Moderne Stadtordnung
“Tourismus-Wohnungen rauben den Städten die Seele, deshalb müssen sie gestoppt werden“. Dieser Satz stammt von dem katalanischen Stadtplanungs-Experten Salvador Rueda, der gleichzeitig Direktor der Agentur für Stadtökologie in Barcelona ist. Rueda war eingeladen zu einem Kongress in Vitoria-Gasteiz mit dem Titel “Euskal Hiria“ – Die baskische Stadt. Dabei sollte es um Ideen und Konzepte gehen, um die vielfach auftretenden Struktur-Probleme in Städten anzugehen. Das Interview bezieht sich auf Bilbao.
Die Verbreitung von Tourismus-Wohnungen in Wohngebieten wird auch in Bilbao zu einem wachsenden Problem. Nicht das einzige, doch bleibt die Stadtverwaltung weit hinter den Erwartungen zurück, Lösungen im Sinne der Bewohner*innen anzubieten.
Bilbo oder Bilbao
Die Strukturprobleme von Bilbao, der Industriestadt am Fluss und zwischen grünen Hügeln, begann mit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Eisenerz-Abbau lockte Zehntausende arme Arbeiterfamilien in die Stadt, sodass der Raum eng wurde. Die Minen standen in Konkurrenz zum Wohnbedürfnis, die Stadt wuchs schnell und chaotisch, ohne Infrastruktur-Konzept. Bis in die 1960er Jahre war ihr Kern an den umliegenden Hügeln von einem Gürtel von elenden Baracken-Siedlungen umringt, der von den Franquisten mit Wohnblock-Silos wie Otxarkoaga oder Rekalde beantwortet wurde.
Nach dem Ende der Industrie-Epoche in der Stadt selbst (Schließung des Etxebarri-Stahlwerks, der Erzminen und der Euskalduna-Werft) setzte die Stadtverwaltung auf Dienstleistung und Tourismus, was in einigen Stadtteilen zu Gentrifizierung führte, zur Vertreibung der bisherigen armen Bevölkerungsschichten. Zwar wurden ganze Stadtteile wie Miribilla auf den ehemaligen Minen aus dem Boden gestampft, mit Tausenden von Wohneinheiten für die zahlungskräftige Mittelklasse, doch das zunehmende Wohnungsproblem konnte damit nicht gelöst oder kontrolliert werden.
In früheren Jahrzehnten war es auch für Arbeiterfamilien möglich gewesen, mit den bescheidenen Einkommen Eigenheime zu kaufen. Angesichts von Spekulation, enormer Preissteigerung und langer Kreditlaufzeiten fand dieses Wohnmodell sein Ende. Stattdessen wuchs die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt, verstärkt durch die Zuwanderung von armen oder völlig mittellosen Migrant*innen aus Afrika und Lateinamerika. Doch waren ausreichend Mietwohnungen nicht vorhanden, sozialer Wohnungsbau glänzte durch Abwesenheit.
Dann kamen nacheinander Tourismus und in der Folge Massen-Tourismus auf die Tagesordnung. Den Todesstoß erhielt die Wohnungs-Situation durch das Aufkommen von touristischen Vermietungs-Plattformen wie Airbnb. Der ohnehin angespannte Markt an Mietwohnungen brach in einigen Stadtteilen zusammen (in der Altstadt) oder führte zu starken Preissteigerungen in den Barrios, die Verdrängung von einkommens-schwachen ist zur Realität geworden. Gigantische Bauprojekte wie der neue Hochgeschwindigkeits-Bahnhof Abando bedrohen traditionelle Arbeiter-Stadtteile wie Zabala oder San Francisco, in den seit 20 Jahren Migranten-Familien eine Heimat gefunden haben: Spekulation, Investitions-Fonds, Airbnb stellen eine tödlich Mischung dar.
Doch anstatt auf Konzepte zu setzen, die für die Mehrheit der Bevölkerung Lösungen für die entstandenen Probleme anbieten, setzen Stadtrat und Stadtverwaltung weiter auf Massentourismus, Hotelwachstum und internationale Makroevents. Der ärmere Teil der Bevölkerung zahlt die Rechnung dafür. Der Kongress in Vitoria-Gasteiz sollte diese und andere urbane Fragestellungen zur Diskussion bringen und Lösungswege vorstellen.
