuer und Chaos beendeten die Solidaritäts-Aktivisten die Sabotage. Sie sollte eine achtmonatige Unterbrechung der Bauarbeiten bedeuten. Wie zu erwarten war, ließ die Reaktion gegen die Urheber des Protests gegen das, was viele bereits als „Staats-Angelegenheit“ bezeichneten, nicht lange auf sich warten.
Mit unverhülltem Gesicht
„Solidarios con Itoitz“ hatte den Charakter dieser Aktion klar definiert. Sie wollten die Anwesenheit der Medien, damit diese aus erster Hand über das Geschehene berichten konnten. Und sie hatten keinerlei Absicht, sich zu verstecken. Nachdem sie die Kabel durchtrennt hatten, legten sie ihre Brillen und Kapuzen ab und warteten mit unverhüllten Gesichtern. Als Sicherheitskräfte und Guardia Civil eintrafen, leisteten die Aktivisten keinen Widerstand. Die Spannung stieg, als es zu gewalttätigen Reaktionen seitens der Beamten kam. Auch gegen die Journalisten.
Die acht Urheber des Kabelschnitts wurden zu vier Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Zudem wurden sie zu einer Geldstrafe verurteilt, unter der einige von ihnen noch heute durch die Pfändung ihrer Konten leiden. Die mediale Berichterstattung über den Protest, verbunden mit der Verzögerung der Bauarbeiten durch den Kabelschnitt macht die Aktion zu einem der wichtigsten Meilensteine im Umweltkampf im Baskenland.
Anfänge des Widerstands
Der organisierte Widerstand gegen den Stausee reicht zurück bis ins Jahr 1985, als die Koordinierungs-Gruppe von Itoitz gegründet wurde. Ihr Kampf konzentrierte sich weitgehend auf die juristische Ebene und erzielte einen wichtigen Sieg, als der Nationale Gerichtshof 1996 entschied, dass das Stausee-Projekt illegal sei. Das Urteil hatte jedoch zwei Seiten, denn um die Bauarbeiten aussetzen zu können, wurde eine Kaution in Höhe von 24 Milliarden der alten Peseten (etwa 145 Millionen Euro) festgesetzt – eine Summe, die für die Volksbewegung völlig unerschwinglich war.
In diesem Zusammenhang entschieden sich die „Solidarios con Itoitz“ für den Weg der direkten Aktion, nachdem sich beide Formen des Kampfs als komplementär erwiesen hatten. Um das Problem an der Wurzel zu packen. Die Protagonisten der Aktion erzielten eine unmittelbare Wirkung durch die erzwungene Einstellung der Bauarbeiten und die damit verbundenen Kosten. Das Endziel, die Verhinderung des Staudamm-Baus, konnte zwar erreicht werden, doch in all den Jahren sind einige der Stärken dieses Kampfes deutlich geworden. Einerseits diente er dazu, das Interesse des Staates an der Durchsetzung solcher Infrastruktur-Projekte um jeden Preis sichtbar zu machen, obwohl die Gerichte – mit einer juristischen Falle – dessen Rechtswidrigkeit anerkannt hatten. Zudem lässt sich nicht leugnen, dass die Aktion einen Wendepunkt für spätere Kämpfe darstellte.
