Der Diktaturen-Bürgermeister
Der Eliptica-Platz in Bilbao steht kurz davor, seinen volkstümlichen Namen zurückzuerhalten. Nach jahrzehntelangen Debatten soll der bisher offizielle Name Federico Moyúa verbannt werden. Dieser Moyúa war nicht mehr und nicht weniger als ein Bürgermeister der Stadt. Der Makel ist, dass er seinen Posten der Diktatur von Primo de Rivera (1923-1930) verdankt, von der er als Bürgermeister eingesetzt wurde. Die Krönung, dass das Franco-Regime Moyúa dann auch noch mit der Benennung eines Platzes ehrte.
Der Rechtsanwalt Federico Moyúa (1873-1939) war zwei Mal Bürgermeister von Bilbao, 1910 bis 1913 und 1924 bis 1930 während der Diktatur von Primo de Rivera.
Der Platz, der den Mittelpunkt der Gran Vía von Bilbao markiert, steht kurz davor, offiziell wieder den Namen anzunehmen, unter dem viele Bewohner*innen Bilbaos ihn kennen: Plaza Elíptica, der Ellypsen-Platz. Damit wäre die Ehrung für Federico Moyúa beendet, den Bürgermeister, der die Stadt während der Diktatur von Miguel Primo de Rivera regierte und dessen Name dem Platz von den im Spanienkrieg siegreichen Franquisten kurze Zeit nach der Eroberung der Stadt im Jahr 1937 gegeben wurde.
Der derzeitige Bürgermeister, Juan Mari Aburto von der Baskisch-Nationalistischen Partei EAJ-PNV, kündigte in einem Interview mit der Tageszeitung Deia an, dass die Formalitäten für diese Änderung gerade abgeschlossen würden. Als mögliche Termin für die offizielle Umbenennung brachte er Juni oder Juli ins Gespräch. “Ich denke, dass es aus der Perspektive der Erinnerung und der emotionalen Bedeutung wichtig ist, dass dieser Elíptica Plaza, der in der Vorstellung aller Einwohnerinnen und Einwohner von Bilbao präsent ist, wirklich das ist, was er schon immer war. Ich möchte den Menschen von Bilbao den Plaza Elíptica zurückgeben“, erklärte der Stadtvorsteher.
Der Platz wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Teil des Stadt-Entwicklungs-Plans von Bilbao konzipiert, der das historische Zentrum mit der 1890 annektierten Gemeinde Abando verbinden sollte. Das Leben in Bilbao war in jener Zeit von einem regen Schiffsverkehr einerseits und den Eisenerz-Minen der angrenzenden Berge andererseits geprägt, die einen nicht endenden Strom von spanischen Arbeits-Migranten nach sich zog. Die historische Altstadt war wenige Jahrzehnte zuvor mit dem Plaza Berria / Plaza Nueva (Neuer Platz) endlich erweitert worden, das neue Rathaus am Fluss stammt aus dem Jahr 1890, als es fertig gestellt wurde, stand es dort einsam auf weiter Flur. Ursprünglich hatte der neue Platz in Abando keinen offiziellen Namen, in der Bevölkerung war er unter als “Plaza Elíptica“ bekannt, in Anlehnung an seine nicht ganz runde Form. Im Laufe der Jahre war Elíptica Schauplatz von Veränderungen und Umgestaltungen und entwickelte sich zu einem städtischen und sozialen Bezugspunkt.
Vom Regime geehrter Bürgermeister
Im Jahr 1937, nach der Besetzung Bilbaos durch die Franquisten (der Krieg dauerte noch bis zum 1. April 1939), startete das Regime eine Kampagne zur Änderung des Straßenplans der Stadt mit dem Ziel, seine symbolische Präsenz mit faschistischen Namen zu festigen, seine Ideologie zu verbreiten und die Zeiten der Republik zu tilgen. Unter anderem wurde die Deustu-Brücke in “Puente del Generalísimo Franco“ umbenannt; die Begoña-Brücke – heute “Puente del Ayuntamiento“ – erhielt den Namen “Puente del General Mola“, die Avenida Sabino Arana wurde in “José Antonio Primo de Rivera“ umbenannt und der Plaza Nueva in “Mártires de Bilbao“.
Im Rahmen dieses Prozesses wurde die Plaza Elíptica zu Ehren von Federico Moyúa (1873–1939) in Plaza Moyúa umbenannt. Moyúa war in Bilbao geboren worden, als Sohn einer wohlhabenden Familie, die während der Karlistenkriege (1834-38 / 1872-76) der anti-baskischen liberalen Ideologie verbunden war. Dieser politischen Haltung folgte Federico von Jugend an und wurde Rechtsanwalt. Im Jahr 1910 trat Federico Moyúa mit nur 37 Jahren sein erstes Amt als Bürgermeister an, das jedoch nur drei Jahre dauerte. Im Jahr 1924 wurde er jedoch erneut zum Bürgermeister ernannt, ein Jahr zuvor hatte der General Miguel Primo de Rivera (1870-1930) mit einem Putsch die Macht übernommen. Sein Regime definierte er zunächst als provisorisch, er erklärte sogar, sein Militärdirektorium werde nur drei Monate bestehen bleiben. Es dauerte jedoch nicht lange, bis er eine politische Partei, die Unión Patriótica, als politische Basis seines Regimes gründete. Primo de Rivera war fasziniert vom italienischen Faschismus, Mussolini bezeichnete er bei einem Besuch in Italien als „meine Inspiration und meinen Lehrer“. Von diesem Diktator wurde in Bilbao ein Stadtrat mit Moyúa als Bürgermeister eingesetzt, ein Amt, das dieser bis 1930 innehatte, als der Sturz des Diktators der sogenannten “Dictablanda de Dámaso Berenguer“ Platz machte.
