Basken gegen Karl den Großen
Im 8. Jahrhundert war das Gebiet zwischen den Pyrenäen und dem Ebro mehr oder weniger unter der Kontrolle fränkischer Könige, es wurde "die Mark von Hispania" genannt. Dennoch blieben Saragossa und Tutera (Tudela, heute Süd-Nafarroa) in den Händen der Muslime, die seit 700 fast die gesamte iberische Halbinsel beherrschten. In Pamplona wechselten sich Franken und Muslime mit der Kontrolle ab. 778 stellt einen Hit in der baskischen Geschichte dar: Karl der Große wird bei der Rückkehr vom Feldzug geschlagen.
Jean-Louis Davant Iratzabal (1935 Arrast-Larrebieu), baskisch-französischer Autor, Poet, Bertsolari, Pastoral-Schreiber und Akademiker. Mitbegründer von Enbata und der baskisch-nationalistischen Partei EHAS, Autor verschiedener Geschichts- und Poesiebücher.
Vorbemerkung: Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) schrieb: "Dem Papst zufolge werden die Staaten ohne ihre eigene Zustimmung regiert, und zwar aufgrund eines von Gott gegebenen Rechts. Diese Praxis ist bei der Eroberung und Übertragung des Königreichs Navarra beobachtet worden".
Aber auch in Nafarroa, wie in Aquitanien, setzte sich langsam eine unabhängige Kraft durch: die christianisierten Vaskonen. Zudem scheint Pamplona zur Zeit Karls des Großen (747-814) bereits eine christliche Stadt gewesen zu sein. Im Jahr 778 befreite sich der Herrscher von Saragossa von der Autorität des muslimischen Kalifats von Cordoba und bot Karl dem Großen an, ihm die Tore seiner Stadt zu öffnen. Die Hälfte des fränkischen Heeres zog von Katalonien aus in die Stadt; mit der anderen Hälfte zog König Karl durch Pamplona, und die Hauptstadt der Vaskonen scheint ihm einen wohlwollenden Empfang zu bereitet zu haben. (Zur Verständlichkeit der Hinweis, dass es sich bei den Vaskonen – los vascones – um eines der ursprünglichen baskischen Völker und Stämme handelte; der getötete Ritter Roland wird Roldan oder auch Rolando genannt).
Mittlerweile verändern sich die Bedingungen in Saragossa, die Tore werden wieder geschlossen. Karl der Große muss sich zurückziehen, nimmt jedoch Geiseln und den Schatz mit. Bald verliert er die Geiseln, offenbar bei Gefechten bei Tudela, das von einem leichten muslimischen Kommando eingenommen wurde. Was geschieht nun? Der Schreiber Jaurgain zitiert den königlichen Chronisten Eginhard: "Bei seiner Rückkehr nach Pamplona ließ Karl der Große die Mauern niederreißen, damit sie den Aufstand der Vaskonen nicht mehr schützen konnten".
Als er Pamplona in Richtung Bordeaux verließ, nahm er die Pyrenäenroute, wobei Dax sein erstes Ziel war. Nachdem er den Pass oberhalb von Orreaga (span: Roncesvalles) überquerte, wurde seine Nachhut von Feinden angegriffen. Aus drei Dokumenten der Franken geht hervor, wer die Angreifer waren: es waren die Vaskonen. Sie hatten am Eingang zu den Pyrenäen einen Überfall organisiert, aber wo genau? Die fränkischen Schriften, in denen von der Schlacht von 778 die Rede ist, geben den Ortsnamen nicht an.
Im 12. Jahrhundert wurde im Chanson de Roland (dem Rolands-Lied) Roncerause erwähnt: Roncesvalles (Errozabal), Orreaga, Orrila der Bewohner von (Donibane) Garazi (frz: Saint Jean de Pied de Port). Dies ist der geeignetste und logischste Ort, denn die Hauptstraße von Pamplona nach Dax und Bordeaux führte früher über den Gebirgspass zwischen Orreaga auf der einen und Donibane-Garazi auf der anderen Seite (wo die Pyrenäen noch nicht besonders hoch sind).