Stadtökologie
Salvador Rueda ist Experte für Stadtplanung und Mobilität. Der Direktor der Agentur für Stadtökologie von Barcelona nahm kürzlich am Kongress “Euskal Hiria“ (Die baskische Stadt) in Vitoria-Gasteiz teil. Dabei verteidigte er die Notwendigkeit der “Rückgewinnung des städtischen Raums“ zum Vorteil der Bewohner*innen. Angesichts des Tourismus-Booms ist der Ökologe der Meinung, dass der Vormarsch der Tourismus-Wohnungen gestoppt werden muss, denn solche Immobilien “sind ein Messer im Rücken der Stadt“. (1)
Die Stadtverwaltung von Bilbao hat gerade die Erteilung neuer Genehmigungen für die Eröffnung von Touristen-Wohnungen ausgesetzt.
Dies ist derzeit ein weltweiter Trend in vielen Städten, weil sie erkannt haben, dass die Gebrauchs-Funktion von Wohnungen verfälscht wird, wenn sie zu einem Investitions- oder Spekulations-Gut werden. Es gibt viele Wohnungen, die auf diese Weise auf den Tourismus-Markt kommen. Teilweise gehören sie skrupellosen Investoren und Kapitalfonds, denen die Stadt, in der sie tätig sind, völlig egal ist. Doch die Stadt als Lebensort ist viel zu wichtig, um auf diese Weise zu Tode gesteinigt zu werden. Ich begrüße also alle, die sagen: so weit ist es gekommen.
Barcelona hat ebenfalls restriktive Maßnahmen für Touristen-Wohnungen eingeführt.
Aus demselben Grund. Wenn sich die Zahl der Touristen-Wohnungen vervielfacht, verliert die Stadt ihre Seele. Dann müssen wir handeln. Die Leute, die hierherkommen, interessieren sich nicht für die Stadt. Es gibt keine Identifikation mehr, nichts, was ein Zusammenleben ermöglicht. Massentourismus und Touristen-Wohnungen zerreißen alle Nähte, die eine Stadt ausmachen.
Was sind die Folgen?
Es gibt einen Moment, in dem der Preis der Dinge, der Wert und die Gebrauchs-Vorstellung verfälscht und pervertiert werden (gemeint sind die Wohnungen). Am Ende werden die Menschen schließlich aus ihrer eigenen Stadt vertrieben.
Durch die hohen Wohnkosten, meinen Sie?
Genau. Da können viele kostenmäßig nicht mithalten. Deshalb finde ich, dass der Stadtrat in diesem Fall eine gute Entscheidung getroffen hat.
Wie würden Sie die Tourismus-Aktivität auf dem Wohnungs-Markt kontrollieren?
Ich würde eine deutlich begrenzten Zahl von Tourismus-Wohnungen festlegen, die auf dem Markt angeboten werden können. Aber zuerst muss überlegt werden, wer die Kinder der Stadt sind und wie viele von ihnen weiterhin in der Stadt leben wollen. Erst wenn für den Tourismus ein Platz übrig ist, dann können wir ihn als Ferienunterkunft anbieten, aber niemals umgekehrt. Die ersten, die dort wohnen sollen, müssen die Einwohner*innen von Bilbao sein.
Haben wir schon die Obergrenze für Touristen-Wohnungen erreicht?
Wir sind schon lange über dem Limit. Wir wollen uns ja nicht in ein Venedig verwandeln, in dem kaum noch Venezianer*innen leben. Touristen-Wohnungen sind wie ein Messer im Rücken einer Stadt.
Sie befürworten also ein anderes Stadtmodell mit dem Entwurf von großen Lebensräumen – ein Projekt, das darauf abzielt, Lebensräume aneinanderzureihen, und den Verkehr nach außen zu leiten, damit wieder Raum für die Bewohner*innen entsteht.
Alles andere würde bedeuten, die Stadt zu zerstören. Große Lebensräume geben den Menschen öffentlichen Raum zurück, begrenzen den Verkehr und sind damit die beste Möglichkeit, auch den Klimawandel abzumildern und sich an neue Voraussetzungen anzupassen. Wir müssen intelligent planen, um Katastrophen wie in Valencia zu vermeiden. Wir brauchen ein Stadtmodell, das mit wenig Geld Lösungen anbietet und die Probleme löst, vor denen wir stehen.
Fahrzeug-Beschränkung
Sie haben 2013 ein Projekt für große Lebensräume in Bilbao entwickelt. Warum wurde es nicht umgesetzt?
Weil damals im Jahr 2013 ein Stadtrat existierte, in dem die Meinung vorherrschte, dass das Konzept nicht umgesetzt werden sollte. Dass war das Ende des Plans.