Die unter dem Stausee verschwundenen Dörfer, die enormen öffentlichen Summen, die für den Bau aufgewendet wurden, sowie die Jahre und Ressourcen, die den Gegnern von Itoitz geraubt wurden, kommen nicht zurück. Dennoch diente die Mobilisierung als Bindeglied zwischen all jenen, die – unabhängig von ideologischen Differenzen – die Ablehnung eines Projekts mit schwerwiegenden Auswirkungen auf die Umwelt teilten. Spätere Kämpfe, wie der Widerstand gegen den Hochgeschwindigkeits-Zug (AHT / TAV), haben aus dieser Quelle geschöpft. Der Klimanotstand ist die große Herausforderung, vor der die Gesellschaft heute steht. Diejenigen, die sich damals in Itoitz mobilisierten, warnten bereits vor dem, was heute eine zivilisatorische Krise ist. 30 Jahre später ist soziales Engagement nach wie vor unverzichtbar. (1)
30 Jahre nach dem Durchtrennen der Stausee-Kabel
Vor 25 Jahren, am 6. April 1996, durchtrennte Solidari@s con Itoiz die Kabel auf der Baustelle des Itoiz-Stausees und legte die Arbeiten für Monate lahm. Die Gruppe produzierte damals ein Video, um zu erklären, warum sie diese historische Aktion durchführte, die zu einem Meilenstein im baskischen Kampf gegen den Entwicklungswahn und Megaprojekte wurde. Die Aktivisten wurden stark unterdrückt und kriminalisiert, erfuhren aber auch breite gesellschaftliche Unterstützung für ihr Engagement – gegen die Hartnäckigkeit und Absurdität der Institutionen. Nach ihrer Freilassung reiste die Gruppe durch Europa, um auf die Situation aufmerksam zu machen und um Unterstützung für ihre Sache zu werben. Auch 30 Jahre später lebt ihr Beispiel in vielen anderen Kämpfen weiter, mit denen das Baskenland und der ganze Planeten nach wie vor zu kämpfen haben. Zuletzt galt dies für den Kampf gegen ein Guggenheim-Doppelmuseum im Biosphären-Reservat Urdaibai in Bizkaia. „Amalurra ez ikutu! Hände weg von Mutter Erde“ ist der Slogan dieser Bewegungen. (2)
Widerstands-Video
Wer der spanischen Sprache mächtig ist, kann über den folgenden Link ein 25-Minuten-Video über die Kabel-Aktion des Jahres 1996 und andere Widerstandsformen. (VIDEO)
An dieser Stelle folgt ein Interview der linken Tageszeitung Gara mit vier Mitgliedern von „Solidari@s con Itoiz“: Ibai Ederra, Urko Hernández, Peio Lusarreta und Julio Villanueva. Das Interview fand am Staudamm statt, ein ganz anderes Bild als vor 30 Jahren, als die für den Staudamm-Bau verlegten Kabel durchtrennt und die Bauarbeiten zum Stillstand gebracht wurden. Die Aktivisten kamen zu dem Treffen mit einem verpixelten Foto des verstorbenen Iñaki García Koch, Teil einer künstlerischen Intervention von Santiago Sierra, um auf die Existenz politischer Gefangener im spanischen Staat aufmerksam zu machen. Und sie brachten ein Stück des Kabels mit, das im Mittelpunkt der Aktion stand.
FRAGE: 30 Jahre seit dem Durchtrennen der Kabel. Wir befinden uns an derselben Stelle, aber leider hat sich hier viel verändert. Warum haben Sie beschlossen, diese Aktion durchzuführen?
IBAI EDERRA: Der Stausee, den man uns bauen wollte, war verboten. Man durfte ihn nicht bauen, es war illegal. Es gab einen Kampf der Anwälte, auf rechtlicher Ebene. Wir dachten, wir sollten eine neue Front des Kampfes eröffnen.
FRAGE: Die Rede ist von einem Kontext, in dem der spanische Oberste Gerichtshof den Stausee von Itoitz für illegal erklärte, aber eine Kaution in Millionenhöhe verlangte, die unerschwinglich war.
IBAI EDERRA: Der Stausee wurde weitergebaut. Der Oberste Gerichtshof erklärte den Stausee für illegal, aber damit die Bauarbeiten eingestellt wurden, hätten wir den Baufirmen eine Entschädigung zahlen müssen.
PEIO LUSARRETA: Was zunächst eine gute Nachricht war, weil sie der Opposition gegen den Stausee Recht gab, war wegen der Kaution völlig wertlos. Das war eine Verhöhnung, ein Betrug. Sie wussten, dass das niemand bezahlen konnte. Das ist passiert, während viele Politiker von Demokratie schwatzten.
FRAGE: Die Botschaft der Institutionen in Navarra lautete damals, dass der Stausee auf jeden Fall gebaut werden würde.