Während der Amtszeit Moyúas wurden wichtige städtebauliche und infrastrukturelle Maßnahmen vorangetrieben, wie die Sanierung der Kanalisation, die Wasserversorgung aus Ordunte, der Bau der Schulen in Atxuri oder die Eingemeindung der Nachbargemeinden Begoña, Deustu und Lutxana. Die Tatsache, dass einer der wichtigsten Plätze in Bilbao seinen Namen trägt, hat eine anhaltende Debatte ausgelöst. Verschiedene Gedenk- und Nachbarschafts-Vereine haben in den letzten Jahrzehnten eine Umbenennung gefordert und argumentiert, dass Federico Moyúa ein von einer Diktatur eingesetzter Bürgermeister war und dass der Platz von der Franco-Diktatur nach ihm benannt wurde. Tatsächlich brachten einige das Argument in die Diskussion, dass der Name dem Gesetz zur historischen Erinnerung von 2007 widerspreche, mit dem die Verherrlichung der Diktatur verboten wurde und nach dem alle Namen aus dem franquistischen Zusammenhang zu ändern seien. Dies erwähnte auch Aburto, ohne jedoch zu festzustellen, dass das Gesetz zu einer Änderung verpflichte.
Erinnerung auf kleiner Flamme
Zwar heißt es im Volksmund, für notwendige Dinge sei es nie zu spät, dennoch kommt die Änderung (sollte es so sein) im Vergleich zu anderen Fällen tatsächlich viele Jahre zu spät. Anfang der 1980er Jahre, fünf Jahre nach Francos Tod, ein Jahr nach Inkrafttreten der neuen spanischen Verfassung, strich Bilbao die meisten der oben genannten franquistischen Namen aus seinem Straßenverzeichnis und ersetzte sie mit den ehemaligen oder ganz neuen Namen. Dennoch war die Liste der Umbenennungen unvollständig.
Bereits 1997, unter Bürgermeister Josu Ortuondo, gab es einen weiteren Meilenstein in dieser Angelegenheit, als der heutige Plaza Circular am Abando-Bahnhof umbenannt wurde und den Namen Plaza España ablöste. Für viele wäre dies der richtige Zeitpunkt gewesen, um den Namen des Plaza Moyúa ebenfalls zu ändern, doch stieß die Initiative auf mehr Widerstand als erwartet. Tatsächlich ist auf eben dem Elíptica-Platz ein weiteres Beispiel für eine noch eklatantere Verzögerung zu finden. Denn erst 2017 erteilte die Stadtverwaltung Bilbao endlich die Baugenehmigung, um mit der Entfernung des Franco-Adlers (ein faschistisches Symbol) vom Gebäude der spanischen Finanzbehörde zu beginnen. Die Beseitigung dieses Relikts war von Kontroversen begleitet, da die Stadtverwaltung die Genehmigung zunächst verweigerte, da sie der Ansicht war, dass das Wappen “einen hohen künstlerischen Wert“ habe.
Zurück zum Fall Moyúa: Die Verzögerung blieb nicht ohne Folgen. Denn obwohl die meisten Einwohner*innen Bilbaos den Platz während des gesamten 20. Jahrhunderts weiterhin “Elíptica“ nannten, trug die Einweihung der Metro Bilbao im Jahr 1995 mit einer Station an diesem Platz dazu bei, den Namen Moyúa zu festigen, insbesondere bei den weniger informierten jüngeren Generationen. Zudem räumte Aburto ein, dass die Namensänderung für die öffentlichen Verkehrsbetriebe “erhebliche“ Kosten mit sich bringen werde, da die gesamte Beschilderung ausgetauscht werden müsse. Am stärksten betroffen ist das Unternehmen Metro Bilbao, das die Leuchtschilder an den drei Ausgängen der derzeitigen Haltestelle Moyúa (Elcano, Guggenheim und Diputación) sowie die Beschriftungen im Inneren der Züge und in allen 45 Stationen austauschen muss. Auch Bilbobus und Bizkaibus werden Änderungen vornehmen müssen. Der Bürgermeister versicherte, dass er mit diesen Einrichtungen bereits in Kontakt stehe, um den Prozess zu koordinieren.
Die linksliberale Rathaus-Fraktion EH Bildu hat Aburto dafür kritisiert, dass er die bevorstehende Änderung als Entscheidung seiner Verwaltung darstellt. Die Namensänderung sei vielmehr das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit, die entsprechend anerkannt werden müsse. Bildu erinnerte daran, dass viele Menschen, Gedenkvereine, Nachbarschafts-Vereine und verschiedene Akteure in den letzten Jahrzehnten aus unterschiedlichen Bereichen daran gearbeitet haben, den Namen Elíptica wiederherzustellen. Mit diesem Ziel hat die Unabhängigkeits-Partei im Stadtrat einen Antrag eingereicht, mit dem sie plenar-technisch und formal die Wiederherstellung des Namens “Plaza Eliptikoa“ (Baskisch) anstelle von “Plaza Moyúa“ fordert, um den verschiedenen Fraktionen des Stadt-Parlaments die Gelegenheit zu geben, sich zu der Umbenennung zu äußern und die Arbeit der Gedenkvereine und Akteure zu würdigen. (*)
ANMERKUNGEN:
(*) “De Moyúa a Elíptica: una plaza, dos dictaduras y décadas de desmemoria” (Von Moyúa bis Elíptica: ein Platz, zwei Diktaturen und Jahrzehnte des Vergessens), Tageszeitung Gara, 2026-03-21, Übersetzung und Erweiterung: baskultur.info (LINK)
ABBILDUNGEN:
(*) Plaza Eliptikoa (gara)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2026-03-21)