In diesem Gebiet wurden im Laufe der Geschichte zahlreiche Schlachten geschlagen. Die berühmteste ist tatsächlich jene von 778, über die der fränkische Schreiber und Chronist von König Karl dem Großen in den so genannten Annales Regii Folgendes schreibt:
"Entschlossen, zurückzukehren, begab sich Karl der Große in die Wälder der Pyrenäen. Auf dem Gipfel dieser Berge hatten die Vaskonen einen Hinterhalt organisiert. Sie griffen von hinten an und versetzten die Nachhut des Heeres in Aufruhr. Und obwohl die Franken an Waffen und Mut sicherlich stärker waren als die Vaskonen, siegte am Ende die andere Art zu kämpfen.“
"In dieser Schlacht wurden die wenigen aus der Vorhut getötet, die der König an die Spitze seines Heeres gestellt hatte" (es waren die ersten Reiter der Nachhut, denn das Herr war schon durchgegangen). "Das Gepäck wurde geplündert und der Feind verschwand schnell dank seiner guten Ortskenntnis.“ Und: "Die Erinnerung an die so erlittene Wunde löschte im Herzen des Königs die Erinnerung an die Heldentaten aus, die er in Hispanien erfolgreich vollbracht hatte". (Darstellung aus: Große Chroniken de France Miniatur, 1375-1380 © Wikipedia. Die Franken in der Schlacht von Roncesvalles gegen dunkelhäutige Sarazenen, Miniatur aus Grandes Chroniques de France).
Der Chronist, nicht zu verwechseln mit Eginhard, berichtet kurz über das Ereignis. Dass die Schlacht auf dem Gipfel des Gebirges stattfand (Gipfel ist übertrieben, um an dieser Stelle über die Pyrenäen zu kommen, bietet sich der Weg über den Ibañeta-Pass 1.066 Metern Höhe an, die Ibañeta selbst und andere Gipfel sind bis zu 1.500 Meter hoch. Der Ort, der in anderen Quellen für den Angriff genannt wird, ist Luzaide, span: Valcarlos, der jedoch schon deutlich tiefer auf 365 Metern liegt). Der Chronist berichtet: “Die meisten der wichtigsten Vorreiter wurden getötet, worauf sich im Heer Panik ausbreitete. Der Schatz ging verloren. Das Unglück hat den König schwer getroffen. Der Sieger ist Vaskone.“
Ein Roldan-Erinnerungs-Bogen wurde 1934 von Victoriano Juaristi Sagarzazu aus Donostia errichtet, in der Nähe der Kapelle in der Nähe des Gipfels des Ibañeta, im Auftrag der Provinz-Verwaltung von Navarra. Anlass war der 100ste Jahrestag des Auffindens einer Schrift, in der das Chanson de Roldan von Oxford (das Rolands-Lied) dokumentiert war. Dabei handelte es sich um den ältesten literarischen Text in französischer Sprache. Drei Jahre später wurde der Bogen durch einen Wintersturm zerstört. Zwischen den beiden Grabstelen befand sich ein Altar mit einem Flachrelief zu Ehren Rolands, eines Feindes der Vaskonen oder der Euskaldunen (Baskisch-Sprachigen).
Später, im Jahr 830, bestätigte Eginardo, ein Biograph Karls des Großen, diese Punkte: "Die Truppe marschierte in einer langen Reihe, dem Ort entsprechend, als die Vaskonen auf dem Gipfel der Berge waren. Die Tiefe der zahlreichen Wälder macht das Gebiet sehr geeignet für plötzliche Angriffe. Sie warfen sich auf die Nachhut, die das Heer schützte und bewachte. Sie griffen diese Nachhut gewaltsam an, stürmten ins Tal und töteten in einem erbitterten Kampf jeden Mann bis auf den letzten.“
“Die Vaskonen plünderten die Überfallenen und verteilten sich im Schutze der Nacht, als es dunkel wurde, alsbald an verschiedene Orte. Dabei hatten sie die Leichtigkeit ihrer Waffen und die unglaublich günstige Lage auf ihrer Seite. Die Franken dagegen hatten schweres Gerät und eine unzulängliche Taktik gegen sie, so dass sie den Vaskonen in allem unterlegen waren".
"Eggiard, der Hüter der königlichen Tafel, starb in der Schlacht. Ebenso Anselme, der Graf des Palastes, und Ruotland (Roland), der Präfekt der britischen Grenze, neben vielen anderen. Karl der Große war nicht in der Lage, sich schnell an den Feinden zu rächen. Nachdem der Hinterhalt beendet war, zerstreuten die Angreifer sich so gut, dass niemand mehr sagen konnte, wo sie sich versteckt hielten" (Eginhard, Vita Caroli Magni).