PEIO LUSARRETA: Wir haben die Aktion immer als etwas dargestellt, das einen viel größeren Schaden verhindern würde. In diesem Sinne waren die Auswirkungen klar: Drei Naturschutz-Gebiete und neun Dörfer würden verschwinden, weitere sechs wären betroffen. Die sozio-ökonomischen Auswirkungen im Tal und in Navarra waren enorm.
FRAGE: Sie beschlossen deshalb, den radikalen Schritt zu wagen.
IBAI EDERRA: Bevor wir die Kabel durchtrennten, hatten wir schon zahlreiche Aktionen durchgeführt, aber die waren eher propagandistischer Natur, sie legten die Bauarbeiten nicht wirklich lahm.
URKO HERNÁNDEZ: Wir haben tatsächlich die Mühle lahmgelegt, in der der Kies gemahlen wurde, um es einmal so zu sagen. Es waren verschiedene Maßnahmen. Wir schafften es, die Bauarbeiten für eine oder zwei Stunden zum Erliegen zu bringen. Wir hatten uns zuvor auch mal an die Kabel gehängt und festgestellt, dass gerade die Kabel für die Bauarbeiten das Wichtigste sind. Das war der schwächste Punkt oder der Ort, an dem der größte Schaden angerichtet werden konnte.
FRAGE: Wie wurde das organisiert?
URKO HERNÁNDEZ: Wir wollten eine öffentliche Aktion durchführen, ohne etwas zu verbergen, denn wir taten nichts Illegales. Von Anfang an achteten wir darauf, dass alle unsere Aktionen im Rahmen der Legalität blieben und keine schweren Straftaten darstellten. Es war immer alles öffentlich. Mehr noch, wir sind zur Presse gegangen, damit alles ans Licht kommt, wir haben uns gestellt … Wir wollten, dass es sauber ablief, dass jeder sah, was wir taten, denn wir betrachteten es nicht als Sabotage. Es ging einfach darum, etwas lahmzulegen, von dem viele sagten, es müsse lahmgelegt werden, aber dafür verlangte man Geld.
JULIO VILLANUEVA: In gewisser Weise waren wir so etwas wie der ausführende Arm des Gerichts (Audiencia Nacional). Die urteilten, es handele sich um ein nichtiges und illegales Bauvorhaben. Wir haben uns diese Rolle selbst zugeteilt. Letztendlich verlangten sie eine Kaution, die unerschwinglich war. Wir sagten, wir seien die ausführenden Organe der Audiencia Nacional, um das, was sie als illegales Bauvorhaben bezeichneten, tatsächlich zu stoppen. Es ging darum, die Rechtsstaatlichkeit durchzusetzen.
PEIO LUSARRETA: Neben der Einstellung der Bauarbeiten gelang es durch diese Aktion, der Politik der vollendeten Tatsachen ein Ende zu setzen. Die Initiatoren des Projekts hatten in den vorangehenden Jahren so viel Geld wie möglich hineingesteckt, damit sich die Richter später nicht trauten, es zu stoppen.
URKO HERNÁNDEZ: Es ging darum, so viel wie möglich und so schnell wie möglich zu bauen, damit das, was bereits fertiggestellt war, nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Während die ganze Angelegenheit vor Gericht verhandelt wurde, steckten sie immer mehr Geld hinein und bauten immer schneller.
IBAI EDERRA: Bei einer der früheren Aktionen haben wir uns an ein Seil auf der Straße gekettet und die Straße blockiert. Der Bauleiter kam mit einer Rotaflex und schnitt das Seil durch. Da fingen wir an, neue Pläne zu schmieden.
URKO HERNÁNDEZ: Das brachte uns auf die Idee.
IBAI EDERRA: Wir dachten, mit einer größeren Rotaflex könnten wir größere Seile durchtrennen. Daraus entstand die Idee. Wir hatten schon lange über Aktionen nachgedacht. Aber der Bauleiter brachte die Idee auf den Tisch.