Was würde das für Vorteile bringen?
Vorteile in jeder Hinsicht. Es reduziert die Luftverschmutzung, den Lärm und die massive Belegung des öffentlichen Raums. Es ermöglicht eine Antwort auf den Klimawandel, weil Autos gegen Bäume und gegen Flächen ausgetauscht werden, die die wirtschaftliche Aktivität der Stadt steigern. Allein durch die Neugestaltung des Verkehrsnetzes können wir vieles verändern.
Das Projekt in Bilbao sollte also wiederbelebt werden?
Natürlich sollte es das! Es liegt noch auf dem Tisch. Es müsste zwar angepasst werden, aber wenn es keine Bereitschaft gibt, was sollen wir dann tun …
Das wäre eine 180-Grad-Wende in der städtischen Mobilität.
Das ist der Knackpunkt. Autos ruinieren die Lebensqualität. Wenn wir den Verkehr reduzieren, vermindern wir Unfälle, Lärm, Luftverschmutzung und schaffen zudem lebenswerte Landschaften.
Ihr Projekt sieht vor, den Verkehr auf bestimmte Achsen zu verlagern, um andere Straßen frei zu machen. Würde die Stadt dadurch nicht zusammenbrechen?
Ganz und gar nicht. In Vitoria-Gasteiz wurden durch die Anwendung dieses Modells nur 12% des Verkehrs reduziert. Wenn wir dazu noch öffentliche Verkehrsmittel anbieten, gibt es kein Verkehrsproblem. Wir sollten uns die Autos aus dem Kopf schlagen.
Bilbao hat emissions-arme Zonen eingeführt, andere Städte aber nicht. Warum fällt das so schwer?
Die Auto stecken in unseren Köpfen. Kulturell sind wir nicht in der Lage, ohne sie zu denken. Es gelingt uns nicht, uns einen Alltag ohne private Auto-Benutzung vorzustellen. Ich bin nicht generell gegen Fahrzeuge, aber ich bin gegen ihren Missbrauch.
Und wie kann man die Leute davon überzeugen, das Auto zu Hause zu lassen?
Indem wir an die Geldbeutel gehen. Kurze Parkzeiten zu einem hohen Preis. Andererseits sollten die öffentlichen Verkehrsmittel gefördert werden, der Rhythmus des öffentlichen Netzes sollte maximal vier Minuten betragen.
Stadtplanung: Schlüssel zur Vermeidung von Risiken
“Wir sind uns heute stärker bewusst, was Unordnung, Fehlverhalten oder schlechte Planung in einem Territorium mit sich bringen und welche Folgen sie haben“. Mit diesen Worten eröffnete der baskische Regional-Senator für Wohnungswesen und Städtebau, Denis Itxaso (PSOE), die dritte Ausgabe des Kongresses “Euskal Hiria“ mit dem wenig aussagekräftigen Arbeitstitel “Von den Daten zum Territorium“. Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung steht die Komplexität der Stadtplanung, die nach der Dana-Katastrophe (Überschwemmungen November 2024) in Valencia im November 2024 besondere Bedeutung erlangt hat. In einem Kontext, in dem Naturkatastrophen die Städte heimsuchen, betonte Itxaso die Notwendigkeit, “verantwortungsvolle“ und “fundierte“ Praktiken in der Stadtplanung anzuwenden. In der Tagespraxis entspricht die Politik seiner sozialdemokratischen Partei nicht diesen Vorgaben, weder in Gasteiz, noch in Bilbo, noch in Donostia.
Am ersten Tag, an dem die Bürgermeisterin von Vitoria-Gasteiz, Maider Etxebarria (ebenfalls PSOE), teilnahm, waren Dutzende von Experten anwesend, darunter Emilio López Romero, Direktor des Nationalen Zentrums für Geographische Information, und Dyfed Aubrey, Leiter des Büros für Europäische Angelegenheiten von UN-Habitat.
ANMERKUNGEN:
(1) Interview aus: “Los pisos turísticos quitan el alma a las ciudades; hay que pararlos“ (Touristenwohnungen rauben den Städten die Seele; sie müssen gestoppt werden), Tageszeitung El Correo, 2024-11-14 (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Bilbo-Bilbao
(2) Kongress Gasteiz (elcorreo)
(3) Vitoria-Gasteiz (redalyc)
(4) Bilbo (javeriana)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-11-17)