Später fügt "der sächsische Poet" weitere Details hinzu, insbesondere, dass der König am Gipfel des Berges vorbeigeritten war und dass die Vaskonen die Schlacht mit dem Abschuss von Geschossen von den höchsten Pässen und Hügeln begannen: Wascones ... missions primum sternunt ex collibus altis. ... Er wusste nicht, wie diese Raketen und Geschosse aussahen, denn es wurde nicht überliefert, wie sie aussahen und welcher Art sie waren.
In der volkstümlichen Legende wurde lange Zeit davon ausgegangen, dass die Vaskonen die Speere durch Rollen und Bergab-Springen in Richtung des Weges der Franken warfen. Aber diese Gegend ist nicht wirklich felsig, und der Wald würde das Abfeuern solcher "Raketen" verhindern. Heutzutage gibt es aufgrund der Schafzucht nur noch wenige Bäume auf diesen Gipfeln.
Der Wald in den Pyrenäen ist bis zu einer Höhe von 1.700-1.800 Metern bewachsen, der höchste Berg auf der Orreaga-Seite, Orzantzuriera, erhebt sich auf 1.570 Meter. Es folgen Astoblakar (1.506 m), Trangra (1.471), Urkulu (1.428), Leizarrateka (1.409). Ohne die Nutzung durch die landwirtschaftlichen Betriebe wären diese Hügel in wenigen Jahren von Brombeeren überwuchert, und Buchenwälder würden sich schnell ausbreiten. Es ist also notwendig, über die unnatürliche Situation von heute hinauszublicken.
Dokumenten zufolge waren zu jener Zeit kurze Speere (javelots) und Pfeile (fleches) die üblichen Waffen der Vaskonen zu Pferde. In allen drei genannten Dokumenten sind die Angreifer eindeutig Vaskonen. Der Beweis, dass die Schlacht am 15. August 778 stattgefunden hat, findet sich im handschriftlichen Epitaph von Eggiard: “Wir haben gesehen, dass der Chronist Eginhard diesen Herrn unter den Toten von Orreaga nennt, das Dokument befindet sich in der Bibliothèque Nationale in Paris: Pierre Narbaitz erwähnt es in seinem Buch "Orria ou la bataille de Roncevaux, 778" (Orria oder die Schlacht von Roncesvalles. Ed. Zabal, 1978, Seite 78).
Die Verfolgung von Orreaga wurde 824 an gleicher Stelle wiederholt, wobei das Heer von König Ludwig dem Frommen (Luis el Piadoso) bei seiner Rückkehr aus Pamplona besiegt wurde. Der Sohn und Nachfolger Karls des Großen war nicht anwesend, die Herrscher waren Eblo und Aznar, und die Vaskonen nahmen beide während des Angriffs gefangen. Da Aznar selbst ein Vaskone war, wurde er freigelassen. Der Franke Eblo hingegen wurde zum Emir von Cordoba gebracht.
In diesem Fall waren die christlichen Vaskonen nicht allein, sondern hatten muslimische Vaskonen aus dem Ebro-Tal als Helfer. Der Legende nach ist Iñigo Arista der Anführer der Angreifer, zusammen mit seinen beiden Schwiegersöhnen Musa (Herr der muslimischen Vaskonen der Banu Qasi von Tudela) und Garcés "der Böse", Graf von Aragon. In jenem Jahr 824 wurde Iñigo Arista von den führenden Vaskonen zum König von Pamplona ernannt. Damit wurde er zum ersten einer Reihe von vierzig navarrischen und fränkisch-navarrischen Königen.
Wer hatte in Orreaga das Kommando?
Wer befehligte die Vaskonen-Krieger in der berühmten Schlacht von 778? Die fränkischen Quellen, die dem Ereignis am nächsten standen, schweigen sich über diesen Punkt aus, aber es gibt einige Autoren, die ihn erklären. Iberische Autoren schreiben, dass sich unter ihnen Otsoa II. befand, Herzog von Baskonia; vor allem Pellicer, ein Anhänger von Aymoin (karolingisches Helden-Epos) und Erfinder der Charte d'Alaon (eine falsche Genealogie des Vaskonen-Herzogs Eudon aus dem 17. Jahrhundert; sowie P. Abarca.