(Peio Lusarreta, Ibai Ederra, Urko Hernández und Julio Villanueva am Staudamm von Itoitz. Das Durchtrennen der Kabel erfolgte vom Hang im Hintergrund aus. Sie zeigen das verpixelte Bild des verstorbenen Iñaki García Koch, entnommen aus der künstlerischen Intervention von Santiago Sierra, die auf die Existenz politischer Gefangener im spanischen Staat aufmerksam machte / Iñigo Uriz / foku)
FRAGE: Die Aktion hatte zur Folge, dass die Bauarbeiten fast ein Jahr lang zum Stillstand kamen. In diesem Sinne haben Sie ihr Ziel erreicht.
IBAI EDERRA: Keiner von uns hätte gedacht, dass das so ein Riesenaufstand werden würde.
FRAGE: Gleichzeitig wurden Sie ziemlich hart unterdrückt.
IBAI EDERRA: Wir wurden damals unterdrückt und leiden auch heute noch darunter, mit den Pfändungen, die gegen uns verhängt wurden. Wir haben eine Schuld von zwei Millionen Euro beim Staat wegen der zivilrechtlichen Haftung. Deshalb können wir nichts besitzen. Wir können auch keinen Job annehmen, bei dem man mehr als den Mindestlohn verdient, weil es gepfändet wird. Das ist eine harte Konsequenz, mit der wir damals vielleicht am wenigsten gerechnet hätten.
PEIO LUSARRETA: Nach 25 Jahren sind wir immer noch Opfer politischer Repressalien. Unsere Gehaltszahlungen werden gepfändet.
FRAGE: Vor 25 Jahren mussten Sie auch eine Haftstrafe verbüßen, nachdem Sie von den Institutionen kriminalisiert wurden.
URKO HERNÁNDEZ: Obwohl es sich um öffentliche Aktionen handelte und wir alles, was wir taten, offenlegten, wurde versucht, uns zu kriminalisieren. Man sagte, wir gehörten einer terroristischen Organisation an, wir hätten einen Anschlag verübt.
IBAI EDERRA: Und man verhängte eine exemplarische Strafe gegen uns, damit niemand sonst auf die Idee käme, so etwas zu tun. Man klagte uns wegen „Entführung“ an, was das Letzte war, was wir erwartet hätten. Es war das Höchstmaß, das man uns auferlegen konnte.
FRAGE: Das Gesetz wurde bis zum Äußersten ausgelegt, um dieses exemplarische Urteil zu erreichen.
IBAI EDERRA: Genau. Es waren vier Jahre Haft wegen „rechtswidriger Freiheitsberaubung“ und zehn Monate wegen Körperverletzung an dem Wachmann.
PEIO LUSARRETA: Sie wollten eine exemplarische Strafe, aber das war nicht einfach, weil wir Werkzeuge benutzt haben, die zum Arbeiten gedacht waren. Wir haben weder Sprengstoff noch brennbare Stoffe oder ähnliches verwendet. Was haben sie getan? Sie haben den Fokus auf das vierminütige Festhalten des Wachmanns gelegt, die wir durchführen mussten, um die Aktion durchführen zu können. Mit diesem Vorfall und einer alten Rechtsprechung gelang es ihnen schließlich, uns bei extremer Auslegung „Entführung“ anzuhängen und eine Strafe von vier Jahren und zehn Monaten zu verhängen.
URKO HERNÁNDEZ: Bevor wir eine Aktion starteten, überlegten wir, welche Konsequenzen sie haben könnte. Wenn wir einen Schaden anrichten, wenn wir etwas anzünden, was ist die Konsequenz … Wir überlegten, was wir machen könnten ohne schwere Verbrechen zu begehen. Wir berieten uns mit Anwälten, die uns sagten, dass sie uns am nächsten Tag freilassen würden. Doch sie forderten schließlich fünfzehn Jahre Gefängnis für uns.
PEIO LUSARRETA: Insgesamt wurden 41 Jahre Haft für uns gefordert. Daran zeigte sich auch, dass der Prozess politisch motiviert war. DAbei traten die Staatsanwaltschaft der Region und des Staates auf, die UTE, Unidad Temporal de Empresas, ein Unternehmensverband, die Wasser-Plattform, die Regierung von Navarra usw.
FRAGE: Wir wollen daran erinnern, was die Wasser-Plattform war, die zu dieser Zeit in Navarra eine herausragende Rolle spielte.
JULIO VILLANUEVA: Sie war das Mittel, um den Bau des Itoiz-Stausees zu legitimieren. Es handelte sich um ein Projekt, das in der Gesellschaft Navarras, vor allem in diesen Tälern, auf breite Ablehnung stieß. Doch sie erkannten, dass sie die Bevölkerung mobilisieren mussten. Sie wählten den einfachen Weg und wandten sich an alle Bewässerungsverbände in der Ribera in Süd-Navarra und der Mittelzone. Sie griffen auf Tricks zurück, wie wir sie aus der Franco-Zeit kannten: Sie organisierten ein paar Demonstrationen in Iruñea, bei denen sie kostenlos Busse chartern ließen und Snacks verteilten. Die Wasserplattform gründeten sie praktisch über Nacht. Mit dabei waren die spanischen Gewerkschaften UGT und CCOO, Agrarverbände wie die UAGN … Es war eine Initiative, die von oben kam, eine Scheininitiative, um dem Stausee den Anschein der Notwendigkeit zu verleihen.
FRAGE: Nach der Verurteilung unternahmen Sie eine Tour durch Europa, um auf Ihre Situation aufmerksam zu machen, aber auch, um bekannt zu machen, was in Itoitz geschah.
JULIO VILLANUEVA: Ich hatte diese beiden Ziele. Einerseits wollte ich den Konflikt von Itoitz internationalisieren, der zwar schon seit vielen Jahren bestand, in Europa aber unbekannt war. Wir wollten Verbindungen zu anderen Ökologie-Gruppen auf europäischer Ebene knüpfen, um dem Konflikt mehr Gehör zu verschaffen. Andererseits wollten wir auch unsere Situation bekannt machen, die Situation von acht Menschen, die ins Gefängnis mussten. Wir sahen, dass wir zu diesem Zeitpunkt die ersten Ökologie-Gefangenen in Verteidigung der Erde in Europa waren.
URKO HERNÁNDEZ: Da wir kriminalisiert wurden und hier nicht kämpfen konnten, sahen wir in Europa den Ausweg, um den Kampf fortzusetzen.
FRAGE: Letztendlich mussten einige ins Gefängnis.
IBAI EDERRA: Einige von uns mussten ins Gefängnis, andere nicht. Wir waren alle ziemlich lange auf der Flucht. Ich war sechs Jahre lang auf der Flucht. Dann wurde ich bei einer Kontrolle angehalten und verhaftet. Die meisten kamen nicht ins Gefängnis, aber Julio, Iñaki García Koch und ich schon. Iñaki saß drei Jahre und acht Monate, ich ebenfalls, und Julio drei Monate.
JULIO VILLANUEVA: Ich saß drei Monate, weil ich das Glück hatte, dass es eine Änderung im Strafgesetzbuch hinsichtlich der Verjährungs-Fristen für Strafen gab. Bei Strafen unter fünf Jahren, wie es bei uns der Fall war, wurde die Verjährungsfrist von zehn auf fünf Jahre verkürzt. Also haben wir beantragt, dass unser Fall berücksichtigt wird. Das Landgericht von Navarra lehnte dies mit rein politischen Argumenten ab und sagte, es bestehe immer noch gesellschaftliche Besorgnis und wir hätten keine Reue gezeigt. Wir legten beim Obersten Gerichtshof Berufung ein, und dieser hatte keine andere Wahl, als das Gesetz anzuwenden. Zu diesem Zeitpunkt, als ich bereits drei Monate im Gefängnis war, wurde ich freigelassen.
FRAGE: 30 Jahre später sehen wir, dass wir hier einen Stausee haben. Es ist nicht gelungen, das Projekt zu stoppen. Wie bewerten Sie heute, was Sie unternommen haben?