Pierre de Marca, der hervorragende Historiker der Béarn-Region, deutet es an, ohne es deutlich zu sagen. Auch Jaurgain weist in diese Richtung: "Wir können davon ausgehen, dass derjenige, der den Angriff gegen die Franken anführte, Herzog Otsoa war, der Anführer der Euskaldunen der beiden Pyrenäenhänge. In einem Buch der Allgemeinen Geschichte des Languedoc heißt es plötzlich: "Er (Karl der Große) wurde von den Gascognern der Berge angegriffen, deren Anführer Otsoa war". Der Priester Junes Casenave schreibt etwas detaillierter, dass Otsoa den Aristas von Pamplona den Angriffs-Befehl gegeben habe: Ximeno Ximénez und seinem Sohn Iñigo Ximénez, der der Vater des ersten Königs von Pamplona werden sollte: Iñigo Iñiguez".
Was wurde aus Otsoa II.? Laut Pierre Haristoy hat der so genannte Otsoa II. "die Nachhut der Armeen Karls des Großen massakriert" und diesen Verrat mit seinem Leben bezahlt (778). Aber Haristoy sagt uns nicht, wofür der Herzog von Baskonia als Verräter galt, für die Zerstörung Pamplonas? Oder zumindest für den Abriss seiner Mauern, wofür er den König der Franken bezahlen ließ. Er sagt uns auch nicht, wann, wo und wie die Franken Otsoa getötet haben.
Jaurgain beschreibt dagegen, "auch wenn es nicht ganz sicher ist, dass er (Otsoa II.) über das Jahr 778 hinaus im Amt blieb. Wenn dem so war, wäre es kaum vorstellbar, dass Karl der Große das vom vaskonischen Heer auf dem Berg zugefügte Leid ungestraft ließ, wenn er wusste, wer dafür verantwortlich war. Sicherlich nicht, vor allem, wenn der von Casenave erwähnte Heerführer weit von der Schlacht entfernt war. Außerdem beherrschten die fränkischen Könige das aquitanische Baskenland nur mit großer Mühe, und unmittelbar nach der Schlacht von Orreaga zog er weg, um ausgerechnet einen germanischen Angriff anzuführen.
Kurzum, wir wissen nicht, aus welchem Teil Baskoniens die Sieger von Orreaga kamen. Es ist davon auszugehen, dass die Hauptstreitmacht der Vaskonen offenbar aus dem Norden kam, aus dem Umfeld der Herzöge von Baskonien, so dass ihre Autorität nicht auf die Berggipfel beschränkt war. Aber in jenem Sommer 778 hatten die Leute aus Pamplona besondere Gründe, sich an den Franken zu rächen. Erhielten sie dafür Hilfe aus anderen Regionen? Momentan wissen wir es nicht.
Orreaga 778 in der Literatur
Die Geschehnisse der Ersten Schlacht von Roncesvalles-Orreaga sind uns aus dem berühmten Rolands-Lied bekannt, was sich im Allgemeinen die Franzosen zu eigen machen. Seitdem wissen die Baskisch-Sprachigen des Nordens, zumindest die Gebildeten, dass es die Vaskonen waren, die den berühmten Roland (Ruotland, Roldan) besiegten und töteten, denn in einigen Geschichtsbüchern werden sie kurz erwähnt. Seit Arturo Campion haben einige baskische Schriftsteller versucht, die wahre Version bekannt zu machen, insbesondere in Zeitschriften, Zeitungen und vor allem durch das Theater.
Geschichte Königreich Navarra
Die Geschichte des im Artikel erwähnten Königreichs Iruñea / Navarra wird in einer weiteren Publikation von Baskultur.info ausführlicher beschrieben, unter dem Titel "1200 Jahre Königreich Navarra - Der erste baskische Staat", eine Veröffentlichung vom 15/08/2024. (LINK)
ANMERKUNGEN:
(1) “Orreagako Guduak 778-824 / Las batallas de Orreaga“ (Die Schlachten von Orreaga), Autor: Jean Luis Davant, Lehoinabarra.blogspot (LINK)
ABBILDUNGEN:
(1) Orreaga (lehoinabarra)
(2) Franken-Armee (lehoinabarra)
(3) Gedenkstein (lehoinabarra)
(4) Roldan-Gedenkstein (lehoinabarra)
(5) Siegesfeier 2023 (lehoinabarra)
(PUBLIKATION BASKULTUR.INFO 2024-08-15)