IBAI EDERRA: Heute überlegt die Regierung von Navarra sehr genau, bevor sie irgendwelche Bauarbeiten durchführt. Sie sichern sich mit allen rechtlichen Mitteln ab. Das ist etwas, das wir meiner Meinung nach erreicht haben. Sie wissen, wenn sie irgendetwas außerhalb der Legalität oder irgendeinen Unsinn machen, stellen sich Leute dagegen, und davor haben sie Angst.
JULIO VILLANUEVA: Die Öko-Gruppe Ecologistas en Acción (Ökologinnen in Aktion), die über zahlreiche Kontakte zu Ministerien verfügt, sagte uns damals, dass die Sache mit Itoitz für Behörden auf staatlicher Ebene die Hölle war. Sie stießen auf zwei harte Nüsse. Einerseits die Koordinierungsgruppe, von der sie in der Frage der Rechtmäßigkeit in die Enge getrieben wurden. Und andererseits unsere Aktionen. Für sie war Itoitz ein sehr unangenehmes Projekt. Letztendlich sorgte die Staatsräson dafür, dass sie es schließlich durchführen konnten, dazu kam der politische Wille, das Projekt um jeden Preis durchzusetzen. Die Einschätzung von Ecologistas en Acción zu jener Zeit war, dass es im spanischen Staat 120 Wasserbau-Projekte gab und dass es mit dem Regierungsantritt der PP 1996 zu einer Neuausrichtung kam. Sie haben den Nationalen Wasser-Plan PHN umgestaltet. 120 Projekte, die sich in derselben Situation wie Itoitz befanden, wurden nicht umgesetzt. Leider haben wir hier in Navarra weiterhin den Stausee von Yesa, der zu den Projekten gehört, die nicht gestrichen wurden. In Navarra hatten wir in dieser Hinsicht wirklich Pech, aber wir können sagen, dass durch unseren Kampf und den der Koordinierungsgruppe viele Projekte zum Stillstand gekommen sind.
URKO HERNÁNDEZ: Vor dem Hintergrund der Kriminalisierung aller Kämpfe stellte öffentlicher und gewaltfreier ziviler Ungehorsam eine Alternative des Kampfes dar, eine andere Art zu kämpfen.
PEIO LUSARRETA: Wenn wir das Ganze aus der Perspektive von 30 Jahren betrachten, sehen wir das Ungleichgewicht, das im Kräfteverhältnis herrschte. Wir können mit allem, was unternommen haben, zufrieden sein. Letztendlich haben sie den Stausee gebaut, aber es wurde eine Menge erreicht und sie wurden in eine Zwickmühle gebracht, bis zu dem Punkt, dass das Thema zu einer Staats-Angelegenheit wurde. Aus diesen Tälern heraus, so klein sie auch sind, wurde sehr viel erreicht. Es wurden viele Bereiche und Menschen einbezogen und es wurde gute Arbeit geleistet.
ANMERKUNGEN:
(1) “Itoitz – ein Kabelschnitt, der Geschichte schrieb“ (Originaltitel: Itoitz, un corte de cables que marcó un hito“, Tageszeitung Gara, 2024-04-06 (LINK)
(2) "25 Jahre seit den Kabelschnitten beim Bau des Itoitz-Stausees" (spanischer Originaltitel: 25 años de los cortes de cables en las obras del embalse de Itoiz), publiziert von Aplaneta, vorher bei der Tageszeitung Gara, 2021-04-04. Der Artikel erschien im Jahr 2021 zum 25. Jahrestag der Sabotage-Aktion, in der Übersetzung wurden die Jahresangaben auf das Jahr 2026 angeglichen. (LINK)
ABBILDUNGEN:
(2) Itoitz-Widerstand (gara)
(2) Itoitz-Widerstand (gara)
(3) Itoitz-Widerstand (gara)
(4) Itoitz-Widerstand (gara)
(5) Itoitz-Widerstand (egin)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-04-06)
